Atomstreit mit Iran "Wir können die Uhr nicht zurückdrehen"

Die Frist im Atomstreit des Westens mit Iran läuft ab. Teherans Top-Diplomat Takht Ravanchi äußert sich im Interview skeptisch zum Ausgang der Verhandlungen. Er plädiert aber dennoch für einen gemeinsamen Kampf gegen den "Islamischen Staat".

Iranische Atomanlage Buschehr (Archivbild): "Wir können die Uhr nicht einfach zurückdrehen"
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Iranische Atomanlage Buschehr (Archivbild): "Wir können die Uhr nicht einfach zurückdrehen"


SPIEGEL ONLINE: Scheitern die Verhandlungen zwischen Iran und dem Westen?

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Heft 45/2014
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Takht Ravanchi: Wir sind jedenfalls in einer kritischen Phase. Es ist nicht mehr viel Zeit bis zum 24. November, und die Positionen sind mehr oder weniger noch immer die gleichen.

SPIEGEL ONLINE: Beobachter halten einen Durchbruch für unwahrscheinlich. Teilen Sie diese Einschätzung?

Takht Ravanchi: Wenn wir nicht zu einem Ergebnis kommen bis zu diesem 24. November, werden objektive Beobachter zumindest nicht Iran dafür verantwortlich machen. Wir sind absolut willig gewesen, die Sache zu Ende zu bringen.

Zur Person
  • AFP
    Der Iraner Majid Takht Ravanchi, 56, ist einer der wichtigsten Unterhändler bei den Nuklearverhandlungen mit dem Westen. Der stellvertretende Außenminister für Europa und die USA studierte in Amerika und der Schweiz Ingenieurswissenschaften. Er gilt als Vertrauter von Regierungschef Hassan Rohani.
SPIEGEL ONLINE: Was ist das größte Hindernis?

Takht Ravanchi: Die Anreicherung ist eine Sache, natürlich, und anderseits die Sanktionen, aber wir sprechen auch über die umstrittene Anlage Arak und andere Themen, über die wir uns einigen müssen. Unserem Urteil nach erkennen die Amerikaner die Entwicklungen in Iran im Nuklearbereich schlichtweg nicht an, sowohl was die Möglichkeiten als auch was die Kapazitäten betrifft. Wir haben 20.000 Zentrifugen, nur die Hälfte davon produziert nukleares Material. Wir können die Uhr ja nicht einfach zurückdrehen und sagen, jetzt sind wir wieder in 2005 und bieten an, was wir damals angeboten haben.

SPIEGEL ONLINE: Das war sicher eine vertane Chance. Aber wie können Sie heute Fortschritt erwarten, wenn Sie auf dem Status Quo beharren?

Takht Ravanchi: Wir müssen den Status Quo aufrechterhalten! Aber wir sind auch bereit, unsere Aktivitäten für eine bestimmte Zeit einzuschränken. Danach wollen wir jedoch wie jedes andere Mitglied des Atomwaffensperrvertrags (NPT) behandelt werden.

SPIEGEL ONLINE: Zusammengefasst heißt das doch: Sie wollen alle Zentrifugen behalten, nichts vernichten, die Entwicklung lediglich kurz aussetzen und Ihre Pläne anschließend weiterverfolgen?

Takht Ravanchi: Die Zeit der Restriktionen sollte tatsächlich nicht lang dauern, weil wir im Einklang mit einem Zusatzprotokoll zum NPT, der eine starke Verpflichtungserklärung zur friedlichen Nutzung von Atomenergie enthält, Maßnahmen entwickeln, die absolute Transparenz ermöglichen. Dieses Zusatzprotokoll muss vom iranischen Parlament allerdings noch bestätigt werden.

SPIEGEL ONLINE: Das wird die andere Seite wenig ermutigen.

Takht Ravanchi: Die Realitäten in Iran können nicht einfach ignoriert werden.

SPIEGEL ONLINE: Zu den Realitäten in Iran gehören aber auch 30 Prozent Inflation und eine Arbeitslosenrate von 18 Prozent, inoffiziell eher 32 Prozent. Wie lange halten Sie das noch durch?

