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Aktueller Ermittlungsstand: Was wir über die Attentäter wissen

Wer waren die Massenmörder von Paris? Über die Terroristen sind inzwischen viele Details bekannt. Wer mordete wann und wo - und wie radikalisierten sich die Täter? Die Übersicht.

  • Noch sind nicht alle Attentäter bekannt, die an den Anschlägen am 13. November beteiligt waren.
  • Ein mutmaßlich Beteiligter ist auf der Flucht. Zuletzt wurde am 18. März in Brüssel Salah Abdeslam gefasst.
  • Als Drahtzieher gilt der Belgier Abdelhamid Abaaoud. Er wurde bei einer Razzia im Vorort Saint-Denis am 18. November 2015 getötet.
  • Als die Polizei den Unterschlupf der Terroristen stürmte, sprengte sich ein Mann in die Luft.
  • In der Wohnung wurde eine weibliche Leiche entdeckt. Es soll sich um Hasna Aït Boulahcen handeln.


Hier der aktuelle Ermittlungsstand:

Polizei fasst Salah Abdeslam, 18. März

Die belgische Polizei nimmt bei einer neuen Razzia in der Brüsseler Gemeinde Molenbeek Salah Abdeslam fest. Er soll die Attentäter, die sich vor dem Stade de France in die Luft sprengten, mit einem Auto zu dem Stadion gefahren haben. Nach den Bluttaten gelang es Abdeslam, mit zwei Begleitern auf dem Weg nach Belgien unbehelligt eine Polizeikontrolle zu passieren. Wie andere berüchtigte Islamisten wuchs auch er in Molenbeek auf, die als Islamistenhochburg gilt. Abdeslam ist der Bruder des Selbstmordattentäters Brahim Abdeslam, der sich in Paris mit einem Sprengstoffgürtel in die Luft sprengte.

IS veröffentlicht Video der Attentäter, 24. Januar

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REUTERS

Am 24. Januar veröffentlicht der "Islamische Staat" ein Video, das neun Paris-Attentäter in Syrien oder dem Irak zeigt. Vier der Terroristen enthaupten in dem Film Geiseln, ein fünfter erschießt einen Gefangenen. Auch die beiden bislang nicht identifizierten Attentäter tauchen in dem Video auf. Laut IS soll es sich um zwei Iraker handeln. Der IS droht mit weiteren Anschlägen in Europa, besonders in Großbritannien.

Versteck von Salah Abdeslam entdeckt, 8. Januar

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Ermittlungserfolg in Brüssel: Bereits am 10. Dezember hatten Polizisten das Versteck von Salah Abdeslam gefunden. Erst Anfang Januar wurde die Entdeckung öffentlich.

In einer Wohnung im Brüsseler Stadtteil Schaerbeck entdeckten die Ermittler Fingerabdrücke von Abdeslam. Außerdem fanden sie Sprengstoff und drei selbstgebaute Vorrichtungen, aus denen sich Sprengstoffgürtel hätten bauen lassen.

Abdeslam ist zu diesem Zeitpunkt noch auf der Flucht. Vor dem 13. November soll der 26-Jährige mit seinen Brüdern in Molenbeek bei Brüssel gelebt haben. Laut Medienberichten sollen die Pariser Sprengstoffgürtel in Abdeslams Wohnung angefertigt worden sein. Die Staatsanwaltschaft äußerte sich dazu nicht. Die Wohnung im dritten Stock eines Mehrfamilienhauses sei unter falscher Identität gemietet worden.

Terror-Razzia in Saint-Denis, 18. November

Anti-Terroreinsatz in Saint-Denis Zur Großansicht
REUTERS

Anti-Terroreinsatz in Saint-Denis

Bei einer Razzia im Pariser Vorort Saint-Denis (9) kam es in den frühen Morgenstunden des 18. November zu einem langen Schusswechsel zwischen mehreren Verschanzten und Spezialeinheiten der Polizei. Mehrere Menschen wurden verletzt, darunter fünf Polizisten.

