Attacken gegen Muslime in den USA: "Ich habe ihn nie gehasst"

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Zehn Tage nach den Anschlägen vom 11. September schoss der Amerikaner Mark Stroman in Dallas auf Rais Bhuiyan. Trotz des Kopfschusses überlebte der Einwanderer aus Bangladesch, jetzt will er verhindern, dass der Mann hingerichtet wird, der ihn umbringen wollte.

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Hate-Crime-Opfer Rais Bhuiyan: "Hass bringt keinen Frieden"

Berlin - Es ist beinahe zehn Jahre her, dass Rais Bhuiyan um ein Haar sein Leben verlor. Es war der 21. September 2001, exakt zehn Tage nach den Anschlägen islamistischer Terroristen auf das World Trade Center in New York.

Der Mann, der ihn töten wollte, sei "nicht weise genug" gewesen, sagt Rais Bhuiyan, 37, heute. Er habe damals nicht "unterscheiden können zwischen richtig und falsch". Inzwischen habe der Mann sich sehr geändert, er rühre ihn zu Tränen.

Der Bangladescher Rais lebt in den USA, jetzt ist er nach Deutschland gekommen, um für die Begnadigung des Mannes zu kämpfen, der ihn erschießen wollte. Er hat sich dafür Unterstützung geholt, den Vorsitzenden des Menschenrechtsausschusses des Bundestags, den Grünen Tom Koenigs und Professor Rick Halperin, Professor aus Texas und bekannter Menschenrechtsaktivist. Sie alle kämpfen gegen die Todesstrafe, sie alle haben Appelle an den Gouverneur von Texas gerichtet, die geplante Hinrichtung zu stoppen. Sie alle haben keine Antwort bekommen.

Am 21. September 2001 hatte sich Rais Bhuiyan für die Frühschicht einteilen lassen, an der Tankstelle im Viertel Pleasant Grove in Dallas. Es war ein trüber Tag, er wartete auf einen Kollegen, der ihn ablösen sollte. Rais Bhuiyan, frommer Muslim, wollte zum Mittagsgebet. Die Tür öffnete sich, ein Mann kam in den Tankstellen-Shop, Baseballkappe, Sonnenbrille, Tuch. Der Mann zückte die Waffe. Ein Raubüberfall, da war sich Rais Bhuiyan sicher. "Schieß nicht, hier ist all das Geld", rief er. Aber der Mann wollte das Geld nicht. Er wollte wissen, wo Rais herkomme.

"Excuse me?", fragte Rais verwundert. Dann schoss der Mann Rais ins Gesicht. Bilder von seiner Mutter, seinem Vater, seiner Verlobten schossen ihm durch den Kopf. "Ich wusste nicht, ob ich lebte", erzählt Rais. Schwer verletzt rettete er sich in ein Nachbargeschäft und rief Hilfe.

Mark Stroman heißt der Mann, der Rais töten wollte, ein weißer Amerikaner mit deutschem Vater, 41 Jahre alt. Er hatte eine schlimme Kindheit voller Missbrauch und Gewalt, war drogensüchtig, seinen ersten Raubüberfall beging er mit zwölf. Sich selbst bezeichnete er als Rassisten.

Nach den Anschlägen vom 11. September 2001 wollte Stroman Rache nehmen. Rais war nicht sein einziges Opfer. Am 15. September tötete Stroman Waqar Hasan, einen 46-jährigen Pakistaner, der vier Kinder hatte. Am 4. Oktober den indischstämmigen Vasudev Patel, Vater zweier Kinder.

Stroman kannte seine Opfer nicht, er schoss auf sie, weil sie dunkelhäutig waren, vermeintlich Muslime. Seine Halbschwester sei bei den Anschlägen im World Trade Center gestorben, sagte Stroman. Das ist bis heute nicht bestätigt. Einem Reporter sagte Stroman nach seiner Tat: "Ich tat das, was jeder Amerikaner tun wollte, aber nicht tat. Sie hatten alle nicht den Mut."

"Hass bringt nur größere Katastrophen"

Im April 2002 verurteilte ein Gericht in Texas Mark Stroman zur Todesstrafe.

