Aufrüstungsorgie "Eine Welt mit 25 Nuklearstaaten wäre brandgefährlich"

US-Präsident Obama will eine Welt ohne Atomwaffen - doch viele Experten befürchten für die nahe Zukunft das Gegenteil: Der Politologe Josef Janning warnt im SPIEGEL-ONLINE-Interview vor einer Kettenreaktion bei der Atomrüstung.


SPIEGEL ONLINE: Experten warnen vor einer Welt mit 20 bis 25 Atomwaffenstaaten. Wie könnte es dazu kommen?

Josef Janning: Nukleares Wissen, nukleare Technologie und entsprechende Trägersysteme sind heute international leichter verfügbar als je zuvor. Das begünstigt die nuklearen Ambitionen von Staaten, die ihre Sicherheit gefährdet sehen und regionale Machtambitionen haben. Bekommen sie Atomwaffen, dürfte dies eine Kettenreaktion unter Nachbarn auslösen, die sich dadurch bedroht fühlen. Ein nuklear gerüsteter Iran etwa wird für die arabischen Staaten die Frage nach einer "arabischen Bombe" aufwerfen, da die wesentlichen nichtarabischen Akteure in der Region - Israel, Iran und die USA - in diesem Szenario jeweils nuklear bewaffnet wären. Große Nationen wie Ägypten oder Saudi-Arabien könnten also nachziehen wollen.

SPIEGEL ONLINE: Warum wäre das so gefährlich?

Janning: Als sich die hochgerüsteten Supermächte USA und UdSSR während des Kalten Krieges gegenüberstanden, war der Konflikt gefährlich, aber relativ übersichtlich. Deshalb endete die Auseinandersetzung nicht im atomaren Inferno. Doch selbst damals standen beide Seiten am Rand eines Atomkriegs, bevor sie erkannten, nach welch komplexen Regeln nukleare Abschreckung tatsächlich funktioniert. In einer Welt mit mehr als 20 Atomwaffenstaaten wären Konflikte weit schwerer zu entschärfen. Es wäre eine brandgefährliche Welt.

SPIEGEL ONLINE: Funktionieren dann die herkömmlichen Abschreckungsmechanismen nicht mehr?

Janning: Für die "alten" Atommächte schon. Diese Staaten sind und bleiben in der Lage, jeden Punkt der Erde mit Nuklearwaffen so zu treffen, dass dort kein Leben mehr existieren kann. Für neue Atommächte gilt dies nicht. Sie können einem Angreifer nur mit dem Risiko eines nuklearen Gegenschlags drohen, dessen Wirkung nicht klar vorhersehbar ist. Schon dies dürfte aber die sogenannte erweiterte Abschreckung der heutigen Atommächte beeinträchtigen - das heißt, Amerikas Verbündete können nicht mehr sicher sein, dass eine US-Sicherheitsgarantie ihnen hinreichenden Schutz vor einem nuklearen Angriff Dritter bietet. Denn Washington könnte entscheiden, dass der Preis für ein Eingreifen unter diesen Voraussetzungen zu hoch ist.

SPIEGEL ONLINE: Wie sehr erhöht sich das Risiko eines Atomschlages?

Janning: Das Risiko würde steigen. Um wie viel, ist aber nicht exakt zu kalkulieren. Präventive Maßnahmen - sogenannte Enthauptungsschläge - könnten Folgewirkungen auslösen, die schwer zu berechnen sind. Gleiches gilt für die Reaktionen von Staaten, die durch Nuklearkonflikte ohne ihre Beteiligung zu Opfern werden.

SPIEGEL ONLINE: Wächst auch die Gefahr, dass Nuklearwaffen in die falschen Hände geraten?

Janning: Eindeutig. Mit jedem instabilen und repressivem Regime, das über derartige Technologie verfügt, befinden sich nukleare Waffen bereits in den falschen Händen. Dass sie von dort in die Hände terroristischer Gruppen oder Aufständischer gelangen, erscheint auf längere Sicht fast sicher.

SPIEGEL ONLINE: Die Schlussfolgerung müsste also lauten: Atomwaffen sind zu gefährlich, wir sollten sie ganz beseitigen?

Janning: Wenn sich nukleare Technologie vollständig abschaffen ließe, wäre dies sicher ein Gewinn für die Menschheit. Es würde aber wohl nicht das Ende von Krieg und dem Einsatz von Massenvernichtungswaffen bedeuten.

SPIEGEL ONLINE: Doch wie realistisch sind die Abschaffungspläne? Schließlich sind Nuklearwaffen sehr effektiv. Der Irak wäre wohl nicht angegriffen worden, hätte er Atomwaffen. Nordkorea ist dadurch ein wichtiger internationaler Akteur, Pakistan ebenfalls, Iran vielleicht bald auch. Wie sollen solche Staaten überzeugt werden, auf ihre Waffen zu verzichten?