Bei dem Einsatz wurde Abdelhamid Abaaoud getötet. Er war mutmaßlich der Drahtzieher der Anschläge vom 13. November. Seine Leiche wurde anhand von Fingerabdrücken identifiziert. Das gab die Staatsanwaltschaft am 19. November bekannt.

Abdelhamid Abaaoud Zur Großansicht
Islamistisches Propaganda-Magazin

Abdelhamid Abaaoud

Abdelhamid Abaaoud war Belgier und wuchs in Brüssel im Stadtteil Molenbeek auf, einer Hochburg der islamistischen Szene. Seit mindestens zwei Jahren arbeitete er für die Terrororganisation "Islamischer Staat" in Syrien. (Hier mehr zu seiner Person.)

DNA-Spuren auf einer Kalaschnikow legen nahe, dass Abaaoud aktiv an den Anschlägen des 13. November beteiligt war. Er soll der Gruppe angehört haben, die Besucher mehrerer Bars und Restaurants tötete.

Während der Razzia in Saint-Denis sprengte sich ein Mann in die Luft. Zunächst hieß es, es habe sich um eine Frau gehandelt. Das revidierte die Staatsanwaltschaft später. Die Identität des Toten ist unklar. DNA-Spuren legen nahe, dass dieser Mann am 13. November mit Abaaoud Bars und Restaurants angriff.

Bei der Frauenleiche, die in der Wohnung entdeckt wurde, soll es sich um Abaaouds Cousine handeln: Hasna Aït Boulahcen, 26. Die Eltern der Frau waren in den Siebzigerjahren aus Marokko eingewandert, sie selbst besaß die französische und marokkanische Staatsbürgerschaft. Nach Informationen von SPIEGEL TV war Hasna Aït Boulahcen zuletzt in Creutzwald in der Nähe der deutsch-französischen Grenze gemeldet.

SPIEGEL TV
Hasna habe sich vor einem halben Jahr plötzlich radikalisiert und einen Nikab getragen, der nur einen Sehschlitz freilässt, sagte ihr Bruder der Nachrichtenagentur AFP. "Sie hatte sich bis dahin nie mit Religion befasst, ich habe sie nie einen Koran aufschlagen sehen."

Die Wohnung war bei dem Einsatz durch Explosionen und Schüsse zerstört worden, die Arbeit der Forensiker war entsprechend schwierig.

Acht Terrorverdächtige wurden bei der Razzia zunächst festgenommen, sieben sind wieder auf freiem Fuß. Bei dem achten handelt es sich um Jawad Bendaoud, den Besitzer der Wohnung, in der sich die Terroristen versteckt hielten. Die Pariser Staatsanwaltschaft hat ein Terrorverfahren gegen ihn eingeleitet.


Tatort: "Stade de France", 13. November

Eingangstore am Stade de France Zur Großansicht
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Eingangstore am Stade de France

Freitag, 13. November, 21.20 Uhr: Ein Attentäter versucht am Portal D ins Stadion zu gelangen, wo das Fußballspiel Frankreich - Deutschland stattfindet. Er scheitert, sprengt sich selbst in die Luft (Karte: Punkt 1) und tötet einen weiteren Menschen.

"Ahmad Almohammad": Wer ist der Mann wirklich? Zur Großansicht
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"Ahmad Almohammad": Wer ist der Mann wirklich?

Die wahre Identität des Mannes ist unklar. Am Tatort wurde ein syrischer Pass gefunden, der auf den Namen Ahmad Almohammad ausgestellt ist. Dieser Pass gehörte früher einem Soldaten der syrischen Regierungstruppen, der vor Monaten getötet wurde.

Der Besitzer des Passes wurde am 3. Oktober auf der griechischen Insel Leros mit rund 200 weiteren Syrern als Flüchtling registriert, er gab dabei auch seine Fingerabdrücke ab. Später wurde er noch einmal in einer Flüchtlingsunterkunft in Serbien kontrolliert. Die Polizei hat die Bevölkerung um Hinweise zu dem Mann gebeten.

