Aufstände in Arabien Die unvollendete Revolution

Die Jubelfeiern auf dem Kairoer Tahrir-Platz sind unvergessen - doch sie werden überlagert von der brutalen Gewalt des syrischen Regimes, den Toten im Jemen, den Kämpfen in Libyen. Die arabische Revolte stockt im Angesicht der Gewehrläufe. Aber noch ist sie nicht tot.

Von Yassin Musharbash


Berlin - Wann ist eine Revolution vollendet? Die von den Massen auf der Straße erzwungene Ausreise eines despotischen Präsidenten ist ein Weltereignis, keine Frage. In Tunesien und Ägypten haben die Bürger Anfang dieses Jahres nach bleiernen Jahrzehnten ihr Schicksal selbst in die Hand genommen, sich selbst aus der ewigen Bevormundung und Überwachung befreit. Ein knappes halbes Jahr später stecken beide Länder mitten in den postrevolutionären Wirren: Alles ist möglich, der unumkehrbare Übergang in eine neue, freie Gesellschaftsform - aber ebenso faule Kompromisse und ein schleichender Verrat an den Idealen der Revolution. Vollendet? Nein, es hat gerade erst angefangen.

Doch nicht die Wirren in Ägypten oder Tunesien stehen im Blickpunkt der Weltöffentlichkeit, sondern die Entwicklungen in jenen anderen arabischen Ländern, in denen die Bevölkerungen den Weckruf aufgenommen haben und eine ähnliche Selbstbefreiung versuchen. Und anders als in Tunesien und Ägypten sieht es derzeit weder in Syrien noch in Libyen oder im Jemen nach einem baldigen Happy End aus. Die arabische Revolte stockt im Angesicht der Gewehrläufe.

Wie könnte es auch anders sein? Die Videos, die aus Syrien herausgeschmuggelt werden, zeigen die brutale Gewalt des Sicherheitsapparats und der Armee. Im Jemen droht der Elan der friedlichen Opposition auf den Straßen zwischen als Politik getarnten Stammesfehden zerrieben zu werden. Und Libyens Diktator Muammar Gaddafi verfolgt unverhohlen eine Politik der verbrannten Erde: Wenn ich untergehe, soll auch mein Land ruhig untergehen.

Wo Ägyptens Mubarak und Tunesien Ben Ali späte Einsicht übten und freiwillig die Präsidentenpaläste räumten, setzen Assad, Gaddafi und Salih darauf, dass sie die Volkserhebung niederschlagen können. 2011 ist ein Epochenjahr für die arabische Welt, schon jetzt - aber es ist kein arabisches 1989. Es ist viel blutiger.

Es geht um mehr als Politik

Die arabische Revolte dreht sich zudem um mehr als den bloßen Austausch von Gesichtern. "Vom Wiedererlangen der arabischen Würde": Es ist ein guter, treffender Titel, den der marokkanische Autor Tahar Ben Jelloun für sein Buch über den "Arabischen Frühling" ausgewählt hat. Selbstbestimmung, Emanzipation, Freiheit von Bevormundung: Für diese Werte gehen die Menschen in Syrien auf die Straße, fahren Frauen in Saudi-Arabien Auto und filmen sich dabei, wenden sich jordanische Blogger plötzlich an die Königin persönlich, denken Palästinenser über friedliche Massenkundgebungen und zivilen Ungehorsam nach.

Es geht nicht einmal nur um Politik. In den Camps der Aufbegehrenden werden auch Fragen der Geschlechtergleichberechtigung verhandelt, der Rolle der Religion im öffentlichen Raum, das Verhältnis der Generationen. Nicht immer geschieht dies reibungslos, wie zum Beispiel die unsäglichen "Jungfräulichkeits-Tests" in Kairo belegen. Es gibt Rückschläge. Aber es gibt auch Aufbrüche, die bisher undenkbar schienen.

Genau deswegen ist die arabische Revolte noch nicht tot. Denn sie brodelt nicht nur da, wo Demonstranten niedergeschossen werden und Throne schon wackeln, sondern auch in den Ländern, die bisher als ruhig und stabil gelten - im Kleinen, im Verborgenen, im Privaten. Auch davon gehen Wellen der Erneuerung aus.

Niemand weiß, wann, wie und ob überhaupt auch dort die Dämme brechen werden. Vielleicht reichen den Jordaniern und den Marokkanern am Ende Reformen. Vielleicht reicht das Geld, mit dem die Saudi-Araber und Kuwaiter ihre Unzufriedenen zu besänftigen versuchen, noch für ein paar Jahre gekauften Stillstand. Und vielleicht ist die Angst der bürgerkriegserfahrenen Algerier zu groß, um sich zu erheben.

"Nichts wird mehr sein wie vorher"

Aber schon jetzt ist klar, dass der Wandel sich mittelfristig seinen Weg bahnen wird. Denn Ägypten und Tunesien haben gezeigt, was möglich ist. Das hat den Blick vieler Araber auf ihre Existenz als mehr oder weniger unmündiges Subjekt verändert - manchmal auch ohne dass in ihrem eigenen Land irgendetwas geschehen ist. "Nach den Ereignissen in Tunesien und Ägypten wird in der arabischen Welt nichts mehr sein wie vorher", schreibt Ben Jelloun.

