Attacken auf Kontrahent Gingrich Angst treibt Romney in die Offensive

Schluss mit lustig bei den US-Republikanern: Nach seiner bitteren Niederlage in South Carolina wechselt Ex-Spitzenreiter Mitt Romney die Strategie, verteidigt seine Mini-Steuer und attackiert Kontrahent Newt Gingrich in einer TV-Debatte massiv wie nie zuvor. Der gibt sich cool. Wessen Taktik geht auf?

Von , Washington


Der Erfolg des anderen war einfach zu deutlich, die eigene Niederlage zu bitter. Zwölf Prozentpunkte lag Mitt Romney in South Carolina hinter Newt Gingrich. Zwölf Punkte. Obwohl Romney nur wenige Tage zuvor in den Umfragen noch genauso deutlich vorn war, wie er dann am Ende verlieren sollte.

Das ist die Stimmung, mit der der 64-Jährige und sein Tross nach Florida weitergezogen sind, wo kommende Woche Dienstag gewählt wird. Eigentlich sollte die Sache an dieser Stelle schon gelaufen sein, so hatten es seine Strategen geplant. Romney war doch der perfekte Kandidat für die republikanische Präsidentschaftskandidatur.

Doch statt eines Romney-Durchschmarschs ist das Rennen plötzlich offen. Es ist ein Zweikampf geworden: Romney versus Gingrich. Und nichts ist mehr klar. Romney steht unter enormem Druck. Anders als geplant musste der rund 250 Millionen Dollar schwere Kandidat kurzfristig seine Einkommensverhältnisse offen legen - inklusive Mini-Steuersatz. Demnach hat er in den vergangenen beiden Jahren 45,2 Millionen Dollar verdient - bei einem Einkommensteuersatz von 13,9 (2010) beziehungsweise 15,4 Prozent (2011).

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Attacken bei TV-Debatte: Romney zieht in die Schlacht
Wohl das erste Mal in diesem Wahlkampf fürchten Romneys Leute ganz ernsthaft den Crash: Dass der einst sicher scheinende Sieger scheitern könnte.

Diese kalte Angst des Karrierepolitikers, nach 2008 das zweite Mal im Kampf um die Nominierung zu versagen - sie bestimmt am Montagabend die TV-Debatte der nun mehr vier verbliebenen Republikaner-Kandidaten in Florida: Neben Romney und Gingrich sind das der Erzkonservative Rick Santorum sowie der Radikal-Liberale Ron Paul.

Romney flüchtet sich in die Offensive. Volle Attacke auf Gingrich, als gerade mal drei Minuten der TV-Debatte vergangen sind. Der habe in den neunziger Jahren als Sprecher des Repräsentantenhauses - und damit Nummer Drei im Staat - die Chance gehabt, die republikanische Partei zu führen. "Und nach vier Jahren musste er in Schande abdanken", ätzt Romney gegen den Mann, der damals wegen ethischer Verstöße abgestraft und von den eigenen Leuten abgesetzt wurde. Und Romney macht weiter: In der Folgezeit sei Gingrich mit seinen Polit-Kontakten hausieren gegangen, währenddessen er, Romney, damals die Olympischen Spiele von Salt Lake City gerettet und den Staat Massachusetts gemanagt habe. "Du brauchst einen Mann, der Amerika führen kann", sagt er. Klar, wer das nach diesem Vergleich nur sein kann.

Gingrich gibt sich präsidial

Gingrich steht an seinem Pult links neben Romney und sendet böse Blicke. Seine Strategie: Romney einfach abprallen lassen. "Ich werde nicht den Abend damit verbringen, hinter Romneys Falschinformationen herzujagen", sagt er. Man könne die Richtigstellungen morgen auf seiner Internetseite nachlesen. Gingrich macht auf cool. Der 68-Jährige gibt sich plötzlich präsidial.

