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Aufstand gegen Assad: Deserteure gründen "freie syrische Armee"

Von Yassin Musharbash

"Jetzt stehe ich auf der richtigen Seite": Auf YouTube ist eine Videobotschaft aufgetaucht, in der ein syrischer Soldat, der in Deutschland aufwuchs, seine Desertion erklärt. Im Kampf gegen Diktator Assad habe er sich der "freien syrischen Armee" angeschlossen.

Oberst Asaad: Deserteur und Gründer der "freien syrischen Armee" Zur Großansicht

Oberst Asaad: Deserteur und Gründer der "freien syrischen Armee"

Berlin - Riad Asaad ist nicht sonderlich charismatisch, auf den Videos blickt ein ernster Mann in die Kamera, ein bisschen traurig sieht er aus. Er ist auch kein guter Redner, seine Ansprachen liest er offensichtlich ab, manchmal verhaspelt er sich. Dennoch ist Riad Asaad für viele ein Held. Er ist einer der prominentesten Deserteure, die der syrischen Armee den Gehorsam verweigert haben im Angesicht der brutalen Niederschlagung des Volksaufstands gegen den Präsidenten Baschar al-Assad.

Asaad hat allerdings seine Uniform nicht etwa ausgezogen - er hat stattdessen die "freie syrische Armee" in Leben gerufen. In einer Videoansprache vom 29. Juli, die auf YouTube kursiert, verkündet er die Gründung dieser Truppe, deren Ziel der "Schutz des syrischen Volkes" sei. Sieben weitere Deserteure hatte er für das Video um sich versammelt.

In anderen Botschaften machte sich Asaad Forderungen der Aufständischen zu eigen: echte Reformen, Wahlen, ein Ende des Baath-Regimes. "Zehn Jahre Lügen", sagt er - so lange regiert Baschar al-Assad nun schon in Syrien.

Mittlerweile hat die "freie syrische Armee" auch eine Facebook-Seite und verkündete zuletzt die Etablierung von Brigaden in Damaskus, Idlib, Aleppo und Deir al-Sor. Im Netz kursieren weitere Videos individueller Soldaten, die ihren Übertritt erklären.

Opposition sieht Gewalt gegen das Regime skeptisch

Wie groß die neugeschaffene Truppe ist, was genau ihre Pläne sind - all das ist freilich unklar. Beobachter glauben, dass es zwar mittlerweile Hunderte Desertionen gegeben haben dürfte, die meisten Soldaten aber dürften untergetaucht sein oder das Land Richtung Jordanien oder Türkei verlassen haben.

Auch sind noch keine Zusammenstöße zwischen der Regime-Armee und der Deserteurstruppe berichtet worden. Es ist sogar unklar, ob die "freie syrische Armee" überhaupt aktiv Gewalt anwenden will. Die Opposition in Syrien hält die Anwendung von Gewalt grundsätzlich für gefährlich, denn sie könnte dem Regime von Baschar al-Assad die Rechtfertigung liefern, noch brutaler zurückzuschlagen - denn aller Brutalität zum Trotz besteht kein Zweifel, dass die Armee noch viel härter und flächendeckender Gewalt ausüben könnte. Eine Deserteursarmee hätte dem nichts entgegenzusetzen, sie würde rasch aufgerieben.

Einer der letzten Neuzugänge zur "freien syrischen Armee" scheint derweil ein Deutsch-Syrer zu sein. Ein entsprechendes Video wird seit vergangener Woche im Internet verbreitet. Vor demselben blauen Tuch, vor dem auch Asaad schon gesprochen hatte, erklärt der junge Mann nach einer kurzen arabischen Einleitung auf Deutsch seinen Übertritt.

"Stolz, Deutscher zu sein"

"Ich schäme mich, dass ich bis Anfang August auf der falschen Seite stand", heißt es in der über neun Minuten langen Videobotschaft. Bis zu seinem 22. Lebensjahr habe er in Deutschland gelebt, erklärt er weiter. Dann sei er jedoch in das Land seiner Eltern zurückgekehrt, habe in Aleppo Jura studiert, geheiratet und schließlich seinen Militärdienst in der syrischen Armee angetreten.

Ruhig berichtet er, wie er zunächst stolz darauf gewesen sei, als Soldat zu dienen. "Aber wie alle Leute wissen, ist Syrien ein diktatorisches Land." Alles werde allein von Assad und dessen Familie bestimmt. Der Sturz des ägyptischen Präsidenten Mubarak im Februar habe dann "die Herzen der Syrer bewegt, denn auch wir haben das Recht, in Freiheit und Würde zu leben".

