Atom-Konflikt: Obamas Iran-Dilemma

Von , Washington

Setzen die Sanktionen Iran unter Druck? Oder sind Militärschläge notwendig, um den Atom-Kurs des Regimes zu stoppen? In den USA wird im Wahljahr immer mehr über einen möglichen Krieg debattiert. Präsident Barack Obama steckt in der Klemme.

Präsident Obama: "Keine Option vom Tisch" Zur Großansicht
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Präsident Obama: "Keine Option vom Tisch"

Der Präsident klingt entschlossen. Um Iran an der Entwicklung einer Atombombe zu hindern, sagt Barack Obama, werde er "keine Option vom Tisch nehmen". Heißt im Klartext: Wenn all die verschärften Sanktionen nicht wirken und Iran weiter an seinem mutmaßlichen Nuklearprogramm arbeitet, dann schließen die USA auch einen Militäreinsatz gegen das Land am Persischen Golf nicht aus. Die Hälfte der US-Bevölkerung sieht das Umfragen zufolge genauso.

Wenn nicht A, dann B - klare Ansage, oder? Tatsächlich ist es nicht so simpel. Zwar galt die Keine-Option-vom-Tisch-Politik unter George W. Bush schon genauso wie heute unter Obama; doch ist sie keineswegs konsistent.

Es gibt Ungereimtheiten, eine Vielzahl von externen Einflüssen und Variablen. "Keines der beiden Szenarien (nukleare Kapitulation Irans oder wachsender Sanktionsdruck bis zur US-Militärattacke) erscheint wahrscheinlich", schreibt das "Time"-Magazin: "Und keine Seite scheint an einem dritten Szenario zu arbeiten."

Drehen an der Sanktionsschraube

Fakt ist: Amerikaner und Europäer haben seit Jahresbeginn massiv an der Sanktionsschraube gedreht, um Teheran zur Wiederaufnahme ernsthafter Gespräche über sein Nuklearprogramm zu bewegen. So will die EU ab Juli den Import von Erdöl und petrochemischen Produkten aus Iran stoppen, außerdem soll mit Sanktionen gegen iranische Banken Teherans Zugang zum internationalen Finanzsystem erschwert werden. Mehr als 80 Prozent seiner Auslandseinnahmen bezieht das Regime aus dem Ölgeschäft. Die USA, die Iran ohnehin kein Öl abkaufen, haben jetzt zusätzlich Sanktionen gegen die iranische Bank Tejarat verhängt.

Das alles aber ist nicht ohne Risiko: Ein durch Verknappung steigender Ölpreis könnte die bereits eingetrübte Wirtschaft der USA und jene der schuldengeplagten Europäer treffen. Iran seinerseits will zwar nun wieder Gespräche aufnehmen, gleichzeitig aber hat Präsident Mahmud Ahmadinedschad betont, sein Land werde das Nuklearprogramm nicht aufgeben. Dem Westen droht er mit der Sperrung der für die Ölversorgung der Welt wichtigen Meerenge von Hormus sowie mit einem "Preisschock" durch sofortigen Öl-Lieferstopp. Zugleich musste der US-Präsident laut Medienberichten bereits Anfang Januar von Geheimdientsinformationen erfahren, wonach die iranische Bevölkerung entschlossen hinter dem Atomprogramm der Mullahs steht.

Nutzen die Sanktionen überhaupt? Oder treiben sie das Volk gar noch in die Arme des Diktators? "Die Sanktionen haben Irans Weg zur nuklearen Bewaffnung länger und beschwerlicher gemacht", sagt Karim Sadjadpour, einer der führenden Iran-Experten der USA, der am Carnegie Endowment for International Peace in Washington arbeitet: "Ich glaube nicht, dass Irans Griff zur Atomwaffe unabwendbar ist." Das iranische Regime werde in den kommenden Monaten "einige ernsthafte Kosten-Nutzen-Rechnungen machen müssen", so Sadjadpour zu SPIEGEL ONLINE.

