Atomtransport Castor-Zug verletzt Demonstranten tödlich

Bei Protesten gegen den Castor-Atomtransport aus Frankreich nach Deutschland hat es einen Toten gegeben. Der Zug mit dem Nuklearmüll an Bord hatte einem an die Gleise geketteten Umweltschützer beide Beine abgetrennt. Der 21-Jährige erlag seinen Verletzungen. Der Zug rollt inzwischen weiter.


Polizeiabsperrung in Dannenberg: In Frankreich versagten die Sicherheitsvorkehrungen
DDP

Polizeiabsperrung in Dannenberg: In Frankreich versagten die Sicherheitsvorkehrungen

Nancy - Die Wiederbelebungsversuche waren vergeblich. Der Demonstrant, der sich nach Angaben der Feuerwehr in Nancy bei Avricourt an die Gleise gekettet hatte, ist tot. Der Atomzug hatte ihm gegen 15 Uhr beide Beine abgetrennt. Zu dem Unglück sei es trotz massiver Sicherheitsvorkehrungen gekommen.

Der Mann aus dem nahe gelegenen La Meuse hat nach Angaben der französischen Bahngesellschaft SNCF gemeinsam mit anderen Demonstranten auf den Gleisen bei Igney-Avricourt gesessen. Der Führer der ersten Lokomotive habe die kleine Gruppe Demonstranten zu spät gesehen und die Notbremse gezogen. Die meisten der Demonstranten seien aufgestanden, einer blieb jedoch auf den Gleisen und wurde vom Zug überrollt. Das Unglück habe sich in einer Kurve ereignet. Ein Sprecher der Anti-Atomkraftorganisation Sortir du Nucléaire sagte, drei Demonstranten seien verletzt worden. Der Zug rollte nach Angaben der SNCF um 17.45 Uhr in Richtung Deutschland weiter.

Der französische Atomtechnikkonzern Cogema bedauerte den "dramatischen Unfall". Die Beschäftigten von Cogema Logistics, die den Zug mit zwölf Castor-Behältern beaufsichtigt hätten, könnten sich den Unfall nicht erklären, sagte ein Konzernsprecher in Paris. Nach Angaben der Polizei in Dannenberg ermittelt die Staatsanwaltschaft in Frankreich. Es könne Stunden dauern, bis der Zug weiterfahre.

Im Wendland, der Zielregion des Transports, löste der Unfall Entsetzen aus. "Wir sind total schockiert", sagte BI-Sprecher Francis Althoff in Dannenberg. Es sei nicht nachvollziehbar, dass es zu einem solchen Unglück kommen konnte. Schließlich fliege in Frankreich ein Hubschrauber vor dem Castortransport her.

Vor dem Unglück war der Transport bereits bei Laneuveville-devant-Nancy zwei Stunden lang aufgehalten worden, weil sich dort zwei Demonstranten an die Gleise gekettet hatten. Die beiden Umweltschützer wurden in Nancy der Polizei übergeben. Im Bahnverkehr kam es zu Verspätungen.

Der Atommülltransport mit zwölf Castorbehältern aus der französischen Wiederaufbereitungsanlage La Hague war gestern Abend am Bahnterminal des Atomkonzerns Cogema in der Normandie gestartet und sollte ursprünglich am Sonntagnachmittag die deutsch-französische Grenze passieren. Nach Einschätzung von Atomkraftgegnern könnten die Castoren am Montag am Verladebahnhof in Dannenberg eintreffen. Dort werden sie auf Tieflader verladen, um die letzten 20 Kilometer zum Zwischenlager Gorleben auf der Straße zurückzulegen.

Ein Greenpeace-Aktivist demonstriert mit selbst gebauten Verkehrsschildern in Splietau bei Dannenberg, Niedersachsen
AP

Ein Greenpeace-Aktivist demonstriert mit selbst gebauten Verkehrsschildern in Splietau bei Dannenberg, Niedersachsen

Nach Angaben von Anti-Atom-Initiativen ist der Transport falsch deklariert. Die zwölf Castoren enthielten laut Deklaration schwach radioaktive "abgebrannte Brennelemente", tatsächlich aber handele es sich um Glaskokillen aus hochradioaktivem Atommüll. Das Gefährdungspotenzial sei somit deutlich größer als amtlich bescheinigt.

Im Landkreis Lüchow-Dannenberg protestierten am Sonntagmorgen erneut mehrere hundert Atomkraftgegner mit verschiedenen kleineren Aktionen gegen die Atommülllieferung. Unter anderem beteiligten sie sich an einer polizeilich wohl behüteten Fahrradtour von der Castor-Umladestation in Dannenberg zum Gorlebener Endlagerbergwerk, an einer weiteren Fahrradrallye in der Nähe der Bahnstrecke von Lüneburg nach Dannenberg oder an einer Demonstration hoch zu Ross zwischen den beiden Straßenstrecken, auf denen Castor-Behälter von Dannenberg nach Gorleben gebracht werden können.

Kostenpunkt Bahnwache: Wegen des Sabotagerisikos muss die Bahntrasse der Castoren aufwendig überwacht werden
REUTERS

Kostenpunkt Bahnwache: Wegen des Sabotagerisikos muss die Bahntrasse der Castoren aufwendig überwacht werden

Auf der nördlichen Straßenstrecke demonstrierten am Samstagabend nach der Auftaktdemonstration zudem 60 Landwirte mit Traktoren. Nach Polizeiangaben waren die Proteste erneut "absolut friedlich". Im Verlauf des Samstags hatten bereits rund 4500 (nach Polizeiangaben) bis 6000 (nach Angaben der örtlichen Bürgerinitiative) Atomkraftgegener ohne Zwischenfälle protestiert.

Für die nächsten Tage kündigten Atomkraftgegner weitere Demonstrationen an. So planen die Gruppen "WiderSetzen" und "X-tausendmal quer" zwei große Sitzblockaden auf der Straßentransportstrecke in Langendorf und Groß Gusborn. Die Blockaden sollen beginnen, sobald der Castortransport den Verladebahnhof Dannenberg erreicht hat.

Auf dem Weg zu ihrem Einsatz sind in Baden-Württemberg sechs Beamte des Bundesgrenzschutzes (BGS) verletzt worden. Wie der BGS mitteilte, befand sich der Konvoi aus sechs Fahrzeugen auf dem Weg nach Karlsruhe und musste auf der Autobahn 8 bei Pforzheim wegen eines Staus halten. Ein Lastwagenfahrer bemerkte die stehenden Fahrzeuge allerdings zu spät und fuhr auf das Stauende auf. Durch die Wucht des Aufpralls wurden drei BGS-Fahrzeuge ineinander geschoben. Ein Beamter wurde schwer, die anderen wurden leicht verletzt. Der Lastwagenfahrer erlitt ebenfalls leichte Verletzungen.



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