Um 21.30 Uhr sprengt sich ein weiterer Attentäter nahe Portal H (3) in die Luft. Ein dritter Selbstmordattentäter zündet um 21.53 Uhr in der Rue Cokerie in der Nähe des Stadions vor einem Burger-Restaurant (8) seinen Sprengsatz.

"Mohammad Almahmod": Wer ist der Mann? Zur Großansicht
DPA

"Mohammad Almahmod": Wer ist der Mann?

Bei einem dieser beiden Attentäter wurde ebenfalls ein syrischer Pass gefunden, der auf den Namen Mohammad Almahmod ausgestellt war. Der Ausweis mit der Nummer 007773937 gehört zu einer Charge von Blanko-Dokumenten, die die Terrororganisation IS im syrischen Rakka erbeutet hatte (mehr zum Thema).

Almahmod wurde wie Almohammad am 3. Oktober auf Leros als Flüchtling registriert. Griechische Zeitungen berichteten, Almahmod und Almohammad seien am 5. Oktober mit der Fähre "Diagoras" nach Piräus gereist. Das gehe aus den Passagierdaten hervor, hieß es.

Die Polizei hat am 23. November ein Fahndungsfoto veröffentlicht und bittet die Bevölkerung um Mithilfe.

Bilal Hadfi Zur Großansicht
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Bilal Hadfi

Einer der Attentäter vom "Stade de France" wurde als Bilal Hadfi identifiziert, ein 20 Jahre alter Franzose, zuletzt wohnhaft in Belgien. Am Anschlagsabend telefonierte er mit Abaaoud.

Belgische Medien berichten, Hadfi habe sich ab Sommer 2014 für Dschihadismus interessiert. Im Frühjahr 2015 sei er nach Syrien gereist, dort habe er sich mehrere Monate aufgehalten. Er soll dort verletzt worden sein.

Schon in der Vergangenheit hatte der IS europäische Dschihadisten als Selbstmordattentäter eingesetzt, gerade wenn sie verwundet worden waren. Bisher ist noch nicht bekannt, wann und wie Hadfi nach Europa zurückkehrte.


Tatort: Restaurants und Cafés

Einschusslöcher an einem Café in der Rue de la Fontaine-au-Roi Zur Großansicht
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Einschusslöcher an einem Café in der Rue de la Fontaine-au-Roi

In einem schwarzen Seat Leon steuern die Attentäter verschiedene Restaurants und Cafés an. In dem Fahrzeug, das später in einem Vorort von Paris abgestellt wurde, werden drei Kalaschnikows gefunden. Inzwischen geht die Polizei von drei Tatbeteiligten aus: Auf einem Überwachungsvideo sind zwei Männer zu sehen, die auf Cafégäste schießen, der Fahrer bleibt während des Vorfalls im Wagen sitzen.

Um 21.25 Uhr schießen die Täter in der Rue Alibert mit Schnellfeuergewehren auf Menschen, die sich vor und im Restaurant Le Petit Cambodge und in der Bar Le Carillon aufhalten. 15 Menschen werden hier getötet (2).

Um 21.32 Uhr fallen Schüsse in der Rue de la Fontaine-au-Roi vor der Pizzeria La Casa Nostra und dem Café Bonne Bière in der Rue Faubourg-du-Temple. Fünf Menschen sterben (4).

Um 21.36 Uhr erreichen die Täter das Restaurant La Belle Equipe. Im Kugelhagel sterben 19 Menschen (5).

Am Boulevard Voltaire sprengt sich um 21.40 Uhr ein Selbstmordattentäter am Café Comptoir Voltaire in die Luft (6) und verletzt dabei mehrere Menschen. Es ist Brahim Abdeslam, ein 31-jähriger Franzose. Er lebte zuletzt mit seinen Brüdern Salah und Mohamed in Molenbeek bei Brüssel.

Salah Abdeslam ist in die Attentate verwickelt. Er hat den schwarzen VW Polo gemietet, mit dem die Attentäter zur Konzerthalle Bataclan fuhren. Das abgestellte Fahrzeug brachte die Ermittler auf die Spur der Täter. Der 26-Jährige war lange auf der Flucht, am 18. März 2016 wurde er in Brüssel festgenommen.

