Attentäter in Frankreich "Er wurde gefährlich - für sich wie für die anderen"

Yassin S., der seinen Chef in Frankreich enthauptete, hat sein Schweigen offenbar gebrochen und ein Geständnis abgelegt. Sein ehemaliger Kampfsportlehrer erinnert sich an einen Mann, der zunehmend unberechenbar wurde.

Der mutmaßliche islamistische Terrorist Yassin S. wird in Saint-Priest aus seiner Wohnung abgeführt, 28. Juni 2015
AFP

Der mutmaßliche islamistische Terrorist Yassin S. wird in Saint-Priest aus seiner Wohnung abgeführt, 28. Juni 2015


Yassin S. hat laut französischen Medienberichten den Ermittlern den Mord an seinem Chef gestanden. Rund 48 Stunden nach seiner Festnahme äußerte sich der Täter erstmals zum Hergang der Gewalttat im ostfranzösischen Saint-Quentin-Fallavier. Außer seinem Geständnis wurde bisher nichts über seine Aussagen bekannt. Am Sonntag wird Yassin S. nach Paris gebracht, dort soll er von Anti-Terror-Spezialisten weiter verhört werden.

So bleiben die Motive des 35-jährigen Familienvaters weiter im Dunkeln. Wer ist Yassin S.? Wer ist jener Mann, der offenbar seinen Chef enthauptete und am Tatort eine islamistische Fahne hinterließ? Der womöglich versuchte, auf dem Gelände eines Gaswerks verheerende Explosionen auszulösen? Der nach bisherigen Erkenntnissen ein unauffälliges Leben vor den Toren von Lyon führte?

"Er schützte nicht mal sein Gesicht"

Die Zeitung "Le Parisien" sprach mit einem Kampfsportlehrer, der nach eigenen Angaben Yassin S. vor etwa vier Jahren zum ersten Mal traf und ihn dann rund zwei Jahre lang trainierte. Er sei gleich auf ihn aufmerksam geworden, sagt der Mann, dessen Name nicht genannt wird. "Ein langer Bart, lange Haare - das ist nicht gerade ein Look, den man normalerweise sieht." Yassin S. habe ihm gesagt, er wolle "Free Fight" machen. Diese Bitte habe ihn beunruhigt, so der Kampfsportler.

"Der Free Fight ist ein extrem gewalttätiger Kampfsport, bei dem alle Schläge erlaubt sind. Mich hat das umso mehr überrascht, als er nach Außen sehr milde wirkte, in seiner Gestik genauso wie in seiner Art und Weise zu reden." Es war ein Eindruck, der sich bald ändern sollte.

"Manchmal ließ er sich schlagen ohne zu reagieren, er schützte nicht einmal sein Gesicht. Und dann, nach einigen Minuten, explodierte er vor Wut und teilte mit einer unerhörten Rage in alle Richtungen aus. Er wurde gefährlich - für sich wie für die anderen. Er kämpfte nicht, er war im Krieg."

"Eine Bombe mit Zeitzünder"

Der Kampfsportexperte beobachtete bei seinem Schüler Anzeichen einer zunehmenden Fanatisierung. Mal erschien er mit einem T-Shirt, auf dem "Mudschaheddin" stand, mal in der Dschellaba, dem langen Gewand gläubiger Moslems. Und oft kam er in Begleitung von drei Freunden, die er als "Brüder" apostrophierte und die bei den Kursen zugegen waren.

Bevor der Sportlehrer Yassin S. kennenlernte, hatte der Inlandsgeheimdienst den jungen Mann wegen seiner Sympathien für Salafisten beobachtet, die Überwachung aber 2008 wieder eingestellt. Yassin S. galt nicht als vorbestraft. Der Kampfsportler sagte dem "Parisien" aber auch, es habe jeder Hinweis auf eine extremistische Haltung gefehlt, wenn Yassin S. vom Islam gesprochen habe. Er habe keine "auffälligen Parolen" von ihm gehört.

Die einzige Erklärung sei für ihn, dass Yassin S. eine gespaltene Persönlichkeit gewesen sei, "eine Bombe mit Zeitzünder. "Ich habe versucht ihn zu entschärfen, aber ich habe die Explosion allenfalls herausgezögert."

Keine Verwunderung also, dass Yassin S. zu dieser Gräueltat fähig war? "Das hat mich schockiert, aber nicht wirklich überrascht. Andererseits war Yassin gewiss kein Anführer, ich bin überzeugt, dass man ihn benutzt hat, ihn einer Gehirnwäsche unterwarf", mutmaßt der Sportlehrer.

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