Uno-Rede gegen Iran Netanjahus Bomben-Show verschafft den Diplomaten Zeit

In der Mitte seiner Rede zog er eine Cartoon-Bombe und einen roten Stift hervor: Mit einem denkwürdigen Auftritt vor der Uno hat Israels Premier Netanjahu vor einer Atommacht Iran gewarnt. Zugleich verlängerte er die Frist für eine friedliche Lösung bis nach der US-Wahl, Barack Obama kann aufatmen.

Von , New York


Nikita Chruschtschow schlug mit dem Schuh auf seinen Tisch. Colin Powell hielt eine "Anthrax-Ampulle" hoch, Henry Cabot Lodge ein verwanztes US-Siegel. Muammar al-Gaddafi schmiss mit einer Uno-Charta um sich.

Schon viele Staatsmänner haben ihre Auftritte vor den Vereinten Nationen mit Requisiten illustriert. Benjamin Netanjahu ließ sich am Donnerstag etwas Neues einfallen, um zu unterstreichen, wie ernst er es meint mit seiner Warnung vor einer Atommacht Iran.

Gegen Mitte seiner 32-minütigen Rede vor der Uno-Vollversammlung zauberte Israels Premier ein Pappplakat hervor und klappte es auf. Darauf gemalt waren die Umrisse einer Bombe, rund wie in einem Comic, mit brennender Lunte. Links waren drei Phasen markiert, analog zu den Phasen des iranischen Atomprogramms.

Dann zückte Netanjahu einen fetten Filzstift und markierte die sprichwörtliche "rote Linie", ab der die Produktion einer Atombombe in Iran nicht mehr zu stoppen sei und Israel militärisch eingreifen müsse. "Eine rote Linie sollte direkt hier gezogen werden", sagte er. "Bevor Iran die zweite Phase abschließt." Will heißen: spätestens im Sommer kommenden Jahres.

Wahlweise verblüfft oder fasziniert ließen die Diplomaten im Plenum ihre Handy-Kameras klicken. Unberührt davon, dass Atombomben keine Lunten haben: Es war in der Tat eine Szene mit hohem Symbolwert - dramatisch, einprägsam, unvergesslich. Sie sicherte Netanjahu wohl die Titelfotos vieler Zeitungen.

Ob allein das ihm aber auch die Unterstützung der Weltgemeinschaft sichert, bleibt offen.

Netanjahu war nach New York gekommen, um die Uno - allen voran die USA - zu drängen, im Iran-Atomstreit an Israels Seite besagte "rote Linie" zu ziehen. Jenen Moment, ab dem die Diplomatie endet und das Militär übernimmt. Jenes Ultimatum, um das sich US-Präsident Barack Obama in seiner Uno-Rede am Dienstag gewunden hatte: Noch gebe es "Zeit und Raum" für eine friedliche Lösung - auch wenn diese Zeit "nicht unbegrenzt" sei.

Kompromiss zwischen den Zeilen

In seiner Rede zeichnete Netanjahu erstmals einen präzisen Ablauf aus Israels Sicht. "Die relevante Frage ist nicht, wann Iran die Bombe bekommt", erklärte er mit ruhiger Stimme. "Sondern ab welchem Stadium wir Iran nicht länger davon abhalten können, die Bombe zu bekommen."

Iran sei bei diesem Bestreben weit vorangekommen, sagte er. "Im kommenden Frühjahr, spätesten kommenden Sommer" werde es die zweite Phase der Urananreicherung abschließen - jene "rote Linie", ab der es kein Zurück mehr gebe. "Danach dauert es nur noch ein paar Monate, möglicherweise sogar Wochen, bis sie genug angereichertes Uran für die erste Bombe haben."

Trotz aller apokalyptischen Szenarien bot Netanjahus scharfe Rede zwischen den Zeilen auch einen Kompromiss: Er schob besagte "rote Linie" zumindest bis nach den US-Wahlen hinaus, weit ins nächste Jahr hinein. Bis dahin dürfte sich, in den USA jedenfalls, die politische Gemengelage herausgebildet haben.

"Ich weiß die Haltung des Präsidenten sehr zu schätzen", lobte Netanjahu Obama, allen jüngsten Kontroversen zum Trotz. Was US-Kommentatoren schnell spekulieren ließ: Dies könnte vielleicht auch damit zu tun haben, dass sich Obamas Wahlumfragen verbessert hätten - Netanjahu rechne wohl damit, auch über 2012 hinaus mit Obama zu tun zu haben.

"Es scheint, als werde Netanjahus Iran-Politik Obama-freundlicher", schlussfolgerte der iranisch-israelische Dozent Meir Javedanfar in der "New York Times". Das "Wall Street Journal" zitierte einen arabischen Regierungsbeamten: "Ich glaube nicht mehr, dass wir vor November noch einen Angriff sehen werden."

Netanjahu sieht Iran als größte Bedrohung der Menschheit

Netanjahu würde Obama so eine böse "Oktober-Überraschung" ersparen - er hätte damit die Zeit für diplomatische Bemühungen verlängert. Noch am Donnerstag berieten die Außenminister der fünf ständigen Mitglieder des Sicherheitsrats und Deutschland (P5+1) hier über Wege, die Gespräche neu zu starten. "Wir wollen eine diplomatische Lösung", sagte Bundesaußenminister Guido Westerwelle in New York. "Sie ist noch möglich. Ein Spielen auf Zeit darf es nicht geben."

Die USA bestreiten Netanjahus Zeitrechnung nicht, aber sein Fazit sehr wohl: Iran könnte eine Bombe kaum heimlich bauen. Dem widersprach Netanjahu: "Wollen wir die Sicherheit der Welt riskieren in dem Glauben, dass wir in einem Land, das halb so groß ist wie Europa, eine kleine Werkstatt rechtzeitig finden können?"