Unklar aber ist, an welchem Punkt genau Iran die roten Linien eigentlich überschreiten würde. Wenn das Mullah-Regime die Atombombe hat? Oder wenn es die Fähigkeit besitzt, eine Bombe zu bauen - das aber nicht tut? Obama und sein Verteidigungsminister Leon Panetta definieren die rote Linie eher bei der faktischen Bombe, Israels Premier Benjamin Netanjahu schon bei der Fähigkeit.

Droht ein israelischer Alleingang?

Die US-Regierung fürchtet einen Alleingang der Israelis, der die USA unweigerlich in eine militärische Konfrontation hineinziehen würde. Erst Mitte Januar, bei einem Telefongespräch, hat offenbar Obama selbst Netanjahu vor einem Militärschlag gegen Iran gewarnt. Das Problem für die Israelis: Wollen sie Irans Atomprogramm allein stoppen, können sie möglicherweise nicht mehr allzu lang warten. Denn das Teheraner Regime hat die für eine Atombombe nötige Uran-Anreicherung in unterirdische Bunker verlegt, die Israels Waffen bald kaum mehr erreichen können. Die der Amerikaner hingegen schon, ihr Zeitfenster ist größer.

Für alle Beteiligten sind die US-Präsidentschaftswahlen im November ein kritisches Datum. David E. Sanger bemerkt in der "New York Times": Netanjahu könnte kalkulieren, dass sich Obama im Falle eines israelischen Angriffs noch während des laufenden US-Wahlkampfs fügen würde und diesen unterstützen müsste, um eigene Wähler nicht zu verprellen. Schon jetzt wird Obama von den republikanischen Präsidentschaftsbewerbern attackiert. "Wenn wir Obama wiederwählen, wird Iran eine Atomwaffe bekommen", ätzt Mitt Romney in nahezu jeder seiner Wahlkampfreden, "und wenn wir Mitt Romney wählen, werden sie keine Nuklearwaffe bekommen." Der Präsident sei "furchtsam und führungsschwach".

Bei Rick Santorum klingt das alles noch eine Spur härter, Iran ist ihm die Staat gewordene Terrororganisation al-Qaida. Schon während des Wahlkampfs 2008 machte Republikaner-Kandidat John McCain von sich reden, als er in Abgrenzung zu Obama den Beach-Boys-Klassiker "Barbara Ann" spaßeshalber uminterpretierte: "Bomb bomb bomb, bomb bomb Iran."

Obama in der Zwickmühle

Was tun, wenn die Sanktionen verpuffen? Die potentielle Atommacht Iran hinnehmen und eindämmen - oder Krieg führen? Dies könnte schon bald die Wahl sein, die Obama oder ein möglicher Nachfolger treffen muss. Allerdings: "Containment" ist ein Tabu-Wort. "Kein amerikanischer Offizieller wird öffentlich das Wort 'Eindämmung' im iranischen Atom-Kontext verwenden", erklärt Experte Sadjadpour. Dahinter stecke die Sorge, das Regime in Teheran könnte dies als grünes Licht verstehen: Dass Washington eine iranische Bombe hinnehmen würde.

Am Ende ist es ein klassisches Dilemma, in dem Obama da steckt.

Intensiv werden in Amerika die Szenarien diskutiert. Die einflussreiche Zeitschrift "Foreign Affairs" druckte jüngst einen vielbeachteten Aufsatz von Matthew Kroenig, eines früheren Beraters von Obamas Ex-Verteidigungsminister Robert Gates. Titel: "Es ist an der Zeit, Iran anzugreifen." Ein gewissenhaft ausgeführter Militärschlag zur Zerstörung von Irans Nuklearprogramm "könnte der Region sowie der Welt eine sehr reale Bedrohung ersparen und auf lange Sicht die nationale Sicherheit der Vereinigten Staaten grundlegend verbessern".

