Audiobotschaft Bin Laden nennt Weltfinanzkrise ein Werk der Mudschahidin

Ein Aufruf zum Dschihad gegen Israel - und dann eine verblüffende Behauptung: Die globale Finanzkrise gehe auf das Konto von al-Qaida und Co., sagt Osama Bin Laden in einer neuen Audiobotschaft. Sie werde noch viel schlimmer werden - Kronzeuge dafür sei nicht zuletzt der "deutsche Finanzminister".

Von Yassin Musharbash


Berlin - Der Chef des Terrornetzwerks al-Qaida, Osama Bin Laden, nutzt gerne aktuelle Krisen und Ereignisse, um seine zunehmend seltenen Ansprachen abzusetzen. Am Mittwoch ergriff er wieder einmal die Gelegenheit: In einem 22 Minuten langen Tonband macht er den blutigen Gaza-Konflikt und die Weltwirtschaftskrise zum Thema und ruft zum Dschihad gegen "das zionistische Gebilde" auf.

Standbild zur Bin-Laden-Rede: "Pflicht zum Dschihad"

Standbild zur Bin-Laden-Rede: "Pflicht zum Dschihad"

Das Band wurde am späten Vormittag auf mindestens zwei arabischen Web-Seiten veröffentlicht, die al-Qaida und verwandte Organisationen seit Monaten zur Verbreitung ihrer Propaganda nutzen. Es liegt SPIEGEL ONLINE vor.

Veröffentlichungsmodus und das eingeprägte Logo der Qaida-Produktionsfirma al-Sahab sprechen für die Authentizität der Aufnahme, die Stimme des Sprechers klingt der Bin Ladens zumindest sehr ähnlich. Eine unabhängige Bestätigung der Echtheit gibt es freilich nicht. Es trägt den Titel "Aufruf zum Dschihad, um die Aggressionen gegen Gaza zu stoppen". Das Band ist auf den aktuellen Monat der islamischen Zeitrechnung datiert.

Die zentrale Botschaft des seit Jahren im Versteck lebenden Terrorchefs ist ein Aufruf an alle Muslime, angesichts des Vorgehens Israels im Gaza-Streifen gegen das "zionistische Gebilde" in den Kampf zu ziehen. Diplomatie, so der Saudi-Araber, sei nur eine Möglichkeit der verräterischen Führer der Araber und Muslime, "vor der Verantwortung zu fliehen".

Bin Laden: Pflicht zum Dschihad

"Das Verhalten dieser Gelehrten und Führer entbindet euch aber nicht von eurer Verantwortung", so der Qaida-Chef weiter an die Adresse der "Gemeinschaft der Muslime". Sein Dschihad-Aufruf gipfelt in der Behauptung: "Ihr könnt das zionistische Gebilde besiegen". Als historisches Beispiel nennt er die Niederlage der Sowjetunion in Afghanistan, der auch ohne Einmischung einer staatlichen Armee bewerkstelligt worden sei.

An die Adresse der Palästinenser gerichtet sagt Bin Laden: "Ihr habt viel gelitten ... Die Muslime fühlen mit euch, die Mudschahidin fühlen mit euch, denn sie leben euer Leben."

Es ist nicht der erste Versuche Bin Ladens oder seines Stellvertreters Aiman al-Sawahiri, den Palästina-Konflikt für ihre Propaganda zu nutzen und die Palästinenser auf ihre Seite zu ziehen. Dass sich bislang verhältnismäßig wenige Palästinenser al-Qaida angeschlossen haben, wurde in dem Terrornetzwerk schon vor Jahren thematisiert - und als Problem eingestuft. Mehrmals versuchte al-Qaida auch, die Hamas zum "globalen Dschihad" aufzufordern. Aber jedes Mal konterten zum Teil hochrangige Hamas-Mitglieder diese Vereinnahmungsversuche mit der Bemerkung, sie kämpften einen anderen, einen eigenen Kampf.

Als die Hamas 2006 an den palästinensischen Parlamentswahlen teilnahm, begann al-Qaida sie dafür zu kritisieren, weil sie Wahlen für unislamisch hält. Insbesondere Sawahiri hat die Hamas dafür angefeindet; in der Rede, die er am Mittwoch veröffentlichte, erwähnt Osama Bin Laden die Islamisten-Organisation nicht einmal.

