Attentat in Jerusalem Anschlag schürt Angst vor Dritter Intifada

Pulverfass Nahost: Mit dem Anschlag auf die Jerusalemer Religionsschule traf der Attentäter das Herz der jüdischen Siedlungsbewegung. Zwar hat die Hamas ihr Bekenntnis zu der Bluttat jetzt zurückgenommen. Doch Israel rüstet sich für eine neue Spirale der Gewalt, die US-Friedensinitiative versandet.

Von Ulrike Putz, Beirut


Jerusalem - Das Gebäude, vor dem sich die Trauergemeinde zusammenfand, war gezeichnet von der Nacht des Terrors: Einschusslöcher in den Außenmauern der Mercaz-Harav-Religionsschule in Jerusalem zeugten von den Salven, die der Attentäter gestern Abend auf die Studenten feuerte, die sich zu einem Abendkursus versammelt hatten.

Der mit einem Kalaschnikow-Sturmgewehr und Pistolen bewaffnete Mann sei in einen Lesesaal vorgedrungen, berichten Augenzeugen, wo er wild um sich geschossen habe. Danach sei er in der Aula herumgegangen, um diejenigen zu töten, die sich dort auf den Boden geworfen hätten. Acht Schüler - bis auf einen jungen Mann allesamt Teenager zwischen 15 und 19 Jahren - starben, elf wurden verletzt. Auch der Attentäter kam um, er wurde von der Polizei erschossen.

Während drei Verletzte am Freitagmorgen noch mit dem Tode rangen, wurden die Toten nach jüdischer Sitte zu Grabe getragen. Ihr letzter Weg begann vor der Schule, in der sie die Heiligen Schriften studiert hatten. Ein Rabbi rezitierte hebräische Psalme, die Menge antwortete. Als sich die Trauerzüge schließlich in Bewegung setzten, um die Toten zu ihren Ruhestätten auf den Friedhöfen Jerusalems zu geleiten, säumten Tausende die Straßen.

Laut der Nachrichtenagentur AP hat die radikalislamische Hamas-Bewegung ihr früheres Bekenntnis zu dem Anschlag mittlerweile zurückgenommen: Er habe das ursprüngliche Bekenntnis auf der Basis von verwirrenden Informationen verbreitet, sagte der Chefintendant des Hamas-Radiosenders "al-Aksa", Ibrahim Daher, heute Nachmittag. Dies sei jedoch verfrüht gewesen. Der Sprecher der militärischen Hamas-Flügels, Abu Obeida, bestätigte, dass seine Gruppe keine Verantwortung für den Anschlag mit acht Toten übernehme - zumindest nicht zum gegenwärtigen Zeitpunkt. "Diese Ehre fällt uns vorerst nicht zu", sagte Obeida. Zuvor hatte die Nachrichtenagentur Reuters gemeldet, die Hamas habe sich zu dem Anschlag bekannt.

Israel lässt Haus des mutmaßlichen Attentäters zerstören

Bei dem Attentäter, melden die Nachrichtenagenturen, soll es sich um den 20-jährigen Alaa Abu Dheim aus Ost-Jerusalem handeln. Er habe einen israelischen Personalausweis gehabt und sich in Jerusalem frei bewegen können. Vor vier Monaten sei er von der israelischen Polizei verhaftet und für zwei Monate festgehalten worden. Er soll als Fahrer für eben jene Religionsschule gearbeitet haben, auf die er am Donnerstag das Attentat verübte. Sein Auto sei unweit der Schule gefunden worden; im Wagen habe die Polizei Kugeln für die Waffen Abu Dheims gefunden.

Nachbarn aus seinem Viertel berichteten, seine Familie wolle sich nicht äußern, habe aber auf ihrem Haus grüne Hamas-Flaggen gehisst. Später wurde gemeldet, das Haus sei heute morgen durch israelische Bulldozer zerstört worden, Die Familie hat vor den Ruinen ein traditionelles Trauerzelt aufgestellt - und auch hier wieder Hamas-Flaggen angebracht.

Es war kein Zufall, dass der Attentäter sich ausgerechnet die von etwa 500 Talmud-Schülern besuchte Mercaz-Harav-Religionsschule als Anschlagsziel aussuchte. "Es ist der Ort, an dem Gush Emunim seinen Ursprung hatte, der Ort, an dem die Siedlerbewegung geboren wurde", schreibt das Massenblatt "Jedioth Achronot".



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