Atomtest in Nordkorea Warum Kim Jong Un kein Irrer ist

Nordkorea hat einen Atomsprengkopf getestet, das Erdbeben war selbst in Deutschland messbar. Die nukleare Machtdemonstration verrät einiges über Diktator Kim Jong Un.

Nordkoreanischer Diktator Kim Jong Un
REUTERS

Nordkoreanischer Diktator Kim Jong Un

Von


Das britische Magazin "Economist" zeigte vor wenigen Monaten den nordkoreanischen Diktator Kim Jong Un auf dem Cover. Über dem runden, speckigen Gesicht waren die Haare des jungen Staatsführers in Rauch aufgegangen, eine dunkle Wolke hing über Kims Kopf. "Ein nuklearer Albtraum", war das Bild überschrieben.

Jenem atomaren Inferno ist die nordkoreanische Führung heute einen Schritt näher gekommen. Am frühen Freitagmorgen hat sie auf ihrem Testgelände Punggye Ri offenbar einen Atomsprengkopf getestet. Die Detonation soll deutlich stärker gewesen sein als beim letzten Test im Januar dieses Jahres. Selbst in Deutschland war das Erdbeben messbar (Details zu den Messungen lesen Sie hier).

Nordkorea steht nun an der Schwelle zu einer Atommacht, sagt Hans-Joachim Schmidt von der Hessischen Stiftung für Friedens- und Konfliktforschung. Das werde man nicht mehr verhindern können, es sei nur noch eine Frage der Zeit. Eine Entwicklung, die durchaus absehbar war: Die insgesamt vier vorangegangenen Tests mit Atomsprengköpfen des Regimes waren nur Teilerfolge gewesen; da ist es logisch, dass noch ein fünfter folgen musste. War das nun Irrsinn oder Machtkalkül?

 Bilder der Detonation durch den Test am Freitag
AP

Bilder der Detonation durch den Test am Freitag

Politisch ist der erneute Atomwaffentest durchaus folgerichtig. "Kim Jong Un verfolgt keine irrationale, sondern sogar eine sehr rationale und konsistente Politik", sagt Eric Ballbach, wissenschaftlicher Mitarbeiter im Institut für Koreastudien der Freien Uni Berlin. Diktator Kim hat seine Herrschaft auf zwei Säulen aufgebaut: einerseits die militärische Aufrüstung, andererseits den wirtschaftlichen Fortschritt des Landes. Dieses Prinzip der Byongjin-Politik hatte er erst auf dem Parteitag im Mai als Leitlinie ausgegeben.

Die atomare Aufrüstung ist dabei ein zentraler Bestandteil, mehr noch: "Für Nordkorea ist der Atomwaffentest nicht nur ein militärisches Projekt, es ist ein sinnstiftendes Projekt für die gesamte Nation", sagt Ballbach. Tatsächlich dient es dem Regime vor allem, die eigene Macht nach innen hin zu legitimieren. Die Erfolgsmeldungen sind wichtiges Propagandamaterial. Es soll das Volk stolz machen, schließlich befördert es das kleine Entwicklungsland in einen elitären Klub: den der Atommächte. Berichte über die Fortschritte des Programms helfen dem Regime zudem, das teure Projekt angesichts der bitteren Armut der Bevölkerung zu rechtfertigen.

Gleichzeitig will Kim seinen Militäroberen die eigene Stärke beweisen. Die USA und Südkorea haben in den vergangenen Monaten immer wieder gemeinsame Militärmanöver abgehalten. So probten die Staaten im März gemeinsam eine Erstürmung der nordkoreanischen Strände; 17.000 US- und 300.000 südkoreanische Soldaten waren an der Übung beteiligt. Mit dem erneuten Atomtest versucht Kim nun den Manövern etwas entgegenzusetzen, damit nicht der Eindruck entsteht, er lasse die gefühlten Provokationen einfach geschehen - gleichwohl er sie natürlich nicht verhindern kann.

Kim hofft zudem, damit die USA zumindest so weit abschrecken zu können, dass ihm das Schicksal des ehemaligen libyschen Machthabers Muammar al-Gaddafi erspart bleibt. Er war von einem internationalen Bündnis unter Führung der USA entmachtet - und dann ermordet - worden.

Niemand weiß, was als nächstes passiert

Macht die Angst davor Kim unberechenbar? "Unberechenbarkeit ist Teil der nordkoreanischen politischen Strategie", sagt Ballbach. Zwar suche Nordkorea oftmals symbolträchtige Termine für die Tests, doch lasse sich nicht mit Sicherheit sagen, was als nächstes passiert - oder wann - und auch nicht, was in den engen Zirkeln der Entscheider passiert. "Das bleibt uns völlig verschlossen." Zudem gilt Kim Jong Un als risikobereit. "Sein Vater hat darauf geachtet, dass Konflikte nicht eskalieren. Darauf können wir uns bei seinem jungen Sohn - der noch dazu als jähzornig gilt - nicht verlassen", sagt Schmidt.

