Aufstand in Arabien: Hunderttausende protestieren am "Tag des Zorns"

In vielen Ländern der arabischen Welt sind die Menschen am Freitag auf die Straße gegangen. Ihre Wut richtete sich gegen das Regime in Libyen, aber auch gegen Arbeitslosigkeit und schlechte Versorgung. In Tunis kam es zu Zusammenstößen, im Irak wurden mehrere Demonstranten getötet.

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Proteste in Bagdad: Zahlreiche Tote bei Zusammenstößen

Tunis - Von Tunis bis Bagdad sind am Freitag Hunderttausende Demonstranten auf die Straße gegangen, um für demokratische Veränderungen und gegen Korruption und Armut zu protestieren. In Tunesien, wo die Unruhen im Januar ihren Ausgang genommen hatten, und Ägypten forderten die Menschen vor allem den Rücktritt der Übergangsregierungen.

Mit Rufen wie "Gaddafi raus" bekundeten die Tunesier am "Tag des Zorns" ihre Solidarität mit ihren libyschen Nachbarn und deren Kampf gegen den langjährigen Herrscher Muammar al-Gaddafi. "Unsere einzige Forderung ist der Rücktritt dieser Regierung", rief eine junge Demonstrantin in Tunis. Sie hoffe, dass Ministerpräsident Mohammed Ghannouchi die Botschaft verstanden habe. Die Polizei feuerte Warnschüsse ab und setzte Tränengas ein. Berichte über Verletzte gibt es bisher nicht.

"Die Stimmung war am Tag sehr gelöst, ist in den Abendstunden aber gekippt", berichtet SPIEGEL-Reporter Mathieu von Rohr aus Tunis. Tränengasschwaden zögen über eine der Hauptstraßen der Stadt, immer wieder seien Schüsse zu hören. "Es ist die angespannteste Situation seit der Revolution im Januar. Heute zeigt sich, dass weiter eine große Unzufriedenheit herrscht. Es gibt keine Reformen, noch immer sind die gleichen Leute an der Macht", so von Rohr weiter.

Auf dem Kairoer Tahrir-Platz forderten Tausende Demonstranten den Rücktritt der Übergangsregierung unter Ministerpräsident Ahmed Schafik. An deren Stelle solle ein Kabinett von Technokraten treten. "Revolution bis zum Sieg", riefen die Protestierer. Der Tahrir-Platz war während der Widerstände gegen Präsident Husni Mubarak das Zentrum der Regimegegner gewesen. Die Opposition stört sich besonders an der Tatsache, dass die Schlüsselressorts Verteidigung, Inneres, Justiz und Auswärtiges noch immer mit Gefolgsleuten des zurückgetretenen Mubarak besetzt sind.

Zehntausende Demonstranten forderten in Bahrain Reformen und einen Rücktritt der Regierung. Sie zogen in zwei Protestzügen durch die Hauptstadt Manama. Anschließend ließen sich Tausende Menschen auf dem zentralen Lulu-Platz teils mit Zelten nieder, um dort weiter auszuharren. Am Abend entließ König Hamad Ibn Issa Al Chalifa nach Informationen von al-Dschasira drei Minister, die "die Krise ausgelöst" hätten.

In der jemenitischen Hauptstadt Sanaa verhinderten strikte Sicherheitsvorkehrungen Zusammenstöße zwischen Anhängern und Gegnern von Präsident Ali Abdullah Salih. "Das Volk fordert das Ende des Regimes", riefen die Opponenten Salihs, der das ärmste arabische Land seit 32 Jahren regiert. In der südjemenitischen Stadt Aden schossen Sicherheitskräfte auf Regierungsgegner. Augenzeugen zufolge wurden ein Mann getötet und mindestens 25 Menschen verletzt. Oppositionelle stürmten ein Verwaltungsgebäude und zündeten ein Auto an.

Blutige Zusammenstöße im Irak

Auch im bislang eher ruhigen Jordanien gingen etwa 5000 Menschen auf die Straße und forderten mehr Demokratie und weniger Macht für den König. "Reform und Wandel will das Volk", hieß es in Sprechchören der überwiegend islamistischen und linken Demonstranten. Reformen könnten nicht länger warten. "Das ist die Forderung aller Jordanier", rief Scheich Hamsa Mansur von der größten Oppositionsbewegung Islamische Aktionsfront den Demonstranten zu.

Auch in Bagdad und anderen irakischen Städten gab es groß angelegte Kundgebungen. Sicherheitskräfte schossen in die Menge und töteten nach offiziellen Angaben zwölf Menschen. Die Wut der Iraker richtete sich vor allem gegen die schlechten öffentlichen Dienstleistungen. Es gebe kein Trinkwasser und keinen Strom. Die Arbeitslosigkeit steige und könne die jungen Leute dem Terrorismus in die Arme treiben, warnte eine Demonstrantin. In mehreren Städten versuchen die Protestierer, öffentliche Gebäude zu stürmen.

