Atommacht Israel Eindeutig zweideutig

Nuklearmacht oder nicht - darüber schweigt Israel. Unterschiedlichen Schätzungen zufolge besitzt das Land rund 100 bis 200 Atomsprengköpfe. Wie heikel das Thema ist, zeigte sich in den achtziger Jahren, als Details über Waffenprogramme durchsickerten. Der Informant saß jahrelang im Gefängnis.

Von Ulrike Putz, Beirut

Atomreaktor in Dimona: Nukleartechnik in der Negev-Wüste
DPA

Atomreaktor in Dimona: Nukleartechnik in der Negev-Wüste


Ist Israel im Besitz von Atomwaffen? Offiziell gibt der jüdische Staat keine Antwort auf diese Frage: Er verharrt in der sogenannten "nuklearen Zweideutigkeit", hat den Atomwaffensperrvertrag nicht unterschrieben und lässt keine Inspektionen seiner Nuklearanlagen zu.

Experten schätzen, dass Israel derzeit im Besitz von rund 100 bis 200 nuklearen Sprengköpfen ist, von denen jeder die Zerstörungskraft von etwa zehn Hiroshima-Bomben hätte. Manche Quellen nennen gar die Zahl 400, dies gilt aber als übertrieben. Der damalige Ministerpräsident Ehud Olmert bestätigte im Jahr 2008 den Verdacht, dass Israel Nuklearwaffen habe. In einem Interview zählte er diverse Atommächte auf und nannte dabei auch sein Land. Die Atomaufsichtsbehörde IAEA schätzt Israel dementsprechend als Nuklearmacht ein.

Israel startete schon kurz nach der Staatsgründung 1948 ein Atomprogramm. Vor allem Frankreich lieferte zunächst offen, später verdeckt das Know-how und nukleares Material. In den fünfziger Jahren begann Israel mit dem Bau eines Atomreaktors in Dimona, einem abgelegenen Ort in der Negev-Wüste. Nach dem Sechs-Tage-Krieg 1967 soll das Land mit dem seriellen Bau von Atomwaffen begonnen haben. 1986 wurden Details über Waffenprogramme bekannt, als der ehemals in Dimona beschäftige Techniker Mordechai Vanunu der britischen Presse Dokumente und Fotos zuspielte, die nahelegten, dass in Dimona verschiedene Nuklearsprengköpfe produziert wurden. Vanunu wurde wenig später vom israelischen Geheimdienst entführt und in einem nichtöffentlichen Verfahren abgeurteilt. Er saß 18 Jahre im Gefängnis und lebt heute mit eingeschränkten Bürgerrechten in Israel. Das Land darf er nicht verlassen.

Israel könnte seine Sprengköpfe, von denen nicht bekannt ist, wo sie lagern, mit drei verschiedenen Waffensystemen zum Einsatz bringen:

Raketen: Das Raketensystem "Jericho" wurde Anfang der siebziger Jahre in Zusammenarbeit mit Frankreich entwickelt. Das neueste Modell Jericho III soll 2008 erfolgreich getestet worden sein. Jericho III soll eine Reichweite von bis zu 6.500 Kilometern haben und Atomsprengköpfe tragen können. Irans Hauptstadt Teheran befindet sich auch mittels Trägerraketen in die Reichweite einer israelischen Atombombe. Die Silos sollen tief unter Tage liegen, so dass sie einem atomaren Erstschlag standhalten und Israel so die Zweitschlagkapazität geben.

Kampfbomber: Die von der Luftwaffe genutzten Lockheed-Martin F-15I- und F-16I Kampfjets können Atomsprengköpfe tragen.

U-Boote: Das strategisch für Israel wohl wichtigste Waffensystem stammt aus Deutschland: U-Boote der "Delphin"-Klasse. Drei von ihnen hat Deutschland 1999 und 2000 geliefert, zwei weitere werden derzeit noch in Kiel gebaut. Ein sechstes U-Boot ist bereits bestellt. Die Torpedorohre wurden noch auf der Kieler Werft verbreitert. So umgerüstet sollen die Tauchboote in der Lage sein, Atomraketen abfeuern zu können. Damit wäre Israel selbst im Fall einer völligen Zerstörung des Landes in der Lage, von den Weltmeeren aus einen vernichtenden Vergeltungsschlag gegen den Aggressor zu führen. Der Verkauf der U-Boote an Israel, dabei zum großen Teil mit Bundesmitteln subventioniert, war dabei jedes Mal hochumstritten. Sollten sie benutzt werden, um Nuklearsprengköpfe zu tragen, trüge Deutschland so zur Verbreitung von Massenvernichtungswaffen bei, warnen Experten.

