Tagebuch des getöteten US-Botschafters Schwere Vorwürfe gegen CNN

Legitimer News-Wert oder pietätlose Verletzung der Privatsphäre? Das amerikanische Außenministerium und die Familie des in Bengasi getöteten US-Botschafters erheben schwere Vorwürfe gegen CNN: Der Nachrichtensender habe ohne Zustimmung der Angehörigen aus privaten Tagebucheinträgen zitiert.

Spurensuche im zerstörten US-Konsulat in Bengasi: "Größtenteils ungesichert"
AP

Spurensuche im zerstörten US-Konsulat in Bengasi: "Größtenteils ungesichert"


Washington - Es geht um sieben handgeschriebene Seiten in einer gebundenen Kladde, private Aufzeichnungen des US-Botschafters in Libyen, Christopher Stevens, der am 11. September zusammen mit drei Mitarbeitern bei einem Terroranschlag auf das US-Konsulat in Bengasi ums Leben kam. Nach Angaben des US-Nachrichtensenders CNN beschreibt Stevens darin unter anderem seine Bedenken über die Sicherheit in der Hafenstadt, die Machtzunahme extremistischer Islamisten und äußert die Mutmaßung, auf einer Todesliste der Terrororganisation al-Qaida zu stehen.

All das sind journalistisch wertvolle Informationen, aber darf man sie ohne vorherige Genehmigung der Familie des Verstorbenen als Nachrichten verbreiten? CNN sagt ja, das dürfe man - und berichtete zum ersten Mal am vergangenen Mittwoch über die Inhalte aus dem Tagebuch. Laut "Wall Street Journal" geschah dies ohne Wissen und entgegen den ausdrücklichen Wunsch der Familie und des US-Außenministeriums, das von Stevens' Angehörigen in der Angelegenheit zur Hilfe gerufen wurde. In dem Bericht war von privaten Aufzeichnungen Stevens' jedoch keine Rede: Anchorman Anderson Cooper gab in der Sendung zunächst an, die Informationen stammten von einer Person, die mit Stevens' "Art zu denken vertraut" sei.

Erst am Freitag legte der Sender offen, direkt aus dem Tagebuch zitiert zu haben. Man habe aus Respekt gegenüber der Familie nicht sofort zugegeben, im Besitz des Dokuments zu sein, "doch dann waren wir der Meinung, dass darin Themen behandelt werden, die nachrichtlich ausgewertet werden müssen", so der Sender in einem am Samstag veröffentlichten Statement. Die Reporter hätten die Inhalte aus Stevens' Buch zudem mit anderen Quellen gegengecheckt. Man habe also nicht exklusiv auf Stevens' Aufzeichnungen zurückgegriffen.

US-Außenministerium: CNN-Verhalten ist "ekelhaft"

Wie und wann CNN in den Besitz des privaten Dokuments kam, ist ebenso unklar wie die Frage, wie bereitwillig der Sender das Buch der Familie Stevens aushändigen wollte. Laut CNN-Angaben habe man die Aufzeichnungen vier Tage nach dem Anschlag auf Stevens auf dem Fußboden innerhalb des "größtenteils ungesicherten" Botschaftsgebäudes gefunden und "binnen eines Tages" an die Angehörigen weitergereicht.

Das Außenministerium widerspricht dieser Darstellung. Philippe Reines, Sprecher des State Department und enger Mitarbeiter von Außenministerin Hillary Clinton, sagte dem "Wall Street Journal": "Angesichts des wahren Verlaufs der Ereignisse ist es ekelhaft, wie sich die CNN-Leute jetzt gegenseitig auf die Schultern klopfen." Die ganze Angelegenheit sei alles andere als ein herausragender Moment in der Geschichte des Nachrichtensenders.

Reines habe von der Familie des Botschafters erfahren, dass CNN mehrfach gebeten worden sei, nicht aus dem Tagebuch zu berichten, so lange die Angehörigen keine Gelegenheit gehabt hätten, die Inhalte zu bewerten. Darüber habe sich der Sender ebenso hinweggesetzt wie über die mehrfache Aufforderung, der Familie das Buch so schnell wie möglich zu übergeben: "Als die obersten Senderverantwortlichen endlich erreichbar waren, mussten sie mühsam davon überzeugt werden, das Richtige zu tun", so Reines.

