Von Sebastian Fischer, Washington
Im Leben von Manssor Arbabsiar ist eigentlich alles schiefgegangen. Im Kleinen wie im Großen. Er hat Gebrauchtwagen verkauft. Ein andermal Döner. Auch Eis und Pferde. Keines seiner Geschäfte hat funktioniert.
Immer ging irgend etwas daneben. Seine Ehe scheiterte. Arbabsiar, der Iraner mit dem US-Pass, war bekannt dafür, seinen Schlüssel zu verlieren, seine Brieftasche, sein Handy. Für Religion und Politik interessierte er sich nicht, eher fürs Kiffen und den Alkohol. So werden Bekannte, Freunde, Nachbarn in US-Medien zitiert. Zerstreut, undiszipliniert, neben der Spur: ein Schussel.
Seit Dienstag aber geht es für Manssor Arbabsiar nicht mehr um Döner oder Autos; seit Dienstag sitzt der 56-Jährige in einer Zelle in New York, beschuldigt unter anderem eines Mordkomplotts gegen den saudischen US-Botschafter, mutmaßlich beauftragt und bezahlt von iranischen Regierungskreisen, angeleitet von den Kuds-Brigaden, der Elitetruppe des Mullah-Regimes in Teheran.
Ausgerechnet Arbabsiar, der Gescheiterte aus Round Rock bei Austin, Texas? Warum wählten die Iraner gerade ihn, den sie "Scarface", Narbengesicht, nennen, seitdem er Anfang der Achtziger nicht schnell genug war, um vor ein paar Leuten wegzulaufen, mit deren Freundinnen er wohl flirtete? Der Mann, der für den Anschlag auf den Botschafter ein paar Killer vom berüchtigten mexikanischen Drogenkartell Los Zetas anheuern wollte und dabei auf einen Informanten der US-Drogenfahnder stieß?
Warum einen Amateur?
Die US-Regierung jedenfalls ist überzeugt von dem Plot. Im Verbund mit hochrangigen Hintermännern in Teheran soll Arbabsiar den Anschlag über Monate hinweg geplant haben. Präsident Barack Obama und Außenministerin Hillary Clinton kritisieren das Mullah-Regime scharf, sie sprechen von einem "eklatanten Verstoß gegen US- und internationales Recht", von einer Eskalation des bekannten iranischen Terror-Sponsoring.
Doch obwohl Arbabsiar bereits gestanden haben soll, wachsen die Zweifel. Schließlich waren auch die US-Fahnder anfangs ungläubig, was die Rolle des Mannes angeht, der ihnen da über die Drogenfahndung ins Netz gegangen war.
"Es gibt einfach keinen Präzedenzfall und noch nicht einmal eine angemessene Begründung dafür, dass Iran einen Komplott plant - ganz egal wo - mit nichtmuslimischen Dritten wie mexikanischen Drogenbanden", erklärte der Nahost-Experte Kenneth Katzman in der "New York Times". Der auf Iran spezialisierte Analyst Roozbeh Mirebrahimi sagte dem "Wall Street Journal": "Der operative Flügel der Kuds-Brigaden ist zu intelligent und zu erfahren, um solche eine schlampige Operation durchzuführen."
"Gutes Geld im Iran gemacht"
Reporter der "New York Times" berichten aus Arbabsiars Heimatort von Tom Hosseini, einem Freund und früheren Kommilitonen aus der Zeit seines Ingenieurstudiums an der Universität im texanischen Kingsville. "Das ist ihm alles eine Nummer zu groß", wird Hosseini zitiert. "Er hat immer seine Schlüssel und sein Handy verloren, er war doch gar nicht fähig, solch einen Plan durchzuziehen."
Als er ihn vor zwei Monaten das letzte Mal sah, habe Arbabsiar eher den Eindruck gemacht, einer Geldquelle hinterherzujagen statt eine politische Intrige zu spinnen, erinnert sich Freund Hosseini: "Er sagte, dass er in Iran war und gutes Geld gemacht hat." Arbabsiar habe ihm aber nicht erzählen wollen, worum es konkret gehe. Irgendwann habe er eben aufgehört nachzuhaken.
Offensichtlich hat der ruppige und zerstreute Arbabsiar zwar keinen guten Ruf in seiner Nachbarschaft - "Gruselhaus" sollen manche sein Eigenheim genannt haben - doch einen ausgetüftelten Terrorplan trauen sie ihm nicht so recht zu. Ein mit Arbabsiar bekannter Gebrauchtwagenhändler aus der texanischen Küstenstadt Corpus Christi berichtete der "New York Times", wie erschüttert dieser infolge der Anschläge auf Amerika vom 11. September 2001 gewesen sei: "Er machte eine große Sache daraus, sagte 'Mein Freund, ich bin nicht wie die, die Mehrheit meiner Leute ist nicht so'."
Die US-Behörden stützen ihre Argumentation bisher vor allem auf eine Überweisung von 100.000 Dollar für die Auftragsmörder in Mexiko, die bei jenem Informanten der Amerikaner landete. Der Geldtransfer soll sich bis zu den Kuds-Brigaden zurückverfolgen lassen. Präsident Obama setzt auf diese Spur. Nachdem ihm im Mai der Coup gelungen war, Qaida-Chef Osama Bin Laden auszuschalten, will er nun auch in Sachen Iran-Terrorplot Härte zeigen. Neue Sanktionen sollen her, weltweit laufen die Gespräche mit den Verbündeten.
Obama beteuerte, die USA könnten alle Vorwürfe gegen Iran belegen. Seine Regierung habe den Verbündeten Beweise für ihre Darstellung vorgelegt. Die Fakten lägen "für alle sichtbar" auf dem Tisch. Von Irans Führung verlangte er eine Stellungnahme. Selbst wenn auf der höchsten Ebene des iranischen Staates "keine Detailkenntnisse" über den Anschlagsplan vorhanden gewesen sein sollten, so müsse Teheran doch erläutern, "warum irgendjemand in der Regierung" sich an solchen Aktivitäten beteilige.
In der Vergangenheit haben die Republikaner Obama mit Blick auf Teherans undurchsichtiges Atomprogramm immer wieder vorgeworfen, das Regime nicht weitgehend genug unter Druck zu setzen. Schon während des Präsidentschaftswahlkampfs 2008 machte Republikaner-Kandidat John McCain von sich reden, als er in Abgrenzung zu Obama den Beach-Boys-Klassiker "Barbara Ann" spaßeshalber uminterpretierte: "Bomb bomb bomb, bomb bomb Iran".
Nun ist es Präsidentschaftsbewerber Herman Cain, der Obama attackiert: "Weil die Iraner ihn als schwachen Präsidenten sehen, haben sie ihre Finger mit in diesem Terrorplot", sagt der Mann, der in einer jüngsten Umfrage ganz vorn liegt im Republikaner-Rennen um die Kandidatur.
Cain weiter: Das Einzige, was die Regierung in Teheran verstehe, sei militärische Stärke. Ihn selbst hingegen würden die Iraner im Falle seines Wahlsiegs niemals als schwachen Präsidenten erleben: "Ich würde ihnen entschiedene Botschaften senden und sie wissen lassen, dass wir vorbereitet sind, alles zu unternehmen, was unternommen werden muss."
Was immer das auch heißen mag.
Mit Material von dpa, AFP
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