Kroenigs Argumentation: Wolle Washington einen atomaren Iran langfristig eindämmen statt jetzt anzugreifen, müsse es für die nötige Abschreckung einen hohen Preis zahlen. Zusätzliche Marine- und Armee-Einheiten sowie möglicherweise Atomwaffen müssten über Jahrzehnte in der Region stationiert werden. Es bräuchte viele Milliarden Dollar, um die Alliierten aufzurüsten; Israel müsste die Fähigkeit zum atomaren Vergeltungsschlag sicherstellen, um Iran wirksam abzuschrecken. Kurz: Ein neuer Kalter Krieg, der jederzeit heiß werden könnte.

Dagegen führt Kroenig Irak und Syrien als Belege für seine Strategie des raschen Zuschlagens an: Beide Staaten hätten nach israelischen Luftschlägen gegen ihre Atomreaktoren 1981 beziehungsweise 2007 ihr Nuklearprogramm nicht wieder aufgenommen - und zudem keinen Krieg mit Israel begonnen. Kroenigs Schlussfolgerung: "Irans rasante Nuklear-Entwicklung wird die USA vor die Wahl stellen zwischen einem konventionellen Konflikt oder der Möglichkeit eines Atom-Kriegs."

Was aber, wenn sich die Bevölkerung nach einem Angriff mit dem Regime solidarisiert? Iran-Fachmann Sadjadpour sagt: "Wenn ein Militärschlag Irans Atom-Programm um drei Jahre zurückwirft, dem Regime aber eine weitere Dekade Leben einhaucht, dann überwiegen für mich deutlich die Kosten den Nutzen."

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1. Die Wahrscheinlichkeit eines Atom-Kriegs
relativity 28.01.2012
Zitat von sysopSetzen die Sanktionen Iran unter Druck? Oder*sind Militärschläge notwendig, um den Atom-Kurs des Regimes zu stoppen? In den USA*wird im Wahljahr immer mehr über einen möglichen Krieg debattiert. Präsident Barack Obama steckt in der Klemme. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,811908,00.html
Da steht es immer noch 5000:0 für die USA. 5000 Atombomben plus über Jahrzehnte mit 1000 Atombombentest ausgefeilte Technologie. Wie wahrscheinlich ist vor diesem Hintergrund dass Iran ein Atomkrieg beginnt? Nichts als Paninkache und Propaganda um die eigene Vormachtstellung plus der der Verbündeten zu bewahren.
2. Der Elefant im Zimmer
cancun771 28.01.2012
Was glaubt der Kollege Prognostikator eigentlich, wie der Iran auf einen Militärschlag reagieren würde, und sei der noch so präzise gegen seine Atomanlagen gerichtet? Man kann doch wohl fest davon ausgehen, dass sie in dem Moment alles daran setzen würden, dem Westen im Allgemeinen und den USA im Speziellen das Leben so sauer wie möglich zu machen. Vermutlich wäre Iran nicht in der Lage, die Versorgung der westlichen Truppen in Afghanistan, die über Pakistan läuft, mit direkten Luftangriffen zu gefährden - aber die Taliban aufrüsten können sie mit Sicherheit völlig problemlos. Und dass man sich für staatlich gesponerten Terrorismus nicht zu schade ist, haben die Mullahs ebenfalls schon bewiesen.
3. Rechtsgrundlage
aramcoy 28.01.2012
Zitat von sysopSetzen die Sanktionen Iran unter Druck? Oder*sind Militärschläge notwendig, um den Atom-Kurs des Regimes zu stoppen? In den USA*wird im Wahljahr immer mehr über einen möglichen Krieg debattiert. Präsident Barack Obama steckt in der Klemme. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,811908,00.html
Nicht dass es die USA bei ihren letzten paar Krigen, die sie begonnen haben, interessiert hätte - aber was soll denn dieses Mal die gefälschte Begründung für diesen Krieg werden. Man braucht den Iran nicht zu mögen, aber ich kann beim besten Willen nicht erkennen, warum man einen Krieg gegen den Iran anfangen sollte.
4. .
instant_karma 28.01.2012
Zitat von sysopSetzen die Sanktionen Iran unter Druck? Oder*sind Militärschläge notwendig, um den Atom-Kurs des Regimes zu stoppen? In den USA*wird im Wahljahr immer mehr über einen möglichen Krieg debattiert. Präsident Barack Obama steckt in der Klemme. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,811908,00.html
...ähm, kann mir mal jemand erklären warum dem Mann nicht wenigstens der Friedensnobelpreis aberkannt wird? Diese Auszeichnung ist in meinen Augen nur noch einen Dreck wert und beleidigt alle die ihn mal erhalten haben und sich aufrichtig für einen friedlichere Welt eingesetzt haben. Schämen Sie sich Herr Obama das sie diesen Titel so in den Schmutz ziehen mit ihren Hunger nach Krieg!
5. Selbstgefälligkeit
bitstroem 28.01.2012
Zitat von sysopSetzen die Sanktionen Iran unter Druck? Oder*sind Militärschläge notwendig, um den Atom-Kurs des Regimes zu stoppen? In den USA*wird im Wahljahr immer mehr über einen möglichen Krieg debattiert. Präsident Barack Obama steckt in der Klemme. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,811908,00.html
Zitat: "sind Militärschläge notwendig, um den Atom-Kurs des Regimes zu stoppen?" Erstaunlich, mit welcher Selbstgefälligkeit und Selbstverständlichkeit hier verschiedene Standards angewendet werden. Pakistan, Indien und Israel haben tatsächlich "illegale" Atomwaffen und werden dabei noch gefördert, das stört scheinbar niemanden. Hier wird Kriegstreiberei gegen den Iran betrieben.
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Fläche: 1.648.195 km²

