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27. Juli 2008, 08:41 Uhr

Atomstreit mit Iran

"Ein Zwischenfall reicht für eine Eskalation"

Im Atomstreit mit Iran gibt es keine Fortschritte, aber immer neue Prophezeiungen über einen Militärschlag. Im Interview mit SPIEGEL ONLINE plädiert der Sicherheitsexperte Sami al-Faraj für schärfere Sanktionen und beschreibt das strategische Denken Teherans.

SPIEGEL ONLINE: Herr al-Faraj, wie wahrscheinlich ist ein Angriff auf Irans Nuklearanlagen durch Israel oder die USA innerhalb des nächsten halben Jahres?

Al-Fajr: Innerhalb eines Worst-Case-Szenarios: eher wahrscheinlich.

SPIEGEL ONLINE: Und was würde danach passieren, wie würde Iran zurückschlagen?

Al-Faraj: Es gibt zwei Theorien für einen möglichen Angriff. Die erste ist, dass man zuschlägt – und dann abwartet, ob und wie Iran reagiert. Wenn Iran reagiert, würde es dann umgehend einen zweiten, härteren Schlag geben. Die zweite Theorie geht von einem einzigen und sehr umfassenden Angriff aus. Entscheidend ist, ob im Zuge des Angriffs Signale gesandt werden, dass das iranische Regime gestürzt werden soll. Wenn nicht, dann glaube ich, dass Iran sich auf symbolische Vergeltungsschläge beschränken würde. Das können vereinzelte Anschläge im Ausland sein oder auch eine Truppenverlegung an die irakische Grenze. Die Iraner werden aber nicht ohne weiteres mit allem zurück schlagen, was ihnen zur Verfügung steht. Teheran dürfte kein Interesse daran haben, eine Situation heraufzubeschwören, in der die Gegenseite wiederum die Kontrolle an sich reißen müsste.

SPIEGEL ONLINE: Aus Sicht der Staaten des Golfkooperationsrates: Wären die Folgen eines Angriffs auf den Iran oder ein nuklear bewaffneter Iran schlimmer?

Al-Faraj: Ein nuklear bewaffneter Iran wäre schlimmer. Im Moment gibt es eine Machtbalance im Golf, die trotz aller Kriege in der Region den Frieden am Golf bewahrt hat. Sie ist also sinnvoll. Und sie beruht darauf, dass Iran die Dominanz auf See hat, Irak auf dem Land und die Golfstaaten in der Luft. Angesichts der gegenwärtigen Lage im Irak ist der einzige Ausweg, dass die US-Truppen im Irak bleiben, um die Balance zu halten. Bis Irak seine eigenen Fähigkeiten wieder gewonnen hat, können wir nicht zulassen, dass Iran seine Einflusssphäre ausdehnt.

SPIEGEL ONLINE: Würden die GCC-Staaten einen Angriff auf Iran offen unterstützen oder nur stillschweigend?

Al-Faraj: Das kommt auf die genaue Operation an. Und darauf, ob Iran gegen uns Vergeltung übt.

SPIEGEL ONLINE: Iran und die EU verhandeln derzeit wieder, und nichts deutet auf einen Durchbruch hin. Sollte es weiterhin Verhandlungen geben?

Al-Faraj: Ja, und zwar bis zur letzten Minute, aber gepaart mit schärferen Sanktionen. Und das betrifft nicht nur die EU. Denn Iran hat über 200 Milliarden Dollar allein in den Golfstaaten investiert. Wir, der Golfkooperationsrat, könnten ihnen wirklich Weh tun, indem wir zum Beispiel keine Arbeitserlaubnisse für Iraner mehr ausstellen oder den Güterverkehr einschränken. Auch China und Russland haben bei uns Interessen, und wir könnten deshalb sogar Druck auf diese beiden Mächte ausüben, in der Iran-Frage an Bord zu bleiben.

SPIEGEL ONLINE: Sie plädieren also für mehr Kooperation zwischen GCC und EU?

Al-Faraj: Ich rede über einen völlig neuen Ansatz: eine konzertierte Aktion. Die USA könnten mit den Muskeln spielen, Israel könnte weiterhin gegen Hisbollah, Syrien und Iran drohen, die EU lässt weiterhin Javier Solana verhandeln, die Uno verabschiedet Resolution – und die Staaten des Golfkooperationsrates setzen eigene Sanktionen durch.

SPIEGEL ONLINE: Viele Analysten sind der Ansicht, dass Iran nur schwer von Außen zu durchschauen ist. Teilen Sie diese Einschätzung?

Al-Faraj: Das ist Absicht, und zwar seit der Zeit von Ayatollah Khomeini. Die Spitze des Regimes besteht aus seinen Schülern. Schiitische politische Theologie geht jedoch von einer Grundannahme aus: dass der Staat weiter bestehen muss. Deshalb bietet Iran nur ungern, ganz anders als der Irak Saddam Husseins, Anlass für Strafaktionen. Aber es kann natürlich trotzdem sein, dass einzelne Führer in der gegenwärtigen Situation Panik bekommen und überreizen. Das macht mir Sorge.

SPIEGEL ONLINE: Was genau meinen Sie damit?

Al-Faraj: Iran hat sich in einer Art und Weise militärisch positioniert, dass schon ein Zufall ausreicht, um eine Eskalation herbei zu führen. Das ist besorgniserregend. Ich persönlich bin für schärfere Sanktionen, um Krieg zu verhindern. Diese müssen spürbar sein. Aber sie bergen auch Risiken. Wenn man etwa eine Quarantäne-Zone im Golf festlegen würde, die zu befahren man Iran untersagt, würde das den Einsatz von Streitkräften des Golfkooperationsrates nötig machen. Und das würde uns zum ersten Mal in direkten Kontakt mit Iran bringen. Ein Szenario wäre, dass übereifrige iranische Schnellbootkommandeure auf fremde Schiffe schießen, wie es schon einmal vorkam. Wir haben zwar bessere Waffensysteme, aber so ein Vorfall könnte zu einer Eskalation führen.

SPIEGEL ONLINE: Ein bewaffneter Konflikt kann also auf zwei Wege ausbrechen: Mit einem Angriff auf Nuklearanlagen – oder durch einen unbedachten Zwischenfall?

Al-Faraj: Wir wissen nicht genau, wie die iranische Führung auf Krisen reagiert. Aber wir hoffen, dass die Dummen ausreichend unter Kontrolle sind – auf beiden Seiten.

Das Interview führten Matthias Gebauer und Yassin Musharbash

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