Aber Romney ist noch immer nicht fertig, er will Gingrich jetzt aus der Reserve locken. Unbedingt. "Am Ende seiner Amtszeit", lästert Romney nach links, "lag seine Zustimmungsrate bei 18 Prozent." Gingrich schaut geradeaus. Romney holt die nächste Keule raus: Freddie Mac, jene mit Steuergeld gerettete Hypothekenbank, die die Dienste einer Beratungsfirma von Gingrich einkaufte. "Er hat 1,6 Millionen Dollar von Freddie Mac bekommen", koffert Romney, "als Freddie Mac die Leute hier in Florida Millionen über Millionen kostete". Damit spielt er auf die vielen Hausbesitzer in dem Südstaat an, die im Laufe der Finanzkrise ihre Kredite nicht mehr bedienen konnten und ihre Eigenheime verloren.

Romney inszeniert sich als Saubermann

Was denn da jetzt los sei, erkundigt sich NBC-Moderator Brian Williams. Romney plötzlich in der Offensive? Ja, sagt Romney, das habe er in South Carolina gelernt: Er werde sich jetzt nicht mehr zurücklehnen und "von allen Seiten attackieren lassen". Es ist eine Anspielung auf einen "Super-PAC", eine Gingrich nahestehende Spendergruppe, die Romney, der sein Vermögen mit der Investmentfirma Bain Capital gemacht hat, in Werbe-Spots und einem 27-Minuten-Film als eiskalten Kapitalisten darstellt, der die Leute um Job und Zukunft gebracht hat.

Und obwohl auch in Romneys Umfeld ein Super-PAC werkelt, der Gingrich etwa vor der Januar-Abstimmung in Iowa wieder und wieder attackierte, bis dessen Umfragewerte in den Keller gingen, inszeniert sich der Ex-Gouverneur jetzt als Saubermann und aufrechter Republikaner: Er habe ja gewusst, dass die Leute von Präsident Barack Obama ihn irgendwann wegen seiner wirtschaftlichen Erfolge und seines Einkommens angreifen würden. Aber es verwundere doch, dass republikanische Kollegen "die Waffen der Linken" aufnehmen würden.

Wer ist der Wählbarste im Land?

Klar ist: Romney gelingt die Offensive deutlich besser als seine vergangenen Defensiv-Stottereien in gleicher Sache. Nur lässt sich Gingrich nicht provozieren, lässt Romney ziemlich arrogant abtropfen: Okay, sein Kontrahent werde jetzt "persönlich und garstig", so was verkaufe sich eben gut. Aber dennoch: Er sei kein Lobbyist gewesen, er habe Freddie Mac nur beraten, mehr nicht.

Und so geht das immer weiter. Seit South Carolina dominiert der Kampf dieser beiden das Rennen. Und einer wird es machen, so viel ist sicher. Beide reagieren aufeinander: Romney legt seine Einkünfte offen, Gingrich stellt seinen alten Vertrag mit Freddie Mac ins Internet. Santorum und Paul sind längst nur noch Statisten auf dieser Bühne. Zwischen Romney und Gingrich aber tobt die Auseinandersetzung um die Verbindung mit der breit gefächerten republikanischen Basis in Florida: Viele Rentner, Exil-Kubaner, Hispanics. Es ist ein politischer Schönheitswettbewerb um die Frage, wer der Wählbarste ist im Land: Wer hat die besten Chancen gegen Obama?

Mister Perfekt vs. Mister Büßer

Bisher waren die Rollen klar verteilt: Romney galt als der Wählbare. Mister Perfekt - der Mann, der wie ein Roboter durchs Leben geht. Alles scheint gut. Oder es sieht zumindest richtig gut aus. Heile Familienwelt, Erfolg im Geschäftsleben, fünf ebenmäßige Söhne, zig Enkelkinder. Keine Affären, keine Skandale, nichts. keine dunklen Geheimnisse. Romney aalglatt.

Gingrich dagegen? Zum dritten Mal verheiratet, ein notorischer Betrüger seiner Partnerinnen, eitel, ignorant, nur aufs eigene Fortkommen bedacht. Aber auch ein leidenschaftlicher Büßer. Das kleine Glück des Katholiken.

