Attentat in Kunduz Trauer um tote Deutsche - neuer Anschlag auf ausländische Soldaten

Der afghanische Präsident Karsai hat den Familien der drei toten Bundeswehrsoldaten sein Beileid ausgesprochen. Die Verletzten aus Kunduz werden am Abend heimgeflogen - ein Selbstmordattentäter versuchte heute erneut, ausländische Soldaten zu töten.


Berlin - Nach dem Tod von drei deutschen Soldaten bei einem Selbstmordattentat in Afghanistan hat Präsident Hamid Karzai den Angehörigen der Opfer sein Beileid ausgesprochen. Er bezeuge den Familien der Toten und der deutschen Regierung seine tiefempfundene Anteilnahme und bete für die rasche Genesung der verletzten Soldaten, erklärte Karzai am Sonntag. "Die Feinde Afghanistans müssen verstehen, dass es ihnen nie gelingen wird, die schon erreichten Fortschritte in diesem Land mit ihren feigen Taten zu hintertreiben", erklärte er weiter.

Afghanische Soldaten am Ort des Anschlags: "Möglicherweise nur noch in gepanzerten Fahrzeugen unterwegs sein"
AP

Afghanische Soldaten am Ort des Anschlags: "Möglicherweise nur noch in gepanzerten Fahrzeugen unterwegs sein"

Die toten Soldaten sollen kommende Woche mit einer Trauerfeier in Köln geehrt werden. Ein genauer Termin stehe noch nicht fest, sagte ein Sprecher des Verteidigungsministeriums. Die drei Gefallenen stammen aus Hessen, Nordrhein-Westfalen und Schleswig-Holstein.

Für heute Abend werden die beiden Schwerverletzten und zwei Leichtverletzte auf dem Flughafen Köln-Wahn zurückerwartet. Ein Medevac-Airbus holt sie am Nachmittag auf dem Versorgungsstützpunkt Termes in Usbekistan ab. In Deutschland werden sie dann laut Bundeswehr zur Behandlung in Kliniken in Ulm oder Koblenz gebracht. Der fünfte Verletzte will nach Angaben des Einsatzführungskommandos der Bundeswehr in Kunduz bleiben und seinen Einsatz fortsetzen. Über Alter und Herkunft der Opfer will die Bundeswehr keine Angaben machen, um die Angehörigen zu schützen.

Schon heute versuchte erneut ein Selbstmordattentäter, ausländische Soldaten mitten in einer belebten afghanischen Stadt zu töten. Er sprengte sich auf einem Straßenmarkt in der Stadt Gardez, gut 100 Kilometer südlich der Hauptstadt Kabul, in die Luft - und riss mindestens 14 Menschen in den Tod. Mehr als 30 wurden verletzt. Kurz zuvor war eine US-Patrouille an dem Schauplatz vorbeigefahren, sie hatte der Attentäter entgegen erster Angaben von afghanischen Behörden offensichtlich als Ziel ausgewählt. Unter den Verletzten sind einem Nato-Sprecher zufolge womglich auch ausländische Soldaten.

Sechs Menschen starben auf dem Markt, acht später im Krankenhaus. Abdul Rahman Sarjang, Polizeichef der Provinz Paktia, sagte, die Gesichtszüge des etwa 18 Jahre alten Attentäters wirkten wie die eines Arabers. Vizepolizeichef Ghulam Dastagir sagte, die Explosion habe auf dem belebten Markt rund 30 Geschäfte zerstört. Der Attentäter stamme womöglich aus Pakistan oder Tschetschenien.

Jung lehnt Änderung der Bundeswehr-Strategie ab

In Deutschland verwahrte sich Verteidigungsminister Franz Josef Jung (CDU) gegen Kritik an der Einsatzstrategie der Bundeswehr. Er sagte der "Bild am Sonntag", deutsche Soldaten müssten bei ihrem Einsatz in Afghanistan auch künftig Risiken eingehen. "Leider gibt es gegen Selbstmordattentäter keinen hundertprozentigen Schutz. Wir müssen das Vertrauen der Bevölkerung gewinnen. Dazu ist es zwingend notwendig, die geschützten Fahrzeuge zu verlassen." Auch Bruno Kasdorf, ranghöchster deutscher General in dem Land, warnte davor, wegen des Anschlags mit drei toten deutschen Soldaten den gesamten Einsatz in Frage zu stellen. Er sagte der ARD, der deutsche Ansatz in Nordafghanistan, Kontakt zur Bevölkerung zu suchen, sei bisher erfolgreich gewesen. Allerdings mache er sich "große Sorgen um das, was dort passiert ist. Das macht deutlich, dass es in ganz Afghanistan solche Anschläge geben kann".

