Atomkonflikt: USA machen Druck, Iran reagiert gereizt

Eine Analyse von Markus Becker, München

US-Vizepräsident Biden drängt Iran zu direkten Verhandlungen über sein Atomprogramm, Teheran will den Vorschlag erst einmal prüfen. Experten rechnen damit, dass die USA noch in diesem Jahr über Krieg oder Frieden entscheiden müssen. Irans Außenminister reagierte auf Vorhaltungen wütend.

Eine halbe Stunde lang hielt Ali Akbar Salehis Geduld. Dann setzte er zur Wutrede an. "Lassen Sie mich ausreden!", raunzte Irans Außenminister seine Gesprächspartner auf dem Podium an. "Ich fordere Sie auf: Bringen Sie mir einen Bericht der Internationalen Atomenergiebehörde, der besagt, unser Atomprogramm sei nicht friedlich!" Immer wieder habe die IAEA Fragen gestellt, immer wieder habe man geantwortet. "Wann werden diese Anschuldigungen ein Ende haben?", rief Salehi mit hoher, sich überschlagender Stimme.

Salehis minutenlanger Temperamentsausbruch am Schlusstag der Münchner Sicherheitskonferenz lässt ahnen, was in den kommenden Monaten bevorstehen könnte: Der Konflikt um Irans Atomprogramm könnte sich dramatisch zuspitzen. Diverse Experten gehen davon aus, dass 2013 zum entscheidenden Jahr wird. Dafür spricht, dass die US-Regierung sich glasklar positioniert hat: Die Eindämmung eines nuklear bewaffneten Irans ist für Washington keine Option, betonte Vizepräsident Joe Biden in München. Es gebe nur ein Ziel: zu verhindern, dass sich die Mullahs die Bombe zulegen.

Die Frage ist, ob das noch mit diplomatischen Mitteln zu erreichen ist. Denn die Zeit für eine Verhandlungslösung läuft ab, das betonen die Beteiligten inzwischen mit immer höherer Dringlichkeit. "Wenn nicht schnell ermutigende Signale kommen, kann es schwierig werden", sagte CDU-Außenexperte Ruprecht Polenz, einer von Salehis Kontrahenten auf dem Münchner Podium.

"Wie ein nuklearpolitischer Geisterfahrer"

Nur: Die Signale aus Teheran weisen derzeit in die exakte Gegenrichtung. Erst am Donnerstag hat Irans Regierung angekündigt, in der Atomanlage Natans Tausende neue Zentrifugen zu installieren. Die Maschinen des Typs IR-2 sollen Uran etwa zweieinhalbmal schneller anreichern können als die alten Modelle des Typs P-1. Nach bisherigen Schätzungen brauchen 1200 IR-2-Zentrifugen etwa ein Jahr, um genug hochangereichertes Uran für eine Atombombe herzustellen.

Die Anreicherung steht im Mittelpunkt der Debatte, denn sie ist entscheidend, ob Uran nur für die Energiegewinnung oder auch für den Einsatz in Atomwaffen geeignet ist. Der Ausgangsstoff Uranerz besteht zu rund 99,3 Prozent aus Uran-238; das spaltbare Uran-235 macht nur etwa 0,7 Prozent aus. Für die Nutzung in Kernreaktoren muss der Anteil von Uran-235 auf drei bis fünf Prozent gesteigert werden, für eine Atombombe ist ein Anreicherungsgrad von mindestens 85 Prozent notwendig.

In der tief unter der Erde verbunkerten Anlage Fordo wird Uran in mehr als 2000 Zentrifugen auf 20 Prozent angereichert. Zwar behauptet Teheran, das Material sei lediglich als Brennstoff für Kernreaktoren gedacht. Doch bisher ist in dem Land nur das AKW Buschehr am Netz - und das wird von Russland mit Brennstoff beliefert. "Wenn man Uran auf 20 Prozent anreichert, glauben die meisten Nachbarn, dass man Atomwaffen anstrebt", sagte der ehemalige US-Senator Sam Nunn, einer von Amerikas führenden Abrüstungspolitikern, im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. Die Anreicherung sei "eine reale Gefahr" und 2013 eine "entscheidende Phase" in den Verhandlungen.


Polenz warf Iran vor, sich "wie ein nuklearpolitischer Geisterfahrer" zu benehmen, der den Warnhinweis im Verkehrsfunk höre und sich denke: Einer? Es sind viele!

Die Frage ist, wie lange vor allem die USA und Israel diesem Treiben noch zuschauen werden. Zwar scheint ein israelischer Angriff auf Irans Nuklearanlagen derzeit nicht mehr unmittelbar bevorzustehen, so wie es noch im Frühjahr 2012 den Anschein hatte. Dennoch steht ein Militärschlag nach wie vor im Raum. "Wir werden verhindern, dass Iran eine Atomwaffe bekommt", betonte US-Vizepräsident Biden in München erneut. Angesichts dieser eindeutigen Haltung könnte den USA am Ende kaum etwas anderes übrig bleiben, als einen israelischen Angriff zumindest zu unterstützen, sollte Iran nicht unter dem Druck der internationalen Gemeinschaft in die Knie gehen.

