Attentatsplan in den USA: "Scarface" nährt Zweifel an US-Terrortheorie

Von , Washington

Die Skepsis gegenüber dem Terrorplot-Szenario der US-Regierung wächst: Warum haben Teherans Kuds-Brigaden ausgerechnet einen Ex-Gebrauchtwagenhändler mit dem Mordkomplott betraut? Iran-Experten und Freunde des Mannes sind irritiert - und Republikaner setzen US-Präsident Obama unter Druck.

Terror-Verdächtiger Manssor Arbabsiar: Bloß ein undisziplinierter Schussel? Zur Großansicht
AFP/ Nueces County Sheriff

Terror-Verdächtiger Manssor Arbabsiar: Bloß ein undisziplinierter Schussel?

Im Leben von Manssor Arbabsiar ist eigentlich alles schiefgegangen. Im Kleinen wie im Großen. Er hat Gebrauchtwagen verkauft. Ein andermal Döner. Auch Eis und Pferde. Keines seiner Geschäfte hat funktioniert.

Immer ging irgend etwas daneben. Seine Ehe scheiterte. Arbabsiar, der Iraner mit dem US-Pass, war bekannt dafür, seinen Schlüssel zu verlieren, seine Brieftasche, sein Handy. Für Religion und Politik interessierte er sich nicht, eher fürs Kiffen und den Alkohol. So werden Bekannte, Freunde, Nachbarn in US-Medien zitiert. Zerstreut, undiszipliniert, neben der Spur: ein Schussel.

Seit Dienstag aber geht es für Manssor Arbabsiar nicht mehr um Döner oder Autos; seit Dienstag sitzt der 56-Jährige in einer Zelle in New York, beschuldigt unter anderem eines Mordkomplotts gegen den saudischen US-Botschafter, mutmaßlich beauftragt und bezahlt von iranischen Regierungskreisen, angeleitet von den Kuds-Brigaden, der Elitetruppe des Mullah-Regimes in Teheran.

Ausgerechnet Arbabsiar, der Gescheiterte aus Round Rock bei Austin, Texas? Warum wählten die Iraner gerade ihn, den sie "Scarface", Narbengesicht, nennen, seitdem er Anfang der Achtziger nicht schnell genug war, um vor ein paar Leuten wegzulaufen, mit deren Freundinnen er wohl flirtete? Der Mann, der für den Anschlag auf den Botschafter ein paar Killer vom berüchtigten mexikanischen Drogenkartell Los Zetas anheuern wollte und dabei auf einen Informanten der US-Drogenfahnder stieß?

Warum einen Amateur?

Die US-Regierung jedenfalls ist überzeugt von dem Plot. Im Verbund mit hochrangigen Hintermännern in Teheran soll Arbabsiar den Anschlag über Monate hinweg geplant haben. Präsident Barack Obama und Außenministerin Hillary Clinton kritisieren das Mullah-Regime scharf, sie sprechen von einem "eklatanten Verstoß gegen US- und internationales Recht", von einer Eskalation des bekannten iranischen Terror-Sponsoring.

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Mutmaßliches Terrorkomplott: Iran in Erklärungsnot
Dass Irans Staatsspitze über den Terrorplot informiert war, wird nicht ausgeschlossen: "Das ist eine Operation, die auf höchster Ebene in der iranischen Regierung hätte genehmigt werden müssen", sagte ein hochrangiger Beamter der "Los Angeles Times". Es gebe keine Beweise für diese These, aber man gehe nicht davon aus, dass es sich um eine Aktion gehandelt habe, die jemand auf eigene Faust ausführen wollte. Könnte gar der iranische Religionsführer Chamenei eingebunden gewesen sein? Das halten Offizielle für denkbar.

Doch obwohl Arbabsiar bereits gestanden haben soll, wachsen die Zweifel. Schließlich waren auch die US-Fahnder anfangs ungläubig, was die Rolle des Mannes angeht, der ihnen da über die Drogenfahndung ins Netz gegangen war.

"Es gibt einfach keinen Präzedenzfall und noch nicht einmal eine angemessene Begründung dafür, dass Iran einen Komplott plant - ganz egal wo - mit nichtmuslimischen Dritten wie mexikanischen Drogenbanden", erklärte der Nahost-Experte Kenneth Katzman in der "New York Times". Der auf Iran spezialisierte Analyst Roozbeh Mirebrahimi sagte dem "Wall Street Journal": "Der operative Flügel der Kuds-Brigaden ist zu intelligent und zu erfahren, um solche eine schlampige Operation durchzuführen."

