Aufstand in Ägypten Bürgerwehren rüsten sich gegen Plünderer

Die Revolte gegen Mubarak zwang die Polizei vielerorts zum Rückzug - das nutzen Plünderer für Beutezüge. Das Militär greift nicht ein, in ersten Vierteln bilden sich Bürgerwehren. Viele Demonstranten glauben, das Chaos sei von der Regierung gewollt, um den Widerstand zu diskreditieren.

Aus Kairo berichten und Yassin Musharbash

DPA

Es ist kurz nach Sonnenuntergang, als sie plötzlich da sind. Rund um den zentralen "Platz der Befreiung", dem Zentrum des politischen Protests in der ägyptischen Hauptstadt, mischen sich kleine Gruppen von mit Tüchern vermummten und mit langen Holzstöcken bewaffneten Männer unter die Tausenden Demonstranten. Dann passiert es. Aus der Menschenmasse heraus stürmt eine Gruppe ein kleines Geschäft in einer Seitenstraße des riesigen Platzes, bricht das Gitter vor dem kleinen Supermarkt mit roher Gewalt auf.

Dann bricht Chaos aus. Dutzende Männer rennen in den Laden. Sie greifen alles, was sie kriegen können. Regale werden umgerissen. Flaschen gehen zu Bruch. Junge Männer stürmen mit Lebensmitteln, Obst und Getränken aus dem Laden. Vor der Tür drängt die Masse in den Supermarkt. Innerhalb von Minuten ist das Geschäft verwüstet. Auf der Flucht mit seiner Beute legt einer der Plünderer auch noch Feuer. Dann zieht er mit dem Mob weiter die Straße hoch, auf der Suche nach einem neuen Ziel.

Geschockt steht ein junger Ägypter am Rand der Szenerie. "Es ist eine Schande", sagt der 29-jährige Rami betroffen, "jetzt wird unser politischer Protest in den Dreck gezogen." Rami kommt aus einem Vorort von Kairo. Es ist eine eher wohlhabende Gegend, wo der Apotheker mit seiner Familie wohnt. Hektisch ruft er bei seinem Bruder Mustafa an. "Seid ihr in Ordnung, ist unser Haus noch sicher?", schreit Rami in sein Nokia-Telefon. Die Meldung des Bruders ist beruhigend. Bisher, gibt Mustafa durch, sei alles in Ordnung. Aber andere Häuser seien schon geplündert worden.

Am späten Samstagabend gibt es sogar Berichte, dass Plünderer auch Krankenhäuser angreifen. Eine Kinderkrebsklinik sei überfallen und ausgeraubt worden, berichteten Ärzte. In einem Krankenhaus im Kairoer Bezirk Abbasija hätten Ärzte Molotowcocktails hergestellt, um das Hospital verteidigen zu können.

Während des politischen Aufstands gegen das Regime von Hosni Mubarak droht Kairo, möglicherweise auch andere Teile des Landes, in Chaos zu versinken.

Tatenloses Militär in der Innenstadt

Die Polizei ist in der Stadt kaum noch zu sehen. Die Männer in den schwarzen Uniformen haben sich weitgehend aus dem Zentrum zurückgezogen, ein wichtiger Erfolg der Demonstranten. In den vergangenen Tagen waren sie brutal gegen die Gegner Mubaraks vorgegangen. Nun steht an ihrer Stelle noch das Militär mit Panzern in der Innenstadt. Sie gehen nicht gegen die Demonstranten vor.

Doch in dem Machtvakuum während des Volksaufstands gegen das Mubarak-Regime nutzt nun der Mob seine Chance. Es sind Bilder, die an die Tage nach dem Fall von Bagdad erinnern. Hunderte Privathäuser sollen allein am Samstag verwüstet worden sein. Die Plünderungen betreffen wohlhabende genau so wie arme Stadtteile. In Mataria, einem ärmlichen Viertel nördlich der Innenstadt, sind die Anwohner derart in Sorge, dass sie bereits Nachbarschaftsmilizen bilden. "Die Männer patrouillieren nach Eindruck der Dunkelheit draußen, sie sind mit Messern bewaffnet."