Barak: "Sobald Iran Atommacht ist, wird es viel gefährlicher und teurer"

Israels Verteidigungsminister Ehud Barak nutzte die Vorlage in München prompt: "Keine Möglichkeit sollte ausgeschlossen werden." Die Gefahren durch eine mögliche iranische Atombombe seien zu groß. "Sobald Iran eine Atommacht werde, wird es viel komplizierter, viel gefährlicher und viel teurer - sowohl mit Blick auf Menschenleben als auch finanziell". Zwar seien die diplomatischen Maßnahmen und die Sanktionen effektiver als in der Vergangenheit - doch Teheran sei davon unbeeindruckt. Sollte Iran Atomwaffen bauen, werde "der Countdown zu der Vision des nuklearen Terrors starten".

Biden bot den Iranern in München direkte bilaterale Verhandlungen an, ohne Vorbedingungen zu nennen. Allerdings sagte er auch, dass das Zeitfenster dafür "nicht ewig offenstehen wird". Die Reaktion Teherans geriet zurückhaltend. Außenminister Salehi erklärte lediglich, man werde das Angebot "ernsthaft prüfen" - vorausgesetzt, die USA seien zu ehrlichen Verhandlungen bereit. Darüber hinaus kündigte Salehi lediglich an, dass es am 25. Februar zu einem weiteren 5+1-Treffen kommen werde, diesmal in Kasachstan.

Generell lasse man sich von anderen Ländern nichts vorschreiben. "Wir legen großen Wert auf unsere Unabhängigkeit", sagte Salehi. "Wir sind nicht die Lakaien anderer Nationen."

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Qaher-313: Irans neuer Kampfjet

Für die US-Regierung sind das unangenehme Nachrichten. Robert Jervis von der New Yorker Columbia University listete jüngst im Magazin "Foreign Affairs" die früheren Versuche Washingtons auf, unliebsame Herrscher mit Sanktionen und Gewaltandrohung zum Einlenken zu bewegen. Das habe weder in Panama (1989) noch im Irak (1990), in Serbien (1998), in Afghanistan (2001) oder wieder im Irak (2003) funktioniert. Am Ende mussten die USA ihre Kriegsdrohung jeweils wahrmachen.

Gegenüber Nordkorea hat Washington auf militärische Aktionen verzichtet und bemüht sich nun um die Eindämmung des Regimes - doch genau das haben Obama und Biden für Iran kategorisch ausgeschlossen. Vertieft wird das Dilemma dadurch, dass Luftangriffe nach Ansicht von Militärexperten das Atomprogramm Irans allenfalls kurzfristig verlangsamen würden. Eine Invasion mit Bodentruppen wiederum erscheint undenkbar.

Bleibt die Hoffnung, dass die Diplomatie doch noch irgendwie erfolgreich sein wird. Allerdings hat die Zuckerbrot-und-Peitsche-Methode des Westens derzeit eine Schwäche: Die Peitsche liegt klar sichtbar auf dem Tisch, nicht aber das Zuckerbrot. Konkrete Angebote für den Fall einer Zusammenarbeit sind bisher Mangelware.

Mehrere Experten forderten deshalb in München, an dieser Stelle nachzubessern. "Es muss einen klaren Plan für Anreize geben, die Iran im Falle einer Kooperation geboten werden", sagte Russlands ehemaliger Außenminister Igor Iwanow zu SPIEGEL ONLINE. Er verlangte eine "Kombination aus harten Verhandlungen und der klaren Botschaft, dass es eine breite Zusammenarbeit auf allen Gebieten geben könnte".

Ähnlich äußerte sich US-Demokrat Nunn. Er sei nicht "vollständig pessimistisch, was die diplomatischen Möglichkeiten angeht". Aber man müsse den Iranern klarmachen, "welche wirtschaftlichen Möglichkeiten sie hätten, wenn sie ihr Streben nach Atomwaffen sichtbar aufgeben würden".

