Attacke auf Nato-Soldaten: Taliban brüsten sich mit Anschlag auf Franzosen

Von und Shoib Najafizada

Die Taliban haben sich zu der Attacke auf vier französische Militärs bekannt. Der afghanische Soldat, der sie getötet hat, sei von ihnen in die Armee eingeschleust worden, erklärten die Extremisten. Sie hätten noch weitere Anhänger in wichtigen Positionen angeworben.

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AFP

Französische und afghanische Soldaten in der Provinz Kapisa: Sorge vor Attacken

Kabul - Die Taliban haben nach eigenen Angaben zu Anschlägen bereite Extremisten in die afghanische Armee eingeschleust. Die Gruppe bekannte sich zu der Attacke vom Freitag auf französische Nato-Angehörige und erklärten, sie hätten den afghanischen Soldaten rekrutiert, der die Schüsse abgegeben hatte. Präsident Hamid Karzai zeigte sich erschüttert und kündigte rückhaltlose Aufklärung an.

Französische und afghanische Ermittler recherchieren derzeit die Hintergründe der Schießerei in einem Nato-Camp, bei dem am Freitag vier Soldaten getötet und 17 weitere verletzt worden waren. Der Schütze wird derzeit unter strengsten Sicherheitsvorkehrungen verhört. Es ist einer der seltenen Fälle, in dem die Ermittler Angreifer aus den Reihen der Afghanischen Nationalarmee ANA befragen können - bei den meisten bisherigen Attacken wurden Attentäter in Gefechten mit Nato-Soldaten getötet. In den vergangenen Monaten gab es bereits eine Reihe ähnlicher Angriffe auf westliche Militärs.

Glaubt man den Taliban, haben sie den Angreifer, der nach Informationen von SPIEGEL ONLINE erst vor einigen Monaten dem Trainingsprogramm für die afghanische Armee beitrat, gezielt dort eingeschleust. Taliban-Sprecher Sabihulllah Mudschahed brüstete sich in einem Telefonat mit SPIEGEL ONLINE mit der tödlichen Attacke. Demnach wurde sie gezielt in der heißen Phase des Wahlkampfs in Frankreich geplant. So wolle man in Frankreich Stimmung gegen die Afghanistan-Mission machen, hieß es.

Die Aussagen des Taliban-Sprechers könnten auch Propaganda sein und sollten deshalb mit Vorsicht behandelt werden. Doch konnte Mudschahed gegenüber SPIEGEL ONLINE Details nennen, die belegen, dass er sehr gut informiert ist. So nannte der Sprecher den Namen des Angreifers. Ein afghanischer Offizier aus dem Untersuchungsteam bestätigte die Richtigkeit seiner Angaben.

Auch die Aussage, dass Attentäter Abdul Sabour erst vor rund fünf Monaten der ANA beitrat, stimmt mit den bisherigen Ermittlungen überein. Der afghanische Ermittler wollte aber noch nicht bestätigen, dass es sich bei der Tat um eine Taliban-Aktion handelte. Für Sonntag kündigte das afghanische Verteidigungsministerium einen ersten Ermittlungsbericht an.

Frankreich will Afghanistan-Mission nicht überstürzt abbrechen

Der Nachrichtenagentur Reuters sagte Taliban-Sprecher Mudschahed, die Extremisten hätten viele Menschen in wichtigen Positionen angeworben. Einige von ihnen hätten ihre Aufgabe bereits erfüllt.

Frankreich setzte nach dem Anschlag in der östlichen Provinz Kapisa alle Militäreinsätze in Afghanistan aus. Sollte sich die Sicherheitslage nicht verbessern, könnten die Truppen auch frühzeitig abgezogen werden, sagte Präsident Nicolas Sarkozy. Verteidigungsminister Gérard Longuet dagegen erklärte, die Mission der Truppen bleibe "genau gleich".

