Atomstreit EU und USA drohen Iran mit Weltsicherheitsrat

Heute berät die Internationale Atomenergie-Behörde über das umstrittene iranische Atomprogramm. Die EU und die USA haben den Druck auf Teheran erhöht. Sollten die Mullahs keine Kompromissbereitschaft zeigen, werde man den Weltsicherheitsrat anrufen.


Wien - Die Vertreter der Europäischen Union und der USA hatten gestern die Haltung Irans ungewöhnlich scharf kritisiert und Teheran erneut mit einer Anrufung des Weltsicherheitsrates gedroht. Dennoch soll in Zusammenarbeit mit Russland zunächst ein neuer diplomatischer Versuch unternommen werden, um Iran von der angestrebten Urananreicherung im eigenen Land abzubringen.

"Das Fenster für die Diplomatie ist noch offen, aber nicht mehr lang", warnte der britische Botschafter bei der Internationalen Atomenergie-Behörde (IAEO), Peter Jenkins. "Wir drängen Iran, den russischen Vorschlag anzunehmen." Dieser Vorschlag besteht in einer Zusammenarbeit bei der Urananreicherung. Wann das Fenster für die Diplomatie geschlossen werde, wollte Jenkins nicht sagen. "Das dauert sicher kein Jahr", sagte er. Washingtons Botschafter Greg Shulte sagte, man werde die iranischen Verstöße gegen den Atomwaffensperrvertrag an den Sicherheitsrat melden, "aber wir wählen den Zeitpunkt."

Der russische Gesandte, Gregori Berdennikow, erklärte, dass sein Land zu einer umfassenden Zusammenarbeit mit Iran bereit sei, "um die Lieferung von Brennstäben für iranische Kernkraftwerke zu garantieren". Teheran würde das russische Angebot "unter bestimmten Bedingungen" akzeptieren. Allerdings müsse das verbriefte Recht des Landes auf die friedliche Nutzung der Kernenergie und die Produktion von atomarem Brennstoff anerkannt werden, sagte der iranische Vertreter, Javad Vaeidi.

Jenkins bestätigte, dass es bei den möglicherweise noch im Dezember beginnenden Gesprächen vor allem um den russischen Vorschlag gehe. Der Westen fordert von Iran einen Verzicht auf die Urananreicherung, weil hoch angereichertes Uran auch zum Bau von Atomwaffen verwendet werden kann. Vor allem die USA verdächtigen Teheran, insgeheim an der Entwicklung von Atomwaffen zu arbeiten. Iran hat das stets zurückgewiesen.

Die EU und die USA warfen Iran erneut vor, Informationen über sein 18 Jahre lang geheim gehaltenes Atomprogramm zurückzuhalten. Besonders besorgt zeigten sich Sprecher auch anderer Mitgliedsländer, dass Teheran bereits seit den achtziger Jahren im Besitz von Anleitungen für den Bau von Atombomben-Teilen war.

Iran hat die Bedeutung der übergebenen Baupläne für Teile einer Atombombe heruntergespielt. Die in der vergangenen Woche der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEA) ausgehändigten Pläne seien im Internet abrufbar, sagte der iranische Botschafter. "Die in den anderthalb Seiten enthaltene Information ist nicht sehr anspruchsvoll und leicht in öffentlich zugänglicher Literatur und im Internet zu entdecken", sagte der iranische IAEA-Botschafter Mohammed Mehdi Achunsadeh dem IAEA-Direktorium.

Experten bestreiten dies und bezeichneten die Informationen als streng geheim. "Die iranische Erklärung ist lächerlich und nicht glaubhaft. Das sind Geheiminformationen", sagte ein Nuklear-Spezialist der Umweltschutzorganisation Greenpeace. Ein europäischer Diplomat erklärte zudem, das Internet habe zu der Zeit, in der Iran die Informationen erhielt, noch gar nicht existiert. Auch US-Botschafter Shulte erklärte, der Plan stamme nicht aus dem Internet sondern von einem Netzwerk für Atomwaffen.



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