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Aufmüpfig gegen die Hamas: Gazas Jugend träumt vom Knutschen

Aus Gaza-Stadt berichtet Ulrike Putz

Leben mit der Hamas: Teenager-Träume in Gaza Fotos
SPIEGEL ONLINE

Sie wollen im Gaza-Streifen tanzen, feiern, küssen - aber die Hamas hat immer was dagegen. Das ließ die Mädchen Sally und Fifi aufmüpfig gegen die Islamisten werden. Doch der Aufstand ist lebensgefährlich.

Im Auto stecken die Mädchen sich erst mal eine Zigarette an. Sally und Fifi, kichernde Teenager, wedeln den Qualm durch die offenen Fenster nach draußen: Man soll nicht riechen, dass sie geraucht haben. Mit der anderen Hand checken sie zum x-ten Mal ihre Smartphones. Welche Jungs werden heute da sein? Hat Fifis Freund zurückgetextet?

Handspiegel werden gezückt: Fifi, die 16-jährige kleine Schwester, zieht ihren pinkfarbenen Lippenstift nach. Sally, drei Jahre älter, zupft an ihrem Kopftuch herum, redet ohne Pause: Dass sie so gern "Arab Idol", Arabiens Variante des US-Talentwettbewerbs, guckt. Dass sie später Journalistin werden will, am besten beim Fernsehen, mit ihrer eigenen Show. Dass sie es kaum erwarten kann, einen Blick auf ihren "Boyfriend" zu werfen.

Leider steht die freudige Erregung der beiden Palästinenserinnen nicht recht im Verhältnis zum Anlass. Von 15 bis 17 Uhr hat an diesem Mittwochnachmittag eine Jugendgruppe in Gaza-Stadt zu einer kleinen Feier ins Strandhotel Adam geladen. Auf dem Programm steht nichts, das dem schweren Abend-Make-Up und den hohen Erwartungen der Schwestern gerecht werden könnte: Palästinensische Heimatlieder, patriotische Gedichte und die Ausstellung einer Foto-AG: "Ein Bild und seine Geschichte". Nichts, was den Lebenshunger der Anwesenden befriedigen könnte.

Jung zu sein im Gaza-Streifen ist eine Strafe: Da ist einerseits die Blockade des Küstenstrichs durch Israel und Ägypten. Sie macht den Gaza-Streifen zu dem, was die Uno das "größte Freiluftgefängnis der Welt" nennt.

Und dann ist da andererseits die Hamas, die seit 2007 über den Küstenstreifen herrscht. Die Radikalislamisten, die sich offiziell dem Widerstand gegen Israel verschrieben haben, haben nach und nach alles verboten, was die De-facto-Gefangenschaft im Gaza-Streifen erträglich machen könnte. Kinos, Discos, Eiscafés oder Jugendtreffs gibt es nicht. Partys mit westlicher Tanzmusik sind nicht erlaubt. Am Strand gelten strenge Regeln: Jungs und Mädchen, die nicht verwandt sind, dürfen nicht zusammensitzen, Frauen nur mit Schleier und Ganzkörperumhang ins Wasser.

Sie wollen knutschen, tanzen und feiern

Erlaubt sind nur biedere Veranstaltungen wie die heute: Es ist kurz nach drei aber schon stickig im Saal, auf der Bühne klampft ein Jüngling brave Volkslieder, an der Tür lauert ein Sittenwächter, der die Mädchen nach rechts, die Jungs nach links schickt. Getrennte Sitzordnung: So kommt es, dass Sally ihrem Freund zwar zunicken, ihn aber nicht sprechen kann. Die Lichtorgel tunkt die Gel-Haare der Jungs und die Schleier der Mädchen in buntes Licht, Lautsprecher scheppern, Sally beugt sich vor: "Siehst du die Jungs mit den Bärten in den letzten Reihen?", fragt sie. "Hamas-Geheimdienst. Wenn sich hier irgendwer aufmüpfig oder gar kritisch äußern würde, würden die sofort eingreifen."

Was die Geheimdienstleute nicht wissen: Sally und Fifi sind angehende Revolutionärinnen. Sie wollen knutschen, tanzen und feiern, so wie ihre Idole auf den Satellitensendern im Fernsehen. Deshalb, um ihre Jugend zu genießen, wollen Sally und Fifi der Herrschaft der Islamisten im Gaza-Streifen ein Ende machen.

Sally hat sich dazu jüngst aus der Deckung getraut: Am 11. November war sie eine der ganz wenigen, die einem Aufruf zum Massenprotest gegen die Hamas folgte. Zusammen mit sechs Freundinnen postierte sie sich vor dem Rot-Kreuz-Gebäude, wollte gerade loslegen, kritische Parolen zu rufen, doch da war die Hamas-Polizei schon zugegen.

Drei Stunden verbrachten die Mädchen auf der Wache, wurden verhört, angeherrscht. Ihre Eltern wurden verständigt und bedroht: Sie sollten ihre Kinder an die Kandare nehmen, sonst könnten sie sie "verlieren". "Die waren richtig böse, das war kein Spaß", sagt Sally. Die Idee zum Protest hatte sie von Facebook: Dort hatten in den Wochen zuvor Zigtausende eine Seite mit "Mag ich" markiert, auf denen nach ägyptischen Vorbild zu "Tamarod", zur "Rebellion" gegen die Islamistenherrschaft aufgerufen wurde.

Der angekündigte Aufstand machte die Hamas nervös

Ganz gleich ob "Tamarod Palästina" tatsächlich seine Wurzeln im Gaza-Streifen hat oder - wie von der Hamas behauptet - eine von der Fatah im Westjordanland angezettelte Provokation war: Der angekündigte Aufstand machte die Hamas hochnervös. Wie üblich setzte sie auf Einschüchterung, nahm im Vorfeld Dutzende politischer Aktivisten fest. In den Lokalmedien drohte die Hamas ihren Gegnern mit dem Tod: Diesmal würden sie nicht auf die Knie, sondern gleich auf die Köpfe zielen.

"Tamarod" blies die Demo daraufhin ab - Sally ging trotzdem auf die Straße. "Wie lange sollen wir denn noch schweigen?", fragt die Journalistik-Studentin, ihre Schwester Fifi nickt eifrig. Sie geht noch zur Schule, konnte am 11. November nicht mitdemonstrieren. Doch online ist auch sie bei "Tamarod" dabei.

Bislang sind die Schwestern mit ihrer digitalen und realen Aufmüpfigkeit schadlos geblieben, auch weil sie Mädchen sind. "Frauen können es sich leisten, demonstrieren zu gehen. Hätten die mich am 11. verhaftet, läge ich heute immer noch im Krankenhaus", sagt Faris, Fifis Freund: Er ist ausnahmsweise kurz in die Frauenabteilung vorgelassen worden, weil die ausländische Journalistin mit ihm reden will.

Das tut er: leise, ängstlich. Zwar habe die Mauer der Angst Risse bekommen, aber als Mann müsse er seinen Frust über die ihm auferlegten Regeln sehr vorsichtig zeigen, sagt Faris. Jeder Regelbruch könne den Knast oder den Tod bedeuten.

Die Hamas bestreitet das alles: Er könne die Beschwerden der Jugend nicht verstehen, sagt Hamas-Sprecher Salah al-Bardawil. "Das Leben in Gaza ist hart, aber das ist doch hier kein Friedhof."

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1. Tapfere junge Frauen
Bad_Species 07.12.2013
Ich wünsche Ihnen von ganzem Herzen Erfolg. Dummerweise wird es irgendwelche Hamasspinner geben, die SPON lesen (wird Ihnen bei uns ja nicht verboten). Das heißt Sally und Fifi werden wohl gerade verhört, was Ihnen einfällt sich mit Ungläubigen einzulassen.
2. Es ist wie in vielen muslimischen Gesellschaften:
Werder 07.12.2013
Der schlimmste Feind befindet sich zuallererst im eigenen Land. Durch eine pervertierte Religion, deren - angebliche - Regeln den Gläubigen aufgezwungen werden, wird der Bevölkerung das Leben zur Hölle gemacht. So lange die große Mehrheit das nicht versteht (will) und sich mit aller Kraft dagegen auflehnt, wird es - wo auch immer - keine Lösung und kein normales Leben für sie geben.
3. irgendwann
berlinchris1711 07.12.2013
irgendwann wann wird auch dieses faschistische Regime fallen und damit denselben Weg wie seines gleichen davor!
4. Welch ein Mut....
barnstormer48 07.12.2013
..beweisen diese jungen Menschen mit Ihrem Handel. Obwohl ich als international tätiger Pilot viel Unterdrückung von Menschen erlebe, werde ich mich nie daran gewöhnen, darf mich nie daran gewöhnen. Es ist für mich erschreckend zu sehen, wie Menschen oftmals nur wenige Flugminuten von Freiheit und Selbstbestimmung entfernt leben. Es braucht noch viel mehr Menschen mit diesem Mut....auch bei uns auf der anderen Seite....
5. Pervers...
MatthiasHub 07.12.2013
... was manche Leute mit Ideologien und Religionen veranstalten. Da wird auf die ursprüngliche Intention solange draufgekloppt bis sie wimmernd unter dem Sofa liegt und sich nicht mehr hervortraut. Stattdessen ziehen Kontrolle und Diskrimierung ein. Ich hab ja ehrlich nix gegen religiöse Menschen, es darf ja jeder an irgendein Märchen glauben wenn es ihm/ihr beliebt, aber die Toleranz von mir hört bei Intoleranz gegenüber Dritten und Einmischung in deren Privatleben auf.
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