Longuet reiste am Samstag nach Kabul. Er will Karzai sowie den Oberbefehlshaber der Nato-Truppen, US-General John Allen, treffen. Sie wollen besprechen, ob und wie die Ausbildung afghanischer Soldaten trotz der Attentatsgefahr fortgeführt werden kann. Die knapp 4000 französischen Soldaten sollen nach bisheriger Planung gegen Ende 2013 das Land verlassen.

Auch der US-Sondergesandte Marc Grossman reiste nach Afghanistan, um mit Präsident Karzai über Friedensverhandlungen mit den Taliban zu sprechen. Die USA seien bereit, "den afghanisch geführten Versöhnungsprozess zur Beendigung des Konflikts auf jede mögliche Weise zu unterstützen", sagte Grossman.

Die USA hatten gemeinsam mit dem deutschen Top-Diplomaten Michael Steiner in den vergangenen Monaten mühsam eine erste Verhandlungsgrundlage mit den Aufständischen auf die Beine gestellt. Wenn alles wie geplant läuft, könnten Vertreter der Taliban schon Anfang Februar ein sogenanntes Verbindungsbüro, eine Art Botschaft, eröffnen und so auch einen neutralen Ort für weitere Treffen ermöglichen.

In Kabul will sich Grossmann nun auch noch grünes Licht von Präsident Karzai holen. Dieser beobachtet die direkten Gespräche zwischen westlichen Diplomaten und den Taliban seit jeher kritisch, weil er um seinen eigenen Einfluss fürchtet. So kam es, dass die Verkündung eines ersten Durchbruchs bei den Bemühungen nicht auf der großen Afghanistan-Konferenz in Bonn mitgeteilt werden konnte, da Karzai plötzlich wieder alle vereinbarten Parameter in Frage stellte.

Karzai trifft sich mit Extremisten

Auch aktuell ist die Kooperation mit Karzai schwierig. Völlig überraschend teilte der störrische und immer unberechenbarere Präsident am Samstag mit, er selbst habe sich mit einer Delegation der Extremistengruppe Hezb-i-Islami zu Gesprächen getroffen. Die Gruppe gilt als unabhängig von den Taliban und doch kämpft sie erbittert vor allem gegen die US-Armee in Afghanistan. Bei einer Rede vor dem Unterhaus des Parlaments sagte Karzai nun, er habe sich mit dem Führer der Gruppe, Gulbuddin Hekmatyar, getroffen. Dieser sei aus Pakistan gekommen. Nun sei es wahrscheinlich, dass Friedensverhandlungen "gute Ergebnisse bringen werden".

Das Treffen belegt, dass Karzai eine eigene Rolle bei den Verhandlungen spielen will. Internationale Diplomaten zeigten sich nach seiner Rede besorgt, dass er die mühsam auf den Weg gebrachten Gespräche durch seine Dickköpfigkeit gefährden könnte. Dass der Präsident in dieser Sache einsichtig wird, erwartet allerdings weder in Kabul noch in den westlichen Hauptstädten jemand.