Dass Kim Jong Un die Bombe tatsächlich abwerfen würde, glaubt Ballbach nicht. "Die nordkoreanische Führung ist nicht komplett abgekoppelt von internationalen Vorgängen. Sie weiß, wenn sie eine Atomwaffe wirklich einsetzen würde, wäre es das Ende des Regimes." Denn militärisch kommen sie nicht gegen andere Großmächte an. "Die Leute sind keine Wahnsinnigen. Sie kennen die Folgen genau."

Nordkorea hält sich nicht an internationale Regeln, und auch die Verwarnungen und Strafmaßnahmen der Vereinten Nationen haben bisher nicht zu einem Einlenken geführt. Die USA, Japan und Südkorea versuchen, das Land noch weiter zu isolieren - was aber nicht in letzter Konsequenz klappt, weil das Regime mit China immer noch einen mächtigen Verbündeten hat, der das Land etwa mit Nahrungsmitteln versorgt. 90 Prozent seines Außenhandels betreibt Nordkorea mit der Volksrepublik.

Zudem gibt es in der konservativen Führungsclique Chinas durchaus Vertreter, die sich ideologisch mit Nordkorea verbunden fühlen. Deshalb fällt der Druck aus dieser Richtung bislang eher bescheiden aus. "Solange China die Stabilität Nordkoreas wichtiger ist als das Atomprogramm, kann sich das Regime relativ sicher fühlen", sagt Schmidt.

Für Peking ist Nordkoreas Nukleartest dennoch eine Blamage. Am vergangenen Wochenende erst hatte China den G20-Gipfel in Hangzhou ausgerichtet und die angereisten Staats- und Regierungschefs an ihre Verantwortung für die Aufrechterhaltung des Weltfriedens erinnert. Nur drei Tage später erscheint China, das von allen G20-Staaten den größten Einfluss auf Nordkorea hat, nun selbst unfähig, dieser Verpflichtung nachzukommen.

Mitarbeit: Bernhard Zand

insgesamt 121 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
viceman 09.09.2016
1. ich behaupte mal,
von einer nordkoreanischen atombombe geht für uns in europa keinerlei gefahr aus. solange man das land -in freiden läßt - ist diese waffe die versicherungspolice für den bestand der gesellschaft, also ist hier die atombombe ein klassisches verteidigungsgerät. was bleibt der regierung im norden denn übrig, wenn sie nicht vom wirtschaftlich aufgepimpten süden überrollt werden will?
bifi085 09.09.2016
2. ..
Der erste vernünftige Kommentar den ich über Kim lese, zwischen all den "Irrer Kim"-Schlagzeilen.
niska 09.09.2016
3.
Das Gegensatzpaar rational / irrational allein dafür herhalten zu lassen, Kim als psychisch gesund einzustufen, ist schon mehr als abenteurlich. Nur weil der Irre einer für ihn schlüssig klingenden Logik folgt, ist er noch lange nicht gesund. Es wäre schliesslich auch "rational", mit einer Atombombe die halbe Erdbevölkerung auszulöschen um gegen die Zerstörung der Erde aufgrund von Ressourcenverschwendung und Verdreckung durch Überbevölkerung vorzugehen.
joG 09.09.2016
4. Es ist einfach falsch zu sagen....
----"Nordkorea steht nun an der Schwelle zu einer Atommacht, sagt Hans-Joachim Schmidt von der Hessischen Stiftung für Friedens- und Konfliktforschung." Man kann es natürlich verhindern und es ist unverantwortlich zu sagen, der hiesigen Bürgerschaft zu vermitteln, man könne es nicht verhindern. Das ist eine sehr gefährliche Aussage und jedes Handeln danach macht die Welt ein Stück weniger sicher.
joG 09.09.2016
5. Man kann nur hoffen, dass ...
....diese Rechnung nicht aufgeht: "Kim hofft zudem, damit die USA zumindest so weit abschrecken zu können, dass ihm das Schicksal des ehemaligen libyschen Machthabers Muammar al-Gaddafi erspart bleibt" und man ihn entfernt, bevor er eine Atomerpressung effektiv kann. Da sind jegliche Kosten an Mann und Material billig im Verhältnis zu der Größe der Gefahr einer so erfolgreichen Proliferation. Jeder, der zulassen will, dass er Atommacht wird und damit Anderen den Weg weist ist unverantwortlich.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2016
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.