Atomstreit: Spekulationen über US-Schlag gegen Iran

Planen die USA einen Raketenangriff auf Ziele in Iran? In Geheimgesprächen bereite Washington die Alliierten auf entsprechende Luftangriffe 2006 vor, verbreiten Agenturen heute. Vor allem im Nato-Land Türkei wird über einen Schlag gegen iranische Atomanlagen spekuliert.

Istanbul/Berlin - Die Nachricht platzte wie eine Bombe in die besinnliche Vorweihnachtsstimmung: Washington bereite engste Verbündete auf Luftangriffe gegen Iran vor. Das verbreitete heute der Deutsche Depeschendienst in einem Text des früheren "FAZ"-Redakteurs und Geheimdienstexperten Udo Ulfkotte - doch erhebliche Zweifel daran sind durchaus berechtigt.

Als Quelle gab der nicht unumstrittene Journalist Ulfkotte "westliche Sicherheitskreise" an, ohne jedoch spezifisch zu werden. Nach seinen Angaben soll CIA-Chef Porter Goss am Montag voriger Woche in der türkischen Hauptstadt Ankara Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan darum gebeten haben, die Luftangriffe auf iranische Nuklear- und Militäranlagen vor allem mit dem rückhaltlosen Austausch geheimdienstlicher Informationen zu unterstützen. Nach derzeitigem Stand seien die Angriffe für 2006 geplant.

In den vergangenen Wochen seien auch die Regierungen in Saudi-Arabien, Jordanien, Oman und Pakistan im Ansatz über die Militärpläne unterrichtet worden, so DDP weiter. Dabei seien die Luftangriffe als "mögliche Option" bezeichnet, ein konkreter Zeitpunkt jedoch nicht genannt worden.

CIA-Chef Goss soll türkischen Sicherheitsbehörden nun in Ankara auch drei Dossiers übergeben haben, von denen eines angeblich belege, dass Teheran mit der Terrororganisation al-Qaida kooperiere. Ein weiteres Dossier betreffe den Stand der iranischen Atom-Rüstung, hieß es. Nach Angaben aus deutschen Sicherheitskreisen hat Goss in Ankara zugesichert, die türkische Regierung wenige Stunden vor dem möglichen Luftangriff zu informieren und der Türkei schon jetzt "grünes Licht" dafür gegeben, an jenem Tag auch Lager der separatistischen PKK auf iranischem Gebiet anzugreifen - ein merkwürdiges "grünes Licht" allerdings, weil die PKK in Iran keine Militärbasen unterhält, sondern vor allem im Nordirak operiert.

Die mögliche Zuspitzung der Lage - so DDP weiter - hänge vor allem mit den jüngsten antisemitischen Ausfällen des iranischen Staatspräsidenten Mahmud Ahmadinedschad zusammen. Dessen scharfe Attacken auf Israel hätten die amerikanische Regierung in der Auffassung bestärkt, dass Teheran auch im Atom-Streit nicht einlenken werde und auf Zeit spiele. Die Nachrichtenagentur zitiert einen ranghohen deutschen Militär anonym mit den Worten: "Es würde mich sehr wundern, wenn die Amerikaner mittelfristig nicht die von Teheran gelieferte Vorlage nutzen würden. Die Amerikaner müssen Iran angreifen, bevor das Land Nuklearwaffen entwickelt hat. Danach wäre es zu spät."

Ob es US-Angriffspläne auf iranische Atomanlagen gibt, oder wie konkret sie sind, ist schwer einzuschätzen. Zuletzt hatte der amerikanische Enthüllungsjournalist Seymour M. Hersh im Januar 2005 im "New Yorker" darüber berichtet, dass in Iran geheime US-Kommandogruppen unterwegs seien, um militärische Ziele zu markieren.

Die Regierung Bush dementierte Hershs Bericht damals nicht. Sie spielte ihn nur herunter: Der Artikel wimmle "von falschen Aussagen", hieß es in Washington. Dass der Kern der Reportage falsch sei, wurde nicht dementiert. Bush selbst schob sogar explizit nach, er wolle "die Option Krieg" nicht ausschließen.

Luftschlag nach Neujahr?

Steht ein Militärschlag, möglicherweise sogar ein Krieg in der Region nun kurz bevor? In Berlin wird das Thema abmoderiert. Beim Antrittsbesuch des Verteidigungsministers Franz Josef Jung diese Woche bei Donald Rumsfeld in Washington sei ein möglicher US-Luftangriff auf Iran "kein Thema" gewesen, sagte ein Sprecher SPIEGEL ONLINE.

