Aufstand in Arabien Protestwelle greift auf Syrien über

Die Welt schaut auf Libyen - doch auch in anderen arabischen Ländern flammt die Revolte wieder auf. Der Jemen hat den blutigsten Tag seit Beginn des Aufstands erlebt. In Bahrain geht die schiitische Mehrheit auf die Straße, die syrische Regierung hat nach Protesten eine ganze Stadt abgeriegelt.

Proteste in Sanaa, Jemen: "Wir geben nicht auf, bis zum Sturz des Schlächters"
AP

Proteste in Sanaa, Jemen: "Wir geben nicht auf, bis zum Sturz des Schlächters"


Während die Lage in Libyen weiter eskaliert, verstärken sich auch in anderen arabischen Staaten die Proteste. In Sanaa, der Hauptstadt des Jemen, reißen die Proteste nicht ab - trotz des blutigen Freitags mit mehr als 50 Todesopfern. "Wir geben nicht auf, bis zum Sturz des Schlächters", riefen die Demonstranten auf dem Platz vor der Universität. Tausende halten den Platz nach wie vor besetzt. Sie fordern, dass Präsident Ali Abdullah Salih, der seit 32 Jahren regiert, sein Amt niederlegt.

Am Freitag hatten Heckenschützen und die Polizei das Feuer auf die nahe der Universität versammelte Menge eröffnet. Fluchtwege seien von der Polizei mit in Brand gesetzten Reifen und Feuerwänden aus brennendem Benzin verstellt worden. Mindestens 126 Menschen wurden verletzt, die Zahl der Todesopfer ist inzwischen auf 52 gestiegen.

Oppositionsgruppen haben die internationale Gemeinschaft um Hilfe angerufen. Der Sicherheitsrat solle politische und moralische Verantwortung übernehmen und "Maßnahmen zum Schutz von Zivilpersonen" einleiten, hieß es in einem Appell.

Im Süden von Syrien hat die Regierung die Stadt Dera'a abgeriegelt. Der syrische Aktivist Mase Darwisch sagte am Samstag unter Berufung auf Bewohner der Stadt, die Menschen könnten Dera'a verlassen, es werde aber niemand hineingelassen. Sicherheitskräfte hatten in der Stadt nahe der jordanischen Grenze am Freitag mindestens fünf Demonstranten getötet, die demokratische Freiheiten einforderten. Tausende demonstrierten bei der Beerdigung zweier Toter am Samstag. "Gott, Syrien, Freiheit. Wer seine eigenen Leute tötet, ist ein Verräter", riefen Protestierende. Demonstriert wurde den Angaben zufolge auch in Damaskus, Homs, Banjas und anderen Städten. Uno-Generalsekretär Ban Ki Moon äußerte sich besorgt über die Meldungen aus Dera'a und nannte Gewaltanwendung gegen friedliche Demonstranten unannehmbar.

Abstimmung über Verfassungsänderung in Ägypten

In Bahrain ist nach der gewaltsamen Auflösung einer Oppositionskundgebung ein vierter Demonstrant gestorben. Die Familie des seit dem Polizeieinsatz am Mittwoch vermissten Mannes sei von den Behörden über seinen Tod informiert worden, sagte der Abgeordnete Mattar Mattar der schiitischen Oppositionspartei Wefak. Seitdem die Proteste in der Hauptstadt Manama niedergeschlagen wurden, werden rund 60 weitere Menschen vermisst. Die Protestbewegung wird vor allem von der schiitischen Bevölkerungsmehrheit getragen, die sich durch die sunnitische Herrscherdynastie von König Hamad Bin Issa Al Chalifa benachteiligt fühlt.

Die Streitkräfte verhängten nach Angaben der amtlichen Nachrichtenagentur BNA an der Nord- und Ostküste der Insel ein nächtliches Fahrverbot für Schiffe aller Art. Es soll offenbar eine Infiltration von Kräften aus Iran verhindern, das schiitisch dominiert ist.

Das US-Außenministerium äußerte am Freitag seine "tiefe Sorge" über die Verhaftung mehrerer Oppositionsführer.

Im Nordosten Irans, in der Stadt Maschhad, kam es am Freitag während einer Solidaritätskundgebung für die Schiiten in Bahrain zu gewaltsamen Ausschreitungen. Rund 700 Menschen griffen das saudi-arabische Konsulat in der Stadt an. Die Polizei setzte Tränengas ein. Saudi-Arabien hatte Anfang der Woche Truppen zur Unterstützung der Regierung nach Bahrain entsandt. Auch im Süden des Irak demonstrierten am Samstag Tausende Schiiten gegen die Unterdrückung der Proteste in Bahrain und die Unterstützung durch Riad.

Keine Proteste, sondern die aufkeimende Hoffnung auf Demokratie trieb die Ägypter auf die Straßen - und in die Wahllokale. Bei einer Volksabstimmung sind die rund 45 Millionen Ägypter dazu aufgerufen, über elf Änderungen an neun Artikeln der bisherigen Verfassung zu entscheiden. Die geplanten Verfassungsänderungen sollen in einigen Monaten freie und demokratische Wahlen ermöglichen. Unter anderem geht es um einen leichteren Zugang zur Präsidentschaftskandidatur, die Beschränkung der Amtszeit des Präsidenten und eine richterliche Aufsicht bei künftigen Wahlen.

wbr/dapd/AFP



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insgesamt 28 Beiträge
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johny walker 19.03.2011
1. Es geht wieder los.
Zitat von sysopDie Welt schaut auf Libyen - doch auch in anderen arabischen Ländern flammt die Revolte wieder auf. Der Jemen hat den blutigsten Tag seit Beginn des Aufstands erlebt. In Bahrain geht die schiitische Mehrheit auf die Straße, die syrische Regierung hat nach Massenprotesten eine ganze Stadt abgeriegelt. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,751987,00.html
Eine ganz Stadt abgeriegelt? Das hört sich nicht gut an. Vor 29 Jahren hat der Vater des jetzigen Machthabers schon einmal eine Stadt abgeriegelt, anschließend gab es bis zu 30.000 Tote. Als das Massaker von Hama (arabisch ‏مجزرة حَماه‎ Madschzara Hamah, DMG maǧzara Ḥamā; in Syrien mit Ahdath Hamah / ‏أحداث حَماه‎ / aḥdāṯ Ḥamāh /‚die Ereignisse von Hama‘ umschrieben) bezeichnet man den Angriff der syrischen Streitkräfte unter dem Kommando von Verteidigungsminister Mustafa Tlas auf die mittelsyrische Stadt Hama im Jahr 1982. Beginnend am 2. Februar des Jahres wurde die 350.000 Einwohner zählende Stadt von syrischen Spezialkräften unter Führung des Präsidentenbruders Rifaat al-Assad unter Granatbeschuss genommen, nachdem die syrische Luftwaffe die Ausfallstraßen systematisch zerstört hatte. 20.000 bis 30.000 Menschen (die Angaben variieren und sind nur eine Schätzung) fanden während des Angriffs den Tod und viele andere flohen aus der Stadt, wobei auch nicht wenige den Tod fanden. Auch große Teile der Stadt, insbesondere der historischen Altstadt, wurden zerstört. Im Zuge der Auseinandersetzungen kam es zu umfangreichen, teilweise willkürlichen Verhaftungen. Betroffen waren nicht nur vermutete Mitglieder der regierungsfeindlichen Muslimbrüder, sondern auch Vertreter anderer, aus verschiedenen Gründen missliebiger Bevölkerungsgruppen. Einige der Inhaftierten wurden im November 2000, im Rahmen der Amnestie Baschar al-Assads, entlassen. http://de.wikipedia.org/wiki/Massaker_von_Hama
Liopleurodon, 19.03.2011
2. ...
Ich bin sicher, dass man die unterdrückten Menschen in Bahrain, Jemen und Syrien einfach hängen lassen wird. Denn entweder ist die jeweilige Regierung zu wichtig oder das Land insgesamt ist zu unwichtig für eine Intervention wie in Libyen.
wkawollek 19.03.2011
3. Baschar al-Assad ...
... galt mal als Hoffnungsträger nach der brutalen Regentschaft seines Vaters. Leider hat sich das nicht erfüllt. In Syrien ist (bzw. war? ) Stagnation, dabei gibt es sogar sowas wie religiöse Toleranz zu Minderheiten. Ganz im Gegensatz zum prowestlichen (!) Saudi-Arabien. Die Hoffnung stirbt zuletzt ... eine gute Entwicklung wünscht man sich. Syrien ist als Grenzstaat zu Israel (und Förderer fragwürdiger Gruppierungen im Libanon) einfach zu wichtig.
gemamundi 19.03.2011
4. "Der Islam schafft sich ab"-Autor Hamed Abdel Samad lag richtig..
Zitat von sysopDie Welt schaut auf Libyen - doch auch in anderen arabischen Ländern flammt die Revolte wieder auf. Der Jemen hat den blutigsten Tag seit Beginn des Aufstands erlebt. In Bahrain geht die schiitische Mehrheit auf die Straße, die syrische Regierung hat nach Massenprotesten eine ganze Stadt abgeriegelt. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,751987,00.html
War ja zu erwarten,das ähnliches auch in Syrien nicht ausbleibt,was sich - bei aller Unterschiedlichkeit der Länder - in anderen arabischen Staaten an Veränderungen tut. Der ägyptisch(-deutsche ?)Autor Hamed Abdel Samad hatte mit seinen Einschätzungen während der Revolte in Kairo wie auch zuvor recht - sei hier nochmals auf sein Buch,2010 erschienen,hingewiesen: Der Untergang der islamischen Welt. Sollte mensch nicht bloß als Antwort auf Sarrazin lesen und verstehen. Seine Thesen überraschten einige schon,die wie so viele bei jeglicher sich andeutender Veränderung in Nordafrika und Arabien gleich lauthals vor DEN Islamisten warnten. Der "ISLAMISCHE BRODER" kennt sich als relativ junger Insider nicht nur in seiner ägyptischen Heimat aus - auch in seiner deutschen...
blaudistel 19.03.2011
5. Keine Sorge
Zitat von LiopleurodonIch bin sicher, dass man die unterdrückten Menschen in Bahrain, Jemen und Syrien einfach hängen lassen wird. Denn entweder ist die jeweilige Regierung zu wichtig oder das Land insgesamt ist zu unwichtig für eine Intervention wie in Libyen.
die Menschen werden nicht "hängen" gelassen, da gehen wir dann auch mit rein - ist doch für alle was da ...
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