Bevölkerung: 74,962 Mio.

Hauptstadt: Teheran

Staatsoberhaupt und Religionsführer:
Ajatollah Ali Chamenei

Staats- und Regierungschef:
Hassan Rohani

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Fotostrecke
Iran-Konflikt: Was ist, wenn das Embargo nicht wirkt?

Republik Iran
Land
Die Islamische Republik Iran ist mit einer Fläche von rund 1,7 Millionen Quadratkilometern fünfmal so groß wie Deutschland. Das Land besitzt nach Russland die zweitgrößten Erdgasreserven der Welt, beim Erdöl steht Iran auf Platz drei und ist derzeit nach Saudi-Arabien der größte Produzent innerhalb der Opec.
Politik
Seit der Islamischen Revolution von 1979 haben der Revolutionsführer, aktuell Ajatollah Ali Chamenei (Bild), und der Wächterrat die größte Macht im Staat. Der Wächterrat kontrolliert die Kandidaten für Wahlen. Der Regierungschef ist der gewählte Präsident - seit August 2013 Hassan Rohani.
Leute
Iran hat rund 75 Millionen Einwohner. Auf dem Uno-Index menschlicher Entwicklung (HDI) für 179 Staaten belegt Iran Platz 76 (Deutschland ist auf Platz 5). Die durchschnittliche Lebenserwartung liegt bei 73 Jahren (zum Vergleich: Die Lebenserwartung in Deutschland liegt bei 80 Jahren).
Wirtschaft
Die Wirtschaftsleistung pro Kopf betrug 2008 laut einer Schätzung des Internationalen Währungsfonds (IWF) rund 5200 Dollar. Begünstigt vom hohen Ölpreis wuchs die Wirtschaft zuletzt um etwa sechs Prozent. Neben der Arbeitslosenquote, die laut inoffiziellen Schätzungen bei etwa 30 Prozent liegt, ist die Inflation eines der größten wirtschaftlichen Probleme. 2008 soll sie bei fast 30 Prozent gelegen haben, für 2009 rechnet der IWF mit 25 Prozent. Im Jahr 2005 machten Teherans Ausgaben für das Militär laut Uno-Statistiken 5,8 Prozent der gesamten Wirtschaftsleistung aus (Deutschland: 1,4 Prozent).
Menschenrechte
Nach China ist Iran das Land, in dem die meisten Todesurteile vollstreckt werden. Laut Amnesty International wurden 2009 mindestens 388 Menschen hingerichtet, das waren 42 Hinrichtungen mehr als im Vorjahr. Der Uno zufolge saßen 2007 pro 100.000 Einwohner 214 Menschen im Gefängnis (in Deutschland sind es 95). Korruption ist in Iran weit verbreitet. Auf dem weltweiten Index von Transparency International nimmt Iran 2009 bei 180 beobachteten Staaten den 168. Rang ein (Deutschland: 14).
Irans Atomprogramm
Streit
Iran unterzeichnete 1968 den Sperrvertrag für Atomwaffen . Dieser erlaubt die zivile Nutzung von Nuklearenergie und die dafür notwendige Forschung einschließlich der Urananreicherung .