mit Material von Reuters

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1. Ob genau dieser Typ
savanne 21.01.2012
Zitat von sysopDie Taliban haben sich zu der*Attacke auf vier französische Militärs bekannt. Der afghanische Soldat, der sie erschossen hat, sei von ihnen in die Armee eingeschleust worden, erklärten die Extremisten. Sie hätten noch weitere Anhänger in wichtigen Positionen angeworben. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,810517,00.html
nun ein Taliban war ist gar nicht wichtig. Die Taliban spielen mittlerweile sehr gut auf dem Propagandaklavier und nutzen jede Gelegenheit der Welt zu verkünden, daß sie und nur sie für die gerechte Sache kämpfen. Und sie benutzen clever ihre Religion als Vehikel der Machterlangung. Ich möchte dort nicht Natosoldat sein, mit solchen"Verbündeten" - denn genau diese nervliche Dauerhöchstbelastung sucht sich dann exzessive Ventile. Überlasst diese Völker sich selbst.
2.
Ernst August 21.01.2012
Zitat von sysopDie Taliban haben sich zu der*Attacke auf vier französische Militärs bekannt. Der afghanische Soldat, der sie erschossen hat, sei von ihnen in die Armee eingeschleust worden, erklärten die Extremisten. Sie hätten noch weitere Anhänger in wichtigen Positionen angeworben. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,810517,00.html
Nun ja, wenn man in seinem eigenen Land ungebetene bewaffnete ausländische Banden nach Hause schicken kann dann ist das schon ein Grund das zu verkünden.
3. Sollten sie sich denn für den Anschlag entschuldigen?
djangogermany 21.01.2012
Zitat von sysopDie Taliban haben sich zu der*Attacke auf vier französische Militärs bekannt. Der afghanische Soldat, der sie erschossen hat, sei von ihnen in die Armee eingeschleust worden, erklärten die Extremisten. Sie hätten noch weitere Anhänger in wichtigen Positionen angeworben. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,810517,00.html
Fakt ist, dass die Ausländer in Afghanistan seit fast zehn Jahren Krieg gegen die Taliban führen, um dann im Jahre 2012 in offizielle Verhandlungen mit eben jenen Taliban einzutreten, mit dem Ziel, die Macht an eben diese zu übergeben. Ganz offenkundig hat sich der Widerstand der Taliban gegen die ausländischen Invasoren gelohnt. Franzosen haben in Afghanistan nichts verloren. Es ist das gute Recht der Bürger Afghanistans, sich gegen Eindinglinge zur Wehr zu setzen. Und dass AUSGERECHNET ein Soldat der afghanischen Armee die vier Franzosen eliminiert hat, sagt ja wohl alles über die Akzeptanz der fremden Söldner und Rambos in Afghanistan. Die Nachricht hat mich nicht gerade betrübt, um es vorsichtig auszudrücken.
4. "Sich selbst überlassen..."
larsmach 21.01.2012
Zitat von savannenun ein Taliban war ist gar nicht wichtig. Die Taliban spielen mittlerweile sehr gut auf dem Propagandaklavier und nutzen jede Gelegenheit der Welt zu verkünden, daß sie und nur sie für die gerechte Sache kämpfen. Und sie benutzen clever ihre Religion als Vehikel der Machterlangung. Ich möchte dort nicht Natosoldat sein, mit solchen"Verbündeten" - denn genau diese nervliche Dauerhöchstbelastung sucht sich dann exzessive Ventile. Überlasst diese Völker sich selbst.
Ja, werter Forist, so sehe ich das auch: Überlasst diese Völker sich selbst. Es gibt eine Grenze, aber offensichtlich ist, dass Menschen in grotesker Religiösität und somit "im Mittelalter" verharren wollen. Ein ähnliche Situation bahnt sich auch anderswo an (und mit einer ganz anderen Religion). Die Welt ist groß, und wir fliegen mit unseren Zeitmaschinen über sie hinweg. Starten in Frankfurt, ankommen in Wellington - landet man allerdings während der Reise, so trifft man auf eine archaische Welt, die fernab jeder Möglichkeit gesellschaftlicher und wirtschaftlicher Entwicklung in einem Korsett aus "Traditionen" und Religiösität verharrt - nicht selten ist unterschwellig männliche Angst vor Unterlegenheit gegenüber selbstbewussten Frauen Motivation dazu.
5. welch andere chance hätten...
atock 21.01.2012
Zitat von savannenun ein Taliban war ist gar nicht wichtig. Die Taliban spielen mittlerweile sehr gut auf dem Propagandaklavier und nutzen jede Gelegenheit der Welt zu verkünden, daß sie und nur sie für die gerechte Sache kämpfen. Und sie benutzen clever ihre Religion als Vehikel der Machterlangung. Ich möchte dort nicht Natosoldat sein, mit solchen"Verbündeten" - denn genau diese nervliche Dauerhöchstbelastung sucht sich dann exzessive Ventile. Überlasst diese Völker sich selbst.
die armen schweine,um sich gegen westliche verbecher zu wehren?
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Fläche: 652.225 km²

Bevölkerung: 31,412 Mio.

Hauptstadt: Kabul

Staatsoberhaupt:
Ashraf Ghani Ahmadsai

Regierungschef: Abdullah Abdullah

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