Wie schon so oft skizzierte Netanjahu die Horrorvorstellung einer Atommacht Iran als größte Bedrohung der Menschheit. Dass "ein nuklear gewaffneter Iran wie damals die Sowjetunion abgeschreckt werden könnte", sei eine "sehr gefährliche Annahme": "Militante Islamisten sind nicht das Gleiche wie säkulare Marxisten."

Vor allem aber stehe Israels Existenz auf dem Spiel. Am Mittwoch hatte Irans Präsident Mahmud Ahmadinedschad in seiner letzten Rede vor der Uno gedroht, dass die Tage der "unzivilisierten Zionisten" gezählt seien.

Sanktionen, fuhr Netanjahu fort, hätten Irans Atomprogramm bisher nicht aufhalten können. Doch ein interner Bericht seines eigenen Innenministeriums, der am Donnerstag an die linksliberale israelische Zeitung "Haaretz" lanciert wurde, scheint dem zu widersprechen. Demnach hätten die Sanktionen die Wirtschaft Irans schwer getroffen, womöglich sogar die Stabilität der ganzen Regierung beeinträchtigt: "Eine weitere Sanktionsrunde ist notwendig."

"Du weißt wohl nicht, wie eine Atombombe aussieht?"

Seit längerem plädiert Netanjahu immer nachdrücklicher für einen israelischen Präventivschlag. Dies hatte er, unter anderem in Interviews, bis in den US-Wahlkampf getragen, Obamas Rivalen Mitt Romney hatte er in Israel wie einen offiziellen Staatsgast empfangen und damit auch Obama selbst vor den Kopf gestoßen.

Dieser ließ Netanjahu daraufhin am Rande der Uno-Generaldebatte abblitzen: Während er sprach, machte der US-Präsident Wahlkampf. An diesem Freitag will er aber mit ihm telefonieren. Den persönlichen Handschlag mit Netanjahu musste einstweilen US-Außenministerin Hillary Clinton übernehmen, die ihn am Donnerstagabend traf. "Sie versicherten einander erneut, dass die USA und Israel das gemeinsame Ziel haben, Iran daran zu hindern, Nuklearwaffen zu erlangen", zitierte die Nachrichtenagentur AFP US-Regierungskreise hinterher.

So oder so, Netanjahus Cartoon-Bombe dürfte in Erinnerung bleiben. In den USA ist das Echo auf die Zeichnung jedoch gespalten. Zeke Miller von der Website BuzzFeed sprach Netanjahu "cleveres Verständnis für das sich wandelnde Medienklima" zu. Jeffrey Goldberg ("Atlantic") dagegen sah Parallelen zum missratenen Auftritt Clint Eastwoods beim Republikaner-Parteitag: "Er machte ein ernstes Problem zum Witz." Und Comedian Jon Stewart verspottete Netanjahu in seiner "Daily Show": "Du weißt wohl nicht, wie eine Atombombe aussieht?"

Anmerkung der Redaktion: In einer erster Version des Artikels wurde ein Zitat Netanjahus falsch wiedergegeben. Im achten Absatz fehlten die Worte "nicht länger". Das korrekte Zitat lautet: "Die relevante Frage ist nicht, wann Iran die Bombe bekommt", erklärte er mit ruhiger Stimme. "Sondern ab welchem Stadium wir Iran nicht länger davon abhalten können, die Bombe zu bekommen." Wir bitten, den Fehler zu entschuldigen.



Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 86 Beiträge
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Seite 1
herr_kowalski 28.09.2012
1. was bitte ist denn an dieser albern
Zitat von sysopAFPIn der Mitte seiner Rede zog er eine Cartoon-Bombe und einen roten Stift hervor: Mit einem denkwürdigen Auftritt vor der Uno hat Israels Premier Netanjahu vor einer Atommacht Iran gewarnt. Zugleich verlängerte er die Frist für eine friedliche Lösung bis nach der US-Wahl, Barak Obama kann aufatmen. Atomstreit mit Iran: Netanjahus Rede vor der Uno verschafft Obama Zeit - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/ausland/atomstreit-mit-iran-netanjahus-rede-vor-der-uno-verschafft-obama-zeit-a-858441.html)
kindischen Show denkwürdig ? Sind wir tatsächlich schon so weit verblödet und brainwashed dass wir den Humbug ernst nehmen ??
WhereIsMyMoney 28.09.2012
2.
Die Amerikaner haben so einen Spruch - "you can't make this shit up". Und tatsächlich ist es so. Nichts ist witziger als die Realität. Ich denke mit diesem Auftritt löst Bibi den Bärtigen aus Teheran und Ghadafi (Auftritt mit der Waffe) ab, wenn es darum geht wer den schrägsten Auftritt bei der UN hingelegt hat.
quengelbengel 28.09.2012
3. ...wer weiß schon,...
was wirklich hinter allem steckt... die u-boote in kiel sind noch nicht fertig... vielleicht nächsten sommer? oder schon mal die börsen mit solchen drohungen einstimmen? wir werden nur die ergebnisse sehen...
expat62 28.09.2012
4. Witzfigur
Bibi hat sich laecherlich gemacht: Dagobert Duck gegen die Panzerknacker. Keiner wird ihn mehr ernst nehmen, ausser vielleicht Mitt Romney.
fredadrett 28.09.2012
5. Gleichgewicht
Wenn Iran die Bombe hätte würde Gleichgewicht in der Region entstehen und Israel müsste sich ernsthaft um Frieden bemühen.
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