Er habe als Soldat viele "furchtbare Aktionen erlebt", womit er offenkundig die brutale Niederschlagung und Tötung von Demonstranten meint. Dann jedoch habe er von der Gründung der "freien syrischen Armee" unter Riad Asaad erfahren. Nun sei er stolz darauf, "ein Soldat in dieser Armee zu sein".

Er bedankt sich in der Botschaft auch bei der EU und der Bundesregierung für ihre Politik der Sanktionen gegen das Assad-Regime. "Bitte helfen Sie uns", endet die Ansprache. "Ich bin stolz, nicht nur Syrer, sondern auch Deutscher zu sein."

Die Ausgangslage ist anders als in Libyen

Derweil gestand selbst die syrische Regimesprecherin Buthaina Schaban ein, dass mehr als tausend Menschen getötet wurden, seit der Aufstand im Februar losbrach. Die Opposition freilich setzt diese Zahl höher an - auf über das Doppelte. Andere Beobachter vermuten, sie könnte sogar bei 3000 oder 4000 liegen. Der türkische Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan warnte am Dienstag vor einem Bürgerkrieg zwischen Alawiten und Sunniten, sollte das Regime weiter brutal gegen Protestierende vorgehen.

Die bisherigen Desertionen sind ein Anzeichen dafür, dass viele Soldaten nicht länger auf die eigene Bevölkerung schießen wollen. Doch die syrische Armee ist so wenig homogen wie das Land - die meisten Deserteure dürften einfache Wehrpflichtige sein; jene Truppenteile aber, die an vorderster Front Gewalt ausüben, sind dem Regime loyal ergeben. In vielen Fällen gibt es familiäre oder ethnische Verbindungen zu den Machthabern - der Assad-Familie und der alawitischen Minderheit. Anders als etwa in Libyen gibt es zudem keine einzige Stadt, nicht einmal ein Dorf, das der Kontrolle des Regimes entzogen ist und eine Keimzelle für physischen Widerstand werden könnte.

Der Weg zum Sturz des Assad-Regimes, er ist noch weit.

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1. Was ist eine freie Armee ?
Zwergnase, 13.09.2011
Normalerweise ist die Armee ein Machtinstrument des Staates. Unter einer freien Armee verstehe ich eine gesetzlose Truppe.
2. Gesetzlos?
Teile1977 13.09.2011
Zitat von ZwergnaseNormalerweise ist die Armee ein Machtinstrument des Staates. Unter einer freien Armee verstehe ich eine gesetzlose Truppe.
Und wenn die reguläre Armee Gesetzlos ist? Ich verstehe es eher so das diese "Armee" für ein freies Syrien kämpfen will, bzw. nicht mehr gegen ihre eigenen Leute. Wenn das ermorden von Demonstranten Gesetzlich ist, dann ist eine gesetzeslose Truppe zweifellos besser.
3. Das CIA ist wieder im Einsatz
indyreporter 13.09.2011
Langsam wundert es mich, dass das CIA alle islamischen 'Revolutionen' dermassen unterstuetzt, aber Kuwait, das Radikalislamisten ausbildet und diese in eigens gekaufte Moscheen in Europa steckt, ausgebildete Hilfstruppen zur Volksunterdrueckung stellt.
4. Bezug?
Wanax, 13.09.2011
Zitat von indyreporterLangsam wundert es mich, dass das CIA alle islamischen 'Revolutionen' dermassen unterstuetzt, aber Kuwait, das Radikalislamisten ausbildet und diese in eigens gekaufte Moscheen in Europa steckt, ausgebildete Hilfstruppen zur Volksunterdrueckung stellt.
..und wo ist nun der Bezug zum Artikel?
5. deutsche Beteiligung
kuchenjohnny 13.09.2011
Zitat von Teile1977Und wenn die reguläre Armee Gesetzlos ist? Ich verstehe es eher so das diese "Armee" für ein freies Syrien kämpfen will, bzw. nicht mehr gegen ihre eigenen Leute. Wenn das ermorden von Demonstranten Gesetzlich ist, dann ist eine gesetzeslose Truppe zweifellos besser.
Das ist genau die Art der Meinungsbildung, die von den Medien forciert wird und Akzeptanz für einen "humanitären" "Präventionskrieg" wirbt. Mal ganz nebenbei, interessant, daß der rebellische Soldat in Deutschland aufgewachsen sein soll. Angesichts des von westlichen Geheimdiensten teilweise inszenierten, teilweise provozierten "Arabischen Frühlings" kann durchaus davon ausgegangen werden, daß Deutsche BNDler und in Deutschland ausgebildete Netzwerke in Informationsbeschaffung und Sabotage maßgeblich eingebunden sind.
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Fläche: 185.180 km²

Bevölkerung: 22,265 Mio.

Hauptstadt: Damaskus

Staatsoberhaupt:
Baschar al-Assad

Regierungschef: Imad Khamis

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