jok/Reuters/dpa

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insgesamt 7 Beiträge
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1. Was ist überhaupt Revolution?
hartmut schmitt 25.02.2011
Ich denke einmal, dass es hilfreich sein könnte, sich einmal den Begriff "Revolution" anzusehen wie z.B. im folgenden Link. Vielleicht kann man dann erkennen, warum es überhaupt zu Revolutionen kommen kann, die sich ja auch schon in Europa ereignet haben. Wahrscheinlich haben die jeweiligen Machthaber diese Mechanismen wieder vergessen oder erst gar nicht gekannt. Auf die Dauer kann man sie gemäß den geschichtlichen Erfahrungen wahrscheinkich nicht verhindern, wenn man die Ursachen nicht nachhaltig beseitigt. http://de.wikipedia.org/wiki/Revolution#Umgangssprachliches_Verst%C3%A4ndnis
2. die Saat die geerntet wird
CHANGE-WECHSEL 25.02.2011
Zitat von sysopIn vielen Ländern der arabischen Welt sind die Menschen am Freitag auf die Straße gegangen. Ihre Wut richtete sich gegen das Regime in Libyen, aber auch gegen Arbeitslosigkeit und schlechte Versorgung. Es kam zu Zusammenstößen, im Irak wurden mehrere Protestler getötet. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,747847,00.html
Das ist die Saat die nun geerntet wird. Die jahrzehntelange Außenpolitik der USA und seiner Speichellecker aus Europa hat dies verursacht. Eine Außenpolitik die nur eine Ziel hatte. Ausbeutung der Menschen und Ausbeutung der Rohstoffe. Demokratie? Menschenrechte? Fehlanzeige! Dies war weder gewollt noch wurde darauf hin gearbeitet. Ich hoffe, dass Millionen Flüchtlinge über Europa hereinfallen werden. Und ich hoffe, dass die arabischen neuen Volksstaaten den USA den Ölhahn abdrehen. Vielleicht sind die USA dann endlich mal bereit über Menschenrechte und Demokratie zu reden.
3. ...
tylerdurdenvolland 26.02.2011
Zitat von hartmut schmittIch denke einmal, dass es hilfreich sein könnte, sich einmal den Begriff "Revolution" anzusehen wie z.B. im folgenden Link. Vielleicht kann man dann erkennen, warum es überhaupt zu Revolutionen kommen kann, die sich ja auch schon in Europa ereignet haben. Wahrscheinlich haben die jeweiligen Machthaber diese Mechanismen wieder vergessen oder erst gar nicht gekannt. Auf die Dauer kann man sie gemäß den geschichtlichen Erfahrungen wahrscheinkich nicht verhindern, wenn man die Ursachen nicht nachhaltig beseitigt. http://de.wikipedia.org/wiki/Revolution#Umgangssprachliches_Verst%C3%A4ndnis
Auch hier wieder das Interessante: Nicht ein Wort über die Amerika Freunde wie Bahrein.... oder gar die Saudis
4. Da und hier ... der gleiche Mist
amgitsnops 26.02.2011
Zitat von hartmut schmittIch denke einmal, dass es hilfreich sein könnte, sich einmal den Begriff "Revolution" anzusehen wie z.B. im folgenden Link. Vielleicht kann man dann erkennen, warum es überhaupt zu Revolutionen kommen kann, die sich ja auch schon in Europa ereignet haben. Wahrscheinlich haben die jeweiligen Machthaber diese Mechanismen wieder vergessen oder erst gar nicht gekannt. Auf die Dauer kann man sie gemäß den geschichtlichen Erfahrungen wahrscheinkich nicht verhindern, wenn man die Ursachen nicht nachhaltig beseitigt. http://de.wikipedia.org/wiki/Revolution#Umgangssprachliches_Verst%C3%A4ndnis
Na dann. Hier ist anlässlich überbordender Arbeitslosigkeit und dem Sonnen der Verantwortlichen im Machtprestige auch mal langsam der eindeutige Wunsch nach Veränderungen erkennbar. 5 Euro plus nach Jahren der Teuerung schlägt doch jedem Menschen die Rute ins Gesicht. Auch unser System ist Ägypten, ist Tunesien, ist Libyen, ist einfach zuviel. Ob Frau vdL jetzt Gaddafi ist oder doch eher der Rockschoß der Beliebigkeit ist unwichtig, aber sie behandeln uns nicht anders, als dieser Diktator. Meine Herren und Damen, die Revolution ist von Arabien lange nach Deutschland übergeschwappt. Erntet die Früchte oder reisst euch am Riemen. Sonst geht das schief, verbürgt. Brot für Ackermann und fehlender Kuchen für das Volk, das geht schief, trotz Exportmeister. Der Tod ist immer noch das Gesicht Deutschlands, nicht nur im Export. Was mich vollends erbost, ist die Behäbigkeit der Verantwortlichen, die denken, daß der Volkswille wie zäher Schlamm nur langsam fliesst. Dem ist in Zukunft sicher nicht mehr so. Denkt mal nach, bevor ihr überrannt werdet, ganz unvermutet. Was in Arabien zu sehen ist, ist der Beginn einer Weltrevolution der Menschen, nicht der Politiker. Diese geht nicht an Deutschland vorbei! LG
5. R-Evolution
oldasianhand 26.02.2011
Wenn das "Mass voll ist".. das "Glass am ueberlaufen" ist... Jahrzehnte feudalistische Strukturen, Globalisation, Internet und weltweit uebergreifende Medien bringen nicht ur Nachrichten sondern auch Ideen, Lebensart anderer Laender und Kulturen bis in Beduinenzelte, die Suk's und Medina's der abgelegensten Orte der "arabisch-islamischen" Welt und setzen Signale, es ist hoechste Zeit das sich dieser Kulturkreis SELBST reformiert!
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