Ausführungen über die Weltwirtschaftskrise

Dafür lässt er sich etwa eben so lang wie über den Gaza-Konflikt über die Weltfinanzkrise aus. Einer seiner Thesen lautet, dass diese noch viel schlimmer sei als derzeit erkennbar. Als Kronzeugen zählt er verschiedene europäische und US-amerikanische Minister und Präsidenten auf, unter anderem erwähnt er auch "den deutschen Finanzminister", allerdings ohne Peer Steinbrück namentlich zu nennen. Der deutsche Finanzminister, so der Qaida-Gründer, habe erklärt, nichts werde je wieder so sein wie vor der Krise. Bin Ladens zweite These ist, dass diese Wirtschaftskrise das Resultat der Anstrengungen der Mudschahidin sei.

Am interessantesten an diesen Äußerungen ist vermutlich, dass sie zeigen, wie gut informiert der seit 2001 im Versteck lebende Terrorchef ist.

Die "Flagge des Dschihad", so Bin Laden weiter, werde unterdessen wehen "bis zum jüngsten Tag". Es stelle sich allerdings die Frage, ob die USA in der Lage seien, sich noch weitere Jahrzehnte dagegen zu wehren. "Berichte und Belege deuten etwas anderes an", tönt der Saudi-Araber, den die meisten Analysten und Terrorexperten im afghanisch-pakistanischen Grenzgebiet vermuten.

Aiman al-Sawahiri und Osama Bin Laden, über deren Tod regelmäßig spekuliert wird, haben sich seit den Terroranschlägen vom 11. September 2001 in den USA zusammen mehr als 60-mal zu Wort gemeldet, manchmal per Video, zumeist in Tonbotschaften. Oft haben sie sich dabei schon des Palästina-Konflikts angenommen. Erst in der vergangenen Woche rief der Ägypter Sawahiri wegen des Gaza-Krieges zu weltweiten Anschlägen auf.

Erste Reaktionen in Internet-Foren

Wie weit der Einfluss Bin Laden reicht, ist unter Experten eine viel diskutierte Frage, über die es keine letzte Einigkeit gibt. Die meisten sind der Ansicht, dass die von seinen Sympathisanten als Lebenszeichen gewerteten Äußerungen in dieser Funktion mindestens ebenso wichtig sind wie inhaltlich.

Darüber hinaus gilt Osama Bin Laden nicht mehr als der Mann, der die Fäden für jeden einzelnen Anschlag in den Händen hält - sein Leben im Verborgenen dürfte das verhindern. Wohl wird ihm aber zugetraut, durch seine Ansprachen eine generelle Linie vorzugeben, an denen sich operative Kader und Freiwillige gleichermaßen orientieren.

Die ersten Reaktionen auf die Rede in islamistischen Internet-Foren war wie gewohnt: ein vielstimmiger Chor von Lob und Preis; inhaltlich interessante Kommentare gibt es aber noch nicht.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 81 Beiträge
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Seite 1
inci 14.01.2009
1. €€€€ $$$$
Zitat von sysopEin Aufruf zum Dschihad gegen Israel - und dann ein verblüffendes Bekenntnis: Die globale Finanzkrise, sagt Osama Bin Laden in den neuen Audio-Botschaft, gehe auf das Konto von al-Qaida. Sie werde schlimmer ausfallen, als alle ahnen - was der "deutsche Finanzminister" bezeugen könne. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,601225,00.html
köstlich, dann ist ja jeder der nicht gegen die krise konsumiert - ein (ich spreche das t-wort nicht aus)!
Mustermann 14.01.2009
2. Schwarzer Afghane
Zitat von sysopEin Aufruf zum Dschihad gegen Israel - und dann ein verblüffendes Bekenntnis: Die globale Finanzkrise, sagt Osama Bin Laden in den neuen Audio-Botschaft, gehe auf das Konto von al-Qaida. Sie werde schlimmer ausfallen, als alle ahnen - was der "deutsche Finanzminister" bezeugen könne. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,601225,00.html
zu oft geraucht zerbröselt das Gehirn.
pertronius 14.01.2009
3. klingt nur ähnlich...
http://www.bbc.co.uk/blogs/theeditors/2008/01/post_8.html
Sir Marcus 14.01.2009
4. ich wußte es
...dann hatte Bush ja doch recht... ;-) lach - schlimm nur ist, das das bestimmt irgendwelche .., auch noch glauben! al-Quaida - danke für den Lacher des Tages!
Nbass, 14.01.2009
5. ...
Zitat von inciköstlich, dann ist ja jeder der nicht gegen die krise konsumiert - ein (ich spreche das t-wort nicht aus)!
Ein etwas merkwürdiger Zusammenhang ;) Also die Äußerung die Finanzkriese sei durch Al-Quaida hervorgerufen lässt mich schon kräftig schmunzeln. Man lernt ja nie aus.
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