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Aufstand in Libyen: Gaddafi-Gegner zünden Regierungsgebäude an

In Libyen eskaliert die Gewalt: In der Hauptstadt Tripolis soll das Gebäude des Volkskongresses in Brand gesetzt worden sein. Nach Berichten des Senders al-Dschasira wurden in der Nacht mehr als 60 Menschen bei den Protesten getötet.

Libyen: Proteste gegen Gaddafi Fotos
AP

Tripolis/Istanbul - Es war eine Nacht der Gewalt in Tripolis. In der libyschen Hauptstadt kam es nach Berichten von Augenzeugen zu den bisher schwersten Auseinandersetzungen zwischen Demonstranten und Sicherheitskräften des Regimes. Heckenschützen sollen von Dächern aus auf Regierungsgegner geschossen haben - die Schüsse seien bis um 4 Uhr morgens zu hören gewesen.

Nach Angaben aus Krankenhauskreisen sind in der Nacht und am Montag über 60 Menschen bei den Protesten in Tripolis getötet worden. Das berichtete der arabische Fernsehsender al-Dschasira.

Regimegegner sollen das Gebäude des Volkskongresses in Brand gesetzt haben. Ein Reporter der Nachrichtenagentur Reuters berichtet davon, dass die Feuerwehr versuche, die Flammen zu löschen.

Das Gebäude des staatlichen Fernsehens wurde nach Angaben von Demonstranten geplündert. Nahe der Hauptstadt stürmten Hunderte Menschen eine von einer südkoreanischen Firma geführte Baustelle. Dabei seien 15 Bauarbeiter aus Bangladesch sowie drei Südkoreaner verletzt worden, teilte das südkoreanische Außenministerium mit. Zwei der Arbeiter aus Bangladesch hätten schwere Stichverletzungen davongetragen. Es seien Computer und schweres Arbeitsgerät gestohlen worden. Später verließen die rund 500 Angreifer die etwa 30 Kilometer westlich von Tripolis gelegene Baustelle. Auch im Osten des Landes ist es nach bislang unbestätigten Berichten zu Plünderungen gekommen.

Für Staatschef Muammar al-Gaddafi wird die Situation immer gefährlicher: Die Aufständischen, die am vergangenen Mittwoch mit ihren Demonstrationen gegen die Staatsführungen begonnen hatten, sollen einige Städte schon mehr oder weniger unter ihre Kontrolle gebracht haben. Auf Internetseiten der Oppositionellen hieß es am Montag, zwei Stämme planten, die Stadt Sebha in Zentrallibyen unter ihre Kontrolle zu bringen. Zuvor gab es Gerüchte, wonach Gaddafi sich dorthin zurückgezogen haben soll.

Ein ehemaliger enger Verbündeter Gaddafis stellte sich gegen den Staatschef: Es sei falsch, dass die Regierung Gewalt gegen ihre Gegner anwende, sagte Mohammed Bayou, der noch bis vor einem Monat Sprecher Gaddafis war. Er forderte nach Angaben der Nachrichtenagentur Reuters Gaddafis Sohn Saif al-Islam al-Gaddafi zum Dialog mit der Opposition auf.

Menschenrechtler fordern Uno zu Schritten gegen Libyen auf

Saif al-Islam hatte in der Nacht in einer Fernsehansprache vor einem Bürgerkrieg gewarnt. Er sagte, die Führung sei bereit zu Reformen. Sie wolle aber, falls nötig, bis zum letzten Mann kämpfen. Saif sagte, es gebe eine "Verschwörung" gegen das Land. Er beschuldigte reiche Geschäftsleute, Islamisten und Handelsorganisationen, arabische und afrikanische Ausländer angeworben zu haben, um die Revolte anzustacheln. Libyen solle in einzelne Einheiten zerschlagen werden, die nationale Einheit sei bedroht. Demonstranten hätten einige Militärstützpunkte und Panzer unter ihrer Kontrolle.

Sicherheitskräfte waren in mehreren libyschen Städten in den vergangenen Tagen mit Gewalt gegen die Protestierenden vorgegangen. Nach Angaben der Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch (HRW) wurden dabei mindestens 173 Menschen getötet.

Die Bundesregierung hat das gewaltsame Vorgehen der Sicherheitskräfte scharf verurteilt. Die Bundeskanzlerin zeigte sich nach Angaben ihres Sprechers "bestürzt" über die Berichte aus Libyen. Deutlich forderte die Bundesregierung die libysche Führung auf, jegliche Gewalt gegen Regimegegner einzustellen und den Dialog mit der Bevölkerung zu suchen. Jeglicher friedlicher Protest sei zu akzeptieren, sagte Regierungssprecher Steffen Seibert.