Rais musste nach dem Anschlag mehrmals operiert werden. Die Ärzte konnten ein Auge retten, auf dem anderen blieb er blind. Noch immer stecken Metallsplitter in seinem Kopf. Während des Prozesses lebte Rais in ständiger Angst vor einem neuen Angriff. Als einziges Opfer hatte er Stromans Angriffe überlebt. Die Beziehung zu seiner Verlobten ging in die Brüche. Seine Eltern waren tief traumatisiert.

Rais war 1999 nach Amerika gekommen. "Ich kam, um den amerikanischen Traum zu leben, mit der Hoffnung auf Bildung", sagt er. Durch den Anschlag, sagt er, sei sein Leben reicher geworden, er sei mental und spirituell stärker geworden.

Knapp zehn Jahre nach seiner Tat soll Stroman am 20. Juli im Todestrakt in Dallas hingerichtet werden. Rais Bhuiyan will das verhindern. Er ist ein frommer Mann. Seit seinem Mekka-Besuch 1999 sei sein Herz weicher geworden, sagt er. "Hass bringt keinen Frieden, sondern nur immer größere Katastrophen. Wenn wir Stroman retten, geben wir ihm die Chance, aus seinen Fehlern zu lernen und irgendwann sogar einen positiven Beitrag für die Gesellschaft zu leisten." Er habe Stroman nie gehasst.

Stroman bloggt aus dem Todestrakt, nennt die Tat inzwischen einen "entsetzlichen Fehler". Er schreibt: "Und glaube mir, ich bezahle täglich in jeder Minute des Tages dafür, und ebenso verfolgt es mich im Schlaf."

Vor einigen Wochen bekam Rais einen Brief von Stroman aus dem Todestrakt: "Ich kenne deine Eltern nicht, aber sie müssen großartige Menschen sein, dass sie dich zu so einem Menschen gemacht haben", heißt es darin. "Meine Augen füllten sich mit Tränen, ich konnte ein paar Stunden nicht schlafen", sagt Rais über den Brief.

Am Freitag kehrt Rais zurück nach Dallas. Er hofft, Stroman dann zum ersten Mal im Gefängnis besuchen zu können. Er hat nicht viel Zeit. In 14 Tagen soll die Hinrichtung stattfinden.

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insgesamt 66 Beiträge
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1.
taiga 06.07.2011
Zitat von sysopZehn Tage nach den Anschlägen vom 11. September schoss der Amerikaner Mark Stroman in Dallas auf Rais Bhuiyan. Trotz des Kopfschusses überlebte der Einwanderer aus Bangladesch, jetzt will er verhindern, dass der Mann hingerichtet wird, der ihn umbringen wollte. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,772664,00.html
Gibt‘s für MordVERSUCH auch die Todesstrafe in den USA?
2. ...
fragende_welche 06.07.2011
Zitat von taigaGibt‘s für MordVERSUCH auch die Todesstrafe in den USA?
Ich denke nicht, aber der Herr in diesem Artikel war nicht das einzige Opfer des Rassisten, zwei weitere Männer hat er getötet. Daher wohl die Todesstrafe.
3. Ot
black_dave 06.07.2011
Zitat von taigaGibt‘s für MordVERSUCH auch die Todesstrafe in den USA?
Strohman hat drei weitere Menschen getötet, siehe Artikel....
4. Hochachtung
frank4979 06.07.2011
nicht jedes Opfer bringt soviel verstaendnis auf. Aber trotzdem sollten Moerder mit dem Tod bestraft werden, je schneller dest kostenguenstiger. Warum muss so ein ..... 10 Jahre im Knast sitzen, steuergelder "verschlingen", und wenn es ums eigene Dasein geht noch weinerliche Briefe verfassen und um Verzeihung flehen. Verabschaeungswuerdig. Erschiesst ihn heute.
5. ?
sonobox 06.07.2011
Zitat von taigaGibt‘s für MordVERSUCH auch die Todesstrafe in den USA?
Das gleiche habe ich mich auch gefragt! Dann habe ich aber mal den Artikel komplett gelesen: "Nach den Anschlägen vom 11. September 2001 wollte Stroman Rache nehmen. Rais war nicht sein einziges Opfer. Am 15. September tötete Stroman Waqar Hasan, einen 46-jährigen Pakistaner, der vier Kinder hatte. Am 4. Oktober den indischstämmigen Vasudev Patel, Vater zweier Kinder [...]". Das erklärt dann die Todesstrafe.
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