Die Internationale Atomenergiebehörde (IAEA) mit Sitz in Wien kontrolliert die Einhaltung des Atomwaffensperrvertrags; sie erstellt regelmäßig Berichte über das iranische Atomprogramm .

Der Uno-Sicherheitsrat hat in seiner Resolution 1696 vom 31. Juli 2006 Iran erstmals aufgefordert, die Anreicherung von Uran einzustellen; Teheran weigert sich unter Berufung auf den Atomwaffensperrvertrag.

Als Vermittler tritt seit einigen Jahren auch die "EU-Troika" auf, bestehend aus Frankreich, Großbritannien und Deutschland.

Anlagen
Arak : geplanter Schwerwasserreaktor
Buschehr : Atomkraftwerk, im Mai 2011 nach mehrfachen Terminverschiebungen in Betrieb genommen - zunächst zu Testzwecken. Im September 2011 ging der Reaktor in Regelbetrieb, allerdings noch nicht auf voller Leistung
Isfahan : Forschungsreaktor
Jasd: Uranminen
Natans : Anlage zur Urananreicherung, angeblich mit 6000 Zentrifugen in Betrieb. Im Herbst 2009 gab Iran bekannt, nahe der Stadt Ghom eine zweite Anlage zur Urananreicherung zu besitzen.
Teheran : Forschungsreaktor
Geschichte
1974: Unter Beteiligung von Siemens beginnt bei Buschehr der Bau eines Kernkraftwerks.
1979: Nach der Revolution und der Ausrufung der Islamischen Republik wird das Atomprogramm nicht weiter betrieben.
1980-1988: Im Irak-Iran-Krieg wird der Atomreaktor in Buschehr mehrfach bombardiert und dabei schwer beschädigt.
Neunziger Jahre: Deals auf dem Schwarzmarkt mit Abdul Qadir Khan , Pakistans "Vater der Atombombe"
1995: Abkommen mit Russland zum Wiederaufbau des Atomreaktors von Buschehr
2002: Iranische Oppositionelle im Exil berichten über ein geheimes Atomprogramm.
2003: Iran unterzeichnet das Zusatzprotokoll zum Atomwaffensperrvertrag (bislang aber nicht vom Parlament ratifiziert).
2006: Der Uno-Sicherheitsrat verlangt in seiner Resolution 1696 erstmals den Stopp der Urananreicherung .
Juli 2008: Iran droht bei einem Angriff auf seine Atomanlagen mit militärischen Gegenschlägen. Das Regime testet Schahab-3-Raketen, die auch Ziele in Israel erreichen könnten.
November 2008: Iran hat nach eigenen Angaben die Zahl seiner für die Urananreicherung benötigten Zentrifugen auf 5000 erhöht.
Juni 2009: Iran hat laut Internationaler Atomenergiebehörde IAEA weitere tausend Gaszentrifugen im Atomzentrum Natans in Betrieb genommen und bisher knapp 1,4 Tonnen niedrig angereichertes Uran produziert.
Mai 2010: Nach Verhandlungen mit dem brasilianischen Präsidenten Lula und dem türkischen Regierungschef Erdogan erklärt sich Iran bereit, schwach angereichertes Uran im Ausland zu tauschen. Wenig später kündigt Teheran an, an der umstrittenen Urananreicherung auf 20 Prozent festhalten zu wollen.
Juni 2010: Der Uno-Sicherheitsrat, die EU und die USA beschließen neue Sanktionen gegen Teheran. US-Präsident Obama spricht von den bisher härtesten Sanktionen überhaupt - doch Beobachter bleiben skeptisch, ob die Strafmaßnahmen Erfolg bringen.
Sanktionen
Uno-Sanktionen: Verbot von Waffen- und Nuklearhandel, Einfrieren von Konten, Reisebeschränkungen, verhängt in Resolution 1737 (23.12.2006), Resolution 1747 (24.03.2007), Resolution 1803 (03.03.2008)

