Atomenergie in Italien: Berlusconi versucht die Rolle rückwärts

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Rom war einst Vorreiter: Nach Tschernobyl schaltete Italien als erste Industrienation alle AKW ab. Doch die Entscheidung trieb das Land in die Abhängigkeit von Frankreich. Nun forciert die Regierung Berlusconi den Wiedereinstieg - mit wenig Erfolgsaussichten.

Anti-Atom-Proteste in Rom: "Zona denuclearizzata"? Zur Großansicht
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Anti-Atom-Proteste in Rom: "Zona denuclearizzata"?

Rom - Am Ortseingang vieler italienischer Kommunen steht ein Schild, das durchreisende Touristen oft ratlos lässt. "Zona denuclearizzata" steht darauf, "atomfreie Zone". Juristisch sind die Hinweistafeln bedeutungslos, aber sie haben einen hohen politischen Symbolwert. Es sind Relikte aus den achtziger Jahren, als die Italiener ihre Regierung zum Ausstieg zwangen. Und das, während überall auf der Welt der Trend zum Atomstrom ging.

Die Zäsur kam am 26. April 1986. An jenem Tag flog im ukrainischen Tschernobyl ein Kernkraftwerk in die Luft. Tausende Menschen starben, Hunderttausende verloren ihre Heimat, und ganz Europa lebte in Angst vor atomaren Niederschlägen. Tschernobyl war den Menschen von Südtirol bis Sizilien Anlass genug, "no" zu sagen. Per Volksentscheid wurden die drei bestehenden Atomkraftwerke des Landes stillgelegt, einzig zu Forschungszwecken durften sie teilweise nutzbar bleiben. Ein viertes, im Bau befindliches Projekt wurde nie vollendet. Italien war damit "denuclearizzata", das einzige Mitglied im Club der damals noch sieben führenden Wirtschaftsnationen, das komplett auf die zivile Nutzung der Kernenergie verzichtete.

Allerdings brennen die Glühlampen dort bis heute nur, weil Atomstrom in gigantischen Mengen importiert wird, vor allem aus Frankreich. Der staatlich kontrollierte Energieversorger Enel ist sogar Mitbesitzer von Atomkraftwerken in Frankreich, der Slowakei und in Spanien. Auch am russischen Atomenergie-Programm will Enel sich beteiligen. Nur auf heimischem Boden sind die Hände der Energiemanager also wirklich atomfrei.

Weil die Experten in Italien aber nicht zügig und erfolgreich Alternativen zur nuklearen Stromproduktion entwickelten, nur hier und dort ein paar Öl- oder Gas-befeuerte Kraftwerke in die Landschaft setzten, muss das Land heute etwa 70 Prozent seines Stroms importieren. Das kostet im Jahr rund 60 Milliarden Euro. Die Regierung Berlusconi wollte dies nicht länger hinnehmen und beschloss vor zwei Jahren, das Atom-Moratorium aufzuheben.

Regierung kann nicht einmal eine Müllverbrennungsanlage durchsetzen

Im Februar 2009 unterschrieben Italiens Premier Silvio Berlusconi und Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy ein Abkommen zur gemeinsamen atomaren Zukunft. Und die Quasi-Staatskonzerne Enel (Italien) und EdF (Frankreich) erklärten, unter diesem Dach gemeinsam mindestens vier Kernkraftwerke in Italien bauen zu wollen. Der erste Spatenstich sollte schon im folgenden Jahr erfolgen, der erste Meiler soll im Jahr 2020 ans Netz gehen. Das Volk nahm die historische Kehrtwende gelassen hin, ohne größere Proteste. Die meisten glauben ohnehin nicht, dass aus der Sache je etwas wird - jedenfalls nicht so bald.