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insgesamt 117 Beiträge
chagall1985 03.02.2013
Das ist die Frage die die Welt zu beantworten hat und nicht die USA! Das Problem ist, dass dem Iran nichts vorzuwerfen ist! Er hat das Recht das zu tun was er bislang tut! Und wir haben nur das Recht ihm zu zeigen, dass wir das [...]
Das ist die Frage die die Welt zu beantworten hat und nicht die USA! Das Problem ist, dass dem Iran nichts vorzuwerfen ist! Er hat das Recht das zu tun was er bislang tut! Und wir haben nur das Recht ihm zu zeigen, dass wir das nicht wollen was er tut! Aber nicht das recht das militärisch zu beenden! Machen wir als westliche Welt das setzen wir uns in Unrecht. Wir folgen unserer Angst statt Recht und Gesetz. Und die Frage ist ob wir unserern Ansprüchen auf internationales Recht gerecht werden oder einen Rückschritt machen. Es wäre ein düsterer Tag wenn wir die iranischen Atomanlagen angreifen!
muhsin 03.02.2013
amerika baut selber atomwaffen und waren die ersten die atombomben hatten. sie haben nur angst das andere die atombombe habens. sie allein wollen atombomben haben und einsetzen und ihre verbündete. ich weiß das amerika und ganz [...]
amerika baut selber atomwaffen und waren die ersten die atombomben hatten. sie haben nur angst das andere die atombombe habens. sie allein wollen atombomben haben und einsetzen und ihre verbündete. ich weiß das amerika und ganz europa am ende doch verlieren werden
kölschejung72 03.02.2013
Der Iran hat auch das recht Uran auf 20% anzureichern, um es für medzinische Zwecke (z.B. Krebsbehandlung) zu verwenden. Man muss dem Iran allerdings vorwerfen: Warum hat er sein Land so nah an die 36 US Militärbasen gelegt? [...]
Der Iran hat auch das recht Uran auf 20% anzureichern, um es für medzinische Zwecke (z.B. Krebsbehandlung) zu verwenden. Man muss dem Iran allerdings vorwerfen: Warum hat er sein Land so nah an die 36 US Militärbasen gelegt? Diese Provokation und Bedrohung der US Soldaten muss 2013 beendet werden. Man darf abwarten, was für Propaganda-Artikel in der Zeit nach der Sicherheitskonferenz auftauchen werden. Denn schließlich ist der Spiegel als Teilnehmer (nicht als Medienvertreter) dort und wird seiner medialen Aufgabe des very embeded Journalismus sicher gerecht werden.
n0 by 03.02.2013
Wie stets in Zeiten der Krise schlägt sich überwiegende Mehrheit auf Seiten der Kriegspartei. Die Guten kämpfen gegen die Bösen. Böse sind immer die Andern. Krieg kanalisiert alle Kräfte. Keine Krise kann mehr schrecken, wenn [...]
Wie stets in Zeiten der Krise schlägt sich überwiegende Mehrheit auf Seiten der Kriegspartei. Die Guten kämpfen gegen die Bösen. Böse sind immer die Andern. Krieg kanalisiert alle Kräfte. Keine Krise kann mehr schrecken, wenn die Guten die Bösen be-kriegen. Die Perser stellen sich in überwiegender Mehrheit hinter ihr Regime, wie blutrünstig es auch immer im Innern die Menschen bislang tyrannisierte. Hierzulande jubelt der kriegslüsterne Mob den marschierenden Militärs zu. Eines allerdings macht den Militärs hierzulande den Sieg schwer: Die Fertilitätsrate in den arabischen Ländern hält eine weitaus höhere Zahl an jungen Kämpfern unter Waffen, als dies der Westen aufbieten könnte. Ob technisches Gerät, Kampfroboter, Drohnen u.dgl. den Mangel ausgleichen? Das mörderische Szenario lenkt zumindest ab von der Krise, wie diese auch immer die Lebensbedingungen schon in Friedenzeiten erschwert.
lan_core 03.02.2013
Und ich frag mich schon, wann der Atomkrieg kommt. Das die Amis mal wieder der Welt vorschreiben, was sie zu tun hat, ist nicht neu ;) Sollten sich erstmal ans eigene Beim pinkeln, bevor dies bei anderen tun.
Und ich frag mich schon, wann der Atomkrieg kommt. Das die Amis mal wieder der Welt vorschreiben, was sie zu tun hat, ist nicht neu ;) Sollten sich erstmal ans eigene Beim pinkeln, bevor dies bei anderen tun.
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  • Sonntag, 03.02.2013 – 16:06 Uhr
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Fläche: 1.648.195 km²

Bevölkerung: 74,962 Mio.

Hauptstadt: Teheran

Staatsoberhaupt und Religionsführer:
Ajatollah Ali Chamenei

Staats- und Regierungschef:
Mahmud Ahmadinedschad

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Republik Iran
REUTERS
Die Islamische Republik Iran ist mit einer Fläche von rund 1,7 Millionen Quadratkilometern fünfmal so groß wie Deutschland. Das Land besitzt nach Russland die zweitgrößten Erdgasreserven der Welt, beim Erdöl steht Iran auf Platz drei und ist derzeit nach Saudi-Arabien der größte Produzent innerhalb der Opec.
Irans Atomprogramm
AP
Iran unterzeichnete 1968 den Sperrvertrag für Atomwaffen . Dieser erlaubt die zivile Nutzung von Nuklearenergie und die dafür notwendige Forschung einschließlich der Urananreicherung .

Die Internationale Atomenergiebehörde (IAEA) mit Sitz in Wien kontrolliert die Einhaltung des Atomwaffensperrvertrags; sie erstellt regelmäßig Berichte über das iranische Atomprogramm .

Der Uno-Sicherheitsrat hat in seiner Resolution 1696 vom 31. Juli 2006 Iran erstmals aufgefordert, die Anreicherung von Uran einzustellen; Teheran weigert sich unter Berufung auf den Atomwaffensperrvertrag.

Als Vermittler tritt seit einigen Jahren auch die "EU-Troika" auf, bestehend aus Frankreich, Großbritannien und Deutschland.






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