"Gutes Geld im Iran gemacht"

Reporter der "New York Times" berichten aus Arbabsiars Heimatort von Tom Hosseini, einem Freund und früheren Kommilitonen aus der Zeit seines Ingenieurstudiums an der Universität im texanischen Kingsville. "Das ist ihm alles eine Nummer zu groß", wird Hosseini zitiert. "Er hat immer seine Schlüssel und sein Handy verloren, er war doch gar nicht fähig, solch einen Plan durchzuziehen."

Als er ihn vor zwei Monaten das letzte Mal sah, habe Arbabsiar eher den Eindruck gemacht, einer Geldquelle hinterherzujagen statt eine politische Intrige zu spinnen, erinnert sich Freund Hosseini: "Er sagte, dass er in Iran war und gutes Geld gemacht hat." Arbabsiar habe ihm aber nicht erzählen wollen, worum es konkret gehe. Irgendwann habe er eben aufgehört nachzuhaken.

Offensichtlich hat der ruppige und zerstreute Arbabsiar zwar keinen guten Ruf in seiner Nachbarschaft - "Gruselhaus" sollen manche sein Eigenheim genannt haben - doch einen ausgetüftelten Terrorplan trauen sie ihm nicht so recht zu. Ein mit Arbabsiar bekannter Gebrauchtwagenhändler aus der texanischen Küstenstadt Corpus Christi berichtete der "New York Times", wie erschüttert dieser infolge der Anschläge auf Amerika vom 11. September 2001 gewesen sei: "Er machte eine große Sache daraus, sagte 'Mein Freund, ich bin nicht wie die, die Mehrheit meiner Leute ist nicht so'."

Die US-Behörden stützen ihre Argumentation bisher vor allem auf eine Überweisung von 100.000 Dollar für die Auftragsmörder in Mexiko, die bei jenem Informanten der Amerikaner landete. Der Geldtransfer soll sich bis zu den Kuds-Brigaden zurückverfolgen lassen. Präsident Obama setzt auf diese Spur. Nachdem ihm im Mai der Coup gelungen war, Qaida-Chef Osama Bin Laden auszuschalten, will er nun auch in Sachen Iran-Terrorplot Härte zeigen. Neue Sanktionen sollen her, weltweit laufen die Gespräche mit den Verbündeten.

Obama beteuerte, die USA könnten alle Vorwürfe gegen Iran belegen. Seine Regierung habe den Verbündeten Beweise für ihre Darstellung vorgelegt. Die Fakten lägen "für alle sichtbar" auf dem Tisch. Von Irans Führung verlangte er eine Stellungnahme. Selbst wenn auf der höchsten Ebene des iranischen Staates "keine Detailkenntnisse" über den Anschlagsplan vorhanden gewesen sein sollten, so müsse Teheran doch erläutern, "warum irgendjemand in der Regierung" sich an solchen Aktivitäten beteilige.

In der Vergangenheit haben die Republikaner Obama mit Blick auf Teherans undurchsichtiges Atomprogramm immer wieder vorgeworfen, das Regime nicht weitgehend genug unter Druck zu setzen. Schon während des Präsidentschaftswahlkampfs 2008 machte Republikaner-Kandidat John McCain von sich reden, als er in Abgrenzung zu Obama den Beach-Boys-Klassiker "Barbara Ann" spaßeshalber uminterpretierte: "Bomb bomb bomb, bomb bomb Iran".

Nun ist es Präsidentschaftsbewerber Herman Cain, der Obama attackiert: "Weil die Iraner ihn als schwachen Präsidenten sehen, haben sie ihre Finger mit in diesem Terrorplot", sagt der Mann, der in einer jüngsten Umfrage ganz vorn liegt im Republikaner-Rennen um die Kandidatur.

Cain weiter: Das Einzige, was die Regierung in Teheran verstehe, sei militärische Stärke. Ihn selbst hingegen würden die Iraner im Falle seines Wahlsiegs niemals als schwachen Präsidenten erleben: "Ich würde ihnen entschiedene Botschaften senden und sie wissen lassen, dass wir vorbereitet sind, alles zu unternehmen, was unternommen werden muss."

Was immer das auch heißen mag.

