Atomkraft in der Türkei: Die Unbeirrbaren vom Bosporus

Von Daniel Steinvorth, Istanbul

Ankara bleibt auf Atomkurs - trotz der Nuklearkatastrophe in Japan. Im südtürkischen Akkuyu soll 2013 das erste AKW des Landes gebaut werden. Doch der Standort ist nur wenige Kilometer von einer seismischen Störungszone entfernt.

Greenpeace-Proteste gegen Atomenergie in Ankara (Archiv): Gefährlicher Standort Akkuyu Zur Großansicht
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Greenpeace-Proteste gegen Atomenergie in Ankara (Archiv): Gefährlicher Standort Akkuyu

Der türkische Energieminister Taner Yildiz gab sich vom Drama in Japan völlig unbeeindruckt. In Zeiten großer Unfälle und Katastrophen gebe es ja immer eine "Informationsüberflutung", sagte der AKP-Politiker bei einer Pressekonferenz am Sonntag.

Aber immer mit der Ruhe. Gemach, gemach. Die Türkei bleibe selbstverständlich bei ihren Plänen für den Bau zweier Atomkraftwerke. Schließlich, so Yildiz, sei der 1971 gebaute Reaktorentyp von Fukushima nicht zu vergleichen mit der "neuesten Technologie" türkischer Kraftwerke, "Akkuyu wird mit höchsten Sicherheitsvorkehrungen ausgestattet sein." Und überhaupt: "Bei uns gibt es keine Tsunamis."

Gefahren runterspielen, beschwichtigen und bagatellisieren - das sind momentan die offiziellen Reaktionen aus dem Erdbeben-Risikoland Türkei auf die weltweite Nukleardebatte. Ein Ausstieg aus der Kernenergie? Sicher nicht am Bosporus, wo man gerade erst den Einstieg beschlossen hat.

Um den enormen Energiebedarf des Landes zu befriedigen und ein wenig unabhängiger von den gas- und ölreichen Nachbarstaaten Iran und Russland zu werden - so die gängige Argumentation -, seien Atomkraftwerke in naher Zukunft ohne Alternative. Dabei geht es um den Bau von insgesamt drei Kraftwerken, zwei davon in näherer Zukunft: Eines in Akkuyu am südöstlichen Mittelmeer, eines in Sinop an der Schwarzmeerküste. Während für den Standort Akkuyu bereits ein russisches Unternehmen den Zuschlag bekommen hat - der staatliche Kraftwerkbauer Atomstroiexport - wird in Sinop noch verhandelt. Ein französischer und ein japanischer Anbieter seien dafür im Gespräch, heißt es. Eine japanische Delegation befinde sich derweil vor Ort.

Im Juli 2010 verabschiedete das türkische Parlament die gesetzlichen Grundlagen für den Einstieg in die Kernenergie - ein Schritt, der seit Jahrzehnten diskutiert wurde. Schon 1976 erteilte die nationale Atomenergiekommission eine Lizenz für den Bau eines AKW in Akkuyu. Damals leisteten die Anwohner noch Widerstand, einfache Bauern, die schließlich ihre Häuser verlassen mussten. Doch die Atompläne scheitern an den Konditionen ausländischer Kraftwerkbauer. Und später, nach der Tschernobyl-Katastrophe von 1986, setzt auch in Ankara eine Atommüdigkeit ein. Für Recep Tayyip Erdogan aber, Ministerpräsident seit 2003, sollte der AKW-Traum von Akkuyu endlich Realität werden.

Proteste von Umweltschützern? Lächerlich!

Erdogan hat eine besondere Vorliebe für Großprojekte. Seien es der umstrittene Mega-Staudamm "Ilisu" in der Südosttürkei (der die antike Felsenstadt Hasankeyf unter Wasser setzen wird), die "Dersim"-Staudämme am Munzur-Fluss oder Akkuyu - stets schwärmt der Regierungschef von der "historischen" und "globalen" Dimension türkischer Bauvorhaben. Proteste von Umweltschützern? Lächerlich! Wer sich mit den Energieproblemen der Türkei nicht auskenne, so Erdogan bei einer Wahlkampfrede 2009, der solle seine Zeit lieber anderweitig verschwenden. Vermeintliche "Fortschrittsverhinderer" stellte der Ministerpräsident an anderer Stelle auch schon mal als Terroristen dar.

