Aufstand in Jordanien Eure Majestät, der Revolutionär

Auch in Jordanien regt sich der Widerstand gegen Korruption und verknöcherte Machtstrukturen, gibt es Proteste und Demonstrationen. Doch die Herrschaft von König Abdullah II. zweifelt niemand offen an. Im Gegenteil: Die Reformen soll gefälligst der Monarch selbst durchsetzen.

Aus Amman berichtet Yassin Musharbash

AFP

Muna ist aufgekratzt, es ist die erste Demonstration ihres Lebens. Zwei Stunden hat die Fahrt in die Hauptstadt Amman gedauert. "Lasst bloß den König in Ruhe!", ruft sie, kaum aus dem Bus gestiegen. Muna, 42 Jahre alt, mit buntem Kopftuch und bodenlangem Gewand, ist eine Bäuerin aus dem jordanischen Bergland. Sie ist hier, weil sie Abdullah II. verteidigen will, sie hat gehört, er würde angegriffen, "das geht nicht, das darf nicht sein".

Doch dann findet Muna den Weg nicht. Es gibt an diesem Freitag zwei Demonstrationen in Ammans Stadtzentrum. Eine fordert Reformen, die zweite ist eine Gegendemonstration, ein paar hundert Polizisten trennen die beiden Gruppen. Und aus beiden Lagern erschallt derselbe Ruf: "Wir werden den König verteidigen." Muna ist verwirrt. Schließlich zeigt ihr jemand den Weg zu den Loyalisten.

Die Szene ist typisch für Jordanien. Auch wenn das kleine Land sich der Inspiration durch die Umwälzungen in der Nachbarschaft nicht entziehen kann, verläuft das Erwachen aus dem Dornröschenschlaf hier anders. Der Hauptunterschied ist, dass niemand den Sturz der Monarchie fordert. Offen sowieso nicht. Aber selbst in privaten Debattenzirkeln, die hier seit Wochen aus dem Boden sprießen, ist die Absetzung von Abdullah II. kein Thema. Es gibt Forderungen, die nahezu absolute Monarchie in eine konstitutionelle umzuwandeln, viel mehr aber auch nicht. Andererseits fordern auch Loyalisten Reformen. Korruption zum Beispiel ist weit verbreitet, und zum ersten Mal wird dieses Übel in Jordanien offen angesprochen.

Trotz dieser scheinbaren Harmonie ist die Lage in Jordanien angespannt. Am vergangenen Freitag demonstrierte ein Bündnis, das sich "24. März" nannte, in der Nähe des Innenministeriums. Steine regneten auf sie herab, die Polizei, sagen Augenzeugen, verhielt sich nicht neutral, sondern scherzte mit den Angreifern. Diese gaben sich selbst als Loyalisten zu erkennen: Sie werteten die Demo als Angriff auf den König.

Es gab Verletzte, einen Toten - und nahezu über Nacht brach in Jordanien ein Konflikt auf, der seit Jahrzehnten schwelt, aber nie offen diskutiert wird: Die Demonstranten galten plötzlich als hauptsächlich palästinensischen Ursprungs oder als heimliche Muslimbrüder, "echte Jordanier" hingegen als die Verteidiger der Monarchie. Fast zwei Drittel der Bevölkerung Jordaniens sind Nachfahren palästinensischer Flüchtlinge, die verhältnismäßig moderaten Muslimbrüder ein eingeführtes Schreckgespenst.

"Es ist eine echte Gefahr, wenn der '24. März' auf diese Weise abgestempelt wird", sagt Jamil Nimri. Der linke Journalist ist Parlamentsabgeordneter, er sympathisiert mit den Forderungen der Demonstranten, und er fürchtet, dass die Gleichsetzung als unjordanisch ein schnelles Ende der Reformdebatte bedeuten kann.

Nach dem vergangenen Freitag verbat sich der König denn auch derart rustikales Einschreiten für seine Person. "Ich bin damit nicht einverstanden, das widerspricht unseren Werten." Er hat eine Reformkommission eingesetzt, er hat Ergebnisse angemahnt, es scheint, als sei in Jordanien ausgerechnet der Machthaber der Reformmotor. Es klingt absurd, aber selbst ein großer Teil des Reformlagers hält den Monarchen in dieser Hinsicht für glaubwürdig - auch wenn klar ist, dass er sich nicht selbst abschaffen wird.

Dass an diesem Freitag keine Ausschreitungen stattfanden, ist in diesem Kontext von besonderer Bedeutung. Zwar versuchten einige Loyalisten die andere Demonstration zu stören, aber die Polizei, die zuvor mit großem Pathos geschworen hatte, die Meinungsfreiheit beider Seiten "zur Not mit unserem Leben zu verteidigen", verhinderte das - übrigens unbewaffnet. "Jordanien", glaubt der Abgeordnete Nimri, "könnte ein Land in der Region sein, dass diese Herausforderung friedlich meistert."

Twitter-Konversationen mit der Königin

Naseem Tarawneh, 28, ist einer der einflussreichsten jordanischen Blogger. "Ich bin eigentlich nur ein Typ mit einer Meinung, ein wacher Bürger, und das macht eben Spaß", kokettiert er mit seiner Rolle. Tatsächlich ist Tarawnah ein Beispiel dafür, was in dem Königreich in Bewegung geraten ist. Wenn Tarawnah einen Missstand entdeckt, dann twittert er darüber, und er schickt seine Kurzmitteilungen gerne auch an die Königin Rania, die ebenfalls twittert. Plötzlich begegnen sich der Bürger und die Monarchin auf Augenhöhe, vor aller Augen, sie muss sich verhalten, und sie tut es gelegentlich auch - etwa als Tarawnah einen Missbrauchsfall an einer staatlichen Schule aufzuklären half.

Aber Tarawnah werkelt auch offline an einem neuen Jordanien, er hat die Online-Debatten ins echte Leben geholt, alle paar Wochen eine neue. Jeder darf kommen, es kommen viele Junge, viele Frauen, auch mal ein Ex-Minister, etwa wenn über die Frage debattiert wird, ob Jordanien eine konstitutionelle Monarchie werden soll. Jeder darf zwei Minuten reden, auch der Ex-Minister, alle sind gleichberechtigt. Das ist für einige schon revolutionär. Aber es kommen immer mehr, beim letzten Mal standen Stühle bis auf die Straße.

"Die meisten Jordanier erwarten, dass die Reformen, die sie alle möchten, vom König angeordnet werden", sagt Tarawneh und lacht. Eure Majestät, der Revolutionär. Andererseits weiß Tarawneh nur zu gut, dass der König das Land zusammenhält. Er ist der kleinste gemeinsame Nenner, er gilt praktisch allen Seiten als Garant der Einheit, des Staates überhaupt. "Und angesichts einer eingesetzten Regierung, die niemandem so richtig verantwortlich ist, ist er außerdem der einzige, der tatsächlich liefern kann."

"Fühlt sich neu an, irgendwie verboten"

Tarawnah ist progressiv, liberal, aber auch tief in der jordanischen Gesellschaft verwurzelt. Er glaubt, dass es derzeit keine kritische Masse gibt, um Forderungen effektiv von der Straße aus durchzusetzen, etwa eine konstitutionelle Monarchie, einen gewählten Premierminister oder ein neues Parteiengesetz. Aber er setzt auf kleine Schritte. Warum nicht Reformen einführen, von denen jeder profitiert? Niedrigere Steuern für Unternehmer zum Beispiel.

Wissam ist ein solcher Unternehmer, er lebt im wohlhabenden Westen Ammans, es geht ihm gut, er mag den König. Aber zum ersten Mal hat der 33-Jährige das Gefühl, dass er sich mit Politik intensiver beschäftigen muss. Die Revolution in Ägypten hat ihn beeindruckt, er will nicht dasselbe, aber er will, dass sich etwas ändert. Er hat Freunde eingeladen, drei Muslime, zwei Christen, einen Armenier, einen Palästinener, zwei sind Frauen.

Sie reden über Identität, und darüber, dass sie sich alle als Jordanier sehen. Dass es möglich sein muss, endlich über Korruption und Vetternwirtschaft zu sprechen, gleiches Recht für alle einzufordern. "Fühlt sich neu an, irgendwie verboten, über so etwas zu reden", sagt Wissam. Dann lacht er. "Ist es ja gar nicht!"

