Aufruhr in Ägypten Straßenkrieg erstickt das Leben in Kairo

Der Ausnahmezustand wird Normalität: Im Zentrum Kairos tobte den ganzen Tag der Straßenkampf zwischen Anhängern und Gegnern Husni Mubaraks, es gab Verletzte und wohl auch Tote. Abseits der Fronten versinkt die Stadt in eine Art Koma. Am Freitag droht neue Gewalt.

Aus Kairo berichtet

AP

Kairo ist einen Tag nach den ersten schweren Zusammenstößen von Regierungsgegnern und Befürwortern des angeschlagenen Präsidenten Husni Mubarak nicht zur Ruhe gekommen - ganz im Gegenteil. Der Machtkampf zwischen den Demonstranten, die seit Tagen auf dem zentralen Tahrir-Platz ausharren, und den Schlägertrupps des Mubarak-Lagers setzte sich weiter fort. Die ganze Nacht zum Donnerstag und während des Tags lieferten sich beide Seiten teils heftige Auseinandersetzungen. Wieder flogen Steine und Molotowcocktails. Wieder wurden Dutzende Menschen verletzt und wohl auch mehrere getötet.

Einen Überblick zu behalten, ist oft so gut wie unmöglich. Auch weil die Mubarak-Befürworter teilweise brutal gegen Journalisten und Beobachter des Konflikts vorgehen.

Die Frontlinie in Kairos Innenstadt ist mittlerweile fest gezogen. Gleich neben dem Ägyptischen Museum haben beide Seiten aus ausgebrannten Autos, Stahlplatten und Gittern Barrikaden errichtet, um sich vor den Attacken der Gegenseite zu schützen.

Zwischen den Linien steht das ägyptische Militär, das sich aus dem Konflikt heraushält, keine der beiden Seiten attackiert, den Konflikt nicht beruhigt. Lediglich eine Art Sicherheitskorridor schufen die schweren Kampfpanzer am Morgen. Neben massiven Versorgungsproblemen gibt es in vielen Stadtteilen weiter ein Sicherheitsvakuum, zur Arbeit geht seit Tagen so gut wie niemand mehr.

Brandstifter Mubarak geriert sich als Feuerwehrmann

Die bisher friedlichen Proteste haben durch den Auftritt der Pro-Mubarak-Fraktion eine völlig neue Dimension bekommen. Mittlerweile scheint erwiesen, dass Mubarak die Schläger geschickt hat. In einem langen Fernsehinterview im gleichgeschalteten Staats-TV wies der von Mubarak eingesetzte neue Vize-Präsident Omar Suleiman, bisher Chef des gefürchteten Geheimdiensts, aber jegliche Beteiligung der Machtclique zurück. Vielmehr führte er langatmig aus, die Behörden würden nun die Hintermänner ermitteln und zur Verantwortung ziehen. Im Polizeistaat Ägypten ist der Aufmarsch der Tausenden Mubarak-Anhänger aber schwer vorstellbar ohne grünes Licht aus dem Innenministerium oder dem Präsidentenpalast.

Am Abend strahlte der US-Sender ABC dann ein Interview mit Mubarak selbst aus. Er würde, so die Kurzform seiner umständlichen Sätze, zwar "gerne" zurücktreten. Dann aber müsse er für sein Vaterland völlige Gesetzlosigkeit fürchten. So absurd es klingt, so scheint doch genau dies Mubaraks Strategie für den Machterhalt zu sein: zuerst eine Explosion zu erzeugen, um dann sich selbst als einzig möglichen Feuerwehrmann ins Spiel zu bringen. Dass die Hauptstadt seines Landes dabei im Chaos versinkt und das Land wirtschaftlich in den Abgrund fällt, scheint dem sturen Staatschef egal zu sein.

Das Regime versuchte intensiv, kritische Stimmen aus dem Ausland zu ersticken und Live-Bilder vom Straßenkampf abzustellen. In mehreren Hotels wurden Kameras beschlagnahmt, die auf den Tahrir-Platz gerichtet waren und die Gewalt sichtbar machten. Vor allem den arabischen Sender al-Dschasira nahmen die Häscher des Systems ins Visier, da er das Regime immer wieder entblößt hatte. Andere Sender wurden ebenfalls Opfer der Staatszensur, darunter Sky News aus Großbritannien und mehrere andere große Networks, die zumeist im Hilton-Hotel nahe am Platz untergebracht waren. Dort gingen die Sicherheitsbeamten von Zimmer zu Zimmer.

Viele westliche Reporter in Sicherheit gebracht

Mehrere Journalisten wurden bei ihrer Arbeit kurzzeitig festgenommen. So inhaftierten Sicherheitskräfte in zivil zwei Reporter der "New York Times", die aber am Morgen wieder freigelassen wurden. Auch andere Reporter berichteten von kurzen Festnahmen, meist durch nicht identifizierbare Bewaffnete, vermutlich Mitarbeiter des nationalen Sicherheitsdienstes. Auch Aktivisten von Amnesty International und Human Rights Watch wurden festgesetzt, ihr Schicksal bliebt bis Donnerstagabend unklar.

