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Aufstand in Ägypten: "Ich bin froh, wenn dieses Theater vorbei ist"

Aus Kairo berichtet

Die Jungen und Gebildeten haben die Revolte in Ägypten vorangetrieben und Präsident Mubarak gestürzt. Sie feiern sich jetzt als demokratische Avantgarde Ägyptens - misstrauisch beäugt von Millionen Landsleuten, die den Protesten fernblieben. Die Masse will jetzt vor allem eines: Ruhe und Ordnung.

Brezelverkäufer in Kairo: Millionen Ägypter wollen ihre Chance gar nicht Zur Großansicht
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Brezelverkäufer in Kairo: Millionen Ägypter wollen ihre Chance gar nicht

Mohammed, 15, ist ein Straßenkind in Kairo. Den Montagmorgen verbringt er im Stadtteil Zamalek. Das Geld, das er erbettelt, reicht für Brot und Linsen, manchmal auch für Klebstoff zum Schnüffeln. Das macht das Leben erträglicher.

Mohammed lächelt. "Freitag war schön", sagt er über den Tag, an dem Ägyptens Präsident Husni Mubarak zurücktrat. "Da haben mir die Leute ganz schön viel Geld gegeben." Er kramt in seiner Hosentasche und zieht ein Bündel abgegriffener Scheine hervor. "Sonst geben sie mir nur Münzen." Auf diese Weise hat die Revolte in Ägypten auch ihm etwas gebracht.

Ein paar Häuser weiter sind die schicken Cafés, in dem sich die Generation Facebook trifft. Amira, 24, hat sich mit drei Freundinnen im "L'Aroma" verabredet. Die jungen Frauen haben tagelang auf dem Tahrir-Platz demonstriert, für einen Rücktritt Mubaraks, für Freiheit und Demokratie in ihrem Land. Sie sind das Gesicht der Revolution: jung, modern, Englisch sprechend, mit Auslandserfahrung. "Endlich können wir wieder stolz auf unser Land sein", sagt Amira, während sie nebenbei auf ihrem iPhone herumtippt. Der Kaffee auf dem Glastisch vor ihr kostet mehr, als Straßenjunge Mohammed in einer Woche zur Verfügung hat.

Alle schauen jetzt, nach der Revolution, auf Menschen wie Amira. Von Mohammed, von den Millionen Menschen auf dem Land und in den Städten fernab des Tourismus nimmt die Weltöffentlichkeit kaum Notiz. Ägypten war ein korrupter Polizeistaat, gegen den am Ende einige Millionen Menschen in Kairo und ein paar weitere Millionen im ganzen Land aufbegehrt haben. Doch das Land hat 84,5 Millionen Einwohner. Was ist mit dem Rest? Wie steht die schweigende Masse zum Umsturz?

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Kairo nach Mubaraks Sturz: Revolutionieren, feiern, fegen
"Etwa ein Fünftel der Bevölkerung hat sich an den Protesten beteiligt", schätzt Tariq al-Darawally. "Die Hälfte der Ägypter befürwortet den Wandel, die andere Hälfte hat keine Meinung oder gehört zu den schweigenden Befürwortern Mubaraks." Das seien diejenigen, die vom korrupten System profitiert hätten und die Heerscharen der Ungebildeten. Die Analphabetenrate in Ägypten liegt bei etwa 50 Prozent.

Al-Darawally, Mitte 30, nahm eher zufällig an den Protestaktionen teil und ist doch ein typischer Vertreter der ägyptischen Demokratiebewegung: im Land geboren, in den USA ausgebildet. Derzeit lebt er in New York. "Ich war hier auf Familienbesuch, als die Proteste begannen. Weil ich die Forderungen der Aktivisten unterstütze, habe ich meinen Urlaub um drei Wochen verlängert", sagt er.

Es waren die Söhne und Töchter von Professoren, Ärzten, Anwälten, die als Erste auf die Straße gingen. Menschen, denen es materiell gut geht und die in Positionen sind, die sie vor polizeilicher Willkür schützen. "Wir wollen endlich stolz sein können auf unser Land und gerne hier leben", sagt al-Darawally. "Das war bislang nicht möglich. Ägypten wurde jahrelang runtergewirtschaftet." Die gesamte politische Elite sei korrupt, "und zwar ausnahmslos", erklärt er. "Jetzt haben wir endlich die Chance, eine aufsteigende Nation zu werden."

Der Revolte der Jungen schlossen sich spät auch Arbeiter, Angestellte und Staatsbedienstete an, die mit ihren Lebensbedingungen unzufrieden sind. Die Erkenntnis, dass man mit einem Protest den Präsidenten aus dem Amt jagen kann, trieb immer mehr Menschen auf die Straßen. Sie demonstrieren jetzt für höhere Gehälter und drohen das öffentliche Leben in den kommenden Wochen zu lähmen. Früher wurden sie bei ihren Protesten von Sicherheitskräften niedergeknüppelt und weggescheucht, jetzt trauen sie sich wieder zu demonstrieren.

Millionen Ägypter wollen jedoch gar nicht gegen das Regime kämpfen. "Mubarak ist mir egal", sagt der Gemüsehändler Gadallah in einem Armenviertel der Stadt. "Das Leben war ruhig, wir lebten hier sicher, wir hatten unser Einkommen. Wer weiß, was jetzt kommt? Ich bin mir nicht sicher, ob es besser wird." Viele Befragte haben überhaupt keine Meinung zu den Entwicklungen in ihrem Land. "Ich bin froh, wenn dieses Theater vorbei ist", sagt eine Frau im Stadtteil Manial. "Ich weiß überhaupt nicht, was das bringen soll."

Frauen ohne Kopftuch sind die Ausnahme in Kairos Alltag

Unklar ist auch, inwieweit die Islamisierung des Landes der vergangenen Jahre fortschreiten wird. Essam al-Erian lehnt sich zurück in seinem abgewetzten Schreibtischstuhl und schüttelt den Kopf. "Niemand braucht Angst davor zu haben", sagt er. "Selbst wir unterstützen einen säkularen Staat." Al-Erian gehört zu den führenden Köpfen der Muslimbruderschaft, der größten Oppositionsbewegung des Landes. Politischen Beobachtern zufolge unterstützen etwa 20 Prozent der Bevölkerung diese islamische Bewegung. Sie gilt als Erzfeind Mubaraks, denn der Staatschef hatte seine Unterstützung im Westen auch damit gesichert, dass er vor einer möglichen islamischen Revolution durch die Muslimbruderschaft warnte. "Unser Vorbild ist die Türkei, nicht Iran", beteuert dagegen al-Erian.

Die Muslimbrüder haben sich klug verhalten während der vergangenen Tage. Sie hielten sich diplomatisch zurück, demonstrierten nur in zweiter Reihe und unterstützten den im ägyptischen Volk zwar wenig beliebten, dafür im Westen umso populäreren Friedensnobelpreisträger Mohamed ElBaradei. Auf dem Tahrir-Platz leisteten sie Erste Hilfe und verteilten Wasser und Datteln.

Aber läuft die Islamisierung im Stillen nicht schon längst? Vergleicht man Fotos von Abschlussjahrgängen der Universitäten, trug vor 30 Jahren vielleicht eine Frau ein Kopftuch. Heute sind Frauen ohne Kopftuch die Ausnahme. Seit einigen Jahren hat die Vollverschleierung Einzug gehalten in die ägyptische Gesellschaft.

Die Revolution, die streng genommen ein öffentlich unterstützter Militärputsch war, ist erst am Anfang. Noch ist ungewiss, ob das Militär wirklich freie Wahlen zulassen wird oder doch an der Macht festhält.

Für die Volkspsyche hat sie sich schon jetzt gelohnt. "Wir haben Mubarak 30 Jahre lang ertragen oder sind ausgewandert", sagt die Studentin Amira im Café "L'Aroma". "Wir haben uns einschüchtern und verprügeln lassen. Jetzt ist Mubarak weg, das System ist geschlagen, wir haben unsere Würde wieder."

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1. Langsam wird jetzt...
ratxi 14.02.2011
Zitat von sysopDie Jungen und Gebildeten haben die Revolte in Ägypten vorangetrieben und Präsident Mubarak gestürzt. Sie feiern sich jetzt als demokratische Avantgarde Ägyptens - misstrauisch beäugt von Millionen Landsleuten, die den Protesten fernblieben. Die Masse will jetzt vor allem eines: Ruhe und Ordnung. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,745485,00.html
...auch wieder Ruhe einkehren, denke ich. Fast alle wollen das und brauchen das jetzt auch. Es ist alles gut gelaufen, bislang.
2. Titelzwang hat was!
ToastedByLaw 14.02.2011
Zitat von sysopDie Jungen und Gebildeten haben die Revolte in Ägypten vorangetrieben und Präsident Mubarak gestürzt. Sie feiern sich jetzt als demokratische Avantgarde Ägyptens - misstrauisch beäugt von Millionen Landsleuten, die den Protesten fernblieben. Die Masse will jetzt vor allem eines: Ruhe und Ordnung. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,745485,00.html
Und wieder diese Mär vom "jungen" "intellektuellen" Revolutionär, der quasi im Alleingang den Diktator stürzt, während die - suggestiv weitergedacht - alten und desinteressierten nur Ruhe und Ordnung wollen. Jede Revolution bringt eine Gruppe hervor, die sich im richtigen Moment vor den Karren stellt und den Erfolg für sich proklamiert.
3. "Diskutieren Sie über diesen Artikel"
Mistermambo 14.02.2011
Über den - wie auch immer gearteten - Wandel in Ägypten zu diskutieren ist dann doch für den Moment ein bisschen viel verlangt. Ich kann mir aber vorstellen, dass sich bestimmt jemand finden wird, der hier in Deutschland aus deutscher Perspektive dieses oder jenes Urteil über irgendetwas, das er gehört oder gesehen hat, fällen wird. Tatsache ist jedoch, dass im Moment lediglich Mubarak Ägypten verlassen hat und das Militär das dadurch entstandene Machtfakuum ausfüllt. Darüber könnte man hier sicherlich diskutieren aber warum? Da könnte man genau so gut manch anderes ungelegte Ei zur Diskussion stellen...
4. Aufstand in Ägypten
Bedie 14.02.2011
Wissen Sie, wie das alles bei den Ameisen und Bienen funktioniert ? Die einzelnen Individuen verständigen sich durch Körpersprache, durch Duftstoffe oder ähnlichem. Stets funktioniert das Ganze in einem ständigen Austausch der Erfahrungen und führt hin zu Reaktionen. Ich möchte nicht sagen zu Entscheidungsprozessen. Mittlerweile sind wir mit Twitter oder Facebook auf einer ähnlichen Stufe angelangt. Das Internet gestattet uns einen ständigen Austausch der Meinungen, welcher zu mehr oder minder auffälligen Reaktionen führt. Der Mainstream entscheidet über Wohl und Wehe. Jede Verantwortlichkeit von Staatstragenden wird damit ad absurdum geführt. Die Verantwortlichkeit für den Austausch der Meinungen übernimmt kein Einzelner und keine Personenmehrheit. Bei uns Menschen kann man jedoch auch von Entscheidungs- prozessen sprechen. Die Verhaltensweisen werden jedoch immer ähnlicher. Wir können die Reaktionen und Entscheidungsprozesse für unsere Zukunft am Verhalten der Insektenvölker ablesen. Ich fürchte, unsere Individualität wird schwer leiden. Was also zunächst als fortschrittlich und individuell gilt, kann sehr schnell zum Fluch werden. So wie der Geist aus der Flasche.
5. Instrumentalisieren
Helmut Pirkl 14.02.2011
Zitat von BedieWissen Sie, wie das alles bei den Ameisen und Bienen funktioniert ? Die einzelnen Individuen verständigen sich durch Körpersprache, durch Duftstoffe oder ähnlichem. Stets funktioniert das Ganze in einem ständigen Austausch der Erfahrungen und führt hin zu Reaktionen. Ich möchte nicht sagen zu Entscheidungsprozessen. Mittlerweile sind wir mit Twitter oder Facebook auf einer ähnlichen Stufe angelangt. Das Internet gestattet uns einen ständigen Austausch der Meinungen, welcher zu mehr oder minder auffälligen Reaktionen führt. Der Mainstream entscheidet über Wohl und Wehe. Jede Verantwortlichkeit von Staatstragenden wird damit ad absurdum geführt. Die Verantwortlichkeit für den Austausch der Meinungen übernimmt kein Einzelner und keine Personenmehrheit. Bei uns Menschen kann man jedoch auch von Entscheidungs- prozessen sprechen. Die Verhaltensweisen werden jedoch immer ähnlicher. Wir können die Reaktionen und Entscheidungsprozesse für unsere Zukunft am Verhalten der Insektenvölker ablesen. Ich fürchte, unsere Individualität wird schwer leiden. Was also zunächst als fortschrittlich und individuell gilt, kann sehr schnell zum Fluch werden. So wie der Geist aus der Flasche.
Das liest sich alle sehr logisch. Aber es könnte auch anders gewesen sein. Schließlich sind wir Menschen und weder Ameisen noch Bienen. Facebook und Twitter könnten doch auch nur als Tools von einigen wenigen instrumentalisiert worden sein, um mit ihrer Hilfe einen alten Mann, der nicht mehr ins System passte, mit Volkes Hilfe zum Abtreten zu zwingen und das System trotzdem zu erhalten. Es sieht ganz danach aus, als sei dies glänzend gelungen. Die USA und Israel können wieder zur Tagesordnung übergehen.
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Fläche: 1.009.450 km²

Bevölkerung: 85,783 Mio.

Hauptstadt: Kairo

Staatsoberhaupt:
Abdel Fattah el-Sisi

Regierungschef: Sherif Ismail

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