Sanktionen der USA: Vollständiger Handels- und Investitionsboykott, beruhend auf Executive Order 12959 von 1995, neue Sanktionen im Juni 2010

Sanktionen der EU: Einschränkungen für Handel und Investitionen, Einfrieren von Vermögen, Reisebeschränkungen, beruhend auf Verordnung (EG) Nr. 423/2007 des Rates (19.04.2007)

Nahost
Irans Präsident Mahmud Ahmadinedschad erklärt, das israelische "Besatzungsregime" müsse "aus den Annalen der Geschichte verschwinden".
Israelische Politiker, darunter auch Kabinettsmitglieder, sprechen sich für präventive Militärschläge gegen Iran aus.
Personen
Said Dschalili , Atomunterhändler seit Oktober 2007
Yukiya Amano , Generaldirektor der IAEA
Der Verhandlungspoker um die Urananreicherung
Oktober 2009: Vertreter Irans, Deutschlands und der fünf Vetomächte im Sicherheitsrat kommen zu Atom-Gesprächen in Genf zusammen.
November 2009: Die IAEA kritisiert in einer Resolution die jahrelang geheim gehaltene iranische Urananreicherungsanlage bei Ghom. Teheran reagiert mit der Ankündigung, zehn neue Uran-Anlagen zu bauen.
Dezember 2009: Iran testet die Mittelstreckenrakete Sedschil 2. Diese habe größere Zielgenauigkeit als das Vorgängermodell Schahab 3.
2. Februar 2010: Ahmadinedschad zeigt sich bereit, auf einen Vorschlag der IAEA einzugehen, der eine Anreicherung iranischen Urans auf 20 Prozent im Ausland vorsieht. Wenige Tage später rudert er wieder zurück.
7. Februar 2010: Iran verkündet, man habe niedrig angereichertes Uran von 3,5 auf 20 Prozent gebracht und sei in der Lage, es auf 80 Prozent anzureichern. Damit könnten Atomwaffen hergestellt werden.
11. Februar 2010: US-Präsident Barack Obama kündigt als Reaktion umfangreiche neue Sanktionen gegen Iran an.
1. April 2010: Nach langem Widerstand gegen neue Sanktionen ist China bereit, sich an den Verhandlungen über den Text einer verschärften Uno-Resolution zu beteiligen.
25. April 2010: Zur Abwehr neuer Sanktionen besucht Irans Außenminister Manutschehr Mottaki Österreich. Gespräche mit dem Chef der IAEA, Yukija Amano, und Österreichs Außenminister Michael Spindelegger bringen jedoch keinen Durchbruch.
17. Mai 2010: Nach Verhandlungen mit Brasilien und der Türkei lenkt Iran ein und will Uran im Ausland anreichern lassen. Doch die internationale Gemeinschaft reagiert skeptisch auf die Ankündigung.
9. Juni 2010: Der Uno-Sicherheitsrat beschließt schärfere Sanktionen gegen Iran. Sie beinhalten weitere Hürden für die iranische Finanzbranche und eine Ausweitung des Waffenembargos. Auch die USA und die EU setzen schärfere Maßnahmen gegen Iran in Kraft.
Januar 2011: Die Atomgespräche zwischen Iran und den westlichen Mächten in Istanbul scheitern. Teheran hatte weiterhin "ein Recht auf Urananreicherung" gefordert.

