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Aufruhr in Kenia: "Nun versinkt alles im Blut"

Aus Kisumu berichtet Thilo Thielke

Plünderungen, Schießereien, Notstand in den Krankenhäusern: In den ländlichen Gebieten Kenias tobt ein Krieg der Volksgruppen. 250.000 Menschen irren auf der Flucht vor Gewaltexzessen umher. In der Stadt Kisumu werden Geschäfte geplündert - Opfer sind vor allem Inder.

Kisumu - Über den staubigen Marktplatz von Kisumus Armenviertel Kibuye hallen Schüsse. Dann herrscht gespenstische Ruhe. Menschen rennen in alle Himmelsrichtungen, panisch, orientierungslos. Nur ein paar junge Männer behalten die Nerven und hieven den Körper eines blutenden Händlers auf eine Schubkarre. Dann hetzen sie mit dem Mann in Richtung New Nyanza General Hospital. Der rechte Arm des Unglücklichen ist von einer Kugel völlig zerfetzt worden.

Er ist nicht das einzige Opfer, das gestern in der Oppositionshochburg Kisumu, direkt am Victoriasee, zu beklagen war. Im Krankenhaus liegen bereits ein vielleicht elfjähriger Junge mit einem Beinschuss, ein Jugendlicher mit einem Streifschuss am Arm und ein Mann, dem der Hodensack zerfetzt wurde. "Jetzt werden jeden Tag solche Fälle zu uns gebracht", sagt der Arzt Noel Leken, "die Polizei geht brutal gegen die Bevölkerung vor. Sie schießt gezielt auf die Menschen." Schon gingen den Medizinern die Blutkonserven aus. Im Leichenschauhaus liegen 54 Tote aufgereiht und nur notdürftig bedeckt. Die meisten, heißt es, seien von vorne erschossen worden, als sie gegen die Regierung demonstriert hatten.

Die Schießerei auf dem Marktplatz hat wohl einen ethnischen Hintergrund. Ein Händler, der aus der Kikuyu-Volksgruppe stammt, soll in der Nacht zuvor Stände auf dem Marktplatz angezündet haben, daraufhin verwüsteten aufgebrachte Angehörige des Luo-Stamms seinen Laden, dann kam die Polizei, und die Tragödie nahm ihren schrecklichen Verlauf.

Die Luo stellen hier im Westen Kenias die Bevölkerungsmehrheit. Sie stimmten für den Oppositionsführer Raila Odinga. Die Kikuyu hingegen sind hier um die Großstadt Kisumu eine unbeliebte Minderheit. Dass der Präsident und mutmaßliche Wahlfälscher Mwai Kibaki der Ethnie der Kikuyu angehört, macht die Sache nicht leichter. Die blutigen Krawalle, die in der vergangenen Woche, laut der Tageszeitung "Daily Nation" "Kenya's darkest week", das Land erschüttert haben, setzten einen gefährlichen ethnischen Hass frei, der sich derzeit im ganzen Land Bahn bricht. Besonders dort, wo keine internationalen Beobachter in der Nähe sind: tief in den Shantytowns oder auf dem Land. Kenia erschüttern derzeit zwei Probleme zugleich: ein politisches und ein ethnisches. Beide zusammen haben das Potential zur Katastrophe.

Auf dem Marktplatz von Kibuye schwelt noch das Feuer. Pechschwarz ragen die Pfosten der kleinen Läden in den blassblauen Himmel, überall liegen verkohlte Waren herum und geschmolzenes Wellblech. Eine halbe Stunde nach der Schießerei wagen sich die Händler langsam zurück, sie rotten sich in Gruppen zusammen, sie schwören Rache. Vier Patronenhülsen hält Marktmann Okil Shein in seiner Hand, er hat sie gerade erst aufgelesen, direkt vor seinem Kiosk. "Wir Luos werden hier in unserem eigenen Land verfolgt", sagt er, "wir brauchen etwas zu Essen." Da fällt sein Nachbar ein: "Und wir brauchen Waffen; wir werden Selbstverteidigungsgruppen bilden." An eine Wand hat jemand "Raila oder Krieg" gesprüht.

Die ganze Innenstadt Kisumus bietet mittlerweile ein Bild der Verwüstung. Riesige Supermärkte sind ausgeplündert und abgefackelt worden. Achtlos liegen zerstörte Haushaltswaren auf der Straße. Reihenweise sind in der breiten Oginga-Odinga-Road Schaufensterscheiben eingeschmissen. Viele unzufriedene Angestellte haben hier die Geschäfte ihrer indischen Arbeitgeber zerstört - aus Rache für vermeintlich ungerechte Arbeitsbedingungen. Nachdem Idi Amin in den siebziger Jahren die Inder aus Uganda vertrieben hat, haben sich viele auf der anderen Seite der Grenze im kenianischen Luoland angesiedelt. Ironischerweise mussten sich viele von denen nun nach Uganda retten. Sie befürchten Pogrome. In Kenia bilden die Inder einen Großteil der Mittelschicht, sie kontrollieren weite Teile des Handels. Immer wieder ist es in Ostafrika zu blutigen Ausschreitungen gegen die Asiaten gekommen, deren Vorfahren einst von den Briten nach Afrika geholt wurden, um die berühmte Uganda-Railway von Mombasa nach Kampala zu bauen.

Überall im Vielvölkerstatt Kenia toben nun solche ethnischen Konflikte. Auf dem Gelände der Polizeistation in Kisumu campieren immer noch Hunderte von Angehörigen der Kisii-Volksgruppe, deren Stammesgenossen in der Nähe beheimatet sind, überwiegend den Präsidenten gewählt haben und über eine eigene Heimatmiliz verfügen. Alleine trauen sie sich nicht in ihr Stammesgebiet, sie warten auf eine Militäreskorte.

Die Angst der Menschen ist begründet. In der Stadt Cherangany hat am Wochenende ein Mob von rund hundert mit Kalaschnikows bewaffneter Männer eine Polizeistation und eine Schule gestürmt, in die sich rund 3000 Flüchtlinge vor Stammeskonflikten gerettet hatten. Die Angreifer eröffneten sofort das Feuer, die Polizisten schossen zurück. Sieben Tote kostete der Angriff.

Ein trauriges Bild bietet auch die Kenol-Tankstelle an Kisumus Nairobi-Road. Ein paar Polizisten bewachen den verkohlten Trümmerhaufen, um zu verhindern, dass noch die letzten brauchbaren Reste geplündert werden. Tankstellenbetreiber Zachary Obuya Otieno steht fassungslos vor den Überbleibseln. "Wir wollen doch nur einen politischen Wechsel in diesem Land", beteuert er, "nun versinkt alles im Blut." Rund um die Tankstelle stehen noch die ausgebrannten Autowracks. Sie stehen akkurat in Reihen auf dem Parkplatz, direkt vor dem Schild "Parken auf eigene Gefahr".

Otieno weiß, dass dem Land das Schlimmste möglicherweise erst bevorsteht, wenn sich die Stämme tatsächlich bewaffnen. Und er weiß, dass fast nirgendwo Waffen so leicht zu bekommen sind wie in Kenia, das aus den benachbarten Bürgerkriegsländern Uganda, Sudan oder Somalia mit Kriegsgerät geradezu geflutet wird. Wie es weitergeht, ist unklar. Immerhin: Morgen will sich Raila Odinga mit dem Präsidenten treffen.

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Unruhen in Kisumu: Plünderungen, Brandstiftungen, Gewalt

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