Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Aufstände in Bahrain und Libyen: Machthaber lassen Demonstranten niedermetzeln

Von Ulrike Putz, Beirut

Arabiens Despoten ziehen ihre Lehren aus Kairo und Tunis - sie lassen Proteste jetzt frühzeitig zusammenschießen. In Bahrain feuern Sicherheitskräfte auf Demonstranten, in Libyen stechen sie zu. Augenzeugen berichten von grausigen Szenen. US-Präsident Obama ist alarmiert.

Bahrain und Libyen: Brutalität gegen Demonstranten Fotos
AP

Die Brutalität erschüttert selbst hartgesottene Reporter: "Seit zehn Jahren berichte ich aus Nahost, und ich habe selten so etwas Grauenhaftes gesehen", sagt Peter Kenyon in einem Telefoninterview mit seiner Redaktion. Der Korrespondent des US-Radios NPR steht in einem Krankenhaus in Bahrains Hauptstadt Manama. Mit stockender Stimme berichtet er, was er Minuten zuvor dort im Leichenkeller beobachtet hat. "Ein Mann lag auf einer Bahre. Der obere Teil seines Kopfs war buchstäblich weggeschossen."

Sanitäter, die Verletzten zu Hilfe kommen wollten, hätten ihm erzählt, wie sie aus ihrer Ambulanz gezerrt und zusammengeschlagen wurden. "Das ist alles schwer zu begreifen", so Kenyon.

Es war in der Nacht zum Donnerstag, als der bahrainische König Hamad Ibn Issa Al Chalifa beschloss, sich die gerade ausgebrochenen Proteste gegen seine Herrschaft nicht länger bieten zu lassen. Seitdem berichten ausländische Journalisten von Szenen wie aus Dantes Vorhölle, die sich auf dem Eiland im Persischen Golf abspielen sollen.

Nikolas Kristof von der "New York Times" beschreibt seinen Besuch am Krankenbett des bewusstlosen Sadik al-Ekris. Der Arzt habe nicht nur eine gebrochene Nase und Augenverletzungen, sein ganzer Körper sei zerschlagen. Einsatzpolizisten hätten den plastischen Chirurgen zugerichtet: Mit Tritten und Knüppelschlägen hätten sie den Arzt dafür gestraft, dass er auf dem Lulu-Platz im Zentrum Manamas verwundete Demonstranten behandelte. Zum Schluss hätten die Polizisten dem 44-Jährigen die Hose heruntergezogen und gedroht, ihn zu vergewaltigen.

Auch für Kristof ist die Gewalttätigkeit, mit der Bahrains Regime gegen seine Untertanen vorgeht, unfassbar. "Diese Art brutaler Unterdrückung beschränkt sich sonst auf isolierte, rückwärts gewandte Nationen", schreibt er. Bahrain sei das genaue Gegenteil - der Inselstaat ist eine wohlhabende Nation mit einer großen Mittelschicht, ein Zentrum der internationalen Finanzwirtschaft, der Heimathafen der 5. Flotte der US-Marine.

Blutiger Tag in der arabischen Welt

Am Freitag bewiesen die Sicherheitskräfte erneut, wie brutal sie gegen Demonstranten vorgehen: Sie feuerten auf die Oppositionellen, die sich zu Protesten versammelt hatten. Augenzeugen zufolge wurden Dutzende Menschen verletzt. Ob die Polizei oder das Militär schossen, war zunächst nicht klar.

Auch in anderen arabischen Staaten war der Freitag ein blutiger Tag. Im Jemen wurden bei Angriffen auf Demonstranten mindestens vier Menschen getötet - Unbekannte hatten eine Granate mitten in die Menschenmenge geworfen. In Jordanien wurden mindestens acht Menschen bei gewaltsamen Auseinandersetzungen zwischen Regierungsgegnern und -befürwortern verletzt. Beide Lager demonstrierten in der Hauptstadt Amman.

US-Präsident Barack Obama zeigte sich am Freitag alarmiert: Er verurteilte die Gewalt und rief die Regierungen in Bahrain, Libyen und im Jemen zur Zurückhaltung auf. Auch Uno-Menschenrechtskommissarin Navi Pillay verurteilte die Gewalt. "Die Art und das Ausmaß der Menschenrechtsverletzungen, die in mehreren Ländern der Region gegen meist friedliche Menschen verübt werden, die für ihre grundlegenden Menschenrechte und Freiheit demonstrieren, ist alarmierend", erklärte sie.

"Die Proteste früh und hart niederschlagen"

Doch es scheint, als hätten Arabiens Despoten ihre Schlüsse aus den Revolutionen in Ägypten und Tunesien gezogen. In Kairo und Tunis hatten die inzwischen abgesetzten Präsidenten die Proteste erst als ernste Bedrohung ihrer Macht wahrgenommen, als sie sich bereits zum Volksaufstand ausgewachsen hatten. Diesen Fehler wollen andere arabische Führer nicht machen. Sie wollen Aufruhr schon im Keim ersticken - mit Gewalt.