Janning: Als Abschreckungsinstrument ist der Besitz von Atomwaffen sicher effektiv. Aber dieser Schutzschirm hat Löcher: Sofern Staaten wie Nordkorea einen konventionell vorgetragenen, räumlich begrenzten Angriff nur mit Einsatz nuklearer Raketen gegen Ziele im Heimatland des Gegners beantworten könnten, verlieren Atomwaffen einen Teil ihres Effekts. Denn ihr Einsatz hieße, einen regional begrenzten Konflikt mit der Androhung wechselseitiger völliger Vernichtung zu beantworten. Aber es stimmt: Solange vor allem politisch isolierte Regime ihre Sicherheitsinteressen gefährdet sehen, bleibt ein durch Anreize herbeigeführter freiwilliger Verzicht auf nukleare Militärtechnologie nahezu unerreichbar. Die Wirkung der bisherigen Sanktionen gegen Iran oder Nordkorea zeigen, dass bestenfalls eine Verzögerung beziehungsweise Verlangsamung der Waffenprogramme erreicht werden kann.

SPIEGEL ONLINE: Kritiker glauben ohnehin, dass Obamas Vorstoß für eine atomwaffenfreie Welt ein PR-Gag ist. Die US-Regierung meinte es demnach nie ernst, auf alle ihre Waffen zu verzichten, wenden sie ein. Was sagen Sie dazu?

Janning: Ich kann mir nicht vorstellen, dass irgendeine US-Regierung auf Atomwaffen verzichten wird, solange irgendjemand auf der Welt diese Waffen besitzt. In den Bush-Jahren haben die USA mit dem amerikanisch-indischen Nuklearvertrag - der das Land faktisch als Atommacht anerkannte - gezeigt, dass sie der Erweiterung der eigenen Machtoptionen in der Balance der neuen Großmächte Vorrang vor dem Gedanken der Nichtverbreitung geben. Daher ist Obamas Vision einer atomwaffenfreien Welt auch wirklich eine Vision. Wenn es ihm gelingt, gemeinsam mit seinen russischen Partnern ein gutes Stück der nuklearen Überrüstung aus der Zeit des Kalten Krieges transparent und sicher zu beseitigen, wäre das schon ein Fortschritt.

