Attentat in Tel Aviv: Israelis fordern Vergeltung für Bus-Attentat

Aus Tel Aviv berichtet

Zu dem Bombenattentat auf einen Bus in Tel Aviv hat sich noch niemand bekannt. Doch die Bürger denken alle: Es war die Hamas. Der Gaza-Konflikt hat jetzt auch ihre Stadt erreicht. Waffenstillstand? Viele Israelis verlangen, dass die Bombardierung der Palästinenser weitergeht.

Kurz nach zwölf Uhr Ortszeit war der Mittwoch für Ron Ginat gelaufen. Er arbeitet in einem großen Büroturm direkt am Schaul-Hamelech-Boulevard ein paar hundert Meter entfernt vom Hauptquartier der israelischen Armee. Dort, wo es auf einmal eine laute Explosion gab.

"Wir sind alle zusammengefahren", sagt Ginat SPIEGEL ONLINE. "Ich dachte, vielleicht ist eine Rakete eingeschlagen und der Alarm hat nicht funktioniert." Seit Beginn der Gaza-Offensive der israelischen Armee vor einer Woche hat die Hamas im Gaza-Streifen erstmals Raketen mit einer Reichweite bis nach Tel Aviv und Jerusalem gezündet.

Der 31-Jährige ging ans Fenster. Er sah, wie die Menschen unten auf der Straße zusammenliefen. Dann lief er auch nach unten. "Es war völlig verrückt. Menschen lagen auf der Straße neben dem Bus." Ginat ist immer noch ein wenig bleich, wenn er das erzählt. Fassen kann er noch nicht, was da passierte.

Noch ist nicht genau klar, was vorgefallen ist. Als sicher gilt nur: Es war wohl kein Selbstmordattentat. Solche hatte die Hamas noch vor kurzem angekündigt. Offenbar hat sich die Bombe in dem öffentlichen Bus befunden. Israelische Medien spekulierten, jemand könnte eine Granate in den Bus geworfen haben. Ums Leben kam niemand. Doch mindestens 17 Menschen wurden verletzt, darunter drei schwer. Sie alle wurden durch umherfliegende Splitter getroffen. Die Wucht hat alle Scheiben aus dem Bus geschlagen.

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Anschlag in Tel Aviv: Bombe im Bus
Seit Jahren hatte es keine Bombe mehr in Tel Aviv gegeben. Der Anschlag sorgt für eine neue Qualität der Gewalt im aktuellen Gaza-Krieg. Er hat ihn von der Peripherie Israels mitten ins Herz gebracht.

Niemand zweifelt an der Urheberschaft der Hamas

"Nach so etwas kann es keinen Waffenstillstand geben", sagt Ginat. "Wie kann jemand über ein Ende der Gewalt verhandeln und dann so etwas tun? Die Verhandlungen sind damit beendet." Bisher hat niemand die Urheberschaft für den Anschlag reklamiert. Doch kaum jemand in Israel zweifelt daran, dass die Hamas dahintersteckt. Im Gaza-Streifen soll die radikalislamische Miliz und Partei die Nachricht des Anschlags bejubelt haben.

Auch wenn ein Einzeltäter dahinterstecken sollte, die Verhandlungen zwischen der israelischen Regierung und der Hamas um einen Waffenstillstand sind damit wohl erst einmal vom Tisch. So nahe schien nur 16 Stunden zuvor noch ein Ende der Gewalt. Uno-Generalsekretär Ban Ki Moon hatte sich eingeschaltet und war extra nach Kairo geflogen. US-Außenministerin Hillary Clinton schaute beim israelischen Verbündeten vorbei. Der Druck des Promi-Aufgebots sollte eine weitere Eskalation des Konflikts verhindern. Diese Hoffnung ist nun wohl endgültig vorbei.