Tatsächlich seien die Ereignisse von Kairo und Tunis in den Führungsetagen der Region genau analysiert worden, so Lahsen Atschi, Nordafrika-Experte des Carnegie Instituts in Beirut. "Arabiens Herrscher haben gesehen, dass die Proteste nicht aufzuhalten sind, wenn sie nicht früh und hart niedergeschlagen werden." Wenn erst einmal eine kritische Masse Demonstranten auf der Straße sei, sei es zu spät. Der Proteststurm könne dann nicht mehr eingedämmt werden.

Die Sicherheitskräfte in Bahrain setzten auf Schusswaffen statt Tränengas, um die Aufständischen von den Straßen zu jagen: Der Abschreckungseffekt ist ungleich größer, wenn Blut fließt. "Da gibt es Anweisungen von oben, hart ranzugehen", sagt Atschi.

Dutzende Opfer auch in Libyen

Nicht nur Bahrain baut derzeit lieber auf Waffengewalt statt Dialog. In Libyen gingen Sicherheitskräfte am Donnerstag mit größter Aggressivität gegen Demonstranten vor. Nach Angaben der Menschenrechtsorganisation Amnesty International sind seit Beginn der Proteste mindestens 46 Demonstranten getötet worden, in Kreisen der libyschen Opposition wird von bis zu 50 Opfern gesprochen.

Wie brutal die staatlichen Truppen sich tatsächlich gebärdet haben, lässt sich nur erahnen. Das Regime Muammar al-Gaddafis hält die lokale Presse geknebelt und lässt derzeit kaum ausländische Journalisten ins Land. Human Rights Watch berichtet, in der Stadt Bengasi seien mit Messern bewaffnete Männer in Zivil unter den Sicherheitskräften gewesen und hätten um sich gestochen.

Weitere - nicht überprüfbare - Informationen stammen von Augenzeugen, die ihre Beobachtungen in sozialen Netzwerken wie YouTube, Facebook und Twitter veröffentlicht haben. Sie sind nichts für schwache Nerven. Auf einem YouTube-Video ist zu sehen, wie Demonstranten einen blutüberströmten Toten wegtragen. Das Gesicht des jungen Mann ist eine einzige blutige Masse. Immer wieder sind auf verwackelten Handy-Mitschnitten von Protesten Schüsse zu hören. Teils ist zu sehen, wie Menschen aus Schusswunden bluten.

Doch auch die Regimegegner wehren sich offenbar brutal gegen die Staatsmacht. In El Baida, 1200 Kilometer östlich der Hauptstadt Tripolis, sollen Demonstranten zwei Polizisten in ihre Gewalt gebracht und aufgehängt haben. Dies berichtet die Zeitung "Oea" auf ihrer Website. Das Blatt steht dem Sohn des libyschen Staatschefs Gaddafi, Seif el Islam, nahe.

Kein Mitleid mit dem Volk

Sowohl in Libyen als auch in Bahrain verstärkten landestypische Faktoren die Hemmungslosigkeit der Polizei und Armee, sagt Atschi. In Libyen mangele es den Sicherheitskräften an Erfahrung im Umgang mit friedlichen Protesten. "Natürlich leidet das libysche Volk, aber es muckt normalerweise nicht auf."

Kommt es doch einmal zu Protesten, werden diese brutal beendet: 1996 wurden im Abu-Salim-Gefängnis in Tripolis bis zu 1200 Gefangene massakriert, nachdem sie die Verbesserung ihrer Haftbedingungen gefordert hatten. Zehn Jahre später, am 17. Februar 2006, starben mindestens zehn Menschen, als eine staatlich organisierte Protestkundgebung gegen die Mohammed-Karikaturen in eine spontane Demo gegen das Regime umschlug. Wenn es um den Umgang mit Kritikern ginge, kenne Libyen keine Zwischentöne, so Atschi.

Dass die Sicherheitskräfte Bahrains keinerlei Mitleid mit dem Volk zeigten, läge daran, dass sie nicht Teil des Volks sind, so der Nahost-Experte. "Die meisten Golfstaaten holen Ausländer aus anderen muslimischen Ländern als Polizei und Militär ins Land." Auch in der Uniform der bahrainischen Polizei stecken meist Jordanier, Syrer oder Pakistaner. Die Söldner verspürten nicht den Drang, sich mit demonstrierenden Massen zu verbrüdern, so Atschi.