Mehr zum Thema


Forum - Abrüstung - eine realistische Vision?
insgesamt 384 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Arg-US 09.04.2010
1. „Begrenzung der Atomarsenale“, aber keine Wende in der aggressiven Politik der USA!
Zitat von sysopAtomwaffen abschaffen, Terrorismus verhindern: US-Präsident Obama setzt sich ehrgeizige Ziele für seinen historischen Nuklear-Gipfel in Washington. Staatslenker aus 46 Nationen sind geladen - doch nicht alle teilen seine Vision einer atomwaffenfreien Welt. Ist die Abrüstung wieder eine realistische Vision?
Das wäre wünschenswert, doch es steht zu befürchten, dass sich de facto überhaupt nichts an der essentiellen Gefährdung der Menschheit ändern wird. Beide Staaten verfügen trotz der „Begrenzung der Atomarsenale“ immer noch über ein mehrfaches atomares Overkillpotential. Außerdem hat Obama durchblicken lassen, dass die USA stattdessen ihre konventionelle Rüstung aufstocken wollen, obwohl sie bisher schon für Rüstung und Militär alleine mehr ausgeben als die nächsten zehn größten Rüstungsetats anderer Staaten zusammen. Es wird keine Wende in der aggressiven Weltpolitik der USA herbeiführen, denn es findet kein grundsätzliches Umdenken statt und der modus operandi bleibt der alte!
Palmstroem, 09.04.2010
2. Obama - Der Heilige des Weltfrieden
Zitat von sysopAtomwaffen abschaffen, Terrorismus verhindern: US-Präsident Obama setzt sich ehrgeizige Ziele für seinen historischen Nuklear-Gipfel in Washington. Staatslenker aus 46 Nationen sind geladen - doch nicht alle teilen seine Vision einer atomwaffenfreien Welt. Ist die Abrüstung wieder eine realistische Vision?
Warum, wird die Kalaschnikow verboten?
Arg-US 09.04.2010
3. Die Rhetorik einer schlichten Gewinn- und Verlustrechnung!
Zitat von PalmstroemWarum, wird die Kalaschnikow verboten?
Die ist noch weltweit im Einsatz und wird wohl noch auf Weiteres gebraucht werden! Atombomben kamen genau genommen – trotz der darauf verschwendeten Billionen Dollars - nur zweimal zum Kriegseinsatz auf wehrlose zivile Großstädte und das eigentlich nur als zynischer Feldversuch unter Realbedingungen. Unschuldige Menschen degradiert zu hilflosen Versuchskaninchen! Er hat keine Kosten gescheut, diese nuklearen Waffen zu vermehren und zu vervollkommnen, so dass er jetzt auf die alten und obsoleten gut verzichten kann. Der Gipfel der Heuchelei besteht wohl darin, dass man dieses Ausmustern von Atomschrott als „Begrenzung der Atomarsenale“ demagogisch geschickt darzustellen versucht, weil die Unterhaltung unnötige Kosten verursachte.
ambergris 09.04.2010
4.
Spannend wird Abrüstung erst da, wo zwei Nationen freiwillig eine militärische Option aufgeben. Auch nach dem Abkommen haben die USA und Russland die Möglichkeiten, die Welt in Grund und Boden zu bomben.
Antje Technau, 09.04.2010
5.
Zitat von sysopAtomwaffen abschaffen, Terrorismus verhindern: US-Präsident Obama setzt sich ehrgeizige Ziele für seinen historischen Nuklear-Gipfel in Washington. Staatslenker aus 46 Nationen sind geladen - doch nicht alle teilen seine Vision einer atomwaffenfreien Welt. Ist die Abrüstung wieder eine realistische Vision?
Obama nannte als Ziel eine atomwaffenfreie Welt. Israel verweigert sich dieser Vision und Netanjahu kommt nicht zu der von Obama einberufenen Konferenz: Binyamin Netanyahu pulls out of Washington nuclear weapons summit (http://www.guardian.co.uk/world/2010/apr/09/netanyahu-snubs-nuclear-weapons-summit) Präsident Obamas Reaktion auf diesen Affront durch Israel wird zeigen, wie ernst es Obama mit seinem Plan ist. Oder ob seine "atomwaffenfreie Welt" sich nur auf Staaten wie den Iran bezieht. Wie die Vorredner schon sagten: außer Atombomben gibt es noch genug andere Waffen, mit denen die USA und andere Länder die Welt zerstören können. Auch diese Waffen müssten verschwinden, wenn man dafür sorgen wollte, dass Menschen nicht mehr zu Millionen in Kriegen sterben sollen.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.