Attacke auf Gaza-Konvoi: Chip im Slip

Von und , Jerusalem und Istanbul

Israel liefert sich mit propalästinensischen Aktivisten einen Propagandakrieg: Was geschah an Bord der Gaza-Hilfsschiffe? Warum wurden Fotos von der Erstürmung manipuliert? Die Bilder gelangten auf dubiosem Weg in die Öffentlichkeit - das passt beiden Seiten nicht in die PR-Strategie.

Bilder von der "Mavi Marmara": Auf der Suche nach der Wahrheit Fotos
REUTERS/ Hayat Magazine via IHH

Die weltweite Empörung war groß: Neun Menschen waren bei der Erstürmung der Gaza-Solidaritätsflotte durch israelische Elitesoldaten umgekommen. Eine Überreaktion des Militärs, lautete das einhellige Urteil, noch bevor der genaue Hergang an Bord geklärt war. Was war wirklich der Auslöser für die Schießerei? Wer setzte zuerst Gewalt ein - die Aktivisten der Gaza-Hilfsflotte oder die Soldaten?

Regierungen in aller Welt forderten Israel auf, den Vorfall durch internationale Ermittler klären zu lassen, doch Premier Benjamin Netanjahu wollte davon nichts wissen - und hat nun eine interne Kommission eingesetzt. Einziges Zugeständnis an den Rest der Welt: Zwei internationale Beobachter dürfen dabei sein.

Sie dürften jetzt deutlich bessere Bilder der dramatischen Szenen an Bord zu sehen bekommen. Videomaterial der israelischen Armee, aber auch Fotos, die während der Aktion auf der "Mavi Marmara" von einem kanadischen Aktivisten aufgenommen wurden. Der 53-jährige Hobbyfotograf Kevin Neish hatte sie eine Woche nach der blutigen Erstürmung der Schiffe der muslimischen Wohlfahrtsorganisation IHH in Istanbul präsentiert, die den Konvoi organisiert hatte.

Seine Fotos dokumentieren ziemlich genau, was sich am 29. Mai gut hundert Kilometer vor der israelischen Küste abgespielt haben muss. Zu sehen ist etwa, wie sich in den frühen Morgenstunden zwei propalästinensische Aktivisten mit Eisenstangen bewaffnet vor einer Tür positionierten. Eines der Fotos zeigt einen am Boden liegenden blutüberströmten israelischen Soldaten, ein anderes einen toten Aktivisten, der offenbar durch Kopfschuss niedergestreckt wurde.

Ein tödliches Handgemenge fand statt - so viel beweisen die Bilder -, begangen von israelischen Soldaten, aber provoziert von den türkischen und arabischen Passagieren der "Mavi Marmara".

Chipkarte in der Unterhose

Nicht jedes Foto gefiel den anwesenden IHH-Mitarbeitern. Nur Neish, der die Chipkarte an den Israelis vorbei in die Türkei schmuggeln konnte, verspürte Genugtuung. "Ich habe die Karte überall versteckt, während uns die Soldaten verhört haben", sagte er. "Ich hatte sie mal in meinem Mund, mal in den Schuhen, mal in der Unterhose."

Drei Tage später, am 7. Juni, landeten seine Fotos in der türkischen Tageszeitung "Hürriyet" - zusammen mit anderen Aufnahmen des türkischen Fotografen Adem Özköse, eines Mitarbeiters des islamistischen Verlagshauses Hayat Dergisi.

Dass die "Augenblicke, als die israelischen Soldaten verprügelt wurden" ("Hürriyet") ausgerechnet in einer türkischen Zeitung landeten, ist der Höhepunkt eines bizarren Deutungskriegs, den sich propalästinensische Aktivisten und der israelische Staat seit den Ereignissen auf hoher See liefern. Denn keiner schimpfte lauter als der türkische Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan über Israels "Banditentum und Piraterie".

"Hürriyet" gehört allerdings zur regierungskritischen Mediengruppe des Unternehmers Aydin Dogan. Dessen Blätter hatten anfangs zwar den israelischen Militäreinsatz ebenso kritisiert wie regierungstreue Medien. Mittlerweile aber warnen sie vor einem allzu krassen Israel-Bashing und vor dem immer autoritäreren Politikstil des Ministerpräsidenten. "Ich habe Angst", sagt die Kolumnistin Nuray Mert, "nicht nur weil in der Außenpolitik Vernunft durch Emotionen ersetzt wird, sondern man im Moment jederzeit des Zionismus bezichtigt und mundtot gemacht wird, wenn man die Regierungspolitik kritisiert."