Takht Ravanchi: Iran hat diese Verhandlungen über das Nuklearprogramm nicht wegen der Sanktionen begonnen, sondern um zu zeigen, dass wir nichts zu verbergen haben.

SPIEGEL ONLINE: Sind China, Indien und Russland bessere Verbündete und Wirtschaftspartner als der Westen?

Takht Ravanchi: Europa und Amerika sind nicht die ganze Welt, und wenn ein Land entscheidet, nicht mit Iran zu arbeiten, bedeutet auch das nicht das Ende - auch wenn ich als für Europa und Amerika zuständiger Diplomat der Letzte sein sollte, so etwas zu sagen. Aber es gibt Auswege, andere Möglichkeiten mit anderen Ländern. Viele Geschäftsleute kommen nach Iran, um die Möglichkeiten für eine verbesserte Zusammenarbeit auszuloten, auch aus Europa. Das zeigt doch, dass die Sanktionen nicht halten. Die Iran-Phobie verebbt.

SPIEGEL ONLINE: Sehen Sie gemeinsame politische Interessen mit dem Westen seit der sogenannte "Islamische Staat" sich in Ihrer Nachbarschaft ausbreitet?

Takht Ravanchi: Das muss auf internationaler Ebene beantwortet werden, auf der Grundlage von internationalem Recht. Wir haben unsere Vorstellungen davon, wie man dieses Problem behandeln sollte, und gemeinsam mit der internationalen Gemeinschaft können wir da etwas beisteuern. Wichtig ist zu verstehen, dass dieses Phänomen gefährlich für alle ist, für uns, für Europa, Amerika, aber auch für andere Länder.

SPIEGEL ONLINE: Sprechen Sie da speziell von Saudi-Arabien, Ihrem politischen Rivalen in der Region?

Takht Ravanchi: Wir sind Nachbarn, und wir müssen miteinander sprechen. Das geschieht auch. Unser stellvertretender Minister für die Region war kürzlich in Riad. Wir glauben, dass wir das intensivieren können, zum Vorteil von Iran und Saudi-Arabien und der ganzen Region.