Auch wenn Massendemonstrationen und erbitterte Debatten in den Medien bislang ausbleiben, trifft das Projekt der Regierung in Rom im ganzen Land auf Widerstand - bislang noch still, aber machtvoll. So haben zum Beispiel fast alle 20 italienischen Regionen (in etwa mit deutschen Bundesländern vergleichbar) sich gegen die Atompläne zusammengetan. Keiner will einen Meiler in der eigenen Region stehen haben. Elf Regionalregierungen ziehen sogar vor das Verfassungsgericht. Die Regierung hat bisher noch keine konkreten Standorte benannt. Und dort, wo möglicherweise irgendwann mal ein Reaktor stehen könnte, mobilisieren Italiens "Grüne" und sammeln fleißig Unterschriften für einen neuen Volksentscheid.

Die Chancen, dass die Regierung in Rom diese Front überwinden kann, scheinen eher dürftig, gemessen am Schicksal von ähnlichen Großprojekten. Trotz mehrerer Anläufe schaffte es die Regierung nicht, ein kleines Endlager für den vor dem Ausstieg im Lande produzierten Atommüll durchsetzen. Lokale Protestbewegungen blockierten jeden Ansatz. Der gefährlich strahlende Müll ist nach wie vor in Provisorien untergebracht.

Nicht einmal eine dringend benötigte Müllverbrennungsanlage in Kampanien konnte bis heute gebaut werden. "Wir müssen dafür sorgen, dass die Bevölkerung die Vorteile der Atomkraft besser versteht", gab Fulvio Conti, Chef des Enel-Konzerns, als Devise aus. Auch diese Strategie scheint, angesichts der unvorstellbaren Geschehnisse in Japan, auf lange Sicht nicht sehr vielversprechend.

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1.
merapi22 15.03.2011
Zitat von sysopRom war einst Vorreiter: Nach Tschernobyl schaltete Italien als erste Industrienation alle AKW ab. Doch die Entscheidung trieb das Land in die Abhängigkeit von Frankreich. Nun forciert die Regierung Berlusconi den Wiedereinstieg - mit wenig Erfolgsaussichten. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,750892,00.html
Auch Frankreich wird um den Atomausstieg nicht herumkommen! Italien ist in vielen Vorreiter - Autofreier Sonntag zum vergnügen aller Bürger, darum Berlusconi abschalten und auf EE umschalten, dann kann Italien schon bald aus EE gewonnenen Strom nach Frankreich liefern! Gutes Vorbild Österreich, das wegen des schweren Erdbebens von 1590 in Wien auf Atomkraftwerhke verzichtet hat: http://www.facebook.com/pages/BGE-Roboter-konnen-alles-besser/177235832301157
2. Photovoltaikausbau in Italien
founder 15.03.2011
Der Photovoltaik Ausbau nahm 2010 in Italien überraschend stark zu. Alle Schätzungen wurden bei weitem übertroffen. Der Jahresertrag pro installierten kW ist deutlich höher Deutschland 923 kWh / kW Peak Italien 1199 kWh / kW Peak Ab 1. Jänner 2012 müssen Errichter neuer Dachanlagen in Deutschland wohl mit 22 Cent pro kWh glücklich werden müssen. Bei dem höheren Ertrag in Italien würden aber bereits 17 Cent / kWh zur gleichen Rendite führen. In Italien reichen 6 GW PV Installation aus, um den Jahresertrag von einem AKW zu produzieren. Der Solarausbau in Italien könnte durchaus das Equivalen von 2 bis 3 AKW pro Jahr sein. Mit neuer Technik zum Speichern von Strom wird Solarstrom ja auch Grundlastfähig (http://wohnen.pege.org/2011/byd.htm)
3. So einfach ist es nicht
Sublucem 15.03.2011
Der Bau von AKWs führt Italien auch nicht aus der Abhängigkeit Frankreichs heraus (Abbau von Uranm, Anreicherung, ...). Es gibt hierzu zahlreiche italienische Dokus, die sich mit der Thematik ("führt der Bau von AKWs aus oder nicht doch eher in die Abhängigkeit Frankreichs?")äußerst kritisch auseinandersetzen - sogar im Regierungsfernsehen.
4. Fehler im Artikel
tweelightKen 15.03.2011
Liebe Redaktion, die Aussage "das Land [muss] heute etwa 70 Prozent seines Stroms importieren" stimmt so nicht. Dadurch suggerieren Sie im Kontext eine viel höhere Abhängigkeit von Frankreich als sie tatsächlich ist. Laut Netzbetreiber TERNA importierte Italien 2009 etwa 13,5% seines Stroms. http://www.terna.it/LinkClick.aspx?fileticket=VwAE%2bmEq1B4%3d&tabid=418&mid=2501 Wie Sie auf die 70% kommen weiß ich nicht aber wahrscheinlich sind hier eher die Importe von primären Energieträgern wie Kohle, Öl und Gas für die Stromerzeugung gemeint. Tatsächlich produziert Italien bereits über 20% seines Stromverbrauchs aus erneuerbaren Energien (Deutschland 16,4%).
5. Keine Sonne in Italien...?
cucco 15.03.2011
Zitat von SublucemDer Bau von AKWs führt Italien auch nicht aus der Abhängigkeit Frankreichs heraus (Abbau von Uranm, Anreicherung, ...). Es gibt hierzu zahlreiche italienische Dokus, die sich mit der Thematik ("führt der Bau von AKWs aus oder nicht doch eher in die Abhängigkeit Frankreichs?")äußerst kritisch auseinandersetzen - sogar im Regierungsfernsehen.
...anders kann ich mir nicht erklären, dass ich bei meiner letzten Busreise nach Mittelitalien entlang der Adria bei all den vielen Ortschaften keine Solardächer ausmachen konnte. Kaum kamen wir nach Deutschland, sieht es so aus, als hätte man das Dach neu erfunden. Warum diese Ignoranz der Italiener ihr Sonnenfüllhorn ungenutzt zu lassen ? Da ist doch in der EU Brüssel eine Schraube locker, wenn man sich um die Gurken kümmert und die günstige Energie-Erzeugung in südlichen Ländern brach liegen lässt !
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Fotostrecke
Grafiken: Fakten zur globalen Atomindustrie