Wer in diesen Wochen mit arabischen Protestlern spricht, ihnen im Internet folgt oder ihre Twitter-Feeds liest, bekommt schnell eine Ahnung von diesem umgreifenden Gefühl, dass die Zukunft möglicherweise gestaltbar ist und nicht vorgegeben. "Die Revolution hat mich zum Twittern gebracht, dazu, auf dem Asphalt zu schlafen, beschossen zu werden, YouTube-Videos hochzuladen - und jetzt lässt sie mich morgens um sechs feiern", schrieb ein jemenitischer Arzt an dem Tag, als Präsident Salih nach Saudi-Arabien ausreiste, um sich behandeln zu lassen. Der Enthusiasmus mag verfrüht sein, er mag enttäuscht werden, Salih will schließlich wiederkommen - aber zunächst einmal ist er einfach nur da.

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Arabische Revolten: Es fängt gerade erst an
Wie weit die Begeisterung trägt, ist nicht absehbar. Die Revolte stockt, ja. Aber nicht einmal in Syrien, im Angesicht tödlicher Gefahr, ist sie tot. Natürlich wäre der Abgang Gaddafis oder Assads oder Salihs ein weiteres Fanal. Aber das ist doch das Kennzeichnende: Dass auch ohne begründeten Anlass zur Hoffnung jeden Tag Hunderte auf die Straße gehen - und zwar fast immer friedlich. Wer hätte das für möglich gehalten, diesen Mut und diese Beharrlichkeit?

Natürlich gibt es quälende Fragen

Andererseits bleiben berechtigte Fragen: Wer soll eigentlich auf Assad folgen? Für wen spricht die jemenitische Opposition? Sind Libyens Rebellen wirklich demokratiefähig? Wie selbstherrlich regiert Ägyptens Militär? Und wie viele Menschen gehen eigentlich nicht auf die Straßen?

Die arabischen Despoten fallen nicht wie die Dominosteine, das ist mittlerweile klar. Einige werden womöglich gar nicht fallen. Es wird vermutlich noch viel mehr Blut vergossen werden. Vielleicht wird am Ende ein Flickenteppich stehen: befreite Gesellschaften neben geknechteten, friedliche neben solchen im Zustand des Bürgerkriegs, chaotische neben erstarrten.

Doch für Prognosen ist es zu früh und fürs Totsagen der Aufstände erst recht. Die arabische Revolte begann erst vor einem halben Jahr. Sie steht noch am Anfang, nicht vor dem Aus.

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insgesamt 24 Beiträge
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Seite 1
Emmi 29.06.2011
1. Freie Gesellschaftsform...
"Alles ist möglich, der unumkehrbare Übergang in eine neue, freie Gesellschaftsform." Damit meint der Autor hoffentlich nicht den Kapitalismus...
Babilynier 29.06.2011
2. Aufstaende in Arabien. Die Revolution geht weiter
:-Sie beweisen sich nochmal als latenter Baathist, Sie vergessen, was die Iraker von "Revolutionen" gemacht haben -ob ausserhalb und/oder innerhalb der Baathpartei, religiose Aufruehre Sunnitische und Shiitische-, bis der Gepfil 1991, dass von Ihnen und der Welttot geschwiege wird..... :-Und nach der Befreiung von Irak 2003 -durch die Amerikaner, nicht die (zauderer) Europaer- sind die Araber, "arabische Menschen" auf die Freiheit "gestossen" -trotz ihre "Probleme und Begleitprobleme", den der Irak geht seinen Weg trotz Terror, Fehlern, islamische Parteien -Shiitische und Sunnitische- usw..... :-Und Sie erwaehnen Bahrain nicht, die bahrainische Revolution ist von Ihnen und der Welt vergessen und verleugnet, und von den Terrorist von Hisb Allah und der gleichen "ausgenutzt"....
lebenslang 29.06.2011
3. wandel
Zitat von Emmi"Alles ist möglich, der unumkehrbare Übergang in eine neue, freie Gesellschaftsform." Damit meint der Autor hoffentlich nicht den Kapitalismus...
nein, er meint demokratie, freiheit und rechtstaatlichkeit. markenzeichen der sogenannten kapitalistischen welt. erschreckend wie verbohrt die wohlstandsverwöhnten kapitalismuskritiker agieren. der demokratische wandel, der ruf nach freiheit, der wunsch nach rechtstaatlichkeit ist ihnen allein deshalb suspekt weil sie irgendwo mal gelesen haben die hiesigen banken sein böse.
merapi22 29.06.2011
4. Demokratie = Freiheit und Wohlstand für alle!
Zitat von Emmi"Alles ist möglich, der unumkehrbare Übergang in eine neue, freie Gesellschaftsform." Damit meint der Autor hoffentlich nicht den Kapitalismus...
Der Kapitalismus ist eine sehr anpassungsfähige Wirtschaftsform! Eine freie Gesellschaft bassierend auf Wohlstand, Chancengleichheit und Gerechtigkeit für wirklich jede und jeden, sollte mit der sozialen Marktwirtschaft verwirklicht werden - global und natürlich auch in den Arabischen Ländern! Wenn allerdings wieder alles beim ALTEN bleibt, nur die Oberen durch die Mittleren abgelöst werden und die Unteren da bleiben wo sie immer waren - unten, dann ist wieder eine Revolution vertan!
testthewest 29.06.2011
5.
Zitat von Emmi"Alles ist möglich, der unumkehrbare Übergang in eine neue, freie Gesellschaftsform." Damit meint der Autor hoffentlich nicht den Kapitalismus...
Was sonst? Faschismus? Kommunismus? Despotismus? Nur der Kapitalismus hat Freiheit über einen längeren Zeitraum möglich gemacht. Nur im Kapitalismus kann eine Demokratie funktionieren.
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