Das Interview führte Susanne Koelbl

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insgesamt 14 Beiträge
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Seite 1
Sabi 08.11.2014
1. Staat
Der Herr vergisst geflissentlich, dass der erste islahmische Staat, eben die sogenannte islamische Republik Iran war, Keimzelle des Islamisums-Terrorismusin der Welt.
hdwinkel 08.11.2014
2. Finanzkrieg
In Telepolis stand vor kurzem, warum die Inflation im Iran so hoch ist, sehr lesenswert und sollte eigentlich im SPON erscheinen: "Jim Rickards: Nun ja, ich hoffe vor allem, dass sie verstehen werden, dass wir uns heute genau genommen in einem Krieg befinden. Es ist kein Krieg, in dem geschossen wird, sondern es ist ein globaler Finanzkrieg, der sich vor all unseren Augen abspielt. Wir befinden uns in einer ganzen Reihe von Finanzkriegen. Einer dieser Kriege wird schon lange mit dem Iran geführt. Und ein weiterer, nämlich der mit Russland, entwickelt sich gerade in Echtzeit." http://www.heise.de/tp/artikel/43/43235/1.html So unsymphatisch dieses Mullahregime auch ist. Einen (Finanz-)Krieg kann man auch verlieren, beide Seiten. Zumal der Gegner sich grade organisiert, siehe BRICS, siehe Shanghai-Konferenz usw. Der Dollar ist nicht gottgegeben und auch zu SWIFT lassen sich Alternativen nicht nur vorstellen, sondern sind in Arbeit. Verlierer könnten wir Europäer sein, verspieltes Vertrauen kehrt nicht so leicht zurück.
KerKaraje 08.11.2014
3. Ja und?
Zitat von SabiDer Herr vergisst geflissentlich, dass der erste islahmische Staat, eben die sogenannte islamische Republik Iran war, Keimzelle des Islamisums-Terrorismusin der Welt.
Sorry, aber "und"? Erstens ist der Iran sicher weder der Erfinder des nahöstlichen Terrorismus noch speziell die "Keimzelle" des Islamismus. Israelischen Historikern und Medien zufolge war Israel lange vor Entstehen der islamischen Republik Opfer von islamistischem Terror. Israel selbst ist schon seit den 1940ern Praktikant von Terrorismus. Davon zeugen diverse verheerende Attentate gegen die einstige britische Mandatsmacht, gegen Vertreter des ehemaligen Völkerbundes bis hin zu den bekannten Massakern in Deir Yassin bis Sabra und Shatila, Qana, etc. Ihr Verweis auf die vermeintliche Terrorhistorie des Iran ist aber auch aus anderem Grund falsch und irrelevant. Meinen Sie etwa, Deutschland dürfte "das Maul nicht aufreissen", weil man ja immerhin den Holocaust zu verantworten hätte. Sollen die Franzosen "die Fresse halten", weil sie noch in den 1960ern in Algerien eine Million Menschen töteten? Die verheerendsten und tödlichsten Verbrechen gegen Zivilisten sind von den vermeintlich zivilisierten Nationen des Westens begangen worden, also jenen, die meinen anderen vorschreiben zu müssen, was diese zu tun hätten. Gibt es grössere Verbrechen als der Abwurf einer Atombombe, der massenhafte Einsatz von Napalm Phosphor und Agent Orange, heftiger Artilleriebeschuss mit DU-Munition auf eine mittelgrosse Stadt, Sanktionen die eine Million Opfer verursachen? All das ist von den USA begangen worden, mit tatkräftiger Unterstützung der westlichen Länder im Sicherheitsrat der UN. Sorry, aber der Iran hat weit weit weniger Dreck am Stecken als die westlichen Länder, die auf der anderen Seite des Verhandlungstisches sitzen.
Moewi 08.11.2014
4.
Zitat von SabiDer Herr vergisst geflissentlich, dass der erste islahmische Staat, eben die sogenannte islamische Republik Iran war, Keimzelle des Islamisums-Terrorismusin der Welt.
Man sollte aber auch die Vorgeschichte nicht vergessen. Es gab einen Grund für das Umkippen, und da spielt der Westen eine nicht geringe Rolle.
InesH 08.11.2014
5. Daneben!
Zitat von SabiDer Herr vergisst geflissentlich, dass der erste islahmische Staat, eben die sogenannte islamische Republik Iran war, Keimzelle des Islamisums-Terrorismusin der Welt.
Der erste islamische Staat war Pakistan, dies nur am Rande. Atommacht übrigens, ohne Anerkennung des Atomwaffensperrvertrages. Ansonsten - ein Halb-Mullah-Staat behagt mir auch nicht, aber damit muss man leben. In den letzten Jahrzehnten hat Iran niemanden angegriffen, ist aber angegriffen worden. Sei es der Irak-Iran-Krieg, sei es massivste Sabotage, sei es der Mord an Wissenschaftlern, suchen Sie sich was aus. Der sogenannte *Westen* hatte überall seine Finger mit drin. Bei der Installation der Mullahs ja wohl auch. Nun ist in Iran ein etwas gemäßigterer Politiker an der Macht, wenn man von Macht reden mag. Den durchgeknallten Ex- Bau-Ingenieur vorher mochte wirklich niemand gerne, trotz der bekannten und provozierten Übersetzungsfehler. Und dieser Neue soll keine Chance bekommen? Deutschland hatte wenige Jahre nach dem Holocaust die Möglichkeit, wieder in die Staatengemeinschaft aufgenommen zu werden - und Iran hat sich völkermordstechnisch und außenpolitisch nichts zuschulden kommen lassen. Niemals. Er ist keine Demokratie, so wie wir sie gerne hätten, aber das mit dem Demokratie-Export ist so eine Sache... Denken Sie an die Türkei, da wird der Völkermord an den Armeniern immer noch geleugnet, denken Sie an China, da sind die Westen blütenrein trotz Kulturrevolution und dem Platz des himmlischen Friedens. Ich könnte die Liste noch weiter fortsetzen, die mit den diversen Leichen in diversen Kellern - aber das bringt nichts. Iran hat eine Chance verdient. Wir hatten sie auch. LG InesH
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