Für Ertugrul Özkök, den ehemaligen "Hürriyet"-Chefredakteur, sind die Fotos in jedem Fall ein "journalistischer Erfolg", und man hätte sie wohl kaum zensieren können. "Israel hat sich mit diesem Einsatz selbst geschadet", so Özkök, "aber es ist auch falsch, dass Erdogan die Hamas nicht als Terrororganisation einstuft."

Empörung in Israel über manipulierte Bilder

Regierungstreue Blätter dagegen beschuldigen die Dogan-Gruppe, mit den Fotos Israel in die Hände zu spielen, einem Land, das sich für die Tötung von neun Türken noch nicht einmal entschuldigt hat. Fehmi Koru, einer der bekanntesten AKP-nahen Kolumnisten, hat für die Politik der Dogan-Medien eine einfache Erklärung: Der Firmenpatriarch sei schließlich ein Geschäftspartner des deutschen Axel-Springer-Konzerns, und der schwöre seine Mitarbeiter ja bekanntlich auf unbedingte Solidarität mit dem Judenstaat ein. Springer weist das als abwegig zurück.

Doch auch in Israel sind nicht alle glücklich, dass die Fotos der verprügelten Soldaten an die Öffentlichkeit gelangten. Der Anblick von Kameraden in Not könnte der Moral der Truppe schaden, fürchten nicht wenige Generäle - ein Argument, mit dem die Armeeführung bereits am Tag des Marineeinsatzes die Veröffentlichung eigener Videos zu verhindern suchte. Erst nach mehr als zwölf Stunden wurden die Schwarz-Weiß-Sequenzen mit den Prügelszenen freigegeben, doch da hatte sich längst die Version der Pro-Gaza-Aktivisten durchgesetzt. Für die politische Führung in Jerusalem allerdings sind die Bilder der endgültige Beweis, dass die Gruppe auf der "Mavi Marmara" ihre Soldaten "lynchen" wollten.

Umso verärgerter war man in Jerusalem daher, als die Nachrichtenagentur Reuters die Fotos zurechtgeschnitten hatte, bevor sie sie an ihre Kunden - "Zeitungen und Fernsehstationen in aller Welt" - weitergab. Auf einem Foto, das einen am Boden liegenden israelischen Soldaten zeigt, schnitt Reuters die Hand eines Pro-Gaza-Aktivisten ab, der ein Messer hält, auf einem anderen fehlte eine Blutlache. Die Agentur war bereits im Libanon-Krieg 2006 in den Verdacht geraten, Fotos zuungunsten Israels zu manipulieren: Damals schwärzte ein Mitarbeiter eine Rauchsäule über Beirut. Dadurch wirkte der vorangegangene israelische Luftangriff wesentlich dramatischer.

Ankara traut Israels Aufklärungsarbeit nicht

Reuters erklärt die jüngsten Bildbearbeitungen mit einem Versehen. Für Israels Ministerpräsidenten Benjamin Netanjahu aber sind sie ein weiterer Beweis für die "Voreingenommenheit" der internationalen Gemeinschaft. Auch deshalb sprach sich das israelische Kabinett in dieser Woche gegen eine internationale Untersuchung der Vorfälle aus. Der ehemalige Richter am Obersten Gerichtshof, Jakob Tirkel, soll nun die Untersuchungskommission leiten.

Doch auch die beiden ausländischen Beobachter sind als ausgesprochen israelfreundlich bekannt: David Trimble, protestantischer Friedensnobelpreisträger aus Nordirland, sowie der ehemalige kanadische Richter Ken Watkin, der vor einigen Jahren zum Judentum konvertierte. Ohnehin soll die "Tirkel-Kommission" nur die Frage klären, ob Israel im Einklang mit dem Völkerrecht gehandelt hat. Den Ablauf der eigentlichen Militäroperation darf nur die Armee selbst untersuchen.

Es darf bezweifelt werden, ob sich die internationale Gemeinschaft damit zufriedengeben wird. Nicht ausgeschlossen, dass der Uno-Sicherheitsrat doch noch für eine Kommission stimmen wird. Vor allem die Türkei, derzeit Mitglied in dem Gremium, pocht darauf. Ankara traue der israelischen Kommission nicht, sagte Außenminister Ahmet Davutoglu: Israel sitze auf der Anklagebank, wolle aber gleichzeitig Staatsanwalt und Richter sein.

