Attentate in Norwegen: Ein ganzes Land weint um seine Kinder

Aus Sundvollen berichten und Gerald Traufetter

Kaltblütig hingerichtete Jugendliche und ein jubelnder Täter - nach dem Doppelanschlag mit mehr als 90 Toten sind die Norweger fassungslos. Binnen Stunden hat sich ihr Land verändert. Am stärksten zu spüren ist die Trauer in Sundvollen: dem Ort vor der Insel, wo der Täter zuschlug.

REUTERS

Ein Hotel aus braunem Holz ist der Brennpunkt eines ganzen Volkes. Keine zwei Kilometer liegt die Insel Utøya entfernt, wo am Freitag die schlimmste Katastrophe Norwegens seit dem Zweiten Weltkrieg geschehen ist. 85 Menschen wurden dort erschossen, faktisch hingerichtet, mutmaßlich von einem rechtsradikal gesinnten Attentäter, dem 32-jährigen Anders Behring B. Hunderte Angehörige haben sich in diesem Hotel vor der Insel versammelt, Eltern kauern in den Stühlen davor, Jugendliche fallen sich stumm weinend in die Arme.

Ein Pfarrer kommt aus dem Haus, Johann Osterhus, der Seelsorger der örtlichen Kirche. "Wir haben einen Raum hier eingerichtet", erzählt er. Rund um die Uhr ist ein Geistlicher dort, um die Angehörigen zu empfangen. "Diese Menschen warten darauf, ihre geliebten Kinder zu identifizieren", sagt er und seine Stimme beginnt zu zittern. "Wir können ihnen nur zuhören und mit ihnen zusammenstehen."

Eirik Inge Johansen, ein 18-jähriger Junge, schmal, dunkle Haare steht in der Menge. Er war dort, als der Terror nach Utøya kam. Er kann kaum sprechen. "Ich war mitten auf der Insel als ich einen Schuss hörte. Erst dachte ich es sei ein Feuerwerk", sagt er. "Als wir realisierten, dass es ernst ist, sind wir gelaufen. So schnell wir konnten, rannten wir zum Fähranleger." Dort trafen sie auf den Fährmann, er brachte Eirik und seine sieben Freunde in Sicherheit. Es war das einzige Mal, das die Fähre fahren sollte. Einen Rückweg gab es nicht mehr, auf der Insel wurde wild geschossen.

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Doppelanschlag in Norwegen: Schießerei in Jugendcamp, Bombe in Oslo
Ida Knudsen, 16, schildert Reportern ihre Flucht von der Insel. Sie ist groß, blond, immer wieder zittern ihre Mundwinkel, ihr Blick ist verzweifelt. Sie habe gesehen wie der Mörder auf die Insel kam. "Er war groß, hatte dunkle Kleidung an". Auch sie habe geglaubt, er sei Polizist. Er sei 50 Meter entfernt von ihr gewesen, als er die ersten Schüsse abfeuerte. Ida und etwa zehn ihrer Freunde rannten in den Wald, versteckten sich immer wieder hinter Bäumen." Aber die Schüsse kamen näher", sagt Ida. Einige ihrer Freunde seien ins Wasser geflohen, sie selbst könne nicht schwimmen. Anwohner retteten sie mit einem Boot. "Viele meiner Freunde sind tot", sagt Ida. Dann kommt ein Seelsorger der Polizei und bringt das verstörte Mädchen wieder zum Hotel.

Andere Augenzeugen berichten von Hinrichtungsszenen, davon, dass der Attentäter gezielt auf Jugendliche schoss, die sich tot stellten. Und wie er nach seinen tödlichen Schüssen jubelte. Ein Massenmörder, der unmittelbar vor der Tat Spuren im Internet hinterlassen hat.

Ganz Norwegen steht unter dem Eindruck des furchtbaren Geschehens - Premier Jens Stoltenberg ist nach Sundvollen gekommen und stellt sich zu den wartenden Angehörigen, umarmt sie. Dann taucht auch König Harald mit Gemahlin Sonja und Kronprinz Haakon auf. Der König trägt einen Jagdmantel, der Kronprinz eine braune Hose und schwarzen Wollpullover. Sie wollen Nähe demonstrieren, Teil des trauernden Volkes sein. Premierminister Stoltenberg spricht immer wieder von dem Entsetzlichen, das diese kleine Land Norwegen heimgesucht habe. "Und das einzige Signal, das wir aussenden können in die Welt, ist die Verbundenheit in unserer Trauer", sagt er.

