Atomkonflikt Geheimdienste warnen vor iranischem Terror-Krieg

Hinter verschlossenen Türen diskutieren Sicherheitsexperten der US-Geheimdienste intensiv die Folgen eines Militärschlags gegen Iran. Als sicher gilt ihnen: Von Teheran gesteuerte Terrorgruppen würden weltweit mit gezielten Anschlägen zurückschlagen - auch in Europa.


Washington - Das Szenario ist keineswegs beruhigend: Auch wenn Iran militärisch hoffnungslos unterlegen ist, würden die USA einen Krieg trotzdem nie gewinnen. Denn in den Diskussionen kristallisiere sich immer deutlicher die Einschätzung heraus, "dass iranische Agenten Zivilisten in den USA, Europa und anderswo ins Visier nehmen würden" sowie US-Ziele im Irak, berichtet die "Washington Post" unter Berufung auf namentlich nicht genannte Mitarbeiter des Geheimdienstes.

Ob und in welcher Form sich iranische Agenten und Terroristen bereits auf Aktionen vorbereiteten, darüber machten die Gesprächspartner der "Washington Post" keine Angaben. Sie wiesen aber darauf hin, dass die von Iran unterstützten Gruppen weit besser organisiert seien als die im Netzwerk von al-Qaida versammelten Terroristen zur Zeit der Anschläge auf das World Trade Center. Den Islamischen Dschihad etwa betrachte die iranische Regierung als staatliche Organisation, sagte Henry A. Crumpton, Koordinator der Terrorabwehr im US-Außenministerium, der Zeitung. Mitglieder dieser Gruppe seien praktisch jederzeit einsatzbereit.

Auch die von Iran unterstützte Hisbollah gilt unter Geheimdienstlern immer noch als brandgefährlich. Bis zu den Anschlägen am 11. September war der bewaffnete Arm der Organisation für mehr Morde verantwortlich als jede andere Terrorgruppe. Ihr werden die Anschläge auf die US-Marine 1983 in Beirut und 1996 in Saudi Arabien zugerechnet, bei denen allein insgesamt 260 Amerikaner ums Leben kamen.

Botschaftsangehörige als Terroristen

Auch die Mitglieder des iranischen Geheimdienstes waren in der Vergangenheit nicht zimperlich. Als Botschaftsmitglieder getarnt verübten sie weltweit Anschläge auf politische Abweichler und Dissidenten. Ermittlungsbehörden in Argentinien machen sie ebenso für den Bombenanschlag auf das Jüdische Zentrum in Buenos Aires verantwortlich, bei dem 86 Menschen ums Leben kamen. "Die Agenten sind sehr gut ausgebildet und verfügen über eine hervorragende Ausrüstung - und sie haben Jahrzehnte lange Erfahrung in diesen Dingen", sagte Crumpton der Zeitung. Er sehe keine Anzeichen dafür, dass sie davon in den letzten Jahren etwas verloren hätten.

Die USA und Europa wollen sicherstellen, dass Iran nicht in den Besitz von Atomwaffen kommt. Der UN-Sicherheitsrat hat die Islamische Republik in der vergangenen Woche aufgefordert, ihre Urananreicherung innerhalb von 30 Tagen auszusetzen und damit das Vertrauen für weitere Verhandlungen zu schaffen. Die USA haben wiederholt erklärt, dass die militärische Option nicht ausgeschlossen sei. In diesem Fall erwarten Experten gezielte Angriffe auf iranische Atomanlagen, um den Ausbau des Programms zu stoppen.

Gegenüber der "Washington Post" machte ein Gesprächspartner aber deutlich, dass die intensiven Diskussionen keine Rückschlüsse auf eine bevorstehende Entscheidung für einen Militärschlag zuließen. Sie spiegele eher das seit Jahrzehnten zerrüttete Verhältnis zwischen den USA und Iran wider und die Erfahrungen, die die Geheimdienste in dieser Zeit gesammelt hätten.

mik/reuters



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