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Atomstreit: "Bei einem Angriff wird Iran die Bombe erst recht bauen"

Der Bericht der IAEA zum Teheraner Atomprogramm hat die Fronten zementiert: Sowohl Iran als auch der Westen sehen sich in ihren Positionen bestätigt: Iran-Experte Johannes Reissner erklärt im SPIEGEL-ONLINE-Interview, warum er einen Militärschlag gegen das Mullah-Regime für kontraproduktiv hält.

SPIEGEL ONLINE: Herr Reissner, nachdem die Atomaufsichtsbehörde IAEA ihren Bericht zum Atomprogramm Irans veröffentlicht hatte, verlautete aus hohen Uno-Kreisen, Teheran habe derzeit 3000 Zentrifugen zur Anreicherung von Uran in Betrieb. Demnach könnte das Land binnen eines Jahres eine Atombombe bauen. Ist es nicht höchste Zeit, Irans Präsidenten Mahmud Ahmedinedschad zu stoppen?

Ahmadinedschad: "Der große Stimmungsmacher"
DPA

Ahmadinedschad: "Der große Stimmungsmacher"

Reissner: Erstens steht das so nicht in dem Bericht - es ist von 18 Kaskaden die Rede, was ungefähr darauf hinausläuft - und es ist unter Experten umstritten, ob die Zentrifugen ausreichend einwandfrei funktionieren, um den Bau einer Bombe in diesem Zeitraum wirklich zu ermöglichen. Zweitens muss man sich klar machen, dass Ahmedinedschad zwar Staats- und Ministerpräsident ist, aber nicht die entscheidende Befehlsgewalt darüber hat, was mit dem Atomprogramm geschieht. Das ist Sache des Revolutionsführers und des obersten nationalen Sicherheitsrats. Ahmedinedschad ist der große Stimmungsmacher, aber nicht derjenige, der die Entscheidungen trifft.

SPIEGEL ONLINE: So oder so: Es wäre eine Atombombe in Händen des Mullah-Regimes.

Reissner: Wie wollen Sie das stoppen? Wollen Sie wirklich einen Militärschlag führen?

SPIEGEL ONLINE: Der frühere US-Botschafter bei der Uno, John Bolton, hat jetzt gefordert, die militärische Option weiter zu verfolgen, solange ein Regime-Change in Iran nicht möglich ist.

Reissner: Wer ist denn heute noch Herr Bolton...

SPIEGEL ONLINE: Auch Kräfte in Israel drängen auf eine militärische Lösung.

Reissner: Es gibt diese Kräfte. Aber es gibt jetzt auch Stimmen in Israel, die fordern, das Land müsse sich auf die Situation einstellen, dass Teheran Nuklearwaffen hat. Und es gibt Kräfte in Israel, die sagen, ein Militärschlag löse das Problem nicht.

SPIEGEL ONLINE: Haben die Hardliner Recht, wenn sie einen Angriff für unumgänglich halten?

Reissner: Militärexperten sagen eindeutig, dass man mit einem Angriff den Bau der Bombe verschieben, aber nicht endgültig verhindern könne. Bei einem Angriff ist damit zu rechnen, dass die Iraner dann erst recht – und zwar heimlich – eine Atombombe bauen werden.

SPIEGEL ONLINE: Immerhin wäre das iranische Nuklearprogramm möglicherweise um Jahre zurückgeworfen.

Reissner: Die Amerikaner wären zwar in der Lage, in wenigen Tagen in Iran sehr viel kaputt zu bomben. Doch dann hätten sie im Nahen und Mittleren Osten das pure Chaos. Ich halte dieses Gerede vom Kriegführen wie etwa vom französischen Präsidenten Sarkozy für leichtfertig. Wie der Nahe und Mittlere Osten nach einem Militärschlag aussehen würde, kann sich keiner ausmalen. Die Amerikaner wären nicht in der Lage, dieses Chaos in den Griff zu kriegen. Allein oder mit anderen.

SPIEGEL ONLINE: Das alternative Szenario könnte so aussehen: Iran greift – wie angekündigt – Israel an.

Reissner: Das ist keinesfalls auszuschließen. Doch noch sind wir auf dem Verhandlungsweg, um dies zu verhindern. US-Präsident Bush hat gerade gegenüber Kanzlerin Merkel klar gemacht, dass er diesen Weg gehen will. Es hat auch keinen Sinn, auf der einen Seite Sanktionen zu fordern und gleichzeitig die eigene Sanktionspolitik permanent zu unterminieren, indem man doch nur vom Krieg redet.

SPIEGEL ONLINE: Die Atomaufsichtsbehörde hat in ihrem Bericht gewürdigt, Iran habe die Transparenz seines Programms verbessert. Warum wird das so stark gewichtet? Wäre eine "transparente A-Bombe" ein wirklicher Fortschritt?

Reissner: Noch gehört Iran zu den Unterzeichnern des Atomwaffensperrvertrags. Transparenz ist wichtig, um kontrollieren zu können, ob Iran seinen Verpflichtungen als Unterzeichner nachkommt. Der IAEA-Bericht sagt, es gebe zwar eine verbesserte Kooperation seitens Iran, jedoch sei die Zusammenarbeit noch nicht gut genug. Daher haben Frankreich, Großbritannien und die USA zehn Seiten mit Zusatzfragen an Iran formuliert.

SPIEGEL ONLINE: Kurz vor der Veröffentlichung des IAEA-Berichts hat Iran der Behörde einen Bauplan zur Herstellung von Atomwaffen-Bauteilen übergeben. Es handelt sich dabei um eine veraltete Anleitung zur Beladung von Gefechtsköpfen mit radioaktivem Uran. Ist das nicht ein Eingeständnis dafür, dass Teheran entgegen seiner Beteuerungen an der Atombombe baut?

Reissner: Man kann sicher davon ausgehen, dass von iranischer Seite das Interesse besteht, die Kapazität für den Bau einer nuklearen Bombe zu haben. Allein weiterführend aber ist die Frage: Wo stehen wir heute? Und da ist mit dem IAEA-Bericht zu sagen: Wir wollen mehr Transparenz. Und wir wollen, dass Iran die Verpflichtungen des Zusatzprotokolls einhält. Und wir wollen, dass Iran nicht nur reaktiv mit der IAEA zusammenarbeitet, sondern auch proaktiv. Die Spekulationen darüber, ob Iran die Bombe will oder nicht, führen nicht zu völkerrechtlich relevanten Informationen.

SPIEGEL ONLINE: Die IAEA lobt die gestiegene Kooperationsbereitschaft Irans. Wird eine Verschärfung der Sanktionen, wie von den USA, Großbritannien und Frankreich gefordert, damit unwahrscheinlicher?

Reissner: Ich halte schärfere Sanktionen immer noch für möglich, jedoch nicht in dem Ausmaß, wie dies Paris, London und Washington fordern. Man sollte sich dabei im Klaren sein: Sanktionen brauchen Zeit, bis sie zu wirken beginnen. Eine gewisse Wirkung zeigen sie schon: Die nukleare Frage und die Sanktionen sind jetzt in Iran Gegenstand offener Diskussionen, auch im Parlament.

Das Interview führte Alexander Schwabe

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