Grünen-Fraktionsvizechef Jürgen Trittin fordert dagegen, die derzeitige Bundeswehr-Strategie zu über prüfen. "Möglicherweise sollten die Soldaten künftig Fußpatrouillen unterlassen und stattdessen nur noch in gepanzerten Fahrzeugen unterwegs sein", sagte er der "Bild am Sonntag".

Auch aus der SPD gibt es kritische Stimmen. In der Bundestagsfraktion sei die Diskussion über den Afghanistan-Einsatz "ohnehin schwierig" gewesen, sagte der Außenpolitiker Rolf Mützenich der "Welt am Sonntag". Wenn es im Herbst um eine Verlängerung gehe, "wird natürlich auch ein solch schrecklicher Anschlag Einfluss auf den Entscheidungsprozess haben". Zuletzt hatten 69 SPD-Abgeordnete bei der Bundestags-Entscheidung zur Entsendung von Tornado-Aufklärungsflugzeugen im März mit Nein gestimmt.

Klar ist, dass die Kritiker des Afghanistan-Einsatzes in der Großen Koalition in der Minderheit sind. Führende Politiker von SPD und Union sprechen sich trotz des Anschlags für einen weiteren Einsatz der Bundeswehr aus. "Eine Verlängerung des Mandats ist verantwortbar", sagte SPD-Fraktionsvizechef Walter Kolbow heute. "So schlimm der Vorfall ist, wir dürfen davon nicht unsere Gesamtbewertung abhängig machen." Ähnlich äußerte sich der Obmann der Union im Auswärtigen Ausschuss des Bundestags, Karl Theodor Freiherr zu Guttenberg (CSU). Ein Abzug wäre absurd und würde die internationale Terrorgefahr nur erhöhen. Die Anforderungen an die Staatengemeinschaft und an Deutschland würden steigen. "Wir dürfen nicht davon ausgehen, dass die Tornado-Entscheidung auf ewig die letzte Entsendung von Bundeswehrsoldaten nach Afghanistan war."

Schon gestern hatten sich mehrere Spitzenpolitiker von Union und SPD dagegen ausgesprochen, vom Einsatz in Afghanistan abzurücken. Außenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) sagte, die Bundeswehr leiste einen "zentralen Beitrag zur Stabilisierung Afghanistans". Kanzlerin Angela Merkel (CDU) sagte, die internationale Gemeinschaft sei "fest entschlossen, den Menschen in Afghanistan beim Aufbau einer guten Zukunft ihres Landes weiter zu helfen".

Bundeskriminalamt ermittelt gegen Unbekannt

Generalbundesanwältin Monika Harms hat inzwischen Ermittlungen wegen des Anschlags auf die Bundeswehrangehörigen in Afghanistan aufgenommen. "Wir haben nach dem Anschlag noch am Samstagmittag ein Ermittlungsverfahren gegen Unbekannt eingeleitet und das Bundeskriminalamt mit den Ermittlungen beauftragt", sagte ihr Sprecher. Über Hintergründe und Täter habe man noch keine Erkenntnisse.

Tatsächlich haben sich die Taliban schon gestern offen zu dem Anschlag bekannt. Am Nachmittag erschien auf einer dschihadistischen Website, die von vielen Terrororganisationen für Bekennerschreiben genutzt wird, die regelmäßige Zusammenstellung der "Ergebnisse der militärischen Operationen Eurer Brüder, der Soldaten des Islamischen Emirats der Taliban in Afghanistan". Ohne jede Ausschmückung wird dort der Anschlag auf die Bundeswehr erwähnt: "Tötung elf deutscher Soldaten durch einen Selbstmordanschlag in der nördlichen Region Kunduz", heißt es dort knapp. Die Taliban sind bekannt dafür, die Zahl ihrer Opfer zu übertreiben.

"Bild am Sonntag" berichtet, es habe schon seit 2006 dringende Warnungen vor Selbstmordattentätern gegen das deutsche Wiederaufbauteam in Kunduz gegeben. Die Stadt gelte als einzige Hochburg der Taliban-Rebellen im Norden. Immer wieder seien Attentäter in die Stadt geschleust worden.

plö/wal/yas/ddp/dpa/AP/Reuters/AFP



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