Laut "Wall Street Journal" geht CNN, derart angegriffen, nun in die Defensive: "Wir glauben, die Öffentlichkeit hat ein Recht darauf zu erfahren, was CNN von diversen Quellen über die Ängste und Warnungen vor einem Terroranschlag in Bengasi erfahren hat", zitiert die Zeitung einen CNN-Sprecher. Nun tauche die Frage auf, so CNN weiter, warum das Außenministerium nicht mehr getan hat, um Botschafter Stevens und sein Personal zu beschützen. "Vielleicht ist die wahre Frage ja, warum das State Department jetzt den Überbringer der Nachricht attackiert."

bor/AP



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Seite 1
friedrichii 23.09.2012
1.
Zitat aus dem Artikel: Nun tauche die Frage auf, so CNN weiter, warum das Außenministerium nicht mehr getan hat, um Botschafter Stevens und sein Personal zu beschützen. "Vielleicht ist die wahre Frage ja, warum das State Department jetzt den Überbringer der Nachricht attackiert." Da duerfte was dran sein.
caty24 23.09.2012
2. Einschätzung der Lage
Muss schon erlaubt sein,solche Dokumente zu veröffentichen, auch wenn es der CIA nicht in den Kram passt. Sind sie vor Ort ? Und haben sie die Sicherheitslage in Libyen richtig eigeschätzt?
jayjay21 23.09.2012
3. Zauberlehrlinge
Ich bedaure, dass der Botschfter auf diese Weise und überhaupt ermordet wurde. Er war allerdings Akteur bei dem "Arabischen Frühling" erb hat ihn grossteils an vorderster Front mitinitiiert und gestaltet. Vermutlich glaubten sich H. Clinton ebenso wie Stevens mächtiger zu sein als die Zauberlehrlinge als die sie sich nun darstellen. Dass Clinton dies nun nicht in der Öffentlichkeit sehen will ist nur konsequent. Die Veröffentlichung des Tagebuches als zeithistorisches Dokumment ist es auch. Die Gegendemonstration ein paar Tage später mit den Rufen "Nieder mit den Milizen" kann man nicht ernst nehmen. Sie soll den Geld- und Waffenlieferanten USA beruhigen. Kein Libyer wird meiner Meinung nach "spontan" tage nach dem Mordanschlag auf den Botschafter sowas skandieren. das ist einfach nur absurdes Theater. Im US Statedepartement bemerkt man langsam auch, dass die islamischen Fundamentalisten überall (Ägypten, FSA, Libien, Tunesien, die Macht übernehmen und beginnt gaaanz langsam rückwarts zu rudern. Die FSA wird fallen gelassen und steht ohne Rückhalt in der Bevölkerung und ohne Luftabwehr auf verlorenem Posten.
mathaeus 23.09.2012
4. Oh weia...
"Man habe aus Respekt gegenüber der Familie nicht sofort zugegeben, im Besitz des Dokuments zu sein, "doch dann waren wir der Meinung, dass darin Themen behandelt werden, die nachrichtlich ausgewertet werden müssen", so der Sender in einem am Samstag veröffentlichten Statement. Die Reporter hätten die Inhalte aus Stevens' Buch zudem mit anderen Quellen gegengecheckt. Man habe also nicht exklusiv auf Stevens' Aufzeichnungen zurückgegriffen." Liebe(r) Autor(in)! Statement, Genetiv "s" im Deutschen und gegengecheckt?? Vielleicht supportet Sie nächstes Mal beim Schreiben eines Textes jemand??
gangbangster 23.09.2012
5. pressefreiheit------lol
was soll denn das??? die amis wollen doch immer pressefreiheit ohne grenzen für andere länder. dann ist es doch völlig legitim, wenn ein sender in den usa alles publiziert, was er in die hände bekommt. ekelhaft isst nicht CNN, sondern die us-regierung. wenn es putin ginge, dann würden sie nach pressefreiheit schreien. aber wenn jemand das tagebuch des organisators des massenmordes in libyen veröffentlicht, dann ist es verwerflich und ekelhaft???....nein, der westen ist ekelhaft: wasser predigen, aber wein trinken.......einfach lächerlich
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