Ein Kommentar von Marc Hujer, Washington
Washington - Das Attentat auf die demokratische Abgeordnete Gabrielle Giffords ist eine Tragödie. Aber diese Tragödie könnte für die amerikanische Politik auch eine Chance sein, zusammenzurücken, zurück zu einem zivileren Umgang zu finden und endlich die Spaltung zu überwinden, die seit der Präsidentschaft von George W. Bush Amerika prägt. Aber schon Stunden nach dem Attentat droht die Debatte erneut zu entgleisen.
Ausgerechnet die, die sich im vergangenen Jahr am lautesten über die Debattenkultur erregt haben, über die Rhetorik der Tea Party, die harschen Worte der Rechten, die haltlosen Obama-Hitler-Vergleiche, vergiften nun die Debatte ihrerseits mit haltlosen Unterstellungen. Ohne Fakten zu kennen, suchen sie nach Schuldigen hinter dem Anschlag, und sie finden sie wahlweise bei den Rechten, der Tea Party, beim republikanischen Parteichef Michael Steele und der Tea-Party-Heldin Sarah Palin .
Amerika hat zweifellos kein gutes Jahr hinter sich; ein Jahr politischer Hasspredigten und Diffamierungen. Ein Jahr, in dem es zur Mode wurde, Obama seine amerikanische Staatsbürgerschaft abzusprechen und Abgeordnete zu bedrohen, die für seine Gesundheitsreform stimmten. Aber haben Palin und Co. mit ihren Worten wirklich den Boden bereitet für diese Tat? Hat Jared L., der 22-jährige Täter, geschossen, weil Palin auf der Web-Seite die Wahlbezirke der demokratischen Abgeordneten mit Fadenkreuzen markierte, darunter auch den Giffords'? Hat er getötet, weil auf Palins Facebook-Seite stand: "Do not retreat! Instead - reload", nicht nachgeben, stattdessen nachladen?
Die Sprache, die Sarah Palin und einige Tea-Party-Anhänger wählten, war zweifellos roh und unangemessen, aber sie liefert noch lange keinen Beweis dafür, dass sie die Tat in Arizona motiviert haben. Was bisher über den Täter bekannt ist, deutet auch nicht darauf hin, dass er ein Tea-Party-Anhänger ist oder ein Palin-Verehrer, er scheint überhaupt keine klaren politischen Überzeugungen zu haben. Zu seinen Lieblingsbüchern zählte er das Kommunistische Manifest, Hitlers "Mein Kampf" und "Peter Pan", ein wirres Sammelsurium. Einen Hinweis auf eine politisch motivierte Tat gibt es jedenfalls nicht.
Die massive Kritik an Sarah Palin führt in die Irre. Nicht nur, weil es ein haltloser Vorwurf ist. Das Kalkül, Palin auf diese Art zu schwächen, könnte sich ins Gegenteil verkehren.
Denn Palin hat schon immer davon profitiert, Opfer zu sein - Opfer der liberalen Elite. Immer wieder haben sich die Leute über sie lustig gemacht, als sie im Präsidentschaftswahlkampf 2008 zum ersten Mal über Außenpolitik sprach, als sie sich später bei Reden und Fernsehauftritten Stichworte auf ihre Handinnenflächen schrieb. Aber wenn sich Leute über sie lustig gemacht haben, wenn sie attackiert wurde, als oberflächlich und unqualifiziert, hat ihr das bei ihren Anhängern stets geholfen. Der Vorwurf, sie trage Mitschuld an dem Anschlag in Arizona, könnte ihr deshalb mehr helfen als schaden. Er macht sie zur Märtyrerin, zum Opfer, wieder einmal.
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