"Abscheuliche Akte der Gewalt"

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Wie fühlt sich ein Volk, in dessen Land sonst in einem Jahr nicht mehr als 30 Menschen durch Mord sterben, wenn an einem einzigen Nachmittag fast hundert von ihnen umgebracht werden?

Katie Lossius kommt mit ihrem eineinhalb Jahre alten Sohn vom kleinen Supermarkt und entschuldigt sich beinahe dafür, dass sie ein paar Dosen gebackene Bohnen einkaufen gegangen ist. So etwas Banales in einem Moment, der so außergewöhnlich ist in der Geschichte ihres Landes.

Die junge Mutter mit den halblangen blonden Haaren hat die Hubschrauber gehört, die Boote, die plötzlich umherfuhren. "Ich war gerade von der Arbeit zurück, als alles geschah", berichtet sie. Jetzt steht ihre Gemeinde unter Schock. "Das haben die Leute alles noch gar nicht sacken lassen", sagt sie. Keiner frage sich hier nach dem Warum für diese Tat. "Es gibt keine Erklärung dafür, außer dass dieser Mensch verrückt sein muss", sagt sie und rollt den Kinderwagen nervös vor und zurück. Viele wollen an diesem traurigen Ort nur so schnell wie möglich heim. Und viele betrachten auch fassungslos, wie sich zwei Hundertschaften Journalisten auf der Steinmauer vor dem Hotel aufbauen.

Andere wollen bleiben, müssen bleiben. Harald Olsen, ein blonder Mittvierziger, hat in den letzten Jahren das Jugendcamp der AUF mitorganisiert. Jetzt steht er da und wartet auf Nachricht über seine Freunde, über Freunde seiner Söhne. "Wir wissen nicht, ob sie tot sind oder nur verletzt", sagt er.

Vorher Paradies, nachher Hölle

Der Terror traf auch die Zentrale der politischen Macht in Oslo. Mitarbeiter der Regierung sollen unter den Toten sein. Aber der Terror traf auch mitten ins Herz der norwegischen Gesellschaft. Zu dem Sommertreffen waren 600 politisch engagierte Jugendlichen zusammengekommen, die Insel ist ein idyllisches Fleckchen. So beschreibt es auch Premier Stoltenberg: die Insel sei das "Paradies seiner Jugend" und nun sei es "die Hölle".

Am Tag danach liegt der Fjord still und schwarz da. Dabei springen noch immer Taucher in das Wasser, Suchhunde laufen kläffend am Ufer, auf der Straße am Hang reihen sich die Leichenwagen mit den weißen Kreuzen auf dem Dach aneinander. Am Freitag, dem Tag des Attentats, war es skandinavisch kalt am Fjord, am Tag danach ist es tropisch schwül.

Auf dem Weg von Oslo kommend ist der Mörder an roten Holzhäuschen vorbeigefahren, an Wasserfällen und rauschenden Bergbächen - mitten in dieser beeindruckenden Natur brachte er dann den Alptraum über das Land. Mitten in dieser Idylle scheint die Tat umso unbegreiflicher.

Wie soll Norwegen jemals wieder Frieden finden? "Wir sind eine offene und demokratische Gesellschaft und haben alles Recht dazu, weiter unerschrocken zu sein", sagt Premier Stoltenberg. Doch es ist klar, dass eine neue Zeitrechnung für das Land begonnen hat.

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1. d
Kalaharry 23.07.2011
Zitat von sysopIch finde es unglaublich, wie ein Einzelner gegen 560 Mann über 30 Minuten nach Lust und Laune Leute abknallen kann, ohne daß sich mehrere Leute gleichzeitig auf ihn stürzen.
Das ist alles nur Theorie. Die Praxis und die Realität sind der lähmende Schock. Nicht umsonst müssen sich Einzelkämpfer die Kaltblütigkeit über Jahre hinweg antrainieren.
2. unglaublich
Satara 23.07.2011
Zitat von sysopIch finde es unglaublich, wie ein Einzelner gegen 560 Mann über 30 Minuten nach Lust und Laune Leute abknallen kann, ohne daß sich mehrere Leute gleichzeitig auf ihn stürzen. Gegen 2 oder 3 Angreifer hat er vielleicht noch eine Chance, aber bei mehr als Diesen ist er machtlos, da er so schnell nicht alle erschiessen oder anschiessen kann. Aber leider stellen sich Alle lieber in Panik flüchtend "an die Wand" in der Hoffnung, daß man sie nicht erschiesst und geben sich wehrlos dem Schützen preis. Wenn der Täter jeweils knapp 10 Sekunden zwischen zwei Schüssen verstreichen lässt, sollte es kein Problem sein, ihn mit mehreren Leuten zu überwältigen. Es handelte sich schließlich um Jugendliche zwischen 14 und 19 Jahren und keine kleinen Kinder, die nicht die Kraft hätten, den Täter anzugreifen. Leider hatte mal wieder Keiner den Mut mit mehreren Anderen zusammen etwas zu unternehmen. Mein Mitgefühl gilt den Angehörigen der Opfer. Es hätten nicht so Viele seien müssen.
Darf man daraus schließen, dass Sie als 16-jähriger Jugendlicher sich mit Gebrüll und ihren besten Freunden auf den waffenschwingenden Menschen geschmissen hätten?
3. ...
isiggi 23.07.2011
Zitat von sysopIch finde es unglaublich, wie ein Einzelner gegen 560 Mann über 30 Minuten nach Lust und Laune Leute abknallen kann, ohne daß sich mehrere Leute gleichzeitig auf ihn stürzen. Gegen 2 oder 3 Angreifer hat er vielleicht noch eine Chance, aber bei mehr als Diesen ist er machtlos, da er so schnell nicht alle erschiessen oder anschiessen kann. Aber leider stellen sich Alle lieber in Panik flüchtend "an die Wand" in der Hoffnung, daß man sie nicht erschiesst und geben sich wehrlos dem Schützen preis. Wenn der Täter jeweils knapp 10 Sekunden zwischen zwei Schüssen verstreichen lässt, sollte es kein Problem sein, ihn mit mehreren Leuten zu überwältigen. Es handelte sich schließlich um Jugendliche zwischen 14 und 19 Jahren und keine kleinen Kinder, die nicht die Kraft hätten, den Täter anzugreifen. Leider hatte mal wieder Keiner den Mut mit mehreren Anderen zusammen etwas zu unternehmen. Mein Mitgefühl gilt den Angehörigen der Opfer. Es hätten nicht so Viele seien müssen.
Lieber Herr volkswirt-hochdahl, ich wünsche Ihnen von Herzen, dass auch Sie einmal in eine Situation geraten, in der Sie heldenhaft einen herumballernden Irren niederringen können.
4. Recht auf Leben
Liberalitärer 23.07.2011
Der will Kants Kritik der reinen Vernunft gelesen haben? Irgendeine Stelle hat er nicht verstanden. Ein fehlgeleiteter Idealist, der Ideal und Ideologie nicht auseinander bekommt. Also für mich klingt der wie ein VTler. Zu viele Kopp Bücher gelesen, ein bisschen Schuss Esotherik, ein wenig Trance, ein TL Däniken, eine Spitze dummer Islamkritik, einmal umrühren, kurz aufkochen und dann wird nicht, dann ist es angerichtet. Kant hätte ihm gesagt, sein Handeln sei unvernünftig. Wo war denn da die Beachtung des Sittengesetzes? Dahin kann Wutbürgertum auch führen.
5.
kjartan75 23.07.2011
Ich bin wirklich sprachlos, ob des perfiden Plans, wie der verrückte, anscheinend leider sehr intelligente Mensch vorgegangen ist. Erst als Ablenkungsmanöver einen Anschlag im Regierungsviertel zu verüben, dann sich auf dem Weg auf diese Insel zu machen, sich Zugang zu verschaffen in Polizeiuniform, um angeblich für die Sicherheit der Kinder zu sorgen und dann auf einer Insel dieses Attentat zu verüben, wo klar ist, dass so schnell die Polizei da nun auch nicht hinkommt und für seine Opfer kaum ein Entkommen ist, das ist so dermaßen ausgeklügelt und brutal... es entsetzt mich schon, wie krank man sein muss, um so einen Plan auszuhecken und auszuführen. Mein Mitgefühl geht den überlebenden Jugendlichen, die von dem ganzen Geschehen in hohem Maße traumatisiert sein müssen und den Angehörigen, die ihre Kinder so früh verlieren. :(
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