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Attentat auf Scheich Jassin: Scharons Raketen zerfetzen die letzte Hoffnung

Von Annette Großbongardt, Jerusalem

Drei Raketen, abgefeuert von israelischen Apache-Helikoptern, haben heute Nacht einen der schlimmsten Hetzer des palästinensischen Terrors zerrissen. Und nebenbei die Hoffnung auf eine baldige Entspannung in Nahost. Der Konflikt ist außer Kontrolle geraten.

Scheich Jassin: Den Einsatz von Kindern als Selbstmordattentätern gut geheißen
AP

Scheich Jassin: Den Einsatz von Kindern als Selbstmordattentätern gut geheißen

Ariel Scharon persönlich überwachte die Jagd auf den Hamas-Gründer Scheich Ahmed Jassin. Auf seiner Farm im Süden des Landes, nur wenige Kilometer Luftlinie vom Gaza-Streifen entfernt, ließ er sich laufend über den Fortgang der Sonderoperation berichten. Und diesmal waren die Killer aus der Luft erfolgreich: Anders als im September vergangenen Jahres, als Jassin einem Anschlag der israelischen Armee auf die versammelte Hamas-Führung nur mit ein paar Kratzern entkam, riss ihn diesmal die aus einem Apache-Helicopter abgefeuerte Rakete in Stücke. Die Überreste seines Rollstuhls sind nun Reliquien für seine fanatischen Anhänger.

Israel feiert den Schlag als Erfolg: Endlich ist das geistige und politische Oberhaupt der Extremisten-Organisation, der sogar den Einsatz von Kindern und Frauen als Selbstmordattentäter guthieß, ausgeschaltet. Allein die Hamas habe 425 tote und über 2000 verletzte Israelis auf dem Gewissen, rechnete die Regierung in Jerusalem zur Rechtfertigung vor. Der gelähmte Scheich persönlich sei verantwortlich für unzählige Attentate. Da die palästinensische Führung nichts tue, um den Terror zu stoppen, müsse Israel selbst handeln, um sich zu verteidigen.

"Den Terror in jedes Haus tragen"

International löst der Schritt dagegen Kritik und Empörung aus: Die Liquidierung sei illegal und geeignet, die Gewalt nur noch wilder zu entfachen. Tatsächlich drohten die islamistischen Milizen, den Terror nun "in jede Straße, in jedes Haus" zu tragen. Israel nimmt das in Kauf. Der jüdische Staat ist bereit, mit hohen Verlusten zu bezahlen - die Frage ist nur, für was genau. Denn dass der Terror mit bloßer militärischer Macht auszumerzen wäre, ist selbst in Israel umstritten. Es geht um mehr. Nach dreieinhalb Jahren Intifada und Terror der Palästinenser ohne Ende in Sicht hat Ariel Scharon entschieden, nicht länger auf einen Frieden zu warten, sondern sein Land und die Region in eine neue Richtung zu führen.

Doch anstatt auf diplomatische Initiative setzt der einstige Feldherr dabei darauf, koste es, was es wolle, sich von den Palästinensern einseitig abzutrennen - die israelische Bevölkerungsmehrheit hat er dabei hinter sich. Der umstrittene Schutzwall, den Israel derzeit errichtet, würde dann gleichzeitig auch als Grenze dienen. Für einen lebensfähigen Palästinenserstaat ist in diesen Plänen kein Platz. Das was Israel "Entflechtung" nennt, soll im Gaza-Streifen beginnen - und würde nach Meinung von Kritikern auch nicht sehr viel weiter führen.

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Fotostrecke: Der Angriff auf Scheich Jassin

Immerhin, in einer historischen Wende für ihn selbst und seine nationalistische Likud-Partei, erklärt sich Scharon bereit, nach über 30 Jahren endlich die jüdischen Siedler aus dem palästinensischen Küstenlandstrich abzuziehen. Rund 7000 Siedler harren dort, schwer bewacht von der israelischen Armee, unter mehr als einer Million Palästinensern aus. Doch Israel betrachtet den Rückzug keineswegs als längst überfälligen Schritt, den es den Palästinensern ohnehin schuldet. Vielmehr fürchtet die Regierung, sie könne damit ein fatales Zeichen der Schwäche geben. Nach dem Motto: Die Zionisten knicken ein unter Terror. Deshalb will die Führung unter Scharon jetzt mit aller Macht demonstrieren, wer der Stärkere ist. Offenbar um jeden Preis. Vor dem Rückzug aus dem Gaza-Streifen soll die Armee dort Tabula-Rasa unter den Milizen machen.