Fazit in Tel Aviv: "Die Bombardierungen müssen weitergehen"

Iyel Fafet war als Sanitäterin an der Unglücksstelle. Die junge Israelin sollte eigentlich gerade wieder nach Aschdod zum Bereitschaftsdienst fahren, eine knappe Stunde südlich von Tel Aviv, um die örtlichen Kollegen zu unterstützen. In Grenznähe zum Gaza-Streifen kam es auch am Mittwochmorgen wieder nahezu alle halbe Stunde zu Raketenalarm. Gefasst erzählt sie den Reportern, was sie gesehen hat, die zehn Verwundeten, die sie evakuieren half: "Ganz verarbeitet habe ich es noch nicht, wir Rettungsleute sind immer noch alle im Operationsmodus. Aber eine Bombe in Tel Aviv - das ist sicherlich eine neue Karte, die ins Spiel gekommen ist." Dass es nun noch zu einem Waffenstillstand kommen könnte, glaubt sie nicht.

Ron Ginat steht mit seinen Bürokollegen auf der Straße. Keiner geht mehr zurück an seinen Schreibtisch. Die Gespräche kreisen immer wieder um die Frage, wie es nun weitergehen soll. Ginat sagt, er zähle sich eigentlich zum moderateren politischen Spektrum in Israel. Er sei nicht für eine noch stärkere Bombardierung des Gaza-Streifens oder gar für eine Bodeninvasion. Aber eins sei für ihn klar: "Die Bombardierungen müssen weitergehen. Wir verteidigen uns. Wir haben keine andere Wahl."

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insgesamt 69 Beiträge
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1. Ausnahmsweise ...
gottgegenuns 21.11.2012
Wenn die Hamas nicht völlig verblödet ist, war sie es ausnahmsweise in der Situation mal nicht. Schließlich muss sie neu aufmunitionieren und braucht die angedachte Waffenruhe.
2. Recht hat er!
Realität! 21.11.2012
"Wir verteidigen uns. Wir haben keine andere Wahl."
3.
traurigewelt 21.11.2012
Könne es sein, dass dieser Anschlag ein doppeltes Spiel ist? Nachdem sich niemand dazu bekannt hat, wäre es nicht möglich, dass dies Regierungsseitig war, um einen Vorwand für einen Bodenangriff in Gaza zu haben? Dieser wurde bisher abgelehnt und wird so in der Bevölkerung mehr Zuspruch bekommen, was Netanjahu(einem radikalem) ganz klar in die Karten spielt. So oder so, das ist einfach nur widerlich und verurteilenswert. Diese ganzen Kriegstrieber in eine Raum sperren und die normalen Menschen dort wieder friedlich leben lassen.
4. Hervorragende Idee
twister13 21.11.2012
Zitat von traurigeweltDiese ganzen Kriegstrieber in eine Raum sperren und die normalen Menschen dort wieder friedlich leben lassen.
Toll, machen wir! Aber halt... geht ja nicht. Gibt keinen Raum in den die Bevölkerung des Gaza Streifens reinpasst. Und wenn Israel die Grenzen wieder zumacht und Ägypten die Grenzen nicht aufmacht, dann heisst es wieder Freiluftgefängnis und dann ballert die Hama wieder aus Herzenslust. Gute Idee, nur leider nicht realisierbar.
5. Traurige Gedanken...
euroberliner 21.11.2012
Zitat von traurigeweltKönne es sein, dass dieser Anschlag ein doppeltes Spiel ist? Nachdem sich niemand dazu bekannt hat, wäre es nicht möglich, dass dies Regierungsseitig war, um einen Vorwand für einen Bodenangriff in Gaza zu haben? Dieser wurde bisher abgelehnt und wird so in der Bevölkerung mehr Zuspruch bekommen, was Netanjahu(einem radikalem) ganz klar in die Karten spielt. So oder so, das ist einfach nur widerlich und verurteilenswert. Diese ganzen Kriegstrieber in eine Raum sperren und die normalen Menschen dort wieder friedlich leben lassen.
...die Sie davon sich geben. Israel selbst soll seine eigenen Landsleute in die Luft sprengen? Gelinde gesagt, eine perverse Vorstellung.
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Gaza-Streifen: Das Leid der Zivilisten

Fläche: 22.072 km²

Bevölkerung: 7,837 Mio.

Regierungssitz: Jerusalem

Staatsoberhaupt: Schimon Peres

Regierungschef: Benjamin Netanjahu

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