Das Interview führte Gregor Peter Schmitz, Washington



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Seite 1
mavoe 13.04.2010
1. Atomstaaten
Zitat von sysopUS-Präsident Obama will eine Welt ohne Atomwaffen - doch viele Experten befürchten für die nahe Zukunft das Gegenteil: Der Politologe Josef Janning warnt im SPIEGEL-ONLINE-Interview vor einer Kettenreaktion bei der Atomrüstung. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,688038,00.html
Atomstaaten: USA, Russland, China, UK, Frankreich, Israel, Indien, Pakistan, Nordkorea... Jetzt sind wir schon bei 9 Potentielle Atomstaaten: Deutschland, Japan, Südkorea, Taiwan, Südafrika, Brasilien,... die hätten morgen auch ne eigene Atombombe, wenn die es so wollten. Jetzt sind wir schon bei mindestens 15 Es ist, glaube ich, schon 5 nach 12
chubby 13.04.2010
2. Eine Welt mit 25 Atomstaaten wäre brandgefährlich
Mit dem existierenden 5 aber nicht- oder was? Wer hats aber bis jetzt benutzt?? Der bisherige Benutzer ist meines Erachtens unberechenbar.
Zwergnase, 13.04.2010
3. -
Zitat von sysopUS-Präsident Obama will eine Welt ohne Atomwaffen - doch viele Experten befürchten für die nahe Zukunft das Gegenteil: Der Politologe Josef Janning warnt im SPIEGEL-ONLINE-Interview vor einer Kettenreaktion bei der Atomrüstung. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,688038,00.html
In meinem Bekanntenkreis gibt es keinen, der eine Welt mit Atomwaffen möchte. Schön, dass Obama jetzt auch zu dieser Überzeugung gelangt ist. Putin hatte diese Idee übrigens schon in Heiligendamm ausgesprochen. Hat nur keiner wahrgenommen. Um andere Staaten von der Gutwilligkeit der führenden Atommacht zu überzeugen, genügt es nicht, wenn der Wolf Kreide frisst. Das Vertrauen ist bei vielen dahin (dank Irak, Afghanistan und anderer Unregelmaessigkeiten). Und auch mit reduziertem Nukleararsenal werden sich viele Staaten in Reichweite von US-Militaerstützpunkten unwohl fühlen. Daher schlage ich vor, die US-Militaerbasen weltweit der UNO zu unterstellen, die UNO-Gremien zu staerken und jeden Lobbyismus von Mitarbeitern dieser Organisation mit 3 Jahren Zwangsarbeit in der Latrine zu bestrafen.
CAJ, 13.04.2010
4. Zu spät
Zitat von ZwergnaseIn meinem Bekanntenkreis gibt es keinen, der eine Welt mit Atomwaffen möchte. Schön, dass Obama jetzt auch zu dieser Überzeugung gelangt ist. Putin hatte diese Idee übrigens schon in Heiligendamm ausgesprochen. Hat nur keiner wahrgenommen. Um andere Staaten von der Gutwilligkeit der führenden Atommacht zu überzeugen, genügt es nicht, wenn der Wolf Kreide frisst. Das Vertrauen ist bei vielen dahin (dank Irak, Afghanistan und anderer Unregelmaessigkeiten). Und auch mit reduziertem Nukleararsenal werden sich viele Staaten in Reichweite von US-Militaerstützpunkten unwohl fühlen. Daher schlage ich vor, die US-Militaerbasen weltweit der UNO zu unterstellen, die UNO-Gremien zu staerken und jeden Lobbyismus von Mitarbeitern dieser Organisation mit 3 Jahren Zwangsarbeit in der Latrine zu bestrafen.
Eine atomwaffenfreie Welt wird es nie mehr geben. Niemand könnte garantieren das nicht der eine oder andere trotz gegenteiligem lauten Bekunden, welche auf die Seite schafft, schon aus Vorsicht falls andere genauso handeln. Auch kann ja niemand das zum Bau nötige Wissen aus allen Köpfen schaffen. Staaten wie Deutschland, Japan, Korea, Taiwan, selbst die Schweiz, Östereich, Schweden, Norwegen usw. usw. könnten, alleine aufgrund ihrer technischen Möglichkeiten doch schon heute inerhalb weniger Monate einige Atombomben fertigen.
william_pitt 13.04.2010
5. Tolle Erfindung
Zitat von ZwergnaseIn meinem Bekanntenkreis gibt es keinen, der eine Welt mit Atomwaffen möchte. Schön, dass Obama jetzt auch zu dieser Überzeugung gelangt ist. Putin hatte diese Idee übrigens schon in Heiligendamm ausgesprochen. Hat nur keiner wahrgenommen. Um andere Staaten von der Gutwilligkeit der führenden Atommacht zu überzeugen, genügt es nicht, wenn der Wolf Kreide frisst. Das Vertrauen ist bei vielen dahin (dank Irak, Afghanistan und anderer Unregelmaessigkeiten). Und auch mit reduziertem Nukleararsenal werden sich viele Staaten in Reichweite von US-Militaerstützpunkten unwohl fühlen. Daher schlage ich vor, die US-Militaerbasen weltweit der UNO zu unterstellen, die UNO-Gremien zu staerken und jeden Lobbyismus von Mitarbeitern dieser Organisation mit 3 Jahren Zwangsarbeit in der Latrine zu bestrafen.
Es ist ja nicht so, dass die USA eines der von ihnen genannten Länder mit Atomwaffen angegriffen haben. Die US-Militärstützpunkte sind von den Vereinigten Staaten in aller Regel gepachtet und gehören den USA. Wieso sollten die der UNO unterstellt werden können? Das müssten die Verpächter schon selber machen. Und welche Staaten fühlen sich bitte unwohl? Kennen sie das : Wer böses tut, der hasst das Licht? Eben. Solche Länder wie die "Volks"-"Republik" (Nord-) Korea. Mit dem beknackten Zwerg am Steuer. Ober Iran mit Achnazijihad am Ruder der "die Juden auslöschen" will. Davon abgesehen einmal abgesehen, das die UNO ein zutiefst unfähiges Gebilde geweroden ist, bei dem diktatorische Regime langsam überhand nehmen und das deshalb von den Demokratien eher gemieden werden sollte. Den Vorlschlag zur Lobby-Arbeit finde ich wiederum Klasse. Die Atomtechnologie an sich ist das übelste Ei, das wir (als Menschheit) jemals gelegt haben. Der einzige Nutzen liegt in der Medizintechnik. Ansonsten ist diese Technologie ganz ganz großer Mist. Allerdings hat die Atombombe trotz aller Krisen einen 3.Weltkrieg verhindert weil nicht mal Stalin und seine Spießgenossen skurpellos und dämlich genug waren, den Westen anzugreifen und ihren Terror auf die 3.Welt beschränken mussten. Kleinere Arsenal, zumindest noch eine zeitlang wären akzeptabel, solange es bei den bisherigen Mächten geblieben wäre. Aber schon Indien und vor allem Pakistan sind eigentlich eine zu große Bedrohung. Ich frage mich, wie man damit umgehen soll. Eigentlich ist es ja vernünftig, KEINE Bombe zu haben. Wenn die aber jeder kleine fiese 3.Welt Staat die besitzt , dreht sich diese Vernunft um. Immer mehr Länder bräuchten Atomwaffen, um selber zumindest etwas abschrecken zu können. Grauenhafte Vorstellung. Und wie reagiert man auf Anschläge von Terroristen? Schlägt man Atomar zurück? Und gegen wen? Gegen das herkunftsland der Terroristen? Gegen das Herkunftsland der Bombe? Gegen das Herkunftsland des Urans? Gegen alle? Vielen dank an alle Physiker des 20.Jahrhunderts, die an diesem schönen Geschenk mitgewirkt haben. Danke! Streicht ihre Namen von allen Straßenschildern, Hörsälen und was auch immer nach ihnen benant ist! Bitte!
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