Das Auswärtige Amt warnte vor Reisen nach Libyen, insbesondere in den Osten des Landes. Allen Deutschen, die sich derzeit noch in dem nordafrikanischen Land aufhalten, wird die Ausreise empfohlen. Nach Schätzungen leben etwa 500 Bundesbürger in dem Land, darunter auch viele Deutsche mit doppelter Staatsbürgerschaft. Als Touristen sind dort vermutlich nur wenige Bundesbürger unterwegs.

Ölkonzerne bereiten Evakuierung ihrer Mitarbeiter vor

Die Europäische Union denkt wegen der Unruhen offenbar darüber nach, EU-Bürger aus dem nordafrikanischen Land auszufliegen. "Wir sind äußerst beunruhigt", sagte die spanische Außenministerin Trinidad Jiménez vor einem Treffen mit ihren EU-Kollegen in Brüssel. Es gebe daher eine "Koordinierung" bei der Frage, ob EU-Bürger möglicherweise in Sicherheit gebracht werden sollten. Unterdessen musste eine Sondermaschine der Turkish Airlines einen wegen der schweren Unruhen organisierten Evakuierungsflug abbrechen. Die Maschine habe in Bengasi keine Landeerlaubnis mehr bekommen und sei deswegen nach Istanbul zurückgekehrt, berichtete die türkische Nachrichtenagentur Anadolu.

Auch internationale Firmen bereiten sich auf Evakuierungen vor: Es sei "sehr wahrscheinlich", dass angesichts der Unruhen im Land bereits in den kommenden Tagen Personal abgezogen werde, sagte ein Sprecher des britischen Ölkonzerns BP am Montag in London. Das Unternehmen beschäftigt eigenen Angaben zufolge rund 140 Mitarbeiter in Libyen. Ein großer Teil davon seien allerdings einheimische Kräfte. Auch Österreichs Öl- und Gaskonzern OMV reduziert wegen der anhaltenden Unruhen seine Belegschaft. Nur die für das Geschäft unverzichtbaren Mitarbeiter würden in Libyen verbleiben, die ausländischen Mitarbeiter und ihre Familien würden aus dem Land geholt, teilte die OMV mit. Libyen ist eines der großen Produktionsländer für die OMV. Rund ein Zehntel der täglichen Produktion kommt aus dem nordafrikanischen Land.

Die Gewalt in Libyen hat die Ölpreise am Montag kräftig in die Höhe getrieben. Ein Barrel (159 Liter) der Nordseesorte Brent zur April-Lieferung kostete im frühen Handel 103,64 US-Dollar. Das waren 1,12 Dollar mehr als am Freitag. Der Preis für ein Barrel der US-Referenzsorte West Texas Intermediate (WTI) zur Lieferung im März legte ebenfalls deutlich um 1,18 Dollar auf 87,38 Dollar zu. Libyen ist auch Mitglied der Organisation Erdöl exportierender Länder (Opec). Die zwölf Opec-Staaten zeichnen für rund 40 Prozent der weltweiten Ölproduktion verantwortlich.