Den ganzen Tag kursierten Gerüchte über Angriffe auf ausländische Reporter rund um die Stellungen der kämpfenden Parteien. Offenbar wurde dabei ein kanadischer Reporter getötet, als er versuchte, Bilder von Pro-Mubarak-Kämpfern zu machen. Einen Beweis dafür gibt es noch nicht.

Die Mubarak-Befürworter, meist junge und aggressive Männer aus den Vorstädten Kairos, betrachten die westliche Presse, die den Regimegegnern viel Aufmerksamkeit schenkte, als politischen Feind - ihn wollen sie mit allen Mitteln bekämpfen. Am Abend umringten sie teilweise das Hilton-Hotel. Viele westliche Reporter, darunter ein Team des ZDF, wurden evakuiert und in Botschaften oder anderen Hotels einquartiert.

Neuer Millionenprotest für Freitag geplant

Eine Lösung des Machtkampfs ist längst nicht mehr allein für Ägypten bedeutsam. Die ganze arabische Welt schaut auf den Konflikt mitten in Kairo. Versinkt die Stadt weiter im Chaos und stürzt das Vorzeigeland der Region langfristig ab, wäre dies ein Rückschlag für die Oppositionsbewegungen von Algerien bis Jemen. Der von Mubarak vorgeschlagene Weg, den Übergang zu einer demokratischen Regierung schrittweise bis zu den Wahlen im Herbst zu organisieren, ist für die Opposition keine Alternative. Niemand glaubt dem arroganten Staatschef, dass er in der Lage und willens ist, echte Reformen einzuleiten.

Der Freitag könnte ein entscheidender Tag werden. Die Protestbewegung hat erneut zu einer Großdemonstration im Zentrum Kairos aufgerufen, wieder soll bis zu einer Million Menschen kommen. Allerdings berichten Anwohner aus den umliegenden Gebieten, dass die Mubarak-Anhänger oder bezahlte Schergen rund um den Platz, ja rund um die ganze Innenstadt, Straßenblockaden errichtet haben, um den Weg abzuschneiden. Zu befürchten sind neue Kämpfe zwischen den beiden Gruppen, die wohl noch heftiger ausfallen könnten als bisher.

Das Regime vom Husni Mubarak spielt auf Zeit. Ewig, so das Kalkül des Autokraten, werden die Protestler den Tahrir-Platz nicht besetzen können. Tote, Verletzte und Anarchie in der Hauptstadt nimmt Mubarak in Kauf.

