Atomwaffen: Obamas zweiter Abrüstungsanlauf

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Atomwaffen: Die teuren Vernichtungsmaschinen Fotos
DPA

Barack Obama hat in seiner Berliner Rede angeboten, das US-Atomwaffenarsenal um ein Drittel zu verkleinern. Die Frage ist, ob die Russen dabei mitspielen - und die Republikaner in Washington.

Der Bericht in der "New York Times" sorgte weltweit für Schlagzeilen: Barack Obama werde in seiner Rede zur Lage der Nation dazu aufrufen, das amerikanische Arsenal an strategischen Atomwaffen um ein Drittel zu verkleinern. Endlich, so hofften viele, würde der US-Präsident konkrete Schritte hin zu der atomwaffenfreien Welt unternehmen, die er in seiner vielbeachteten Prager Rede von 2009 angekündigt hatte.

Sogar Zitate aus der Rede zur Lage der Nation waren vorher gestreut worden. Umso enttäuschender war dann ihr Inhalt: Zum Thema nukleare Abrüstung sagte Obama praktisch nichts - außer, dass man weiterhin mit den Russen reden und nukleares Material nicht in die falschen Hände fallen lassen wolle.

Das war am 12. Februar - also vor gerade einmal vier Monaten. Jetzt, vor seiner Rede am Mittwoch in Berlin, folgt das Déjà-vu: Wieder verrieten enge Mitarbeiter Obamas angebliche Details, wieder soll es um die Verkleinerung des US-Atomwaffenarsenals um ein Drittel gehen. Und diesmal fand sich die Forderung tatsächlich in Obamas Rede.

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Obama in Berlin: Hello Mr. President
"Als Präsident habe ich nun unsere Bemühungen verstärkt, die Verbreitung von Atomwaffen zu vermeiden und die Zahl der amerikanischen Atomwaffen zu reduzieren und ihre Rolle zu verändern", sagte Obama.

Ein Grund für die neue Abrüstungsinitiative dürfte aber schlicht finanzieller Natur sein: Der Unterhalt von Atomwaffen verlangt nach Geld. Viel Geld. Im US-Etat für 2013 sind fast 7,6 Milliarden Dollar für die Instandhaltung und Modernisierung der Atomwaffen eingeplant, 400 Millionen mehr als 2012. Im nächsten Jahr sollen die Ausgaben erneut auf knapp 7,9 Milliarden Dollar steigen. Eine Verkleinerung des Arsenals würde diese Kosten sinken lassen - verlockende Aussichten in einer Zeit, in der die US-Politik von Sparzwängen bestimmt ist.

Modernisierung kostet Milliarden

Die Arsenale der Supermächte sind auch fast ein Vierteljahrhundert nach dem Ende des Kalten Kriegs gigantisch. Die USA verfügen über insgesamt rund 7700 nukleare Sprengköpfe. 1950 davon befinden sich in einsatzfähigen strategischen Waffensystemen - also in Interkontinentalraketen an Land, an Bord von U-Booten und Langstreckenbombern. Bei 200 weiteren handelt es sich um taktische Atomwaffen wie etwa jene B-61-Fliegerbomben, die auch in Deutschland stationiert sind. Hinzu kommen 2500 Nuklearsprengköpfe in Reserve und weitere rund 3000, die beseitigt werden sollen.

Das russische Arsenal ist mit 8500 Sprengköpfen noch größer als das der USA, auch wenn die Zahl der einsatzfähigen Waffen mit 1800 etwas geringer ist. Nach dem Anfang 2011 verabschiedeten "New Start"-Vertrag wollen die USA und Russland die Zahl ihrer einsatzfähigen strategischen Atomwaffen auf jeweils 1550 reduzieren. Doch auch deren Unterhalt verschlingt immer noch ungeheure Geldmengen.

Hinzu kommen Kostensteigerungen bei der Modernisierung der Waffen - auch bei solchen, die schon lange keinen militärischen Nutzen mehr haben. Das gilt beispielsweise für die B-61-Bomben, von denen rund 180 in Europa stationiert sind, 10 bis 20 davon auf dem Fliegerhorst des Eifeldorfs Büchel. 2010 sollte die Modernisierung der Waffen zwei Milliarden Dollar kosten und im Jahr 2019 abgeschlossen sein. 2012 war dann von sechs Milliarden Dollar die Rede. In seiner letzten Schätzung vom Juli 2012 kam das Pentagon schon auf mehr als zehn Milliarden Dollar.

Ein Grund für die Kostenexplosion ist der schiere Umfang der technischen Erneuerung: Sie geht so weit, dass manche Experten von einer komplett neuen Waffe sprechen. Mit Abrüstungsrhetorik verträgt sich das nur begrenzt - und zeigt, dass die nukleare Abrüstung auch unter Obama nur in kleinen Schritten vorankommt. Denn die konservativen Republikaner pochen nach wie vor auf eine starke amerikanische Atomstreitmacht.

Sollten die Russen ihr Arsenal nicht ebenfalls stark verkleinern, dürften sie kaum mitspielen bei Obamas Abrüstungsplänen.

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insgesamt 24 Beiträge
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1. Ankuendigen kann man vieles, alles
gandhiforever 19.06.2013
Die Durchfuehrung ist aber die Hauptsache. Und da weiss man ja schon vom NPT, dass die Atommaechte zwar darauf dringen, dass die nicht atomar bewaffneten Unterzeichnerstaaten sich an die Abmachungen halten, von manchen verlangt man sogar mehr. Doch mit der Umsetzung ihrer eigenen Verpflichtungen aus diesem Vertrag, da nimmt man nicht so genau, um nicht zu sagen, man schert sich nicht darum. Aus diesem Grund sind auch noch so schoene Intentionen mit Skepsis aufzunehmen, erst eine Umsetzung zeigt, ob diese Ankuendigungen auch ernst gemeint sind.
2. Marionetten fürs gemeine Volk
hilmarhirnschrodt 19.06.2013
Immerhin eines haben sie gemein - Obama und Merkel sind auch nur so was wie Marionetten für die Superreichen und das Großkapital und die Lobby der Waffenindustrie, der Finanzindustrie, der Pharmaindustrie, der Autoindustrie und und und. Konsequent Drohenaufrüstung und Komplettüberwachung ausbauen und zum schönen Schein für atomare Abrüstung werben (wischiwaschi). Viele leere Worthülsen und hohle Versprechungen bleiben also für das gemeine Wahlvolk...
3. Obama. Leere Worte.
ps1961 19.06.2013
Russland mit Antiraketensystemen umzingeln: Alaska, Grönland, Norwegen, Japan, S.Korea, in Polen, Tschechien, Rumänien, Türkei sind geplant und danach sich als "Friedenstaube" präsentieren. unglaublich.
4. Sorry, das ist lächerlich und niveaulos
musikimohr 19.06.2013
Sorry, das ist lächerlich und niveaulos so offenbar auf die PR-Masche Obamas herein zu fallen! Diese "Initiative" in einem Land ohne Atomwaffen zu verkünden, ist absurd. Hauptsächlich soll einfach eine "positive Schlagzeile" in die Presse und die Journalisten, sogar des SPIEGEL, tun, wie geheißen. Schade.
5. Blanker Unsinn
uspae2007 19.06.2013
Die USA sind mit dem weltweiten Aufbau eines Raketenabwehrschildes im vollem Gange. Gleichzeitig möchte man , dass Russland abrüstet, und damit die Erstschlagsfähigkeit verliert. Das Gegeteil wird kommen , Russland führt Raketen ein, welche das Abwehrschild durchbrechen können. Unter den heutigen politischen Bedingungen , braucht ein Land außerhalb der NATO einen starken militärischen Schutz, jeglicher Art, um gegen Angriffe sicher zu sein.
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Obamas Berlin-Besuch: Air Force One, The Beast, Ritz
Globale Atomwaffen-Arsenale
Land
Bestand (aktiv / gesamt)
USA 2150 (2150) / 7700 (7700)
Russland 1800 (1740) / 8500 (8500)
Frankreich 290 (290) / 300 (300)
China k.A. / 250 (240)
Großbritannien 160 (160) / 225 (225)
Israel k.A. / 80 (80)
Pakistan k.A. / 100-120 (90-110)
Indien k.A. / 90-110 (80-100)
Nordkorea k.A. / unter 10 (unter 10)
In Klammern: Zahlen des Vorjahres
Quelle: FAS; Stand: 18. Oktober 2013