Aufstand gegen Salih Jemen steht am Rande des Bürgerkriegs

Alle Vermittlungsversuche scheinen gescheitert, die Lage im Jemen eskaliert: In der Hauptstadt Sanaa liefern sich Stammeskrieger und Teile der Armee heftige Gefechte, es gab bereits Dutzende Tote. Präsident Salih riskiert den Bürgerkrieg, um an der Macht zu bleiben.

Von Yassin Musharbash

AP

Berlin - Die Meldungen und Gerüchte aus dem Jemen überschlagen sich. Stammeskrieger der Hasched-Föderation, die sich von Präsident Ali Abdullah Salih losgesagt haben, sollen am Mittwochvormittag das Gebäude der staatlichen Presseagentur eingenommen haben. Bereits am Dienstag hieß es aus Sanaa, sie hätten das Innenministerium in ihre Gewalt gebracht. Diese Berichte sind unbestätigt. Sicher aber ist, dass in den Kämpfen, die am Dienstag ausbrachen und am Mittwoch weitergingen, mindestens 38 Menschen ums Leben kamen. Der Jemen steht an der Schwelle zum Bürgerkrieg.

Seit mehr als drei Monaten sieht sich der seit 33 Jahren amtierende Präsident Salih einer stetig anschwellenden Rebellion gegenüber. Schon vor Wochen haben Teile der Armee und des diplomatischen Korps die Gefolgschaft gekündigt. Doch Salih hetzte loyale Sicherheitskräfte auf die Demonstranten, Scharfschützen inklusive. Mehrere Vermittlungsversuche scheiterten - zuletzt Anfang dieser Woche.

Der Golf-Kooperationsrat hatte einen Fahrplan für eine Machtübergabe und Neuwahlen innerhalb der kommenden Monate ausgearbeitet, die Opposition und Salihs eigene Partei unterzeichneten das Papier auch; Salih jedoch fand einen Vorwand, seine Unterschrift zu verweigern.

Danach begann die aktuelle Konfrontation. Welche Seite den ersten Schuss abgab, lässt sich derzeit nicht rekonstruieren. Sicher aber ist, dass Beratungen von oppositionellen Stammesvertretern mit Granaten angegriffen wurden, mutmaßlich von Loyalisten; mindestens zwei Würdenträger kamen dabei ums Leben.

Gewaltfreie Oppositionelle fühlen sich an den Rand gedrängt

Seitdem dauern die Gefechte an, und beide Seiten werfen einander vor, einen Bürgerkrieg anzuzetteln. Die Lage ist umso verworrener, als Präsident Salih selbst nicht außerhalb der Stammesstrukturen steht, sondern Teil der Hasched-Föderation ist.

Salih erklärte am Mittwoch, er werde nicht zulassen, dass der Jemen in der Gewalt versinke. Doch die Opposition hält ihn schon lange nicht mehr für glaubwürdig. Zugleich freilich bilden die Oppositionellen keine einheitliche Bewegung; die Stammesloyalitäten im Jemen überlagern andere Konfliktlinien.

Einige Aktivisten, die seit Monaten Massendemonstrationen gegen Salihs autokratische Herrschaft organisieren, zeigen sich besorgt, dass ihre gewaltfreie Bewegung an den Rand gedrängt werden könnte.

Internationaler Druck, aber kein Plan

Der internationale Druck auf Salih wächst ebenfalls. Der britische Außenminister William Hague forderte ihn erneut dazu auf, den vom Golf-Kooperationsrat ausgearbeiteten Plan für einen Machttransfer zu unterzeichnen. Bis jetzt belässt es die internationale Gemeinschaft allerdings bei Aufrufen. Sanktionen gegen Salihs Machtapparat werden allerdings dem Vernehmen nach diskutiert; mehr als 150 Menschen sollen von den Sicherheitsbehörden in den vergangenen 100 Tagen getötet worden sein.

Am Dienstag allein starben nach Angaben beider Seiten und von Ärzten mindestens 14 Regierungssoldaten und 24 Stammeskämpfer. Ungefähr 20 Personen gelten als vermisst. Bei den Gefechten waren Maschinengewehre und Granaten zum Einsatz gekommen. Am Mittwoch starben am Morgen drei weitere Soldaten.

Ob sich die Lage wieder beruhigen lässt, ist ungewiss. Beide Seiten versichern, dass sie keine weitere Eskalation wünschen. Aber solange sie sich bewaffnet gegenüberstehen, ist die Gefahr eines Bürgerkriegs nicht gebannt - zumal sich eine politische Lösung angesichts von Salihs Starrsinn nicht abzeichnet.

Mit Material von AP und Reuters



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insgesamt 9 Beiträge
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Seite 1
marco0 25.05.2011
1. 123
"Beide Seiten versichern, dass sie keine weitere Eskalation wünschen" Warum kriegt man dann nicht wenigstens einen Waffenstillstand hin? Evtl. wollen das doch nicht alle so.
gaga007 25.05.2011
2. Nato II
Schön für die Nato - ein neues Ziel !
leser_81 25.05.2011
3. Nato
Jetzt hilft nur ein: Die NATO muss auch hier eingreifen. Gegen solche bösen "Machthaber" hift nur eins! Bomben, Bomben und nochmals Bomen - und das großflächig. so lange bis wieder Friede, Freiheit, Demokratie und Gleichberechtiung im Jemen herrscht.
biobanane 25.05.2011
4. .
Zitat von leser_81Jetzt hilft nur ein: Die NATO muss auch hier eingreifen. Gegen solche bösen "Machthaber" hift nur eins! Bomben, Bomben und nochmals Bomen - und das großflächig. so lange bis wieder Friede, Freiheit, Demokratie und Gleichberechtiung im Jemen herrscht.
Nach solchen Kommentaren zu urteilen, wäre es einigen gar nicht so unrecht, hauptsache das Feinbild stimmt wieder.
leser_81 25.05.2011
5. Ironie
Zitat von biobananeNach solchen Kommentaren zu urteilen, wäre es einigen gar nicht so unrecht, hauptsache das Feinbild stimmt wieder.
Das war ironisch gemeint ! Ich hoffe das ist rüber gekommen !
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