Dabei sind gerade die Atompläne der Regierung hochriskant. Schon seit den achtziger Jahren warnen Geologen vor den besonderen Gefahren des Standorts Akkuyu, der nur 25 Kilometer vor einer seismisch äußerst aktiven Störungszone entfernt liegt: dem Ecemis-Graben. Immer wieder kommt es in dem Gebiet zu starken Beben. Dass der Baugrund in der malerischen Bucht zudem instabil und die Kühlung der Meiler mit viel zu warmem Mittelmeerwasser problematisch sei, wie etwa der türkische Atomkraftgegner Kamer Gülbeyaz behauptet, wird in Ankara nicht zur Kenntnis genommen. "Japan sollte eine Warnung für Akkuyu sein", so Gülbeyaz.

Tatsächlich rechnen die Türken schon seit längerem mit einem neuen starken Erdbeben. 20.000 Menschen kamen bei der letzten Katastrophe im August 1999 ums Leben, Hunderttausende könnten es beim nächsten Mal sein. Auch Tsunami-Wellen von bis zu neun Metern Höhe wären denkbar, ein ungeahntes Ausmaß der Zerstörung würde auf eine vollkommen unvorbereitete Bevölkerung treffen. Ein Schreckensszenario, von dem Energieminister Yildiz nichts wissen will.

Woher aber die Selbstsicherheit? Woher die Gewissheit, dass es keine Tsunami-Gefahr gebe, wo doch die Erdbebenspalte in nächster Nähe durch das Mittelmeer verläuft? "Hat der Herr Minister wohl eine von Allah ausgestellte Urkunde in den Händen, dass es in Akkuyu nicht zu einem Erdbeben kommen wird?", fragte Ali Riza Öztürk, ein Oppositionspolitiker aus Mersin.

Respekt vor Gottes Schöpfung, das hieße doch wohl eher, Akkuyu endlich in Frieden zu lassen.

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insgesamt 61 Beiträge
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1. Atomkraft in der Türkei: Die Unbeirrbaren vom Bosporus
sunnypluto 15.03.2011
Nach wie vielen Kernschmelzen ist eigentlich die Erde wegen der dann herrschenden Grund-Radioaktivität UNBEWOHNBAR ? Wer zahlt dann den Exodus z.B. auf den Mars ?
2. Ich verstehe die Häme nicht...
iskin 15.03.2011
die aus diesem Artikel spricht. Als ob wir in Deutschland besser wären! Fachleute haben schon lange davor gewarnt, die Laufzeiten zu verlängern. Erst jetzt, nachdem sich in Japan der Super-Gau anbahnt, werden die ganz alten Schätzchen abgeschaltet. Und der Rest? Der bleibt selbstverständlich bestehen. Es ist doch eine Sauerei sondergleichen, dass wir Atommüll produzieren, von dem noch die Menschen in 20.000 Jahren etwas haben werden.
3. Sie müssen das so sehen :
francaPcorrecta 15.03.2011
Das sind doch alles Schwellenländer, die jetzt gerade auf dem Sprung sind... und den droht es ihnen abzuwürgen, wenigstens sehen sie das so. Und im Gegensatz zu den Deutschen, die im Tran leben und bei denen es eher um humanistischen Krimskrams geht, wissen die Türken und andere, daß dies iher EINZIGE Chance ist, danach gibt es wohl keine mehr (zum american way of life, spaßigerweise). Die Erde ist rund, verdreckt und überbevölkert, eine Tatsache, die man in den USA (aber da wachen sie schon auf) und der amerikahörigen BRD noch am besten wegrationalisiert hat.
4. nix
ToastedByLaw 15.03.2011
Manche Menschen lernen nichts dazu. Die sind unser Schicksal.
5. Das ist mit den "ehrgeizigen" Atomplänen
atherom 15.03.2011
Zitat von sysopAnkara bleibt auf Atomkurs - trotz der Nuklearkatastrophe in Japan. Im südtürkischen Akkuyu soll 2013 das erste AKW des Landes gebaut werden. Doch der Standort ist nur wenige Kilometer von einer seismischen Störungszone entfernt. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,751013,00.html
Irans, die erstaunlicherweise großes Wohlwollen der hiesigen Atomgegner geniessen, nicht anders.
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