Fläche: 301.336 km²

Bevölkerung: 60,783 Mio.

Hauptstadt: Rom

Staatsoberhaupt:
Giorgio Napolitano

Regierungschef: Matteo Renzi

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Kernkraftwerke in Fukushima
Fukushima I (Daiichi)
Das Atomkraftwerk Fukushima I (Fukushima Daiichi) besteht aus sechs Blöcken mit jeweils einem Reaktor. Probleme gibt es vor allem in Block 1 und Block 3. Bei beiden Reaktoren wird zumindest eine teilweise Kernschmelze befürchtet. Die Kühlsysteme sind ausgefallen, die Betreiber haben Meerwasser in die Reaktoren gepumpt. Das Gebäude um Block 1 explodierte am Samstag - Grund soll eine Verpuffung der Gase zwischen Reaktor und Reaktorhülle gewesen sein. Der atomare Notstand wurde ausgerufen, im Umkreis von 20 Kilometern wurde evakuiert. Am Montag ereignete sich eine weitere Explosion. Nach Angaben der Regierung hat die Stahlhülle des Blocks 3 aber standgehalten. Die schlechten Nachrichten reißen allerdings nicht ab: Auch in Reaktor 2 ist die Kühlung inzwischen ausgefallen.
Fukushima II
Das Atomkraftwerk Fukushima II (Fukushima Daini) besteht aus vier Blöcken. Betreiber ist ebenfalls die Tokyo Electric Power Company (Tepco). Die Kühlsysteme der Reaktoren 1, 2 und 4 sind nach Angaben der japanischen Regierung ausgefallen. Der atomare Notstand wurde ausgerufen, im Umkreis von zehn Kilometern wird evakuiert.