Doch die Spekulation über US-Schläge gegen Iran nimmt vor allem Bezug auf Ereignisse in der Türkei. Tatsächlich hat es in der vergangenen Woche einen mächtigen Auftrieb hochrangiger Sicherheitsleute aus den USA und von der Nato in Ankara gegeben. Im Abstand weniger Tage war erst der FBI-Chef, dann der CIA - Chef und zuletzt Nato Generalsekretär Scheffer in der Türkei. Nach ihrem Deutschlandbesuch reiste auch Condoleezza Rize in die Türkei.

Tatsächlich haben auch türkische Zeitungen im Zusammenhang mit diesen Besuchen spekuliert, dass ein Angriff auf Iran vorbereitet würde. Doch die Spekulationen in der Türkei basierten nicht auf harten Fakten. Im Anschluss an das Treffen von Porter Goss mit Tayyip Erdogan titelte die linksnationale Cumhuriyet: "Jetzt ist Iran dran". Belege: Keine.

Die Zeitung merkte aber an, dass das Treffen zwischen dem CIA-Chef und Erdogan ungewöhnlicherweise über eine Stunde gedauert habe, obwohl sich Goss vorher mit dem türkischen MIT-Chef (türkischer Geheimdienst) getroffen habe. Daraus wurde in der türkischen Öffentlichkeit geschlossen, dass es um etwas sehr Wichtiges gegangen sein müsse - genaue Angaben: Fehlanzeige. Fast alle Medien spekulierten aber vor allem darüber, dass Erdogan und Goss über eine gemeinsame Initiative gegen die PKK im Nordirak gesprochen haben könnten. Möglich, dass Goss als Gegenleistung türkische Geheimdienstinfos über Iran gefordert hat. Ein möglicher Luftangriff auf Iran würde sicher nicht vom türkischen Stützpunkt Incirlik ausgehen, es ist aber natürlich denkbar, dass die USA die Türkei vorab informiert haben, um deren Reaktionen zu testen.

Ankara ist skeptisch

Bisher stand die Regierung in Ankara militärischen Aktionen der USA in der Region skeptisch bis offen ablehnend gegenüber. Eine Offensive von US-Bodentruppen im Nordirak gegen das Saddam-Regime wurde im Frühjahr 2003 sogar von Ankara verhindert - das Fehlen dieser zweiten Front machte Donald Rumsfeld immer wieder für militärische Probleme im Irak verantwortlich.

Nun hielt sich der türkische Heereschef und voraussichtlich zukünftige Generalstabschef Yasar Büyükanit ebenfalls vor zwei Wochen in Washington auf. Danach erklärte er, die Beziehungen zwischen der türkischen Armee und der US-Armee seien wieder ausgezeichnet. Das ist deshalb bemerkenswert, weil Büyükanit zu den Scharfmachern im Kampf gegen die PKK gehört und in der Vergangenheit auch schon davon gesprochen hatte, selbst in den Nordirak einzumarschieren - falls die USA und die nordirakischen Kurden die PKK nicht daran hindern würden, vom Irak aus Anschläge in der Türkei zu verüben.

Die türkisch-iranischen Beziehungen sind seit langem unterkühlt. Teheran kritisiert seit Jahren, dass die Türkei gute Beziehungen zu Israel hat und sogar mit dem israelischen Militär kooperiert. Über die antiisraelischen Ausfälle von Ahmadinedschad ist in der Türkei dennoch nicht so intensiv berichtet worden wie in Deutschland - man hat eher den Kopf geschüttelt.

Ministerpräsident Erdogan hat allerdings erst jüngst seinen israelischen Kollegen Ariel Scharon angerufen und ihm zu seiner Genesung gratuliert - der lange eher verhaltene Kontakt Erdogans zu Scharon ist in letzter Zeit enger geworden. Scharon hatte vor kurzem erklärt, im Zweifel auch allein gegen die nuklearverliebten Mullahs losschlagen zu wollen.

Trotzdem hat sich die türkische Regierung wiederholt gegen militärische Aktionen gegen Iran und auch gegen Syrien ausgesprochen. Denn zu mindestens in der Kurdenfrage sind sich die Türkei, Syrien und Iran einig, dass es kein unabhängiges Kurdistan im Nordirak geben darf. Eine Interessenallianz in dieser Frage scheint es zwischen Washington und Ankara also nicht zu geben. Dennoch: Wenn die USA einen Raketenschlag gegen Iran planen, muss die Türkei mit ins Boot - aktiv oder passiv.

Doch Erdogan und seine Militärs hegen die schlimmsten Befürchtungen für die ganze Region, falls die USA wirklich gegen Iran vorgehen sollten. Auch westliche Experten halten den Erfolg einer Militäraktion gegen nukleare Anlagen in Iran für keineswegs garantiert. Im Gegenteil: Ein Angriff werde vermutlich sein Ziel, das Atomprogramm zu stoppen, vermutlich verfehlen - und Ahmadinedschad in Iran noch mehr Anhänger zutreiben.

Jürgen Gottschlich

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