Dass das bahrainische Königshaus auf seine eingeflogene und hemmungslos brutale Polizei und Armee zählen kann, könnte im Kampf um den Machterhalt im Inselstaat tatsächlich ausschlaggebend sein. Die Revolutionen in Kairo und Tunis waren überhaupt nur möglich, weil sich das ägyptische und tunesische Militär jeweils weigerte, auf die eigenen Landsleute zu schießen.

Diesen Artikel...
Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 115 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Assads Vater hats in Hama vorgemacht. Seitdem ist Ruhe in Syrien.
karmamarga 18.02.2011
Zitat von sysopArabiens Despoten ziehen ihre Lehren aus Kairo und Tunis - sie lassen Proteste jetzt frühzeitig niederknüppeln, zusammenschießen. Die Polizei in Bahrain und Libyen geht mit außergewöhnlicher Brutalität gegen Demonstranten vor. Augenzeugen berichten von grausigen Szenen. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,746393,00.html
Dann kamen die Mullahs und haben gezeigt wie es geht. Und jetzt eben Bahrain.
2. Da kann man sehen, dass auch Politiker "lernfähig" sind.
wifgas 18.02.2011
Zitat von sysopArabiens Despoten ziehen ihre Lehren aus Kairo und Tunis - sie lassen Proteste jetzt frühzeitig niederknüppeln, zusammenschießen. Die Polizei in Bahrain und Libyen geht mit außergewöhnlicher Brutalität gegen Demonstranten vor. Augenzeugen berichten von grausigen Szenen. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,746393,00.html
Ansonsten aber nix Neues: Wer ist als Staatslenker denn schon bereit, sich von einer meuternden Masse von Sockel holen zu lassen und sich in den Fußstapfen von Mubarak & Ben Ali ins politische Nirvana zu begeben? Das alles sollte nicht allzusehr verwundern.
3. Was regen sich die Leute auf?
Baptist 18.02.2011
Die Herrscher der Staaten in denen es jetzt brodelt, das waren oder sind soch die Freunde und Verbündete der USA und der NATO. Auch wenn die USA in Einzelfällen den einen liquidieren wollten, so wurden die Despoten in der letzten Zeit doch gehätschelt. Hauzptsache war doch, dass der (militante) Islam unterdrückt wurde und dass Ruhe in dem Gebiet herrschte. Für den Irak, der von den USA massiv aufgerüstet wurde, wurden Kriegsgründe erfunden oder mit dem Brecheisen gesucht. Die anderen Herrscher haben sich still und ruhig verhalten, haben die Einwohner ihrer Staaten im Zweifelsfall in Gefängnissen verschmoren lassen oder gekillt. Leute, diese Herrscher, die jetzt die Demonstranten niederknüppeln und erschießen lassen, das sind UNSERE politischen Freunde! Ich glaube nicht, dass die USA oder die NATO im Namen der Menschlichkeit und der Freiheit einschreiten werden. Was höchstens von Frau Merkel & Co kommt, das ist ein erhobener Zeigefinger und die Bemerkung: "Na, jetzt übertreiben sie aber ein bisschen."
4. Tja, nur...
PJanik, 18.02.2011
... wenn die Herrscher allzu brutal gegen Ihr Volk agieren dann kriegen die irgendwann auch die Schnauze voll und dann Gute Nacht. Wer keine Zukunft für sich sieht, der sprengt sich auch mal in die Luft samt der einen oder anderen Polizeiwachstation. Falls nur noch Peitsche und kein Zuckerbrot mehr da ist wird es den geprügelten egal. Nicht umsonst hatte der Französische König seine Schweizer und Deutsche Bataillone um für seine persönliche Sicherheit zu sorgen. Die waren nicht in Gefahr auf eigene Landsleute schießen zu müssen. Wer gerne im goldenen Käfig sitzt...
5. Formel 1-Zirkus
Abraksara 18.02.2011
Zitat von sysopArabiens Despoten ziehen ihre Lehren aus Kairo und Tunis - sie lassen Proteste jetzt frühzeitig niederknüppeln, zusammenschießen. Die Polizei in Bahrain und Libyen geht mit außergewöhnlicher Brutalität gegen Demonstranten vor. Augenzeugen berichten von grausigen Szenen. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,746393,00.html
Wer friedliche Demonstranten niedergeknüppelt und zusammenschießen lässt, kann keinen Grand-Prix mehr durchführen. Liebe Formel 1-Fahrer, bitte boykottiert diese Veranstaltung und zeigt der Welt eure Abscheu und Schmerz.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    

© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH





Fläche: 1.676.198 km²

Bevölkerung: 6,253 Mio.

Hauptstadt: Tripolis

Staatsoberhaupt:
Akila Salih Issa

Regierungschef: Fayez al-Sarraj (nominiert)

Mehr auf der Themenseite | Wikipedia | Libyen-Reiseseite

Protestbewegung in arabischen Ländern


Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: