Städtekrieg in Syrien: Kampf um die wichtigsten Bastionen

Von , Beirut

In Aleppo und Damaskus entscheidet sich der syrische Bürgerkrieg. Das Regime will den Widerstand um jeden Preis brechen: Zivilisten werden mitten auf der Straße erschossen, in der Hauptstadt droht eine neue Großoffensive der Armee.

AFP

Die grausamen Bilder schockieren: Die Leichen von einem Dutzend Menschen liegen auf der Straße. Alles Männer, alle tragen zivile Kleidung, als seien sie gerade aus ihrem Wohnzimmer gerissen worden. Keine Waffen sind erkennbar. Manche der Körper liegen aufeinander, die Gliedmaßen grotesk verdreht. Auf einem blau-weißen Hemd zeichnet sich Blut ab. Hinter den Leichen ist eine weiße Wand zu sehen, auf der die Einschlaglöcher von Kugeln zu erkennen sind. Syrische Aktivisten sagen, die Aufnahmen würden aus Kafr Susa stammen, einem Stadtteil von Damaskus. SPIEGEL ONLINE kann Angaben zu den Bildern nicht überprüfen.

Der Krieg in Syrien wütet auch in den zwei letzten Bastionen, in denen Baschar al-Assad bis vor kurzem noch einen Anschein von Normalität vorspielen konnte: In Damaskus und Aleppo werden die Kämpfe inzwischen mit einer Brutalität geführt, wie sie bisher nur in den ländlichen Regionen und ärmeren Vororten zu sehen war. Mehrere Stadtteile werden täglich von der Luftwaffe angegriffen, dabei kommen vor allem Zivilisten ums Leben, viele werden unter den Trümmern ihrer Häuser begraben.

In beiden Städten werden inzwischen offenbar regimetreue Milizen eingesetzt, die von Assad-Truppen kontrollierte Stadtteile "säubern" sollen. Dies berichten beide Seiten, Aktivisten und das Assad-Regime.

Assad-Truppen setzen bei ihren Bodenoffensiven auf Milizen

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Aufstand gegen Assad: Syriens grausamer Städtekrieg
In Kafr Susa, berichten Aktivisten, soll es zuerst zu Luftangriffen gekommen sein. Die Rebellen, die auf den Straßen des Stadtteils postiert waren, zogen sich ins Umland zurück. Anschließend sei die Assad-Armee am Boden vorgerückt und habe wenig später Milizen geschickt, um die Häuser zu durchsuchen. Bereits dabei soll es zu Erschießungen gekommen sein. Viele Männer seien verhaftet, später seien weitere zwölf auf offener Straße erschossen worden.

Im Stadtteil Nahr Aischa und in den Vororten Muadamija und Kabun berichteten Aktivisten von ähnlichen Ereignissen. In Muadamija sollen später die Leichen von Dutzenden Verhafteten in Seitenstraßen gefunden worden sein, teils mit gefesselten Händen. Auch diese Angaben lassen sich derzeit nicht überprüfen.

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Karte von Damaskus

In Aleppo setzten die Assad-Truppen offenbar ebenfalls auf Milizen in ihren Bodenoffensiven. "Die Armee verfolgt zusammen mit Menschen aus Aleppo die Terroristen und fügt ihnen schwere Verluste zu", twitterte die syrische staatliche Nachrichtenagentur Sana an diesem Freitag. Journalisten berichten immer wieder, dass Schabiha in Aleppo kämpften, ein Begriff, der ursprünglich Schmuggler der Küstenregion bezeichnete, inzwischen aber allgemein für Assad-treue Milizen verwendet wird.

Es ist unklar, aus welchen Bevölkerungsgruppen sich diese Nachbarschaftsmilizen in Aleppo zusammensetzen. Die sunnitisch-konservative Handelsstadt im Norden Syriens hatte Assad bisher über ländliche sunnitische Stämme kontrolliert, die aus dem Umland der Stadt stammten, den Schmuggel zwischen Syrien und der Türkei dominierten und es so zu Reichtum gebracht hatten. Im Juli hatten Rebellen in Aleppo zwischen vier und zwölf Männer exekutiert, die zur Berri-Familie gehörten, ein mit Assad verbündeter Stamm, der regimetreue Milizionäre gestellt haben soll. Die Rebellen finden hauptsächlich in den ärmeren Stadtteilen Aleppos Unterstützung und in den umliegenden verarmten Vororten.

Aktivisten rechnen mit neuer Offensive des Regimes in Damaskus

Syrische Aktivisten befürchten, dass dies der Beginn einer erneuten brutalen Regime-Offensive in der Hauptstadt ist. Bereits vor einem Monat hatten Assad-Truppen in Reaktion auf einen erfolgreichen Bombenanschlag auf Assads engste Vertraute mehrere Stadtteile von Damaskus bombardiert. Dabei gelang es den Assad-Soldaten, Stadtteile zurückzuerobern, in denen die Rebellen sich niedergelassen hatten.

Doch es gelang ihnen nicht, die Aufständischen entscheidend zu schlagen. Diese zogen sich teils in die umliegenden Hügel zurück. In der Stadt verbliebene Rebellen hielten sich bedeckt und starteten keine spektakulären Attacken - bis vor wenigen Tagen, als Aufständische mit Sprengkörpern den Militärflughafen beschossen. Nun scheint der Krieg in Damaskus wieder aufzuflammen.

Es ist ein Zermürbungskrieg, der in den Städten Syriens tobt. In Homs, der drittgrößten Stadt Syriens, machen Assad-Truppen bereits seit über einem Jahr Jagd auf die Rebellen. Das syrische Regime kontrolliert zwar die Stadt, doch es kann die Aufständischen dort im Straßenkampf nicht endgültig besiegen. Weite Teile der Stadt sind völlig zerstört. In Aleppo toben die Kämpfe bereits seit einem Monat.

Zivilbevölkerung kann sich nirgends sicher sein

Langfristig haben die Rebellen in Aleppo bessere Aussichten als in Homs oder Damaskus: Ihnen stehen Nachschubwege über die nahe gelegene türkische Grenze offen, während es für die Assad-Truppen zunehmend schwierig ist, sich über die unsicheren Straßen Syriens zu versorgen. Dagegen liegt Homs nahe der Küstenregion, die als regimefreundlich gilt, und nur wenige Stunden von Damaskus entfernt ist. In der Hauptstadt hat Assad einen Großteil seiner Elitedivisionen stationiert.

Zwar hat das Regime über weite Teile des Landes die Kontrolle verloren. Doch auch dort können sich Zivilisten nicht sicher fühlen. Immer unberechenbarer werden die Bomben- und Raketenangriffe von Assads Luftwaffe. In den vergangenen zwei Wochen kam es immer wieder zu Bombenabwürfen auf Dörfer und Straßen, die schon seit Monaten als befreit galten. Dutzende Zivilisten kamen dabei ums Leben.

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insgesamt 111 Beiträge
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1.
Growling Mad Scientist 24.08.2012
Wieder so ein einseitiger Artikel, über die bösen Assad-Milizen und die sich angeblich verteidigenden Auständischen. Es wird von Bodenoffensiven der Assad-Truppen geschrieben, dabei greifen die Aufständischen genauso an. Es wird von Panzern des Militärs geschrieben, dabei haben die Aufständischen 20 libysche T-62 bekommen, die über die Türkei nach Syrien gebracht wurden. Die Frage des Aggressors ist nicht geklärt, wir wissen das die Westmächte, die Aufstände finanzieren... und trotzdem ist Assad der einzige Bösewicht? Bloß weil es täglich wiederholt wird, wird es dadurch nicht wahrer oder rechtmäßiger.
2. Syrien
hildegardwhite 24.08.2012
Mir fehlt das Objektive in allen Berichten. Man liest immer nur von Greueltaten der syrischen Armee, aber von den furchtbaren Greueltaten der Rebellen liest man so gut wie gar nichts. Das ist Verdummung der Leser, merken die das? Ich habe schon einmal angemerkt, was wohl mit den Christen wird, die in Scharen das Land verlassen. Und die christliche westliche Welt klatscht noch Beifall und steuert Waffen und Geld dazu. Noch einmal Pfui.
3. Der Kampf geht weiter
cabo_de_agua 24.08.2012
Die Nachrichten aus Syrien sind von ihrer erschreckenden Brutalität kaum zu ertragen. Das Vorgehen des syrischen Regimes gegen das eigene Volk, welches sich gegen ein weiteres Leben in einer Diktatur entschieden hat, ist von unmenschlicher Grausamkeit geprägt. Hoffentlich ist es bald vorbei
4. Kriegspropaganda
Bhigr 24.08.2012
"Syrische Aktivisten sagen, die Aufnahmen würden aus Kafr Susa stammen, einem Stadtteil von Damaskus" "In Kafr Susa, berichten Aktivisten, soll es zuerst zu Luftangriffen gekommen sein" Die sogenannten Rebellen - meiner Meinung nach im Wesentlichen sunnitische Terroristen - haben schon so viele Lügen verbreitet, dass es falsch ist, diese Lügen weiterzuverbreiten. Der Spiegel sollte sich nicht zum Organ der Kriegspropaganda machen.
5. Bewohner wehren sich
chefchen1 24.08.2012
Zitat von sysopIn Aleppo und Damaskus entscheidet sich der syrische Bürgerkrieg. Das Regime will den Widerstand um jeden Preis brechen: Zivilisten werden mitten auf der Straße erschossen, Mörderbanden machen Jagd auf Oppositionelle. In der Hauptstadt droht eine neue Großoffensive der Armee. Aufstand gegen Assad: Syriens grausamer Städte-Krieg - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,851898,00.html)
Die Bürgerwehren scheinen immer besser zu werden. Die Bürger Syriens wehren sich gegen die Terroristen, die ihre Häuser und Wohnungen in Beschlag nehmen, um den Bürgerkrieg in die Städte zu tragen. Robert Fisk: 'Rebel army? They're a gang of foreigners' - Robert Fisk - Commentators - The Independent (http://www.independent.co.uk/opinion/commentators/fisk/robert-fisk-rebel-army-theyre-a-gang-of-foreigners-8073717.html)
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Assads Krieg: Syrien droht mit Flächenbrand

Bevölkerung: 22,505 Mio.

Hauptstadt: Damaskus

Staatsoberhaupt:
Baschar al-Assad

Regierungschef: Wail al-Halki

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