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Interaktiv: Das Heilige Land im Wandel


Die Streitpunkte zwischen Israelis und Palästinensern
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Grenzen
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Israel wäre wohl bereit, sich aus mehr als 90 Prozent des Westjordanlands zurückzuziehen und einen Kompromiss einzugehen: Israel behält die großen Siedlungsblöcke und entschädigt die Palästinenser dafür mit Land in der Wüste Negev, das an Gaza grenzt.
Rückkehrrecht der Flüchtlinge
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Israel soll das Recht auf Rückkehr der palästinensischen Flüchtlinge anerkennen, so wie es die Resolution 194 der Vollversammlung der Vereinten Nationen beschreibt. Wie das Recht praktisch umgesetzt wird, soll in einem bilateralen Abkommen geregelt werden.

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Verbindung zwischen Gaza und dem Westjordanland
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Die Palästinenser fordern einen Landweg zwischen den räumlich getrennten Territorien des Gaza-Streifens und des Westjordanlands, der vom Staat Palästina verwaltet und gesichert wird.

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Jerusalem
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Die Palästinenser wollen Ost-Jerusalem als Hauptstadt des zu gründenden palästinensischen Staates. Der gesamte Tempelberg würde dann vom Staat Palästina kontrolliert, nur die Klagemauer stünde weiterhin unter israelischer Hoheit.

Israel will die Mehrheit der palästinensischen Viertel Jerusalems vom Staat Palästina verwalten lassen, die jüdischen Enklaven in Ost-Jerusalem stehen unter israelischer Verwaltung. Beide Staaten kontrollieren den Tempelberg gemeinsam, möglicherweise mit internationaler Beteiligung.
Die Hilfsorganisation Free Gaza
Die Ziele
Die internationale Organisation Free Gaza will mit Hilfsgütern die palästinensische Bevölkerung des Gaza-Streifens unterstützen. Solidaritätsfahrten von Schiffen sollen auch öffentlichkeitswirksam auf die Blockade des Gebiets durch Israel hinweisen. "Wir wollen der Strangulation und dem Aushungern einer Bevölkerung von 1,5 Millionen Menschen nicht tatenlos zusehen", heißt es von der Organisation dazu.
Die Helfer
Free-Gaza-Spendensammlungen werden in Deutschland unter anderem unterstützt von der Deutsch-Palästinensischen Gesellschaft, die kirchliche Friedensorganisation Pax Christi und dem Verein Internationale Ärzte für die Verhütung des Atomkrieges (IPPNW). Mehrfach wurden Fahrten von "Solidaritätskonvois" mit Dutzenden bis Hunderten Aktivisten an Bord und prominenten Unterstützern organisiert.
Die Konvois
Im August 2008 erreichten laut Free Gaza zwei Schiffe mit Hilfsgütern im Wert von 200.000 Euro von Griechenland über Zypern Gaza. Im Oktober 2008 brachten 26 Aktivisten auf einem weiteren Schiff medizinische Hilfsgüter nach Gaza. Während des Gaza-Krieges endete eine Solidaritätsfahrt Ende Dezember 2008 kurz vor der Küste. Nach Angaben der Aktivisten wurde ihr Boot nach Schüssen vor den Bug von einem israelischen Kriegsschiff gerammt und zum Abdrehen gezwungen. Bei einem weiteren Versuch im Juni 2009 wurde ein Hilfsschiff vor Gaza abgefangen und in den israelischen Hafen Aschdod gezwungen.
Leben im Gaza-Streifen
Der Alltag der rund 1,5 Millionen Palästinenser in dem dicht bevölkerten Küstenstreifen am Mittelmeer ist seit Jahren von Gewalt und sozialer Not bestimmt. Die meisten Menschen sind auf internationale Hilfe angewiesen. Seit 2007 kontrolliert die radikal-islamische Hamas den Gaza-Streifen. Nach einem massiven Raketenbeschuss aus Gaza startete Israel im Dezember 2008 die dreiwöchige Militäroffensive "Gegossenes Blei", bei der nach palästinensischen Angaben mehr als 1400 Palästinenser getötet wurden. Israel erklärte den Gaza-Streifen zum "feindlichen Gebiet" und sperrte alle Zufahrten zu Lande und zu Wasser, was das Wirtschaftsleben weitgehend zusammenbrechen ließ.