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Reaktion auf EU-Sanktionen: Teherans Warnungen und Waffenspiele
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Iran: Uran-Anreicherung unter der Erde

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Iran: Vom Königreich zur Islamischen Republik
Chronik
Aufstieg von Mohammed Resa
Im Zweiten Weltkrieg gilt der monarchische Staat Iran als Freund der Achsenmächte. Britische und sowjetische Truppen besetzen daher 1941 das Land. Resa Schah muss abdanken. Die Alliierten inthronisieren seinen Sohn Mohammed Resa . Wegen seiner proamerikanischen Reformpolitik gerät der Schah erstmals 1963 in die Kritik von Ajatollah Ruhollah Chomeini, einem damals hochrangigen religiösen Führer, den die Regierung ein Jahr später in die Türkei abschiebt. Chomeini geht schließlich in den Irak. Dort bleibt er 13 Jahre und entwickelt er das Staatsmodell des islamischen Staates. Mit seiner repressiven Politik und seinem dekadenten Herrschaftsstil bringt der Schah eine wachsende Opposition aus sehr unterschiedlichen politischen und gesellschaftlichen Schichten gegen sich auf.
Ajatollah Chomeini und die islamische Revolution
1978 mobilisieren Liberale und Konservative, Säkulare und Religiöse, Linke und Rechte Massenproteste gegen den Schah. Zur Leitfigur des Protests wird Ajatollah Chomeini. Den landesweiten Streiks und Massendemonstrationen in Teheran schließen sich Hunderttausende an. Armee und Polizei gehen teilweise brutal gegen die Demonstranten vor. Dennoch enden die Proteste mit dem Sturz des Schahs am 16. Januar 1979. Nach Chomeinis Rückkehr aus dem Exil in Frankreich, wohin er 1978 gedrängt worden war, spricht sich die Bevölkerung in einem Referendum für die Islamische Republik aus, deren oberster Führer der Großajatollah selbst wird.

Die Außenpolitik Chomeinis wendet sich vor allem gegen die USA und Israel. Am 4. November 1979 besetzen islamische Kräfte die amerikanische Botschaft und nehmen mehr als 50 Geiseln, die erst nach 444 Tagen wieder freikommen. Chomeini billigt die Aktion. Die Beziehungen zu den USA erreichen ihren Tiefpunkt. Unterstützt von den USA überfällt der Nachbarstaat Irak am 22. September 1980 Iran. In dem folgenden acht Jahre langen Krieg zwischen den beiden Ländern sterben etwa eine Million Menschen.
Phase der Islamisierung
Im Laufe des Kriegs treibt die Regierung die Islamisierung des Landes voran. Für Frauen gilt eine strenge Kleiderordnung, in öffentlichen Verkehrsmitteln die Geschlechtertrennung. Chomeini lässt linksgerichtete politische Häftlinge ermorden, vor allem Anhänger der Volksmudschahidin, die noch während der Revolution auf Seiten Chomeinis standen.

1989 stirbt der religiöse Führer. Der Expertenrat, ein Gremium aus höchsten religiösen Sachverständigen, ernennt Ajatollah Ali Chamenei zum Nachfolger. In den Folgejahren hat Iran stark unter zunehmender Korruption zu leiden. Die Liberalisierung der Wirtschaft bleibt weitgehend wirkungslos. Bereits 1995 verhängen die USA erste wirtschaftliche Sanktionen, weil Iran nach US-Auffassung den internationalen Terrorismus unterstützt.
Vom Reformer Chatami zum Hardliner Ahmadinedschad
Der als liberaler Geistlicher geltende Mohammed Chatami gewinnt 1997 die Präsidentschaftswahl. Seine innenpolitischen Reformbemühungen geraten allerdings ins Stocken, da er versucht, zu viele politische Lager zusammenzubringen, und die nach wie vor einflussreichen konservativen Hardliner erheblichen Widerstand leisten. Im Juni 2005 erobert der frühere Bürgermeister Teherans und konservative Hardliner Mahmud Ahmadinedschad das Amt des Präsidenten. Außenpolitisch sorgt er vor allem durch Vorantreiben eines Atomprogramms und harsche verbale Angriffe gegen Israel für Ärger.