Das könnte Gingrich im Wahlkampf sogar nutzen. Wer um Vergebung bitte, der verkaufe sich besser als der Perfektionist, zitiert das Magazin "Politico" den Republikaner-Strategen Pat Griffin: "Damit können wir alle etwas anfangen. Nur sehr wenige Leute können sich diese perfekt gestylten Romneys anschauen, die aussehen wie aus der Zahnpasta-Werbung, und dann sagen: Das bin ja ich!" Heißt: Keine Identifikation, nirgends.

So dürfte es auch der plötzlich offensive Romney schwer haben, die dringend nötige Sympathie der Basis zu erringen. Die aber wird er brauchen, um in Florida siegen zu können. Ihm bleiben noch acht Tage.

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Seite 1
hajo58 24.01.2012
1. Eigenschaften
Zitat von sysopSchluss mit lustig bei den US-Republikanern: Nach seiner bitteren Niederlage in South Carolina wechselt Ex-Spitzenreiter Mitt Romney die Strategie, verteidigt seine Mini-Steuer und attackiert Kontrahent Newt Gingrich massiv wie nie zuvor. Der gibt sich cool und präsidial. Wessen Taktik geht auf? http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,810993,00.html
Wer in den USA Präsidentschaftskandidat der Republikaner werden will sollte folgende Eigenschaften mitbringen: Reich, dumm und wasserdicht.
denkdochmalmit 24.01.2012
2. Marionetten
Zitat von sysopSchluss mit lustig bei den US-Republikanern: Nach seiner bitteren Niederlage in South Carolina wechselt Ex-Spitzenreiter Mitt Romney die Strategie, verteidigt seine Mini-Steuer und attackiert Kontrahent Newt Gingrich massiv wie nie zuvor. Der gibt sich cool und präsidial. Wessen Taktik geht auf? http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,810993,00.html
SPON könnte mal einen Artikel bringen der hinterleuchtet wer von den Kandidaten von wem wieviel Geld bekommt. Genauer gesagt wessen Marionette die einzelnen Kandidaten sind. So einen richtigen gut recherchierten Artikel... Ja..genau wie früher ! ( Für die die sich noch erinnern..)
klaus_s. 24.01.2012
3. Die Wahl zwischen Pest und Cholera
Wenn die Republikaner nichts besseres zu bieten haben.....Gute Nacht USA! Man könnte meinen die Wahl zugunsten Obama ist entschieden, aber die US-Amerikaner ticken völlig anders. Ich hatte mir Obama gewünscht, aber nicht gedacht dass er gewählt wird. Nun wünsche ich mir wieder Obama, denn weder Gingrich noch Romney haben das Zeug Präsident zu sein. Warum schnallen sie sich nicht gleich einen Colt um und erledigen das wie es vor 150 Jahren im Wilden Westen gemacht wurde?
Karl_Lauer 24.01.2012
4.
Zitat von sysopSchluss mit lustig bei den US-Republikanern: Nach seiner bitteren Niederlage in South Carolina wechselt Ex-Spitzenreiter Mitt Romney die Strategie, verteidigt seine Mini-Steuer und attackiert Kontrahent Newt Gingrich massiv wie nie zuvor. Der gibt sich cool und präsidial. Wessen Taktik geht auf? http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,810993,00.html
Immer wenn ich von der europäischen Politik enttäuscht bin lese ich einen der (wirklich auffällig zahlreichen) Artikel über die Wahl des republikanischen Präsidentschaftskandidaten um das Maß an Dummheit und Ignoranz wieder in einem freundlicheren Licht erscheinen zu lassen.
metafa 24.01.2012
5.
Zitat von klaus_s.Wenn die Republikaner nichts besseres zu bieten haben.....Gute Nacht USA! Man könnte meinen die Wahl zugunsten Obama ist entschieden, aber die US-Amerikaner ticken völlig anders. Ich hatte mir Obama gewünscht, aber nicht gedacht dass er gewählt wird. Nun wünsche ich mir wieder Obama, denn weder Gingrich noch Romney haben das Zeug Präsident zu sein. Warum schnallen sie sich nicht gleich einen Colt um und erledigen das wie es vor 150 Jahren im Wilden Westen gemacht wurde?
das hätte whrscheinlich noch mehr Klasse als das, was die jetzt abziehen...
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