Liquidierungen brachten nie eine Wende zum Besseren

Dem Feldherr Scharon droht ein Phyrrus-Sieg - ein Triumph also, der sich wegen seiner hohen Verluste letztendlich in eine Niederlage verwandelt. Denn dass die Hamas-Führer jetzt aus Furcht für ihr eigenes Leben ihren blutigen Kampf gegen Israel einstellen, steht nicht zu erwarten. Die Liste israelischer Attentate gegen Paten des Terrors in den vergangenen Jahrzehnten ist lang - eine Wende zum Besseren haben die gezielten Liquidierungen indes nie herbeigeführt.

Zehntausende hasserfüllte Demonstraten in Gaza-Stadt: Die Situation ist außer Kontrolle
DPA

Zehntausende hasserfüllte Demonstraten in Gaza-Stadt: Die Situation ist außer Kontrolle

Mit der Exekution des gelähmten und fast blinden Terror-Drahtziehers Scheich Jassin stehen die Zeichen jetzt einmal mehr auf Eskalation. Nicht nur die Hamas hat Israel den "offenen Krieg" erklärt. Auch Extremisten in den arabischen Nachbarländern fühlen sich nun durch die Tötung der islamistischen Symbolfigur nun provoziert. Schlimmstenfalls könnte sogar al-Qaida die Ermordung des populären Scheichs als Einladung empfinden, den globalen Massenterror nach Israel zu tragen.

Auf den Straßen des Gaza-Streifens und der Palästinensergebiete im Westjordanland macht sich bereits jetzt das Chaos breit. Bewaffnete Banden erschießen Rivalen oder als Kollaborateure Verdächtige am hellichten Tage, die palästinensische Polizei schaut machtlos zu. Die Autonomiebehörde ist kaum noch in der Lage, ihre öffentlichen Aufgaben zu erfüllen, die Situation zu steuern oder gar die Terrorgruppen in den Griff zu bekommen.

Forderungen nach Auflösung der Autonomiebehörde

Selbst über die Todestrupps der Fatah-nahen Al-Aksa-Brigaden scheint die Kontrolle verloren. Erstarrt sieht die PLO zu, wie die Hamas auch ihre politische Macht immer weiter ausdehnt. Sogar aus der Fatah heraus, der herrschenden Mehrheitsfraktion der PLO, gibt es bereits die Forderung, die mit den Oslo-Verträgen gegründete palästinensische Autonomiebehörde aufzulösen. Unter der anhaltenden Okkupation sei eine eigenständige Verwaltung unmöglich, sagen die Kritiker. Auch eine junge Generation von Fatah-Führern, die Arafat kritisch gegenübersteht, ist handlungsunfähig. Ratlos steht sie vor den Trümmern dessen, was einmal ein Staat werden sollte.

Palästinenser sagen, das genau ist es, was Israel will: Chaos. So wolle Jerusalem beweisen, dass die Palästinenser einen eigenen Staat gar nicht verdienten.

Für die internationalen Schirmherren des Nahost-Konfliktes, die USA, die Uno, Europa und Russland, ist der Zeitpunkt gekommen, sich von der so genannten "roadmap for peace", der Straßenkarte, die zu einem Frieden mit zwei unabhängigen Staaten führen soll, zu verabschieden. Weiter an einer Politik festzuhalten, die offenkundig gescheitert ist, wäre pure Zeitverschwendung. Denn dieser internationale Friedensplan wurde geschrieben für zwei vernunftgeleitete, einigungswillige Streitparteien.

Lange schon folgt der israelisch-palästinensische Konflikt nicht mehr den Regeln der Logik. Beide Seiten haben sich fanatisch verrannt: Wichtiger noch als Ruhe und Frieden - und für die palästinensische Seite die Unabhängigkeit - ist es ihnen, zu vermeiden, als möglicher Verlierer dazustehen. Israelis und Palästinenser versuchen immer wieder, die andere Seite in die Knie zu zwingen. Keiner will als erster die weiße Fahne hissen.

US-Wahlkampf bremst neue Nahost-Initiativen

Um sie zu echten Verhandlungen zu bewegen, dazu wäre ein neues diplomatisches Instrumentarium nötig. Denn der Konflikt ist mit dem Anschlag auf Scheich Jassin außer Kontrolle geraten. Womöglich ist nun die Zeit für eine internationale Intervention gekommen, um die Streitparteien zur Räson zu bringen. Dazu wäre Israel allerdings nur mit dem vollen Druck der USA zu bewegen.

Das Problem ist nur, dass von Washington im Wahlkampffieber nicht viel zu erwarten ist. Bereits vor dem Wahlkampf hatte sich George W. Bushs Engagement, seine Vision von einem friedlichen Nahen Osten mit zwei Staaten auch zu realisieren, in Grenzen gehalten. Bisweilen haben extreme Ereignisse zwar das Potenzial für eine überraschende Wende zum Positiven. Doch danach sieht es heute in Gaza, Tel Aviv und Jerusalem weiterhin nicht aus. Das einzig verlässliche in Nahost bleibt vorerst der Tod.

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