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Atomprogramm: Israel und Iran steuern auf gewaltsamen Konflikt zu

Von , Jerusalem

Einen Gegner mit Atomwaffen wird man nicht dulden: Besorgt beobachtet Israel, dass Iran erfolgreich an Trägerraketen für nukleare Sprengköpfe arbeitet. Wenn die USA und Europa nicht helfen, wird Jerusalem das Problem allein lösen.

Jerusalem - Europas Bewunderung für Mohamed ElBaradei, den Chef der Internationalen Atomenergie-Behörde, konnten die Israelis noch nie verstehen. Nicht vor drei Jahren, als der Ägypter vom norwegischen Komittee mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet wurde, und nicht jetzt, wo ElBaradei öffentlich für ein "Geschäft" zwischen dem Westen und Iran plädiert. ElBaradei sei "ein iranischer Agent bei den Vereinten Nationen", schrieb der israelische Wohnungsbauminister, Seev Boim, jetzt in einem Brief an Premierminister Ehud Olmert - und sprach damit aus, was viele seiner Landsleute denken.

Iranische Atomanlage in Buschehr: Teheran bastelt mit großen Fortschritten an Trägerraketen für einen nuklearen Sprengkopf
AFP

Iranische Atomanlage in Buschehr: Teheran bastelt mit großen Fortschritten an Trägerraketen für einen nuklearen Sprengkopf

Im Prinzip verkörpert ElBaradei alles, was Israel dem Westen in Sachen Iran vorwirft: Beschwichtigung, Gutgläubigkeit und ein unerschütterlicher Glaube an das Mittel der Diplomatie. In Jerusalem hat man zunehmend den Eindruck, im Kampf gegen das iranische Atomprogramm allein dazustehen.

Da ist zum einen die internationale Sanktionspolitik. Die Israelis können nicht verstehen, warum europäische Firmen noch immer Geschäfte mit Iran machen dürfen. Selbst wenn die Uno-Resolutionen nur einen kleinen Teil des Handels einschränken, warum verschärfen einzelne Staaten nicht von sich aus den Boykott?

"Wir müssen das iranische Problem allein lösen"

Die Kritik zielt auch gegen Deutschland. Die Sicherheit Israels sei "niemals verhandelbar", sagte Bundeskanzlerin Angela Merkel im Frühjahr in ihrer Rede vor der israelischen Knesset. Längst gelten ihre Worte als leeres Versprechen. "Ich bin von Angela Merkel enttäuscht", sagt ein israelisches Kabinettsmitglied und fühlt sich bestätigt, "dass wir das iranische Problem allein lösen müssen".

Vieles spricht dafür, dass sich der Konflikt zwischen Israel und Iran 2009 zuspitzen wird. Da ist zum einen die Tatsache, dass George W. Bush aus dem Amt scheidet: Ihm hätte Jerusalem zugetraut, einen Militärschlag gegen die iranischen Atomanlagen zu autorisieren. Barack Obama aber, sein designierter Nachfolger als US-Präsident, kündigte vergangenen Sonntag direkte Verhandlungen mit Teheran an. Ein Fehler, meint nicht nur der israelische Kommentator Boaz Bismuth: Erst hätten die USA dem Schiiten-Regime in Iran die Arbeit abgenommen, indem sie die verhassten sunnitischen Regime der Taliban in Afghanistan und von Saddam Hussein im Irak in die Flucht schlugen, lästert Bismuth. Und jetzt würde Iran auch noch mit direkten Gesprächen belohnt.

Während Obama der Diplomatie eine neue Chance gibt, zeichnet sich in Israel ein Wahlergebnis ab, das die Region einem Krieg näher bringt. Alle Umfragen sehen zurzeit die rechtsnationale Likud-Partei und ihren Chef Benjamin Netanjahu als Sieger der Parlamentswahlen am 10. Februar. "Bibi" selbst hat Irans Präsidenten Mahmud Ahmadinedschad mit Adolf Hitler verglichen. Zu seinen Kandidaten für die Knesset gehören Leute wie der ehemalige Generalstabschef Mosche Yaalon, der neulich ein Attentat auf Ahmadinedschad als Option bezeichnet hat.

Dass die Israelis im Nahen Osten keinen Nachbarn mit Atomwaffen dulden, demonstrierten sie im September 2007. In einer präzise geplanten Nachtaktion zerstörten sie in Nordsyrien einen mutmaßlichen Reaktor, der wohl mit iranischem Geld und nordkoreanischer Technologie gebaut wurde. Dass die iranischen Atomanlagen auf mehrere Orte verstreut und teilweise unterirdisch liegen, bereitet der israelischen Luftwaffe offenbar keine Probleme. "Das ist weder eine technische noch eine logistische Frage", bestätigte Luftwaffenchef Ido Nehuschtan, vor einigen Wochen dem SPIEGEL.

Eine gute und eine schlechte Nachricht vom Geheimdienst

Von den israelischen Geheimdiensten kommen zwei Nachrichten. Eine "gute" und eine "schlechte", könnte man sagen. Die "schlechte" Nachricht ist, dass die Iraner ihre Trägerraketen für einen nuklearen Sprengkopf mit großen Fortschritten entwickeln. Die "gute" Nachricht lautet: Bei der Entwicklung der Bombe selbst kommt es zu Verzögerungen.

Der Grund dafür könnte nicht zuletzt in Israel zu suchen sein. Computerpannen und andere Unfälle sind äußerst effektive, aber sehr schlecht nachweisbare Sabotageakte. In seinem Buch "The Secret War with Iran" berichtet der israelische Geheimdienstexperte Ronen Bergman von einer Explosion in der syrischen Giftgas-Fabrik al-Safir am 25. Juli 2007. 15 Syrer und zehn Iraner sollen dabei getötet worden sein, Dutzend weitere starben später an Vergiftungen. Sybillinisch nannte ein israelischer Minister die Explosion "ein wundervolles Missgeschick".

Im Fall Iran lag das Missgeschick allerdings mehr auf der Seite der Saboteure. Ende November wurde in Iran Ali Ashtari gehängt. Teheran warf dem Elektronikexperten unter anderem vor, Geräte an Militär- und Forschungseinrichtungen geliefert zu haben, die der Mossad vorher verwanzt hatte. Offiziell äußert sich die Regierung in Jerusalem nicht zu dem Fall. Spionage-Experte Bergman aber bestätigt, dass der Mossad seine Arbeit in den vergangenen Jahren ganz auf Iran konzentriert hat. Die Enttarnung Ashtaris sei ein "schwerer Rückschlag", sagt Bergman, zeige aber zugleich, "wie weit die Infiltrierung vorangeschritten ist".

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