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insgesamt 5 Beiträge
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sanfte 03.02.2011
1. Und hier schlafen alle
Zitat von sysopDer Ausnahmezustand wird zur Normalität: Im Zentrum Kairos lief der Straßenkampf zwischen den Anhängern und Gegnern Husni Mubaraks den ganzen Tag weiter, es gab Verletzte und Tote. Abseits der Fronten versinkt die ganze Stadt in eine Art Koma. Am Freitag droht nun eine weitere Eskalation. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,743482,00.html
Und hier schlafen alle oder was ? Revolution geht um 23 schlafen in Deutschland oder was. Wo sind die weltverbesserer. Gehen morgen brav zur Arbeit und hassen den Chef, System, gesellschaft. Lächerlich. Bussi
mardas 04.02.2011
2. Sehr guter Artikel, Mubarak kein Stabilisator, sondern Chaosstifter
Zitat von sysopDer Ausnahmezustand wird zur Normalität: Im Zentrum Kairos lief der Straßenkampf zwischen den Anhängern und Gegnern Husni Mubaraks den ganzen Tag weiter, es gab Verletzte und Tote. Abseits der Fronten versinkt die ganze Stadt in eine Art Koma. Am Freitag droht nun eine weitere Eskalation. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,743482,00.html
Ein sehr guter Artikel, der auch meine Meinung widerspiegelt. Mubarak ist kein Stabilisator, sondern tut für seinen Machterhalt alles, auch Chaos oder gar Bürgerkrieg in Ägypten anzurichten oder Journalisten zu verprügeln. Mubaraks Ansehen ist weltweit am Boden, die Frage ist nur, ob die Opposition trotzdem diese prekäre Lage herumreißen und Mubarak zum Rücktritt bewegen kann oder ob dank Mubaraks Sturheit Ägypten in einem Bürgerkrieg versinkt... Ich hoffe das Beste für die Ägypter. So kurz vorm Ziel darf man sich nicht von solchen fiesen Tricks aufhalten lassen.
sanfte 04.02.2011
3. Schlafenszeit
Zitat von sysopDer Ausnahmezustand wird zur Normalität: Im Zentrum Kairos lief der Straßenkampf zwischen den Anhängern und Gegnern Husni Mubaraks den ganzen Tag weiter, es gab Verletzte und Tote. Abseits der Fronten versinkt die ganze Stadt in eine Art Koma. Am Freitag droht nun eine weitere Eskalation. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,743482,00.html
Liebe Spiegelredeaktion. Deutschland schläft schon. die Kämpfer sind müde. Mussten den ganzen Tag Revolution feiern. Meinugen abgeben. sich aufregen. gönnt Ihnen die ruhe.
Cienne 04.02.2011
4. Scheinheilig
Das blöde an der Sache ist einfach, dass wir (wir alle) so verdammt scheinheilig sind.... Wenn wir ehrlich sind... Ist es uns doch scheiß egal was da unten passiert, wir unternehmen nix ... Das bisschen labern ... Erst wenn der Benzinpreis o.ä. steigt, dann ist das Geschrei richtig groß und die Leute fangen an was zu ändern.... Ägypten, China, die anderen arabischen Staaten aber genauso unsere derzeitige Situation... Mehr ist bei 2000 Jahren "Evolution" nicht herausgekommen? Kann doch echt nicht wahr sein....
Matthias 111, 04.02.2011
5. Absurd? Ja klar, aber so läuft es doch immer.
---Zitat--- So absurd es klingt, so scheint doch genau dies Mubaraks Strategie für den Machterhalt zu sein: zuerst eine politische Explosion zu erzeugen, um dann sich selbst als einzig möglichen Feuerwehrmann ins Spiel zu bringen. ---Zitatende--- Bloß weil die kommunistischen Machthaber so nett waren eben dies nicht zu tun, als die Völker Osteuropas revoltierten, heißt das doch noch lange nicht, das kapitalistische auch so nett wären. Und wenn man gerade keine Armee zur Hand hat, die bereit wäre auf das eigenen Volk zu schießen, dann behilft man sich mit Hilfstruppen. ---Zitat--- Die entscheidende Niederlage der Linken erfolgte in den ersten Tagen des neuen Jahres 1919. Wie im November entstand fast spontan eine zweite Revolutionswelle, die diesmal aber gewaltsam unterdrückt wurde. Sie wurde ausgelöst, als die Regierung am 4. Januar den Polizeipräsidenten von Berlin, das USPD-Mitglied Emil Eichhorn entließ, weil dieser sich in der Weihnachtskrise geweigert hatte, gegen demonstrierende Arbeiter vorzugehen. Seine Entlassung nahmen USPD, Revolutionäre Obleute und die KPD-Führer Karl Liebknecht und Wilhelm Pieck zum Anlass, für den nächsten Tag zu einer Protestaktion aufzurufen. Was als Demonstration geplant war, entwickelte sich zu einem Massenaufmarsch, mit dem die Veranstalter selbst nicht gerechnet hatten. Wie am 9. November 1918 strömten am 5. Januar 1919, einem Sonntag, Hunderttausende ins Zentrum Berlins, darunter viele Bewaffnete. Am Nachmittag besetzten sie die Berliner Bahnhöfe sowie das Zeitungsviertel mit den Redaktionsgebäuden der bürgerlichen Presse und des Vorwärts. Einige der betroffenen Zeitungen hatten in den Tagen zuvor nicht nur zur Aufstellung weiterer Freikorps, sondern auch zum Mord an den Spartakisten aufgerufen. Die Demonstranten waren im Wesentlichen dieselben wie zwei Monate zuvor. Sie forderten jetzt die Einlösung dessen, was sie sich damals erhofft hatten. Die Spartakisten waren daran keineswegs führend beteiligt: Die Forderungen kamen aus der Arbeiterschaft selbst und wurden von den verschiedenen Gruppen links von der SPD unterstützt. Auch der nun folgende so genannte Spartakusaufstand ging nur zum Teil von den KPD-Anhängern aus. Diese blieben unter den Aufständischen sogar in der Minderheit. In den ersten Monaten des Jahres 1919 kam es zu weiteren bewaffneten Aufstandsversuchen in mehreren Gegenden Deutschlands. In einigen Regionen wurden vorübergehend Räterepubliken ausgerufen. Die neuen Kämpfe brachen aus, nachdem Noske Ende Januar entschieden hatte, auch gegen die Bremer Räterepublik gewaltsam vorzugehen. Trotz eines Verhandlungsangebots der Gegenseite befahl er den Freikorpsverbänden, in die Stadt einzumarschieren. In den darauf folgenden Kämpfen kamen Anfang Februar etwa 400 Menschen ums Leben. ---Zitatende--- http://de.wikipedia.org/wiki/Novemberrevolution#Gr.C3.BCndung_der_KPD_und_Januaraufstand
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