In der Nacht von Freitag auf Samstag wurden in der Gegend mehrere Geschäfte geplündert und Menschen bedrängt. Ein paar Straßenzüge weiter, berichtet ein Anwohner, hätten unbekannte Gangster noch ärger gewütet und auch versucht, in Wohnungen einzubrechen. In Heliopolis, eine halbe Autostunde von Kairos Innenstadt entfernt, gab es ebenfalls Plünderungen. Aber auch in unmittelbarer Nachbarschaft von Nobelhotels schlugen Plünderer die Scheiben von Geschäften ein und trugen heraus, was nicht niet- und nagelfest war: Konservendosen, Kinderspielzeug, Wassereimer.

Die Angriffe sind so häufig, dass die internationalen Botschaften, auch die deutsche Vertretung, den verbliebenen Ausländern in Kairo empfohlen haben, sich lieber für ein paar Nächte in gut geschützten Hotels einzumieten. Israel reagierte noch drastischer. Kurzfristig wurden rund 200 Israelis aus Ägypten ausgeflogen. Grundsätzlich empfiehlt die deutsche Botschaft allen Deutschen, das Land möglichst zu verlassen.

Einwohner nehmen Sicherheit in die eigene Hand

Selbst vor einem der wichtigsten Museen des Landes machten die Plünderer nicht Halt. Bereits in der Nacht gelang es ihnen, in das Nationalmuseum einzudringen. Erst durch massiven Einsatz von Sicherheitskräften konnten sie vertrieben werden. Fernsehbilder aus dem nationalen Heiligtum voller Artefakte aus der reichen Geschichte des Landes zeigen aufgebrochene Vitrinen und beschädigte Statuen. Wie groß der Schaden ist, konnte noch nicht festgestellt werden.

Die Einwohner, zuerst hilflos, kümmern sich nun selbst um ihre Sicherheit. Per Telefon erzählen sie von rasch aufgestellten Bürgerwehren, die Streife laufen und an Straßensperren nach Diebesgut in Autos suchen. "Wenn es schlimmer wird, basteln wir uns Molotowcocktails", droht einer von ihnen.

Auch Rami berichtet, seine Familie habe aus Angst ihr Haus verbarrikadiert. Schon in der Nacht vernagelten sie die Fenster in den unteren Stockwerken und sicherten die Tür von innen. Rami kann nur hoffen, dass der Schutz reicht. "Meine Mutter traut sich seit Tagen nicht mehr auf die Straße", schimpft er, "wie kann es angehen, dass wir nun in unserem eigenen Land Angst haben müssen?" Den Protest unterstützt der junge Mann voll und ganz. Die Plünderungen hingegen verurteilt er.

Sie sind ein ungewollter und gefährlicher Nebeneffekt eines der größten Erfolge der revoltierenden Ägypter: des Abzugs der Polizei. Viele Demonstranten glauben aber, dieses Chaos sei von der angeschlagenen Regierung gewollt. Unter den Demonstranten wird verbreitet, die Polizei habe absichtlich Verbrecher freigelassen, um den Widerstand gegen das Regime durch entsprechende Bilder zu diskreditieren. Belege gibt es nicht, doch die Theorie erscheint Kennern des Landes plausibel.

Überforderte Sicherheitskräfte, hoffnungsvolle Demonstranten

Die Armee, die an die Stelle der Polizei gerückt ist, versucht, das Problem in den Griff zu bekommen, wirkt aber überfordert. Am Samstag wandte sich einer ihrer Sprecher in einer TV-Ansprache an die Ägypter und warnte davor, "zu stehlen, zu plündern, zu rauben oder Angst zu verbreiten". Die Armee werde das nicht dulden. Tatsächlich kann sie es kaum verhindern, die Kräfte sind an den Zentren des Aufstands gebunden, für Verbrechensbekämpfung ist sie nicht geschult.