Jordanien ist ein armes Land, es hat keine Rohstoffe, es ist vollkommen von Hilfe von außen abhängig. Zwar genießen die Bürger im Vergleich zu anderen Ländern der Region überdurchschnittlich viele Freiheiten. Aber auch in Jordanien sind die Nachrichtendienste omnipräsent, die Presse wird gegängelt, die demokratischen Rechte sind wenig wert, aufmuckende Bürger unerwünscht.

Ließ der Geheimdienst die Demos eskalieren?

Es gibt nicht wenige, die glauben, dass der Geheimdienst für die Eskalation am vergangenen Freitag verantwortlich war, um den Wunsch nach Reformen mit der Angst vor Chaos abzutöten. Und die Muslimbrüder, das war an diesem Freitag unübersehbar, stellen mittlerweile gut die Hälfte der Reform-Demonstranten, obwohl sie in Wahrheit eine weitergehende Agenda verfolgen. Sie mögen es nicht zugeben, aber viele von ihnen sind entgegen ihrer Beteuerungen keine Freunde der Monarchie.

Es ist deshalb noch lange nicht ausgemacht, dass Jordanien friedlich bleiben wird. Die Sollbruchstellen sind unterhalb der Propaganda der nationalen Einheit deutlich zu erkennen. Und sollte jemals offen zum Sturz des Systems aufgerufen werden, würden die Sicherheitsbehörden vermutlich sofort die Knüppel herausholen, die sie an diesem Freitag zu Hause ließen. Es würde nicht viel brauchen, um die Lage zu eskalieren.

Andererseits läuft in Jordanien gerade ein Experiment in Echtzeit: Kann ein arabisches Land, angestoßen durch Ägypten und Tunesien und abgestoßen von Libyen und Syrien, aus eigener Kraft und mehr oder weniger im Konsens die dringend notwendigen und jahrzehntelang verschleppten Reformen hinbekommen? "Bisher", sagt Naseem Tarawnah, "gab es nie genügend Druck auf die Regierung, irgendetwas wirklich umzusetzen." Das, hoffen in Jordanien viele, hat sich nun vielleicht geändert.

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Kriegsgegner 02.04.2011
1. Haben ihre Journalisten auch...
richtig recherchiert? Jordanien ist nicht mit den anderen arabischen Ländern zu vergleichen. Welche Rolle spielen die Nachfahren der palästinensischen Flüchtlinge wirklich? Es ist schon ein Debakel, wenn man sieht wie die arabischen Länder wiedermal zum Spielball der sogenannten Großmächte werden. Die Szenerie ist allzu bekannt aus den 20-iger bis 40-iger Jahren des vorigen Jahrhunderts.
glücklicher südtiroler 02.04.2011
2. Jordanien...
Zitat von sysopAuch in Jordanien regt sich der Widerstand gegen Korruption und verknöcherte Machtstrukturen, gibt es Proteste und Demonstrationen. Doch die Herrschaft von König Abdullah II. zweifelt niemand offen an. Im Gegenteil: Die Reformen soll gefälligst der*Monarch selbst durchsetzen. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,754570,00.html
Ein interessanter Artikel... Zitat: "Andererseits läuft in Jordanien gerade ein Experiment in Echtzeit: Kann ein arabisches Land, angestoßen durch Ägypten und Tunesien und abgestoßen von Libyen und Syrien, aus eigener Kraft und mehr oder weniger im Konsens die dringend notwendigen und jahrzehntelang verschleppten Reformen hinbekommen?" Die meisten Demonstranten wollen Reformen und wissen genau, daß die Monarchie jene Klammer ist, die das Land zusammenhält. Sie wissen auch, daß schwere Unruhen und solche Zustände wie in Libyen, und Syrien riskiert das Gleiche, dann nur zweifelhaften Gestalten nützen. Jordaniens Lage ist schwierig. Es lebt in Nachbarschaft zu Israel und ist über das Westjordanland zutiefst in den NO-Konflikt involviert, politisch und militärisch ist das Land schwach und seine prowestliche Ausrichtung ergibt sich u.a. auch aus dieser Schwäche. Aber die Chancen für Reformen stehen angesichts warnender Beispiele recht gut, zumal anscheinend sowohl der Großteil der Demonstranten sowie das Königshaus "nur" Reformen, aber keine Fundamentaländerung des Systems wollen. Alles andere würde nur ausländischen Mächten nützen, die eine Intervention "zum Schutz von Zivilisten", zur Umsetzung eigener Ziele und zur Neuordnung der NO-Region nutzen könnten. Und das Jordanische Umfeld ist hochsensibel... Und ein Grund... "Jordanians of Palestinian origin constitute around half of the country’s six million people and this dynamic partly explains why Jordanians have shied away from calling for regime change; for the Hashemites are widely seen as guarantors of stability in the face of Israeli extremists’ calls for the establishment of a substitute Palestinian state in Jordan." http://english.aljazeera.net/indepth/opinion/2011/03/2011330165150136333.html Viele Grüße aus Südtirol...
2010sdafrika 02.04.2011
3. Jasminrevolte greift weiterhin über - Fall Jordanien
Als in Tunesien das Volk den demokratischen Wendepunkt mit der Vertreibung des Präsidenten Ben Ali einleiten konnte, wußten die Despoten anderer arabischer Staaten, dass der Zerfall ihrer Macht mit der Jasminrevolte übertragbar ist. In Ägypten war dies nun zu sehen gewesen, während in Lybien und Bahrain diese Transformation bevor steht. Auch in Jordanien hat das Umdenken des Volkes längst angesetzt. Es kann nicht sein, dass das Volk unter ärmlichsten Bedigungen leben muss, während die Monarchie in Saus und Braus lebt. Das Zuständnis an politischen Reformen wird, so meine Meinung, den Trend zur Ablösung von König Abdullah II. kaum stoppen könnnen. Ich möchte folgenden Beitrag zur Chance und zum Risiko der Jasminrevolte für die arabische Welt empfehlen: http://2010sdafrika.wordpress.com/2011/01/16/burgerkrieg-droht-in-tunesien-lybiens-blogger-mobilisieren-volk/.
Kurt G, 02.04.2011
4. Sa ?
Zitat von 2010sdafrikaAls in Tunesien das Volk den demokratischen Wendepunkt mit der Vertreibung des Präsidenten Ben Ali einleiten konnte, wußten die Despoten anderer arabischer Staaten, dass der Zerfall ihrer Macht mit der Jasminrevolte übertragbar ist. In Ägypten war dies nun zu sehen gewesen, während in Lybien und Bahrain diese Transformation bevor steht. Auch in Jordanien hat das Umdenken des Volkes längst angesetzt. Es kann nicht sein, dass das Volk unter ärmlichsten Bedigungen leben muss, während die Monarchie in Saus und Braus lebt. Das Zuständnis an politischen Reformen wird, so meine Meinung, den Trend zur Ablösung von König Abdullah II. kaum stoppen könnnen. Ich möchte folgenden Beitrag zur Chance und zum Risiko der Jasminrevolte für die arabische Welt empfehlen: http://2010sdafrika.wordpress.com/2011/01/16/burgerkrieg-droht-in-tunesien-lybiens-blogger-mobilisieren-volk/.
???? Was wissen Sie mehr als wir ? Legen Sie doch mal Ihre Quellen offen. Oder haben Sie palästin. Background? Das würde die Sache erklären.... Fakt ist, dass in jedem Land die Regenten und Regierenden deutlich besser als das gemeine Volk leben. So what ? Länderdomino überall ? Und ohnehin ist jedes Land Arabiens anders. Hier einfach die "Jasmin"-Revolution überall zu sehen, ist zu trivial. Kurt G
Parkeroni 03.04.2011
5. Positiv Überrascht
Nachdem in den letzten Wochen in der deutschsprachigen Presse immer wieder einmal die Tendenz aufkam, in Jordanien die Revolution herbeizuschreiben, kann ich hier ein großes Lob aussprechen. So wie im Artikel beschrieben, habe ich die Situation hier auch vorgefunden. Der einzige Punkt, an dem ich aufhorche sind die genannten zwei Drittel palästinensischstämmiger Jordanier. Die Quellen, die mir bekannt sind, gehen eher von einem Anteil von etwa 55% aus. Mit den besten Grüßen aus dem Parlament in Amman
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