Aufstand gegen Iraks Qaida Wenn Terroristen Terroristen bekämpfen

Sie sind zwar kaum weniger blutrünstig - aber mit al-Qaida mögen sie nichts mehr zu tun haben. Neun militante irakische Gruppen wollen die dortige Filiale des Terrornetzwerks isolieren. Denn al-Qaida töte zu viele Muslime. Und habe Interessen außerhalb Iraks.

Von Yassin Musharbash


Berlin - Unter jenen Gruppen, die al-Qaida isolieren wollen, sind Schwergewichte wie die "Armee der Ansar al-Sunna" und die "Brigaden der Revolution von 1920": Erstere hat sich nicht zuletzt durch brutale Entführungen einen schrecklichen Namen gemacht, zweitere gehören zu den aktivsten Bombenbauern im Irak. Gemeinsam mit sieben anderen Gruppen, die sich zum "Widerstand" rechnen, wollen sie nach einem Bericht der panarabischen Tageszeitung "al-Hajat" eine Allianz bilden.

"Eure Brüder haben ihre Herzen geöffnet": Die Militanten im Irak sind tief gespalten.

"Eure Brüder haben ihre Herzen geöffnet": Die Militanten im Irak sind tief gespalten.

Kürzlich hätten sich Vertreter der Gruppen in einer arabischen Hauptstadt getroffen und sich auf ein "Programm" verständigt, berichtet das Blatt heute. Eine Art Koordinierungsstelle soll eingerichtet werden, al-Qaida und die mit ihr verbündeten Gruppen, die sich im "Islamischen Staat Irak" (ISI) zusammengeschlossen haben, an den Rand gedrängt werden.

Hintergrund des Zwistes in der Dschihadistenszene sind unterschiedliche strategische Vorstellungen - aber auch die wechselseitige Ermordung von Kämpfern.

"Die neun Gruppen haben keine Verbindungen nach Außen und haben den Widerstand gegen die Besatzung zum Ziel", zitiert "al-Hajat" einen Teilnehmer der Konferenz. Damit sind gleich zwei Unterschiede zu al-Qaida benannt, deren Attentäter immer noch zu einem erheblichen Teil aus dem arabischen Ausland stammen und die sich ausdrücklich als Teil des globalen Dschihads sehen, also Ziele im Blick haben, die auch jenseits des Irak liegen.

Qaida: Wer nicht mit uns ist, muss sterben

"Wir lehnen die Methoden des "Islamischen Staates Irak" absolut ab - genau so wie wir auch die gegenwärtige irakische Regierung ablehnen", erklären die Qaida-Gegner weiter. Damit soll deutlich gemacht werden, dass ihr Bündnis nicht etwa bedeutet, dass sie es auf Verhandlungen mit den USA oder der Bagdader Regierung abgesehen haben. Sie wollen kämpfen - aber ohne dabei, wie al-Qaida, Muslime zu töten. Sondern Amerikaner.

Zur Vorgeschichte der neuen Allianz gehört, dass sich in den vergangenen Wochen das Verhältnis zwischen dem Ableger des Bin-Laden-Netzwerks im Irak und den aus Irakern zusammengesetzten Gruppierungen extrem verschlechtert hat. Die Terroristen zwischen Euphrat und Tigris sind sich teilweise spinnefeind.

Kurz nach seiner Gründung Anfang des Jahres hatte der ISI noch versucht, die anderen Gruppen, die im Zweistromland aktiv sind, an sich zu binden. Sogar der mutmaßliche Qaida-Operationschef Abu Jahja al-Libi, der in Pakistan vermutet wird, schaltete sich ein: "Eure Brüder vom ISI haben eure Herzen geöffnet und ihren Stolz unterdückt... Sie haben an jede Tür geklopft, um sich mit euch zu einigen!" Die Vision war eine einheitliche Dschihad-Zentrale im Irak.

