Irans Scharfmacher Schariatmadari: Worte wie Beton

Von , Teheran

Schariatmadari lehnt Atomgespräche ab: "Es kann gar nicht funktionieren" Zur Großansicht
AFP

Schariatmadari lehnt Atomgespräche ab: "Es kann gar nicht funktionieren"

In Wien gehen die Atomgespräche in eine neue Runde. Irans Präsident Rohani ist die Stimme der Besonnenheit. Doch eine Begegnung mit seinem Gegenspieler Hossein Schariatmadari zeigt, wie mächtig der Hass auf den Westen ist.

Nur zwei Menschen sind unglücklich über den ersten Erfolg bei den Nuklearverhandlungen zwischen der Uno und Iran im November, heißt es in Teheran: der israelische Premier Benjamin Netanjahu und Hossein Schariatmadari.

Schariatmadari ist Chefredakteur der iranischen Zeitung "Kayhan". Auf seiner Visitenkarte steht "Repräsentant des Geistlichen Führers", und tatsächlich wählte Ajatollah Chamenei den Leiter des ultrakonservativen Blattes für diesen Posten persönlich aus. Kayhan gilt als scharfes Instrument des Geheimdienstes. Und was Schariatmadari schreibt, behaupten Beobachter, ist, was der oberste Entscheider des Landes, Ajatollah Chamenei, denkt.

Chefredakteur Schariatmadari, 61, ist nicht sehr groß, grauer Bart, mausgraues Hemd. Die Wangen sind knochig, die Nase markant. Sein Gegenüber fixiert der einflussreiche Medienmann mit scharfem Blick. Er sitzt im zweiten Stock eines funktionalen Bürohauses im Zentrum Teherans. An den Bürowänden hängen Koran-Suren in goldenen Schmuckrahmen, und die Revolutionsführer Chomeini und Chamenei blicken streng von Fotos auf den Besucher herab. Schariatmadari sagt, dass dieses Abkommen mit den USA über die vorübergehende Aussetzung der Urananreicherung nie hätte unterzeichnet werden dürfen.

Ist er nicht auch für das Ende der Sanktionen? Für Frieden? "So ein Abkommen funktioniert doch nicht", sagt Schariatmadari und zieht die Stirn kraus: "Es kann gar nicht funktionieren!" Schariatmadaris Stimme ist sanft. Höflich bietet er Tee an, dazu Orangen, die Früchte der Saison, und Gebäck. Doch die Worte, die er sagt und schreibt, sind wie aus Beton. Wer für einen Moment versucht, die Welt mit den Augen dieses Revolutionswächters zu sehen, ahnt, wie steinig der Weg noch sein könnte bis zu einem dauerhaften Nuklearabkommen mit Iran.

Kommentare wie Erdbeben

Hardliner Schariatmadari (im Gespräch mit der Autorin Susanne Koelbl): Hass auf den Westen Zur Großansicht
DER SPIEGEL

Hardliner Schariatmadari (im Gespräch mit der Autorin Susanne Koelbl): Hass auf den Westen

Schariatmadaris Kommentare sind politische Erdbeben. Etwa wenn er das Königreich Bahrain am Golf als territorialen Bestandteil Irans verortet - eine Kriegserklärung an Saudi-Arabien, das sich als Schutzmacht Bahrains versteht. Oder wenn er von der früheren französischen Präsidentengattin Carla Bruni als "dieser italienischen Prostituierten" schreibt.

Hardliner wie Schariatmadari wollen die Annäherung an den Westen verhindern. Die meisten Iraner sehnen sich zwar nach Versöhnung mit dem Westen und Öffnung ihres Landes. Die Hardliner aber sind noch einflussreich, mehrheitlich handelt es sich um Veteranen des Iran-Irak-Kriegs, der in den achtziger Jahren fast eine Million Tote forderte.

Wie Ex-Präsident Mahmud Ahmadinedschad behauptet Schariatmadari, dass die Ermordung von sechs Millionen Juden im Holocaust eine "Lüge" sei. Andersdenkende im eigenen Land schmäht er als "5. Kolonne Amerikas" wie den noch immer inhaftierten Hoffnungsträger Mir Hossein Mussawi.

Ex-Präsident Mohammed Chatami prophezeit Shariatmadari sogar, im Fall einer neuerlichen Kandidatur erwarte ihn das gleiche Schicksal wie Benazir Bhutto. Die zweifache Premierministerin Pakistans wurde 2007, nachdem sie aus dem Exil zurückkehrte, bei einem Attentat ermordet. Der iranische Außenminister Dschawad Sarif berichtete, wie ein bösartiger Schariatmadari-Kommentar über seine Rolle bei den Nuklearverhandlungen bei ihm spontan einen schmerzhaften Hexenschuss auslöste.

"Der Satan wohnt in Washington"

Schariatmadari sitzt jetzt kerzengerade auf seinem Stuhl, selbstbewusst schiebt er das Kinn nach vorn. Er sagt: "Der Satan wohnt in Washington." Dass er so schlecht über die Amerikaner denkt, hat viel mit ihrer Rolle in der iranischen Geschichte zu tun, aber auch mit seinen eigenen Erfahrungen.

Routiniert zählt Schariatmadari die Sünden des Westens auf: Wie die CIA 1953 half, den vom Parlament gewählten Ministerpräsidenten Mohammed Mossadegh zu stürzen, weil er das iranische Öl verstaatlichte. Wie die USA in der Teheraner US-Botschaft eine "Spionage-Zentrale" betrieb und Saddam Hussein während des Iran-Irak-Kriegs unterstützte. Am Ende geißelt er noch die "Tyrannei der Sanktionen".

Eigentlich wollte Schariatmadari Arzt werden. Dann verurteilte ihn 1979 ein Gericht des damals von den USA gestützten Schah-Regimes zu lebenslanger Haft, weil er im Untergrund für Chomeini arbeitete. Die Geheimpolizei folterte den 27-Jährigen mit Elektroschocks und schlug ihm die Zähne ein. Das hat ihn geprägt.

Ob der Revolutionsführer, Ajatollah Chamenei, tatsächlich die radikalen Gedanken Schariatmadaris teilt, bleibt der beiden Geheimnis. Jedenfalls lässt Chamenei seinen Chef-Kolumnisten bisher frei gewähren, selbst wenn dieser auch während der laufenden Verhandlungen mit den USA weiter unablässig in seiner Zeitung zetert, dass die Supermacht Amerika ohnehin bald am Ende sei, während sich die islamische Revolution über den Erdball ausbreite und dass sich Iran "niemals! niemals!" mit diesen "Mördern und Dieben" einlassen dürfe: "Tod Amerika!"

Insider des politischen Systems in Teheran sagen, all das gehöre zum Kalkül des Strategen Chamenei. Der lasse Präsident Hassan Rohani zwar verhandeln, nach dem Motto, mal sehen, ob er Erfolg hat. Sollte er am Ende aber scheitern, hat sein Revolutionsschreiber Schariatmadari dann eben doch recht gehabt.

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 33 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Der Iran folgt
man 08.04.2014
seinen eigenen Regeln. Die Verhandlungsbereitschaft ist vorgeschoben.
2. Meinungsfreiheit
archetype9 08.04.2014
Andererseits ist auch dies Teil der Meinungsfreiheit die einen demokratischen Staat prägen sollte...Ich möchte dies als Anmerkung nicht als Verteidung verstanden wissen.
3. optional
bekenntnislos 08.04.2014
"Ob der Revolutionsführer, Ajatollah Chamenei, tatsächlich die radikalen Gedanken Schariatmadaris teilt, bleibt der beiden Geheimnis." Das ist leider kein Geheimnis -zumindest nicht für diejenigen, die Freunde oder Verwandte im Iran haben.
4. Iran
Teile1977 08.04.2014
Ich bin zwar nicht der selben Meinung wie dieser Herr, aber die Argumente kann ich durchaus nachvollziehen. Das die USA sich skrupellos in die Angelegenheiten anderer Staaten eingemischt hat, deren Kriegsgegner mit modernsten Waffen (Afganistan-Sovietunion) oder sogar Chemische Waffen (Iran-Irak Krieg) versorgt hat hinterlkäßt nunmal Spuren.
5. Bericht
chiefseattle 08.04.2014
Sind das jetzt Zitate oder ein Interview oder Berichte/Gerüchte von Dritten? Oder alles durcheinander? Recht undurchschaubar, was Herr Schariatmadari eigentlich aussagt.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Politik
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Ausland
RSS
alles zum Thema Iran
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 33 Kommentare

Fläche: 1.648.195 km²

Bevölkerung: 74,962 Mio.

Hauptstadt: Teheran

Staatsoberhaupt und Religionsführer:
Ajatollah Ali Chamenei

Staats- und Regierungschef:
Hassan Rohani

Mehr auf der Themenseite


Fotostrecke
Irans neuer Präsident: Rohanis hoffnungsvoller Start
Fotostrecke
Iran: Hass auf Amerika