anr/dpa/Reuters/AFP/dapd

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1. Ich denke
hilfloser, 21.02.2011
Zitat von sysopIn Libyen eskaliert die Gewalt:*In der Hauptstadt Tripolis sollen Regimegegner ein Regierungsgebäude in Brand gesetzt haben. Im Zentrum des Landes*wollen aufständische Stämme angeblich eine Stadt unter ihre Kontrolle bringen. Der Gaddafi-Clan stemmt sich mit Gewalt gegen den wachsenden Druck. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,746717,00.html
Europäische Politiker sollten hier einmal genau hinschauen und nicht glauben das "so etwas" ja hier undenkbar sei. Auch in Europa gärt es gewaltig und das Potential zum aktiven Widerstand wächst und wächst. Bekanntlich sind es soziale Spannungen die eine solche Extremsituation hervorrufen. Und Europas Politiker tun genau das Gegenteil von dem was nötig wäre: Sie vertiefen die Gräben zwischen Reich und Arm nur noch mehr und zeigen sich Kopf und Ziellos in ihrem Tun. Bestes Beispiel ist die Flüchtlingswelle aus Nordafrika. Um sich vor einer generellen, grundsätzlichen Entscheidung zu drücken werden 50 FRONTEX Soldaten abkommandiert. SO löst man keine Probleme liebe Politiker, so steigert man den Unmut der Bürger bis hin zu Libyschen Verhältnissen.
2. In aller Öffentlichkeit - Muss das sein?
Yabanci Unsur 21.02.2011
"Die EU-Staaten hätten 'mit Erschrecken und Empörung zu Kenntnis genommen, welche Gewaltexzesse es in einigen Ländern gibt, insbesondere gestern in Libyen', sagte Hoyer in Brüssel, wo er bei dem Treffen Bundesaußenminister Guido Westerwelle (FDP) vertrat." Das gab's ja früher gar nicht...? Das ist seit 40 Jahren Realität und seit 20 Jahren nicht mehr entschuldbar.
3. @hilfloser
Tunesier 21.02.2011
Zitat von hilfloserEuropäische Politiker sollten hier einmal genau hinschauen und nicht glauben das "so etwas" ja hier undenkbar sei. Auch in Europa gärt es gewaltig und das Potential zum aktiven Widerstand wächst und wächst. Bekanntlich sind es soziale Spannungen die eine solche Extremsituation hervorrufen. Und Europas Politiker tun genau das Gegenteil von dem was nötig wäre: Sie vertiefen die Gräben zwischen Reich und Arm nur noch mehr und zeigen sich Kopf und Ziellos in ihrem Tun. Bestes Beispiel ist die Flüchtlingswelle aus Nordafrika. Um sich vor einer generellen, grundsätzlichen Entscheidung zu drücken werden 50 FRONTEX Soldaten abkommandiert. SO löst man keine Probleme liebe Politiker, so steigert man den Unmut der Bürger bis hin zu Libyschen Verhältnissen.
Nun ja. Ich glaube, es gibt größere Probleme (innen- wie außen-politisch) als die Flüchtlingswelle aus Nordafrika. Die tunesischen Grenzen sind mittlerweile fast komplett dicht, und in den letzten Tagen habe ich nur von einem einzigen Boot gehört, der Lampedusa erreicht hat. Die EU soll in diesem Fall aus meiner Sicht klar und einfach handeln. Diese Menschen (zumindest die Tunesier darunter) haben normalerweise kein Recht auf Asyl. Früh oder spät werden sie nach Hause geschickt, weil sie keine Asylanträge stellen können. Am Besten sollte die EU das gleich tun, anstatt "falsche" Gütigkeit zu demonstrieren, gerade wo sie in anderen außenpolitischen Bereichen, die wichtiger sind, versagt hat und immer noch versagt.
4. DESERTEC - 400 Milliarden für Nordafrika
jos777 21.02.2011
Sofern jetzt sämtliche Diktatoren fallen, müssen die EU-Finanz-Leader wohl mit vielen verschiedenen Stämmen in Verhandlungen treten (Zitat Spiegel.de-Bericht: ....aufständische Stämme....). Natürlich könnten wir die 400 Milliarden auch für deutsche Photovoltaik-Platten ausgeben. Pech nur, daß bei uns nicht die Sonnenverhältnisse wie in Nordafrika sind und daß am Ende nur wenige Prozent Energieerzeugung für die Milliarden Euro Subventionsgelder aus Sonnenstrom rauskommen. Was hätte man mit den Milliarden, die bisher ausgegeben wurden und noch werden, nicht alles Sinnvolle machen können. Aber was soll man machen, wenn Solarworld die FDP mit Spendengelder "beeinflußt", so daß am Ende der Subventionsirrtum weitergeht.
5. Wir wären zu träge
Vincent_Vega, 21.02.2011
Zitat von hilfloserEuropäische Politiker sollten hier einmal genau hinschauen und nicht glauben das "so etwas" ja hier undenkbar sei. Auch in Europa gärt es gewaltig und das Potential zum aktiven Widerstand wächst und wächst. Bekanntlich sind es soziale Spannungen die eine solche Extremsituation hervorrufen. Und Europas Politiker tun genau das Gegenteil von dem was nötig wäre: Sie vertiefen die Gräben zwischen Reich und Arm nur noch mehr und zeigen sich Kopf und Ziellos in ihrem Tun. Bestes Beispiel ist die Flüchtlingswelle aus Nordafrika. Um sich vor einer generellen, grundsätzlichen Entscheidung zu drücken werden 50 FRONTEX Soldaten abkommandiert. SO löst man keine Probleme liebe Politiker, so steigert man den Unmut der Bürger bis hin zu Libyschen Verhältnissen.
Bevor sich beispielsweise in diesem unseren Lande ein Menschenmenge auf solche Art und Weise gegen den Sozialabbau erhebt, muss hier noch eine ganze Menge geschehen. Uns geht es gut, wir hungern nicht, wir haben alle - so wir es denn wollen - ein Dach über den Kopf und wir werden im schlimmsten Sozialfall auch vom Staat versorgt. Ob das zu viel oder zu wenig ist, sei mal dahingestellt. Bei Verhältnissen, wie sie in Libyen geherrscht haben, würden wir auch noch gemütlich auf dem Sofa sitzend unserem Wohlstand hinterhertrauern.
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Fläche: 1.676.198 km²

Bevölkerung: 6,253 Mio.

Hauptstadt: Tripolis

Staatsoberhaupt und Regierungschef:
Fayez Sarraj (Präsident des Präsidialrates)

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