Politisch blieb die Lage am Samstag weiterhin unübersichtlich. Demonstranten protestierten den gesamten Tag über gegen Mubarak. Das beeindruckt diesen offenbar wenig. Fernsehsender meldeten aber, dass Mubaraks Söhne Alaa und Gamal sich ins Ausland abgesetzt hätten, was weitere Hoffnungen unter den Revoltierenden schürte, dass der Abgang des Beton-Herrschers nicht mehr zu verhindern ist.

Nobelpreisträger Mohamed ElBaradei, der sich als Übergangslösung anbietet und weites Ansehen genießt, forderte Mubarak erneut zum Abdanken auf - ebenso wie der bekannte TV-Prediger Jusuf al-Qaradawi. Innerhalb des Apparats gab es zusätzliche Absetzbewegungen. Der Parlamentspräsident erklärte, Mubarak müsse eine weitere Rede halten. Freitagnacht hatte Mubarak lediglich Reformen versprochen. Dass er am Samstag einen Vizepräsidenten ernannte und eine neue Regierung bilden ließ, interessiert die Demonstranten nicht.

"Das Volk will den Sturz des Präsidenten", skandierten sie - und versprachen, solange auf die Straße zu gehen, bis sie ihr Ziel erreicht hätten. Der junge Apotheker Rami bringt den Willen der Demonstranten auf eine einfache Formel. "Mit Mubarak wird es keine Reformen geben", sagt er, "denn er ist das größte Problem, das dieses Land hat."

Dann klingelt wieder sein Telefon. Sein Bruder berichtet über neue Plünderungen in seinem Wohngebiet.



Forum - Unruhen in Kairo - kippt die Regierung?
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LeisureSuitLenny 27.01.2011
1. Wenn das BKA Facebuck sperren will...
... sollte man also genau hinsehen. Kann sein das da schon längst die Revolution läuft, aber die Medien nicht darüber berichten dürfen. ;)
lynx2 27.01.2011
2. 6% ? Ach, nee?
Zitat von sysopDie Proteste gegen das diktatorische Regime in Ägypten werden immer stärker. In Suez zündeten Demonstranten eine Polizeiwache an. Die Kurse an der Kairoer Börse rasten um mehr als sechs Prozent in den Keller - der gesamte Handel wurde ausgesetzt. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,741932,00.html
... Nur 6%. In den Keller? Das wäre -100%. Und wenn schon. Was nutzen den Massen hohe Börsenkurse? Nur eine kleine Zocker-Mafia (heute sagt man verfeinert 'Geld-Elite') hat bisher davon profitiert. Hoffentlich sind deren Tage bald gezählt.
lynx2 27.01.2011
3. 6% ? Ach, nee? Gerast?
Zitat von sysopDie Proteste gegen das diktatorische Regime in Ägypten werden immer stärker. In Suez zündeten Demonstranten eine Polizeiwache an. Die Kurse an der Kairoer Börse rasten um mehr als sechs Prozent in den Keller - der gesamte Handel wurde ausgesetzt. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,741932,00.html
... Nur 6%. In den Keller? Das wäre -100%. Und wenn schon. Was nutzen den Massen hohe Börsenkurse? Nur eine kleine Zocker-Mafia (heute sagt man verfeinert 'Geld-Elite') hat bisher davon profitiert. Hoffentlich sind deren Tage bald gezählt.
Jay's, 27.01.2011
4. Das Jahrzent
des aktiven Widerstands hat begonnen oder die Kettenrevolution nimmt ihren Lauf.
Karapana 27.01.2011
5. Dialog
"Mehrere westliche Regierungen, die enge Beziehungen zur ägyptischen Führung unterhalten, hatten Mubarak und die Regierung in den vergangenen Tagen aufgerufen, einen Dialog mit der Opposition zu beginnen." Da fällt mir ein, das war auch in der DDR das Zauberwort der Kalkköpfe. "Dialog" . Heute kommt noch hinzu: "Regierung der nationalen Einheit". Dabei zeigen die Proteste ja gerade, dass es diese nicht gibt.
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