Mit Material von dpa, AFP

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insgesamt 91 Beiträge
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1. theater
tart 13.10.2011
oh mann, ich kanns nicht fassen das Obama, den ich bisher für einen recht schlauen Menschen hielt, bei dem Mist mitspielt. alles klingt so unendlich schlecht durchdacht. Klar reiten nun seine politischen Gegener auf der Sache rum...un kaum einer stellt die richtigen Fragen..jeder versucht nur einen vorteil aus der Sache zu ziehen....so billig und so vorhersehbar.
2. wieder mal ein fake
bienlein 13.10.2011
Plumpes Ablenkungsmanöver von dem desaströsen Bild, das Obama "yes we can" nach 2 Jahren amtszeit abgibt: nur heisse luft vom FRIEDENSNOBELPREISTRÄGER, das muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen! Das Spiel kennen wir doch: Pearl Habour, Iran-Contra-Affäre, Irak-Fake, 9/11 "wir haben von nichts gewusst und Osama war nie Geschäftsfreund der Bush's", alles im Sinne der globalen Machtstrategie der USA, ganz im Sinne der Strategie von Zbigniew Brzeziński (Berater von Kennedy, Johnson und Carter etc.): Die einzige Weltmacht: Amerikas Strategie der Vorherrschaft. Sehr sehr lesenswert und danach muss man den USA bei solchen Dingen immer mit Mißtrauen begegnen!!
3. Cash
makutsov 13.10.2011
Die haben halt nen dummen gebraucht, der aufs Geld angewiesen ist. So einfach ist es nicht, aus dem Iran nach USA zu gelangen. Und da kam der grad Recht. Vielleicht hätten sie ihn dann verschwinden lassen. Ich denke mal, da haben sich irgendwelche Kreise im Iran selbstständig gemacht.
4. naja
prospektor 13.10.2011
Ich bin bei solchen "Entrapment"-Geschichten immer sehr vorsichtig. Hatte es nicht in einem Bericht geheißen, der Mann hätte sich früher schon einmal gerühmt, Kontakte zu einem mexikanischen Drogentypen zu haben? Er hat wegen des Plots einen kontaktiert (und das wäre dann doch wohl der ominöse Bekannte), und der war zufälligerweise DEA-Agent. Ich denke mal, das Dept. of Homeland Security hat den Kerl schon lange auf dem Radar gehabt und als evtl. nützlichen Idioten für eine solche Operation im Auge gehabt. Mal zwanglos kennenlernen, ab und zu ein paar Scheine zustecken und in 'nen Stripclub einladen, und schauen, wann man ihn gebrauchen kann. Alles, was es dann noch brauchte, war irgendein Strohmann im Iran, die CIA wird da sicher einige Informanten sitzen haben. Strohmann beauftragt "Scarface", Kontakt zum mexikanischen Kartell herzustellen, der kontaktiert also seinen Bekannten, den DEA-Agenten. Von da an spielen die beiden mit ihm rum, entwerfen haarsträubende Szenarien für ein Attentat, unter anderem die Bombe in einem Restaurant, damit das ganze als "Terror" klassifiziert werden kann und nicht lediglich als ein simples Attentat. Wundern tät's mich nicht, verfölge man das Geld ganz rigoros zurück und stieße letzten Endes auf ein Konto der CIA oder des Mossads (natürlich auf den Namen von Strohmännern oder -firmen). Klingt auch nicht abenteuerlicher als das, was "Iran" (also wohl dessen Regierung) jetzt unterstellt wird. Wie gesagt, sobald bei der ersten Planungsphase bereits Undercoveragenten beteiligt sind, kann davon ausgegangen werden, daß die den Verlauf der Aktion schon in die gewünschte Richtung geschubst haben.
5. US-Rüstungsindustrie
hojen 13.10.2011
Zitat von sysopDie Skepsis gegenüber dem Terrorplot-Szenario der US-Regierung wächst: Warum haben Teherans Kuds-Brigaden ausgerechnet einen Ex-Gebrauchtwagenhändler mit dem Mordkomplott betraut? Iran-Experten und Freunde des Mannes sind irritiert - und Republikaner*setzen US-Präsident Obama unter Druck. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,791745,00.html
Die US-Rüstungsindustrie braucht einen Folgekrieg nach Afganistan. Der Iran ist das Lieblingsprojekt. Ohne Krieg ist die einzig funktionierende US-Industrie, die Rüstungsindustrie, auch noch am Ende.
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