Doch die Resonanz war verhalten - was sich in einer Rede des "Staatschefs" Abu Omar al-Bagdadi aus dem vergangenen Monat spiegelt. Darin erklärte er, er betrachte es als "Sünde", dass sich die anderen Gruppen nicht dem ISI anschlössen. Und vorgestern schließlich erklärte al-Qaidas "oberster Rechtsgelehrter" im Irak: Es sei gerechtfertigt, gegen jene mit Gewalt vorzugehen, die nicht dem ISI huldigen wollten.

Kritik am "Qaida-Staat"

Das Projekt des ISI stieß von Anfang an auf begrenzte Begeisterung unter den kämpfenden Irakern - denn sie streben nicht vornehmlich nach einem Gottesstaat, sondern wünschen sich die sunnitische Herrschaft zurück, wenn auch durchaus unter islamischen Vorzeichen. Sie nutzen islamistische Rhetorik, aber viele ihrer Mitglieder sind ehemalige Baathisten.

Doch al-Qaida steht außerdem noch wegen ihrer außergewöhnlichen Brutalität gegen andere Muslime in der Kritik. Mit der "Islamischen Armee des Irak" (IAI) befindet sich das Netzwerk mittlerweile in einem regelrechten Krieg. Am 5. April erklärte die IAI, al-Qaida verletze das islamische Recht durch ihren Extremismus und die Drohung, jeden zu töten, der sich ihr nicht anschließe.

Zum Eklat kam es vor einigen Tagen, als IAI-Sprecher Ibrahim al-Schammari in einem TV-Interview mit al-Dschasira schwere Vorwürfe gegen al-Qaida erhob: Die Bin-Laden-Jünger hätten 30 seiner Kämpfer getötet, dazu weitere Mudschahidin anderer Gruppen, unter anderem den Anführer der "1920er-Brigaden". Al-Qaida solle ihre "Position gegenüber den Muslimen überdenken", sie sei "fehlerhaft".

Seitdem tobt in den dschihadistischen Diskussionsforen, in denen die Militanten und ihre Anhänger sich tagtäglich austauschen, der Krieg: Die Vorwürfe gegen den ISI seien "respektlos", denn al-Qaida töte "keine wahren Mudschahidin", schrieb ein Diskutant gestern empört. Ein zweiter sekundierte: Hier würde über die Qaida-Kämpfer gesprochen, "als seien sie Juden oder Christen, dabei haben sie ihre Heimat verlassen, um für euch zu kämpfen". Ein dritter argumentierte, die IAI kämpfe "für das Vaterland, al-Qaida aber für den Islam".

Verhandlungen mit der Regierung?

Welche Auswirkungen das Zerwürfnis und die Gründung der Anti-Qaida-Allianz haben werden, ist nicht abzusehen. In den vergangenen Jahren hat sich der Widerspruch der Iraker gegen die Vereinnahmung durch die "arabischen Ausländer" der al-Qaida immer wieder sporadisch manifestiert: in Demonstrationen, in Gefechten, in Aufrufen Stammesältester. Viele kämpfende Bewegungen werfen al-Qaida vor, den Bürgerkrieg herbeizubomben - ein Ziel, das sie nicht verfolgen.

Ob der Zusammenschluss auf eine Mäßigung hindeutet, ist ebenfalls offen. Noch schließt die im Entstehen begriffene Allianz direkte Gespräche mit der irakischen Regierung und der US-Armee mehrheitlich aus. Aber einzelne Gruppierungen sind gesprächsbereiter als andere, so zum Beispiel "JAMI", ein Dachverband eher nationalistisch-irakischer Gruppen, der nun zu den neun Gründungsgruppen der Allianz gegen al-Qaida zählt.

Hochrangige US-Offiziere geben mittlerweile unumwunden zu, dass sie mit "einer Anzahl" militanter "Widerstandsgruppen" längst verhandeln, wollen aber keine Namen nennen, um ihre Kuriere und Vertrauensleute nicht zu gefährden.



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