Von Raniah Salloum, Beirut
Die grausamen Bilder schockieren: Die Leichen von einem Dutzend Menschen liegen auf der Straße. Alles Männer, alle tragen zivile Kleidung, als seien sie gerade aus ihrem Wohnzimmer gerissen worden. Keine Waffen sind erkennbar. Manche der Körper liegen aufeinander, die Gliedmaßen grotesk verdreht. Auf einem blau-weißen Hemd zeichnet sich Blut ab. Hinter den Leichen ist eine weiße Wand zu sehen, auf der die Einschlaglöcher von Kugeln zu erkennen sind. Syrische Aktivisten sagen, die Aufnahmen würden aus Kafr Susa stammen, einem Stadtteil von Damaskus. SPIEGEL ONLINE kann Angaben zu den Bildern nicht überprüfen.
Der Krieg in Syrien wütet auch in den zwei letzten Bastionen, in denen Baschar al-Assad bis vor kurzem noch einen Anschein von Normalität vorspielen konnte: In Damaskus und Aleppo werden die Kämpfe inzwischen mit einer Brutalität geführt, wie sie bisher nur in den ländlichen Regionen und ärmeren Vororten zu sehen war. Mehrere Stadtteile werden täglich von der Luftwaffe angegriffen, dabei kommen vor allem Zivilisten ums Leben, viele werden unter den Trümmern ihrer Häuser begraben.
In beiden Städten werden inzwischen offenbar regimetreue Milizen eingesetzt, die von Assad-Truppen kontrollierte Stadtteile "säubern" sollen. Dies berichten beide Seiten, Aktivisten und das Assad-Regime.
Assad-Truppen setzen bei ihren Bodenoffensiven auf Milizen
Im Stadtteil Nahr Aischa und in den Vororten Muadamija und Kabun berichteten Aktivisten von ähnlichen Ereignissen. In Muadamija sollen später die Leichen von Dutzenden Verhafteten in Seitenstraßen gefunden worden sein, teils mit gefesselten Händen. Auch diese Angaben lassen sich derzeit nicht überprüfen.
In Aleppo setzten die Assad-Truppen offenbar ebenfalls auf Milizen in ihren Bodenoffensiven. "Die Armee verfolgt zusammen mit Menschen aus Aleppo die Terroristen und fügt ihnen schwere Verluste zu", twitterte die syrische staatliche Nachrichtenagentur Sana an diesem Freitag. Journalisten berichten immer wieder, dass Schabiha in Aleppo kämpften, ein Begriff, der ursprünglich Schmuggler der Küstenregion bezeichnete, inzwischen aber allgemein für Assad-treue Milizen verwendet wird.
Es ist unklar, aus welchen Bevölkerungsgruppen sich diese Nachbarschaftsmilizen in Aleppo zusammensetzen. Die sunnitisch-konservative Handelsstadt im Norden Syriens hatte Assad bisher über ländliche sunnitische Stämme kontrolliert, die aus dem Umland der Stadt stammten, den Schmuggel zwischen Syrien und der Türkei dominierten und es so zu Reichtum gebracht hatten. Im Juli hatten Rebellen in Aleppo zwischen vier und zwölf Männer exekutiert, die zur Berri-Familie gehörten, ein mit Assad verbündeter Stamm, der regimetreue Milizionäre gestellt haben soll. Die Rebellen finden hauptsächlich in den ärmeren Stadtteilen Aleppos Unterstützung und in den umliegenden verarmten Vororten.
Aktivisten rechnen mit neuer Offensive des Regimes in Damaskus
Syrische Aktivisten befürchten, dass dies der Beginn einer erneuten brutalen Regime-Offensive in der Hauptstadt ist. Bereits vor einem Monat hatten Assad-Truppen in Reaktion auf einen erfolgreichen Bombenanschlag auf Assads engste Vertraute mehrere Stadtteile von Damaskus bombardiert. Dabei gelang es den Assad-Soldaten, Stadtteile zurückzuerobern, in denen die Rebellen sich niedergelassen hatten.
Doch es gelang ihnen nicht, die Aufständischen entscheidend zu schlagen. Diese zogen sich teils in die umliegenden Hügel zurück. In der Stadt verbliebene Rebellen hielten sich bedeckt und starteten keine spektakulären Attacken - bis vor wenigen Tagen, als Aufständische mit Sprengkörpern den Militärflughafen beschossen. Nun scheint der Krieg in Damaskus wieder aufzuflammen.
Es ist ein Zermürbungskrieg, der in den Städten Syriens tobt. In Homs, der drittgrößten Stadt Syriens, machen Assad-Truppen bereits seit über einem Jahr Jagd auf die Rebellen. Das syrische Regime kontrolliert zwar die Stadt, doch es kann die Aufständischen dort im Straßenkampf nicht endgültig besiegen. Weite Teile der Stadt sind völlig zerstört. In Aleppo toben die Kämpfe bereits seit einem Monat.
Zivilbevölkerung kann sich nirgends sicher sein
Langfristig haben die Rebellen in Aleppo bessere Aussichten als in Homs oder Damaskus: Ihnen stehen Nachschubwege über die nahe gelegene türkische Grenze offen, während es für die Assad-Truppen zunehmend schwierig ist, sich über die unsicheren Straßen Syriens zu versorgen. Dagegen liegt Homs nahe der Küstenregion, die als regimefreundlich gilt, und nur wenige Stunden von Damaskus entfernt ist. In der Hauptstadt hat Assad einen Großteil seiner Elitedivisionen stationiert.
Zwar hat das Regime über weite Teile des Landes die Kontrolle verloren. Doch auch dort können sich Zivilisten nicht sicher fühlen. Immer unberechenbarer werden die Bomben- und Raketenangriffe von Assads Luftwaffe. In den vergangenen zwei Wochen kam es immer wieder zu Bombenabwürfen auf Dörfer und Straßen, die schon seit Monaten als befreit galten. Dutzende Zivilisten kamen dabei ums Leben.
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik Politik | Twitter | RSS |
| alles aus der Rubrik Ausland | RSS |
| alles zum Thema Aufstand in Syrien | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH