Aufstand in Ägypten Israel fürchtet die Folgen der Revolte

Seit 33 Jahren ist der Frieden mit Ägypten ein Garant für die Sicherheit Israels. Die Unruhen im Nachbarland bereiten Jerusalem deshalb größte Sorgen: Was, wenn das Regime stürzt und die israelfeindlichen Muslimbrüder am Nil die Macht ergreifen?

Israels Premier Netanjahu: "Unser Ziel ist es, die Stabilität zu bewahren"
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Israels Premier Netanjahu: "Unser Ziel ist es, die Stabilität zu bewahren"

Aus Jerusalem berichtet Ulrike Putz


Die Angst spricht schon aus den Schlagzeilen: "Besorgt um den Frieden", zeigt sich das israelische Massenblatt "Maariv" am Sonntag. Die Konkurrenz "Yedioth Ahronoth" unkt gar, der "Friede ist in Gefahr". "Wir sind auf uns allein gestellt", unterstreicht ein Kommentator im selben Blatt die Weltuntergangsstimmung, die Israel ergriffen hat: Während den Demonstranten in Ägypten rund um den Globus ein Welle von Sympathie entgegenschlägt, hat die Revolte am Nil in Israel größte Sorge ausgelöst.

Zu Beginn seiner wöchentlichen Kabinettssitzung in Jerusalem brach Ministerpräsident Benjamin Netanjahu nun erstmals das Schweigen seiner Regierung zu den Vorgängen in Israels Nachbarland. Jerusalem verfolge die Unruhen mit großer Aufmerksamkeit. "Unser Ziel ist es, die Stabilität zu bewahren und zu gewährleisten, dass der Frieden zwischen uns und Ägypten bei jeder Entwicklung bestehen bleibt", so Netanjahu in der ersten und vorerst wohl auch letzten offizielle Verlautbarung zu den Unruhen. Medienberichten zufolge soll Netanjahu seine Minister angewiesen haben, sich wegen der großen Sensibilität des Themas nicht weiter zu Ägypten zu äußern.

Israel hat in diesen Tagen just vor dem Angst, was Millionen Menschen am Nil herbeisehnen: freie Wahlen in Ägypten. Diese könnten die vom Regime Mubarak unterdrückte radikale Muslimbruderschaft an die Macht katapultieren, so der Alptraum, den israelische Journalisten in schillernden Farben ausmalen. Sollten die bislang verbotenen Islamisten am Nil das Ruder ergreifen, sei das ein Desaster für Israel, da sind sich die Analysten einig. Die Intentionen der Demonstranten in Kairo seien sicher nur die besten, schreibt Nahum Barnea, Israels wohl prominentester Kolumnist in der "Yedioth". "Das Problem mit den guten Intentionen ist, dass sie im Nahen Osten oft den Weg zur Hölle pflastern."

"Wir müssen davon ausgehen, dass die Tage des Regimes Mubarak gezählt sind", analysiert Eli Schaked, Israels ehemaliger Botschafter in Ägypten, ebenfalls in der "Yedioth". Nach dessen Sturz und der Einsetzung einer Übergangsregierung würden vermutlich in wenigen Monaten freie Wahlen abgehalten werden. Das wahrscheinlichste Ergebnis sei, dass die Muslimbrüder die Mehrheit erlangten und die stärkste Kraft in der nächsten Regierung würden. Dann sei es nur eine Frage der Zeit, bis Israels Frieden mit Ägypten beschädigt werde, so der Diplomat.

Der 1979 geschlossene Frieden mit Ägypten gilt den Israelis nach wie vor als einer ihrer größten außenpolitischen Erfolge. Mit ihm neutralisierte die Regierung in Jerusalem seinen größten und gefährlichsten Feind und sicherte sich Ruhe an seiner langen Südgrenze. Israel machte so die militärischen Kapazitäten frei, das Westjordanland besetzt zu halten und seine Kriege zu führen. Das Camp-David-Abkommen ist deshalb einer der wichtigsten Eckpfeiler der israelische Sicherheitspolitik in der Region. Sollte es aufgekündigt werden, müsste sich Israels Armee komplett umstrukturieren, die israelische Sicherheitspolitik völlig neu aufgesetzt werden.

Käme tatsächlich eine israelfeindliche Regierung in Kairo an die Macht, verlöre Israel seinen wichtigsten arabischen Partner, warnen israelische Analysten. "Dies kann einen Domino-Effekt auslösen", sagte Yoni Ben-Menachem der "Voice of America". Wenn das Regime in Ägypten falle, könnte Jordanien folgen. " Wenn das passiert, gibt es einen strategischen Wandel in Nahost, der nicht zu Israels Gunsten ist", so Ben-Menachem. Jordanien war 1994 dem ägyptischen Beispiel gefolgt und hatte Frieden mit Israel geschlossen.

Die israelischen Sicherheitskreise seien von den rasanten Entwicklungen am Nil völlig überrascht worden, schreiben die israelischen Zeitungen übereinstimmend. Noch Anfang Januar hätten Agenten des Auslandsgeheimdiensts Mossad Journalisten in verschiedenen Briefings versichert, das Regime in Kairo könne nicht kippen. "Niemand war auf eine andere Möglichkeit vorbereitet. So wie niemand vorbereitet war, als der Schah in Iran stürzte, die Sowjetunion kollabierte oder die Hamas die Macht im Gazastreifen ergriff", schreibt Sicherheitsexperte Alex Fishman in der "Yedioth".

In der Angst vor der Zukunft sind die israelischen Kommentatoren geeint, in ihren Forderungen an die israelische Führung sind sie gespalten. Der sich abzeichnende Sturz Husni Mubaraks müsse mit allen Mitteln verhindert werden, fordert etwa Fishman. Jerusalem sei verpflichtet, zumindest passive Hilfe zu leisten, um das sieche Regime am Leben zu erhalten. Wenn ägyptische Sicherheitskräfte in die Nähe der israelischen Grenze vorrücken müssten, um dort Ausschreitungen zu unterdrücken, werde Israel dies gestatten, sagt Fishman voraus. Die Friedensverträge von Camp David sähen zwar eine entmilitarisierte Zone entlang der Grenze vor, "aber Israel wird Ägypten nicht daran hindern, die Panzer und Truppen zu schicken, die es braucht."

Andere Journalisten scheinen sich bereits mit den neuen Realitäten am Nil abgefunden zu haben: Israel müsse nun darauf vertrauen, dass die Krise eine stabile Regierung an die Macht bringe, die an der bisherigen Außenpolitik Ägyptens festhalte, schreibt Nahum Barnea in der "Yedioth". Eine andere Möglichkeit gebe es nicht. "Israel kann nichts tun als zu hoffen."



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michkin 30.01.2011
1. Israel fürchtet Folgen
Die Furcht kann endlich zu der richtigen Überlegung führen die orthodoxen Extremisten im eigenen Hause mit den Islamisten zu vergleichen , die Israelische Verfassung zu ändern und sich politisch nicht mehr den militanten , extremen und menschenfeindlichen Minderheiten auszuliefern . Israel hat mehr denn je keine andere Wahl , die Bewegungen im Maghreb und im vorderen Orient sind nicht zu Ende sondern beginnen erst.
Maikel99 30.01.2011
2. Israels Zukunft
Die Zeiten voller Chaos in der arabischen Welt, welches Israel genutzt haben sind vorbei. Die Machtverhältnisse haben sich rapide geändert aber Israel nicht an seiner Ideologie....nun wird sie auch bald die Realität sehen müssen und auch gezwungen sein Kompromisse einzugehen oder aus dieser Region zu verschwinden. Der Westen wird hier auch nicht viel ausrichten können. Ausgerechnet die Demokratie und Menschenrechte wird dem Westen zum Verhängnis- Rechte die sie in Ägypten lieber nicht sehen würden.
nomadas 30.01.2011
3. Chance
Auch für Israel könnte es durchaus positiv sein, den status quo zu überdenken. Eine rasche Gründung eines Palästinenser Staates, eine Jerusalem-Lösung und die gegenseitige Anerkennung der Zwei-Staaten-Lösung könnten in der Tat auch die Folgen sein, von einem neuen Ägypten. Dazu ein sofortiges Ende des Elendes in Gaza. Ja, Israel könnte die arabische Welt geradezu positiv verblüffen, anstatt in der alten Denke zu verharren. Einer, der darüber sehr glücklich wäre, wäre wohl mister Obama selbst. Also, liebe Israeli, macht euch mal auf, zu "neuen Ufern", es ist an der Zeit, auch bei euch heisst es: "winds of change"!
ein anderer 30.01.2011
4. ...
Zitat von sysopSeit 33 Jahren ist der Frieden mit Ägypten ein Garant für die Sicherheit Israels. Die Unruhen im Nachbarland bereiten Jerusalem deshalb größte Sorgen: Was wenn das Regime stürzt und die israelfeindlichen Muslimbrüder am Nil die Macht ergreifen? http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,742512,00.html
Jetzt könnte es sich rächen, weil Israel die Chance für einen fairen Frieden mit den Palästinensern nicht wahrgenommen hatte. Es war kein Geheimnis, dass der israelische-palästinensische Konflikt die Nachbarländer erheblich destabilisierte.Der Unmut über die Behandlung der Palästinenser durch Israel hat viele Menschen zu denen getrieben die sich am lautesten dagegen äusserten, und das waren hauptsächlich Islamisten. Aber Israel bereitet sich schon länger auf einen Krieg vor. Deshalb ist es nicht abwegig, dass Israel nicht so überrascht von den Entwicklungen in der Region ist wie sie vorgeben.
BaronJ 30.01.2011
5. Angst
Vovon sollte das Israelische Regim Angst haben? Obwohl die Mehrheit der Ägypter nicht für die Extremistischen Islamisten ist, ist die Mehrheit gegen die Reppression der Palästinenser von dem Israelischen Staat. Israel verfügt über ein Weit mächtigeren Militärapparat (und Nuklearmacht) als Ägypten, also muss es Militärstrategisch gesehen nicht die Ägypter fürchen. Dennoch müsse es mit zunehmendem Politischem Druck von Ägypten aus rechnen. Andere Fragen stellen sich bezüglich des respektes Israels der UN Entscheidungen und der Menschenrechte. In Israel regiert das Gesetz das Palästinenser die Israelis heiraten, es verboten ist in Israel zu leben. Selbst Ehen zwischen Juden und NichtJuden werden von dem Israelischen Staat nicht anerkannt, so dass viele nach Zypern fliegen müssen um zu heiraten. Heutzutage erleben wir in Gaza ein Großgefägnis, eingesperrt in Israelischen Mauern leiden die Menschen an Hunger und Krankheiten. Selbst ein nach Gaza fahrendes Hilfsorganisationsboot mit Internationaler Besatzung wurde von der Israelischen Armee überfallen. Hier fragt man sich nach den Intentionen der Israelischen Regierung.
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