Salah Abdeslam: Auf der Flucht Zur Großansicht
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Salah Abdeslam: Auf der Flucht

Nach den Anschlägen hatte sich Salah Abdeslam von zwei Freunden Mohammed Amri, 27, und Hamza Attouh, 21, mit einem Auto in Paris abholen lassen. Am Samstagmorgen überquerten die drei Männer die belgische Grenze, wurden von der Polizei kontrolliert, aber nicht festgehalten. Zu diesem Zeitpunkt war über Abdeslams Rolle noch nichts bekannt.

Die beiden Helfer Amri und Attouh wurden inzwischen angeklagt. Sie sagen, sie hätten auf dem Heimweg nach Belgien kein einziges Wort über das Attentat von Paris gesprochen und Salah Abdeslam in Brüssel abgesetzt.

Der dritte Bruder Mohamed Abdeslam wurde von der Polizei vernommen und wieder auf freien Fuß gesetzt. Er hat für die Nacht der Anschläge ein Alibi, sein Anwalt hat erklärt, sein Mandant wisse nichts über die Taten. Abdeslam äußerte sich auch selbst. Er sagte im Interview, seine Brüder seien zuvor völlig unauffällig gewesen.

Tatort: Konzerthalle Bataclan

Seb Snow
In der Konzerthalle Bataclan am Boulevard Voltaire (7) schießen um 21.40 Uhr drei Terroristen wahllos in die Menge. Bei dem Angriff sterben mindestens 89 Menschen. Zwei der Attentäter zünden ihre Sprengstoffwesten und töten sich selbst. Der dritte wird von zwei Polizisten erschossen, die laut Medienberichten gegen 22.15 Uhr den Tatort erreichen. Gegen 0.30 Uhr stürmt ein Spezialkommando die Halle.

Einer der Attentäter ist Ismaïl Omar Mostefaï, 29. Er stammt aus Courcouronnes. Sein Vater ist Algerier, seine Mutter soll Portugiesin sein. Zwischen 2004 und 2010 wurde Mostefaï achtmal wegen kleinerer Delikte verurteilt, musste aber nie ins Gefängnis. Er war Frankreichs Geheimdiensten als möglicher Radikaler bekannt. Im Winter 2013 verloren sie ihn aus den Augen, als er in die Türkei ausreiste. Dort soll er sich mehrere Monate aufgehalten haben. Anschließend zog er offenbar nach Belgien, ohne dass die französischen Geheimdienste dies mitbekamen.

Samy Amimour: Mit gefälschten Papieren aus Syrien gekommen Zur Großansicht
AFP/ Amimour family

Samy Amimour: Mit gefälschten Papieren aus Syrien gekommen

Der zweite Attentäter ist Samy Amimour, ein 28-jähriger Franzose, er stammt aus dem Pariser Vorort Drancy. Frankreichs Geheimdiensten war er bekannt, er hatte versucht, in ein Terrorcamp im Jemen zu reisen.

Nach Berichten französischer Medien musste Samy Amimour sich regelmäßig bei den Behörden melden, 2013 verschwand er plötzlich und wurde per Haftbefehl gesucht. Nach Angaben von Innenminister Cazeneuve habe Samy Amimour "ohne Zweifel gefälschte Dokumente genutzt, um aus Syrien zurückzukommen".

Die Identität des dritten Bataclan-Attentäters wurde erst am 9. Dezember bekannt. Es soll sich um Fouad Mohamed Aggad aus Straßburg handeln. Der 23-Jährige soll Ende 2013 mit seinem Bruder und einigen Freunden nach Syrien gereist sein. Die meisten seiner Begleiter seien bei ihrer Rückkehr nach Frankreich im Frühjahr 2014 festgenommen worden. Aggad selbst sei zunächst noch in Syrien geblieben.

Björn Hengst, Raniah Salloum, Jule Lutteroth, Anna van Hove, Jörg Diehl

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