Atomunfall in Japan Kettenreaktion gestoppt

Nach dem schweren Atomunfall in der japanischen Uranverarbeitungsanlage Tokaimura hat die Regierung Teilentwarnung gegeben. Die Kettenreaktion sei zum Stillstand gekommen, hieß es. Trotz des neuen Störfalls hält Japan am Atomkurs fest.


Polizist im Strahlenschutzanzug
AP

Polizist im Strahlenschutzanzug

Tokio - Die Folgen des schwersten atomaren Unfalls in Japan sind offenbar weniger dramatisch als zunächst befürchtet. Nach rund 15 Stunden kam die außer Kontrolle geratene Kettenreaktion in der Brennelementefabrik in Tokaimura zum Stillstand. Danach wurde der Alarm für 310.000 Menschen im Umkreis der Anlage weitgehend aufgehoben. Die Regierung setzte erstmals nach einem atomaren Unfall eine Untersuchungskommission ein. Laut Polizei wurden 49 Menschen verstrahlt, drei von ihnen schwer. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) erklärte, Auswirkungen auf die internationale Gesundheit seien unwahrscheinlich.

Die Anlage in Tokaimura
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Die Anlage in Tokaimura

Am Freitagnachmittag hob die Regierung die Anweisung an die Bevölkerung auf, in einem Radius von zehn Kilometern um die Fabrik die Häuser nicht zu verlassen. Regierungssprecher Hiromu Nonaka erklärte, die radioaktive Strahlung sei auf einen normalen Wert gesunken. In der unmittelbaren Umgebung der Anlage blieb die Sicherheitsvorkehrung allerdings in Kraft. Laut Internationaler Atomenergie-Behörde (IAEA) in Wien gab die Regierung den Zwischenfall auf der gängigen Skala für atomare Unfälle von null bis sieben mit vier an.

Rund 3000 Menschen ließen sich von den Behörden auf eine mögliche Verstrahlung hin untersuchen. Nach Angaben von Ärzten musste niemand behandelt werden. Zwischenzeitlich war um die Fabrik eine Strahlendosis vier Mal höher als normal gemessen worden. Innerhalb der Anlage wurden Werte 4000 Mal höher als zulässig registriert. Die Nutzung von Brunnen wurde untersagt. An die Bauern erging die Anweisung, ihre Feldfrüchte untersuchen zu lassen.

Nonaka räumte ein, die Regierung habe erst spät den Ernst der Lage erkannt. Der Unfall werde aber zu keinen Änderungen in der Energiepolitik Japans führen. Nach Polizeiangaben wurden Manager der Betreiberfirma JCO verhört. Bei dem Unfall vom Donnerstag waren nach offiziellen Angaben 39 Arbeiter, drei Feuerwehrleute und sieben Personen im Umfeld der Anlage einer erhöhten radioaktiven Strahlung ausgesetzt. Die drei verstrahlten Arbeiter wurden in eine Spezialklinik gebracht. Zwei von ihnen waren am Freitag noch in kritischem Zustand. Die von den Arbeitern aufgenommene Strahlendosis war etwa so hoch, wie bei verstrahlten Personen nach der Atomkatastrophe von Tschernobyl 1986. Die WHO teilte in einer Stellungnahme mit, das Ausmaß des Unfalls stelle außerhalb Japans kein Gesundheitsrisiko dar und werde wahrscheinlich keinen Einfluss auf die Gesundheit der Bevölkerung andere Länder haben. Japanische Experten sagten am Freitag, sie erwarteten von der während des Unfall ausgetretenen radioaktiven Strahlen keine Langzeitfolgen.



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